KDFB
11.01.2018

Wer wir sind

Vielfalt zu akzeptieren und flexibel mit ihr umzugehen, ist Zeichen einer offenen Gesellschaft. Foto: fotolila/Odua images

Deutschland nimmt mehr Flüchtlinge auf als seine europäischen Nachbarn. Der Zuzug von Menschen aus fremden Kulturkreisen stellt Fragen an uns: Wer sind wir? Was macht uns aus? Welche Werte sind uns wichtig? KDFB Engagiert gibt Denkanstöße zum Schwerpunktthema „selbst – bewusst – offen“.

Ursula Himmelreich hat die Krisen der Welt in den vergangenen Jahrzehnten hautnah miterlebt. Weit reisen musste sie dafür nicht. Es reichte der Gang ins Klassenzimmer. 

Die Menschen, die dort vor ihr sitzen, spiegeln die Dramen der Welt wider. Der überwiegende Teil ihrer Schülerinnen und Schüler kommt aus Syrien, Irak und Afghanistan, aber auch aus Eritrea und Somalia. Ihnen soll Ursula Himmelreich vermitteln, worauf es den Deutschen ankommt. Sie ist so etwas wie ein Türöffner. Auch für die elf Frauen, die gerade vor ihr sitzen. Sie besuchen bei ihr neun Monate lang einen speziellen Kurs für Frauen. Zwei Etagen tiefer werden die Kinder in einer Krippe und einem Kindergarten betreut. 

Ursula Himmelreich erklärt den Geflüchteten, warum die Krankenkassenkarte wichtig ist, sie übt mit ihnen, eine Fahrkarte am Automaten zu kaufen – eine Einführung ins praktische Alltagsleben. Doch sie ist auch Mittlerin der Werte, die die deutsche Gesellschaft für so wichtig hält, dass sie diese den Geflüchteten mitgeben will. „Seht her, daran orientieren wir uns und daran sollt ihr euch auch orientieren.“ Das ist die Botschaft des Integrationskurses, zu dem neben dem Sprachkurs auch ein Orientierungskurs mit 100 Unterrichtseinheiten gehört. Was ist deutsch, was gilt hier im Gegensatz zur Heimat? Was im Orientierungskurs unterrichtet wird, ist in einem Rahmencurriculum festgelegt. Dort fasst das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zu­sammen, welches Wissen für die Integration nötig ist: die deutsche Rechtsordnung, Geschichte und Kultur, Rechte und Pflichten, Formen des Zusammenlebens, Werte, die in Deutschland wichtig sind, zum Beispiel Religionsfreiheit, Toleranz und Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Deutschland auf 48 Seiten.    

Was ist deutsch? Das ist der eigentliche Kern der hitzigen Diskussionen und Streitgespräche, die seit 2015 die gesellschaftliche Debatte bestimmen, die sozialen Medien entzünden, die Stammtische aufmischen und Familien spalten, der Fanatismus an den Rändern inklusive: naive Multikulti-Träume auf der einen Seite, völkischer Aberwitz auf der anderen. 

Eine Kultur lässt sich nicht gegen Einflüsse von außen abschotten 

Dazwischen gibt es viele nachdenkliche Debattenbeiträge zu einer Frage, die nie abschließend zu beantworten ist, weil sich Identität immer wandelt und die Fragen „Wer bin ich? Wer sind wir?“ immer wieder neu gestellt und bedacht werden müssen. „Selbst – bewusst – offen“ heißt daher auch das Schwerpunktthema des Frauenbundes 2017/18, das unter dem Eindruck der Flüchtlingskrise gewählt wurde. Sich seiner selbst bewusst zu sein, kann als Voraussetzung dafür gelten, offen auf andere Menschen und offen auf Neues zuzugehen. 

„Kultur ist von jeher ein dynamischer Prozess, durch den Menschen der Welt einen Sinn geben. Sie hat immer vom Austausch gelebt“, bestätigte Theresia Wintergerst bei der Bundesbildungskonferenz des KDFB in Mainz vor knapp zwei Jahren. Wintergerst, 50, ist Sozialarbeiterin, promovierte Philosophin und Professorin an der Hochschule für angewandte Sozialwissenschaften in Würzburg. Kultur sei nichts Starres, betonte sie in ihrem Mainzer Vortrag. „Kultur lässt sich nicht gegen Einflüsse von außen abschotten.“ 

