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Psychiater: Kein eigenes Smartphone vor dem achten Lebensjahr

11.06.2024

Vor dem achten Lebensjahr sollten Kinder nach Worten eines Psychiaters kein eigenes Smartphone besitzen. „Natürlich kann ein Sechsjähriger mal ein Filmchen auf dem Smartphone gucken. Aber ich glaube, dass es keinen pädagogischen Mehrwert von digitalen Medien vor dem achten Lebensjahr gibt“, sagte Bert te Wildt im Interview der „Süddeutschen Zeitung“ (Wochenend-Ausgabe). Er ist Chefarzt der Psychosomatischen Klinik Kloster Dießen am Ammersee.

Ab etwa acht Jahren könnten Kinder gut zwischen Fiktion und Realität unterscheiden; zudem hätten sie sowohl Lesen, Schreiben, Rechnen gelernt als auch, sich Geschichten zu merken und auszudenken. In vielen Ländern gebe es allerdings keinerlei Problembewusstsein, beklagte der Mediziner: „Da sitzen die Dreijährigen mit iPad beim Frühstück, Knöpfe im Ohr, und werden bespaßt. Noch schlimmer finde ich Babyschaukeln oder Töpfchen mit integriertem Tablet.“

Bestimmte Entwicklungsschritte ließen sich nicht digital vollziehen – „und irgendwann auch nicht mehr nachholen“. Te Wildt nannte ein Beispiel: „Wenn ich meinen Gleichgewichtssinn nicht in frühen Jahren trainiert habe, komme ich später über ein bestimmtes Maß an Körperbeherrschung nicht mehr hinaus.“ Weltweit nehme die Kurzsichtigkeit zu, weil Kinder kaum mehr in die Weite schauten. Die Schlafqualität sinke, da das Bildschirmlicht wachhalte.

Darüber hinaus gebe es „erste Anzeichen für starke Bindungsstörungen“ zwischen Eltern und Kindern, erklärte der Psychiater. „Dass sich immer mehr digitale Medien in die zwischenmenschlichen Begegnungen schieben, führt wahrscheinlich zu Entfremdungen.“ Die Forschung untersuche derzeit etwa, welche Folgen es habe, wenn Väter beim Kinderwagenschieben aufs Handy starrten oder wenn Mütter beim Stillen dauerhaft online seien.

Zu viele Verbote seien jedoch ebenso wenig ratsam, betonte te Wildt: Sie könnten zu einem „großen Backlash“ führen, wenn Medienkonsum etwa erst im Teenie-Alter erlaubt werde. Medienerziehung sei „heutzutage der schwerste Part der Erziehung“. Er riet dazu, sich über Plattformen wie Klicksafe zu informieren: Wer sich nicht mit Jugendschutz befasse „und seine Kinder einfach frei im Netz herumturnen lässt, muss sich fragen lassen, ob er die Kinder nicht vernachlässigt oder traumatisiert“.

kna/sco

 

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