Forscherin: Jedes Kind braucht Zugang zu Büchern – und Begeisterung
Gemeinsam Lesen: So kann schon früh die Begeisterung für Bücher geweckt werden.
Die Zahl alarmiert: Im vergangenen Jahr kauften 30 Prozent weniger Jungen und Mädchen zwischen 10 und 15 Jahren ein Buch als im Vorjahr. Kampagnen mit schönen Plakaten werden das Lesen nicht retten, sagt eine Expertin.
Vorlesen zu Hause und tägliche Lesezeiten in Grundschulen: Lesen ist für die Didaktik-Professorin Sabine Anselm „mehr als eine beliebige Freizeitbeschäftigung“. Wer sich in ein Buch vertiefe, lerne selbstständiges Denken, sagte sie im Interview der „Süddeutschen Zeitung“ am Wochenende. „Gerade in einer Zeit, in der so viel Denken an Künstliche Intelligenz ausgelagert wird, weil auch das schneller geht und weniger anstrengend ist, sollte das mit aller Kraft gefördert werden.“
Dafür seien Appelle, „Kampagnen mit schönen Plakaten“ und eine Leseförderung als „Reparaturbetrieb“ wenig hilfreich, mahnte Anselm. Vielmehr brauche es eine verbindliche Lese-Infrastruktur, Erwachsene, die selbst lesen, sowie sehr viele exzellent ausgebildete, motivierte Lehrkräfte. Alle Kinder müssten Zugang zu Büchern bekommen, und Schulunterricht sollte Lust aufs Lesen machen: „zum Beispiel, indem Schülerinnen und Schüler ihre Lektüren selbst aussuchen“.
In den vergangenen Jahren habe „Booktok“ den Eindruck erweckt, dass junge Menschen das Lesen wieder für sich entdeckten. Die neuen Zahlen vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels zeigen jedoch einen dramatischen Einbruch: Die Zahl der Jungen und Mädchen zwischen 10 und 15 Jahren, die sich ein Buch kauften, ging 2025 im Vergleich zum Vorjahr um 30,6 Prozent zurück. Die Ausgaben in dieser Altersgruppe sanken um 23,8 Prozent.
„Der sich immer weiter verschlechternde Zustand der Lesekompetenz in Deutschland schlägt sich erstmalig deutlich in den Buchkäufen nieder“, hatte der Börsenverein am Donnerstag mitgeteilt. Anselm fügte hinzu, ein Grund für diese Entwicklung sei das „irre Mediennutzungsverhalten. Schon Kinder und Jugendliche verbringen heute vier bis fünf Stunden täglich im Internet“. Für das Bücherlesen, das viel anstrengender sei als Scrollen, bleibe kaum noch Zeit. Ein Viertel der 15-Jährigen kann laut Studien nicht sinnerfassend lesen. „Für eine Kulturnation wie Deutschland ist das ein Skandal erster Güte“, sagte die Lehrerausbilderin. Allerdings gehe es nicht nur um die Fähigkeit, sondern auch um Begeisterung für das Lesen. Diese gehe meist nur auf das Engagement Einzelner zurück; eine systematische, flächendeckende Leseförderung gebe es nur in Ansätzen.
kna/sco

