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Frauen in Simbabwe

Hunger, Dürre, Armut, Stromausfälle und Wassermangel: Täglich müssen Frauen in Simbabwe ums Überleben kämpfen. Für die Liturgie zum Weltgebetstag am 6. März haben die Frauen aus dem südlichen Afrika das Motto „Steh auf und geh!“ gewählt. Sie erhoffen sich entscheidende Impulse für ihr hoch verschuldetes Land. KDFB engagiert stellt nicht nur die Situation der Frauen in Simbabwe dar, sondern gibt Tipps für die Weltgebetstagsarbeit, erläutert das Weltgebetstagsland in Stichworten, bietet Rezepte zum Nachkochen und eine Bildmeditation. 

 

Vollkommen verwahrlost, mit verfilzten Haaren – so wird die kleine Trader bei Kinderpflegerin Rudo Zvinoera abgegeben: „Die heute Vierjährige war in einem jämmerlichen Zustand“, erinnert sich Zvinoera. „Sie hatte drei Monate allein in einem Zimmer gehaust und war von Nachbarn nur notdürftig versorgt worden.“ Zvinoera arbeitet im Kindergarten „Bongai Shamwari“ in einem Stadtviertel von Mutare im Osten Simbabwes. Als sie Trader in Empfang nehmen, hören sich die 37-jährige Erzieherin und ihre Kolleginnen in der Stadt um. Sie finden heraus, dass die Mutter des Mädchens bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Das Unglück ereignete sich, als die Mutter auf dem Weg ins Nachbarland Mosambik war, um Altkleider zu kaufen. Die Textilien wollte sie am Straßenrand verkaufen, um ihre drei Kinder ernähren zu können.

Die Lebenssituation von Traders Mutter ist kein Einzelschicksal. Für Erzieherin Rudo Zvinoera zeigt sich an ihr beispielhaft die schwierige Lage von Frauen in Simbabwe: Die Mütter sind für die Versorgung der Familien oftmals allein verantwortlich, versuchen, sich mit dem Verkauf von selbst angebautem Gemüse oder anderen Waren über Wasser zu halten – und das bei ohnehin schwierigen Lebensbedingungen.

Wassernot: Die Viktoriafälle sind nur noch ein Rinnsal

Denn Simbabwe steckt in einer tiefen Krise: Derzeit gibt es nur nachts Strom, die Wasserversorgung funktioniert extrem schlecht, nach Ernteausfällen droht dem Land eine Hungerkatastrophe, ausgelöst von langen Dürreperioden und den Verwüstungen durch Zyklon „Idai“ im März 2019. Die Viktoriafälle, gespeist vom Sambesi, sind zu einem Rinnsal geschrumpft. Verantwortliche des UN-Welternährungsprogramms gehen davon aus, dass 60 Prozent der Bevölkerung nicht genug zu essen haben.

Extreme Armut durch Korruption und Misswirtschaft

Eigentlich hätte Simbabwe dank seiner fruchtbaren Böden und zahlreicher Bodenschätze viel Potenzial, betont Stadträtin Sekai Cathrine Mukodza aus Mutare: „Simbabwe war einmal die Kornkammer Afrikas. Doch derzeit sind die wirtschaftlichen Bedingungen schlimm.“ Heute gehört es zu den ärmsten Ländern der Welt und ist zudem hoch verschuldet. 72 Prozent der Bevölkerung leben in Armut. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 90 Prozent. Für die massiven wirt-

schaftlichen und sozialen Probleme werden die Korruption und die Misswirtschaft während der jahrzehntelangen Diktatur Robert Mugabes verantwortlich gemacht. „Damit unser Land vorwärtskommt, müssen korrupte Menschen bestraft werden“, fordert Stadträtin Mukodza.

Die 41-jährige Grundschullehrerin wohnt in der Nähe des Kindergartens „Bongai Shamwari“, für den sie sich auch in der Lokalpolitik einsetzt. Im Zentrum für vorschulische Förderung erhalten dort Waisen, Halbwaisen, benachteiligte und behinderte Kinder Hilfe. Wie im Fall der kleinen Trader werden ihnen Paten oder Pflegeeltern vermittelt. Gegründet wurde das Projekt vor drei Jahren von der gebürtigen Heidelbergerin Christa Zeller, die beim KDFB-Weltgebetstagsseminars in Freising über das Land referierte. Die 62-Jährige fühlt sich seit vier Jahrzehnten mit Simbabwe verbunden, fünf Jahre lebte sie im Land. Die Erzieherin und Betriebswirtin hat mit ihrem Verein „Bongai Shamwari“ (auf Deutsch: „Danke, mein Freund“) bereits 14 Kindergärten gegründet und 20 Jahre lang eine Erzieherinnenausbildung angeboten.