Migration fordert die Aufnahmegesellschaft heraus

Kann es überhaupt so etwas wie eine deutsche Identität geben? In einem Land, das Menschen beherbergt, die kulturell höchst unterschiedlich geprägt sind? Wintergerst spricht lieber von „Zugehörigkeit“. In einem Zeitalter, das von Migrationsbewegungen gekennzeichnet ist, sei dieses Gefühl von Zugehörigkeit zu einer kulturellen Gemeinschaft einem ständigen Wandel unterworfen. Immer wieder sind die Menschen neu herausgefordert zu bedenken, zu besprechen, wo sie sich zugehörig fühlen, wenn sich die Lebensbedingungen verändern und die gesellschaftliche Entwicklung voranschreitet. „Migration fordert die Aufnahmegesellschaft heraus zu definieren, was diese Gesellschaft ausmacht.“ Und fordert ebenso Zuwanderer he­raus, sich selbst neu zu verstehen und in dieser Gesellschaft ihren Platz zu finden. Im Grunde, so Wintergerst, seien beide Seiten in einer Identitätskrise. „Wir müssen unsere Werte und Regeln begründen.“ Es gebe allerdings auch Verhaltensweisen, über die man nicht diskutieren könne: etwa Gewalt gegenüber Andersdenkenden. Eine demokratische Gesellschaft erfordere hohe Disziplin, auch gegenüber denen, mit denen man nicht einig ist. 

Was ist deutsch? Was macht diese Gesellschaft aus? Welche Werte und Normen kennzeichnen als ungeschriebene Gesetze dieses Land? KDFB Engagiert hat einige Aspekte gesammelt, über die es sich zu diskutieren lohnt. Denn nur, wenn der innergesellschaftliche Dialog nicht abreißt, bleibt eine Gesellschaft in ihrer Vielfalt und all ihren Facetten eine Einheit.

Was uns ausmacht: Die Sprache

Seit Jahrzehnten wachsen deutsche Schüler im Bewusstsein auf, ihre Muttersprache allein reicht nicht fürs Fortkommen. Fremdsprachen lernen ist nötig, um in der Berufswelt zu bestehen. Vielen fällt das nicht leicht. Auch Flüchtlinge tun sich oft schwer damit, eine Fremdsprache zu lernen: Deutsch. In den Integrationskursen macht der Sprachkurs den größten Teil des Unterrichts aus – meist 600 Unterrichtseinheiten. Wer daran teilnimmt und mindestens die Stufe B2 erreicht, hat eine der Voraussetzungen erfüllt, um in Deutschland eine Ausbildung zu beginnen. B2, das heißt, komplexe Texte verstehen und sich fließend verständigen.    

Es liegt auf der Hand, dass die gemeinsame Sprache das stärkste Bindeglied ist, das Menschen einer Region miteinander verbindet und unter Umständen zu einer Nation macht. Wer sich nicht verständigen kann, hat keine Chance, sich zu integrieren. 

Andererseits: Das Bekenntnis zur deutschen Sprache ist bei manchen Muttersprachlern nicht so deutlich, wie man erwarten könnte. In Wirtschaft und Wissenschaft wird Deutsch zunehmend in den Hintergrund gedrängt. Man schätzt, dass bis zu 85 Prozent der deutschen Naturwissenschaftler ihre Veröffentlichungen in Englisch verfassen, genauso wie etwa 50 Prozent der Sozialwissenschaftler und 20 Prozent der Geisteswissenschaftler. Der ehemalige Feuilletonchef der Wochenzeitung Die Zeit, Ulrich Greiner, warnt in seinem Buch „Heimatlos“: Viele wissenschaftliche Verlage mit Sitz in Deutschland nehmen nur noch englische Manuskripte an, um sie zu veröffentlichen. Die Dominanz des Englischen zeige sich an der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge, die sich an Vorbildern aus dem englischsprachigen Raum orientieren. Zudem ist es in vielen Unternehmen der Wirtschaft heute üblich, sich auf Englisch zu verständigen, selbst wenn die Büros mitten in einer deutschen Großstadt liegen. Es entsteht der Eindruck: Wer in Deutschland Karriere machen will, lernt besser Englisch als Deutsch – und das verhandlungssicher. 

Was uns ausmacht: Leistungsbereitschaft

Deutsche gelten als strebsam und fleißig. „Wir sehen Leistung als etwas an, auf das jeder Einzelne stolz sein kann. Überall: im Sport, in der Gesellschaft, in der Wissenschaft, in der Politik oder in der Wirtschaft“, schreibt Innenminister Thomas de Maizière in einem Gastbeitrag in der Bild am Sonntag. Darin stellt er dar, was Deutschland aus seiner Sicht im Innersten zusammenhält und was deutsche BürgerInnen von anderen unterscheidet. Einige Dinge seien unstreitig: „Wir achten die Grundrechte und das Grundgesetz. Über allem steht die Wahrung der Menschenwürde. Wir sind ein demokratischer Rechtsstaat.“ Es gebe aber noch mehr, was Deutsche verbinde und Richtschnur für ein Zusammenleben sein könne. Eine seiner Thesen: „Der Leistungsgedanke hat unser Land stark gemacht.“ 

Barbara Solf-Leipold kennt viele Menschen ausländischer Herkunft, die diesen Leistungsgedanken ebenfalls verkörpern. Die Sozialwissenschaftlerin kümmert sich in Geisenhausen bei Landshut um Asylsuchende in einer Gemeinschaftsunterkunft. Sie kritisiert, dass qualifizierte Asylbewerber oft jahrelang nicht arbeiten dürfen, während ihr Verfahren läuft. 