Vom blühenden zum zerrissenen Land

Von der aktuellen Lage in dem südafrikanischen Staat ist Christa Zeller, die heute in Ingelfingen bei Heilbronn lebt, tief betroffen: „Ich kenne noch das blühende Simbabwe. Nun ist es ein zerrissenes Land. Es ist wirklich dramatisch, wie es hier in einer Abwärtsspirale immer weiter nach unten geht.“ 2017, nach der Wahl von Präsident Emmerson Mnangagwa, hätten viele gehofft, dass sich alles zum Besseren wendet. „Doch genau das Gegenteil ist der Fall“, beklagt Zeller. „Die Oberen greifen sich den Kuchen ab.“ Zwischen der armen Bevölkerung und wenigen extrem reichen Familien tut sich eine enorme Kluft auf. Die Krise führt dazu, dass die Mittelschicht schwindet.

Aber nicht nur die Armut macht Frauen in Simbabwe zu schaffen, so Zeller: „Viele erleiden häusliche Gewalt. Ich erlebe das leider immer wieder. Es ist schwer auszuhalten, die geschlagenen Frauen zu sehen.“ Die arbeitslosen Männer flüchten sich in den Alkohol. „Wenn sie betrunken nach Hause kommen, werden sie oftmals gewalttätig.“

Witwen wird immer noch häufig das Erbe verweigert

Für die Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen und Mädchen setzt sich die Stiftung „Envision Zimbabwe Womens Trust“ ein. Seit 2015 unterstützt das deutsche Weltgebetstagskomitee dieses Projekt, das sich in den Dörfern für einen Bewusstseinswandel einsetzt. Für Sinikiwe Machanja, Projektmanagerin von „Envision“, ist die Unterdrückung von Frauen und Mädchen tief in der patriarchalen Gesellschaft verwurzelt: „Frauen dürfen auf dem Land immer noch nicht ihre Meinung äußern, weder öffentlich noch in den Familien. Daran haben auch die Gleichberechtigungsgesetze bisher wenig verändert.“

„Envision“ geht deshalb in die Dörfer, schult die Dorfvorsteher, Polizisten und Vertreter des Gesundheitssektors darin, einen Blick für Opfer von Gewalt zu entwickeln oder Unrecht zu erkennen, wie zum Beispiel die Frühverheiratung von Mädchen oder die Benachteiligung von Witwen. Der Tradition nach erben Witwen nichts, der Besitz geht allein auf die Herkunftsfamilie des verstorbenen Mannes über. 2008 trat eine gesetzliche Änderung in Kraft, theoretisch wären Witwen erbberechtigt. Dennoch kommt es noch häufig vor, dass ihnen das Erbe verweigert wird.

Gemeinsam als Frauen etwas erreichen

Das deutsche Weltgebetstags-Komitee unterstützt in Simbabwe noch weitere Frauenprojekte, wie zum Beispiel eine Abteilung des „Zimbabwe Council of Churches“ (ZCC), die sich für die Förderung von Geschlechtergerechtigkeit und Frauenstärkung in den Kirchen einsetzt, oder ein Medienprojekt für Mädchen. Im Kreativzentrum für Kommunikation und Entwicklung (CCCD) lernen Frauen und Mädchen, sich mit journalistischen Mitteln für ihre Rechte einzusetzen. Ein weiteres Weltgebetstags-Projekt der Stiftung für Jugend und Veränderung (YETT) will jungen Frauen den Aufstieg in einflussreichere Positionen ermöglichen.

„Envision“-Projektmanagerin Sinikiwe Machanja spürt, dass der Wunsch der Frauen nach Veränderung in ihrem Land groß ist: „Vor allem die junge Generation kämpft um ihre Rechte.“ Immer wieder gibt es Demonstrationen gegen Ungerechtigkeiten und undemokratische Gesetze oder für bessere Löhne. Doch viele Streiks und Demonstrationen werden von den Ordnungskräften mit Gewalt beendet.

„Steh auf und geh!“ – um das Weltgebetstagsmotto in Simbabwe umzusetzen, werden die Frauen viel Ausdauer und Mut brauchen, befürchtet Weltgebetstagsreferentin Christa Zeller: „Aber die simbabwischen Frauen sind sehr stark und geben sich gegenseitig viel Kraft. Es gibt dafür einen Begriff: Ubuntu! Das heißt: Ich bin, weil wir sind!“                          

 

Autorin: Karin Schott
aus: KDFB engagiert 1+2/2020

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