Anschaulich wird das an einer Familie, die sich fleißig bemüht hat, in Deutschland Fuß zu fassen. Die Mutter ist ausgebildete Psychologin, in der Gemeinschaftsunterkunft, wo sie lebt, leitet sie eigenständig Frauengruppen. Die Kinder gehen zur Schule, singen im Chor, sind im Turnverein, sprechen akzentfreies Deutsch, haben viele einheimische Freunde. Nur: Sie kommen aus Georgien und haben damit keine Aussicht auf Asyl. „Dabei könnten sie ein echter Zugewinn für unsere Gesellschaft sein“, meint Solf-Leipold. „Die Mutter ist eine Fachkraft, die im sozialen Bereich sehr produktiv werden könnte – mit eigener Migrationserfahrung. Bekäme sie einen Job und eine Wohnung, wäre die Familie vollständig in unserer Mitte angekommen.“ Doch eine reguläre Arbeitsstelle ist ohne Asylbescheid nicht in Aussicht. Barbara Solf-Leipold wünscht sich, dass im Einzelfall Sonderregelungen möglich wären. „So naiv waren wir nicht zu denken, dass eine Familie aus Georgien durch das Asylverfahren kommen würde. Und trotzdem hat das Verfahren viereinhalb Jahre gedauert, dabei ist es nicht einfach, lange in einer Gemeinschaftsunterkunft zu leben. Aber die Familie hat nie aufgegeben, hat tatsächlich alle Erwartungen erfüllt.“ Deutschland müsste sich endlich als Einwanderungsland begreifen. Das hieße nämlich, klare Regeln schaffen für mehr legale Wege nach Deutschland – mit Arbeitserlaubnis. Das Asylsystem, meint Solf-Leipold, könnte dadurch entlastet werden und der deutsche Arbeitsmarkt profitieren. 

Was uns ausmacht: Die Erinnerungskultur

Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte ist die Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit. Diese Erinnerungskultur ist untrennbar mit unserer kulturellen Identität verbunden. Die Bundesregierung hat stets ihre besondere historische und moralische Verantwortung betont, die Überlebenden des Holocaust und deren Nachfahren vor jedem weiteren Völkermord zu schützen. Daraus leitet sich ein Eintreten für das Existenzrecht Israels ab, ein konstituierendes Element deutscher Politik seit 1949. 

„Was soll ich damit zu tun haben?“, wird sich ein Jugendlicher zum Beispiel aus dem Kosovo fragen, der in Deutschland zur Schule geht und gemeinsam mit seinen Mitschülern das Konzentrationslager Auschwitz besucht. Es stimmt: Die Verbrechen der Nazis haben mit ihm, mit seiner Familie persönlich nichts zu tun. Der Berliner SPD-Politiker Raed Saleh, der als Kind aus Palästina nach Deutschland kam, legt in seinem Buch „Ich deutsch“ dar, vor welcher Aufgabe Schulen stehen. Lehrer müssten ihren Schülern, von denen immer mehr ausländische Wurzeln haben, die deutsche Geschichte vermitteln. Und ihnen klarmachen, dass dieser Staat und diese Gesellschaft für die Gräueltaten des vergangenen Jahrhunderts weiter Verantwortung tragen. 

Als im Dezember in Berlin auf einer Demonstration israelische Flaggen verbrannt wurden, löste das landesweit Bestürzung aus. Und die Sorge, ein Teil der Geflüchteten aus muslimischen Staaten vertrete eine Haltung, die hierzulande nicht zu tolerieren sei. „Wir wenden uns gegen alle Formen von Antisemitismus und Fremdenhass“, stellte Angela Merkel klar. 

Was uns ausmacht: Solidarität mit anderen

Deutsche gelten als spendenfreudig. Experten schätzen, dass 2017 rund 7,7 Milliarden Euro einem guten Zweck zugekommen sind. Gerade bei großen Katastrophen wie dem Erdbeben in Nepal oder dem Syrienkrieg zeigen sich die Deutschen mit den Opfern solidarisch. Das wird auch am großen Engagement der ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer deutlich. Barbara Solf-Leipold kennt aber auch die Grenzen der Solidarität. Eine Wohnung zu finden für einen anerkannten Asylanten, für Familien, die in Deutschland einen Duldungsstatus erreicht haben? Die Sozialwissenschaftlerin schüttelt den Kopf: „Wenn sie sich alleine auf den Weg machen, ist das aussichtslos.“ Ohne Fürsprache eines Einheimischen gehe gar nichts. Deshalb bleiben viele Geflüchtete, die eigentlich auf dem freien Wohnungsmarkt unterkommen müssten, weiter in Gemeinschaftsunterkünften. Im Amtsdeutsch gelten sie als „Fehlbeleger“. Für die Kommunen ist das brisant: Kommen weiterhin viele Geflüchtete nach, die in die Gemeinschaftsunterkünfte einziehen, hieße das, die Fehlbeleger wären obdachlos und müssten von der Kommune untergebracht werden. 

Wenn sich Teilnehmer der Integrationskurse austauschen, was besonders gut ist an Deutschland, fallen häufig die Worte Sicherheit, Freiheit und Regeln. Solidarität ist nicht dabei. Auf Unverständnis stößt beispielsweise, dass alte Menschen hierzulande in Heimen leben. Für viele Menschen aus anderen Kulturkreisen ist das unvorstellbar. „Da gibt es im Kurs immer eine rege Diskussion“, erzählt Ursula Himmelreich. 

Was uns ausmacht: Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau

Deutschland sieht sich als Vorreiter in puncto Gleichberechtigung von Mann und Frau, seit 1949 ist sie im Grundgesetz verankert. Und seit zwölf Jahren regiert eine Frau im Kanzleramt. Viele nach Deutschland Geflüchtete stammen jedoch aus Ländern, in denen eine patriarchale Kultur herrscht. Zeigen sie mangelnden Respekt vor Frauen, jagt das vielen Angst ein.

Dennoch bleibt auch hierzulande viel zu tun, wie etwa die Kampagne #MeToo zeigt. Frauen in aller Welt berichten seit Monaten unter diesem Stichwort in den sozialen Medien über Erfahrungen mit Chauvinismus, Sexismus und sexualisierter Gewalt. Darunter sind auch viele deutsche Betroffene. Bundesfrauenministerin Katarina Barley stellte klar, bei Sexismus gehe es nicht ums Flirten, sondern um Macht. Daher müsse sich das „Machtgefälle zwischen den Geschlechtern“ in Deutschland ändern. „Das hat auch etwas mit fehlender Lohngerechtigkeit zu tun, mit dem Frauenanteil in den Parlamenten, mit einem Frauenanteil in Führungspositionen in Unternehmen.“ All das müsse kommen, „damit sich die gönnerhafte, anmaßende, abwertende, übergriffige Einstellung vieler Männer ändert“. Das gilt für Einheimische wie Zugewanderte. 

In den Integrationskursen kann da viel vermittelt werden. Ursula Himmelreich ist froh, dass sie verpflichtend sind. Viele zugewanderte Frauen dürften sie sonst, gemäß ihrer familiären Tradition, nicht besuchen. „Es kommt immer wieder vor, dass Tränen fließen, weil der Kurs zu Ende geht und eine Frau nach den Pflichtstunden keine Erlaubnis von zu Hause bekommt weiterzulernen“, ist die Erfahrung der Lehrerin.

Was uns ausmacht: Die Hand reichen

Wie hat eine Begrüßung auszusehen? Über diese Frage lässt sich trefflich diskutieren: Gehört es zu den sozialen Gewohnheiten, auf die wir in Deutschland nicht verzichten wollen, dass man sich die Hand reicht? 

Was tun, wenn ein gläubiger Muslim einer Frau den Handschlag verweigert? Oder eine Muslimin einem Mann? Einfach weil der Islam eine gewisse körperliche und emotionale Distanz zwischen Männern und Frauen vorsieht, die nicht verwandt und nicht verheiratet sind. 

Können wir es in einer offenen Gesellschaft akzeptieren, dass es andere Begrüßungsrituale gibt, um einem Gegenüber Respekt zu bezeugen, etwa die Hand aufs Herz zu legen, wie es in vielen arabischen Ländern üblich ist? 

Gewiss, die ausgestreckte Hand in der Luft hängen zu lassen – das ist ein Affront. Manche raten Muslimen deshalb, es nicht zu tun. Andererseits: Vielfalt zu akzeptieren und flexibel mit ihr umzugehen, ist Zeichen einer offenen Gesellschaft. Wie viel Offenheit halten wir aus?

Autorinnen: Eva Gras/Claudia Klement-Rückel/Susanne Zehetbauer
aus: KDFB Engagiert 1+2/2018

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