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So nah wie nie

Nie standen sich zwei Generationen so nahe wie heute: Vertraut und liebevoll geht es zwischen jungen Leuten und ihren Eltern zu. Jedoch: Wird überhaupt erwachsen, wer sich nie richtig von zu Hause löst?


Radau – das war meine Musik für meinen Vater. „Mach endlich den Radau leiser!“, brüllte er fast jeden Abend und knallte meine Zimmertür zu. Dass er brüllen musste, lag, zugegeben, an der Wand aus Schall, die er anders nicht hätte übertönen können, denn meine Musik war wirklich laut. Ich rollte also die Augen, drehte widerwillig den Regler am Kassettendeck runter und sehnte den Tag herbei, an dem ich den väterlichen Wutausbrüchen entrinnen könnte.

„We don‘t need no education!“ Die Jugendhymne der 80er-Jahre prallte bei uns daheim auf den Musikantenstadl, und das war nur einer der Kontraste: Ich trug mit Vorliebe meine speckige Biker-Jacke und die bestickten Leinen-Nachthemden meiner Großmutter über löchrigen Jeans. Mein Vater trug sonntags wie werktags Hemd und Krawatte und gelegentlich sogar (wie peinlich das damals war!) Trachtenanzüge mit Hirschhornknöpfen. Ich lief auf den großen Demonstrationen gegen Wackersdorf und den NATO-Doppelbeschluss mit – er wählte immer schon die CSU. Ich wollte die Welt erobern – er brachte hemmungslos Sprüche wie: „Solange du die Füße unter meinen Tisch steckst...!“ Mit anderen Worten: Geschmack, Werte und Interessen waren von Grund auf unvereinbar. Die einzige Übereinstimmung, die wir hatten, war, dass wir nicht übereinstimmten. Wir waren einander fremd – das war damals der Normalfall zwischen Eltern und Kindern.

Gleiche Vorlieben, gleiche Klamotten

Inzwischen sind meine eigenen Kinder groß, und mein Vater lebt schon lange nicht mehr. Ob es ihn gewundert hätte, wie sehr sich das Verhältnis in nur einer Generation gewandelt hat? Krawallige Gegensätze zwischen jungen Leuten und ihren Eltern sind heute die Ausnahme, stattdessen gibt es viele Gemeinsamkeiten: Klamotten passen und gefallen (meistens) beiden und werden schon mal getauscht, Rolling-Stones-Konzerte sind Familienereignisse, und coole Serien von „House of Cards“ bis „Sherlock“ machen Eltern wie Kinder süchtig nach mehr. Meinungsverschiedenheiten, falls vorhanden, werden auf der Suche nach Kompromissen ausdiskutiert, und nicht mal Politik sorgt noch für echte Konfrontation.

Über 90 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, das ergab auch die Shell Jugendstudie, beschreiben ihr Verhältnis zu ihren Eltern als gut oder sogar als bestens. Drei Viertel würden ihre eigenen Kinder so erziehen, wie sie von ihren Eltern erzogen wurden – ein Wert, der seit den 80er-Jahren kontinuierlich angestiegen ist. Die Herkunftsfamilie ist für die jungen Leute eine sichere Basis, wo es Rat und Rückhalt, emotionale Unterstützung und mal einen Schokoladenpudding gibt. Irgendwas machen Eltern heute offenbar goldrichtig.

Nähe trifft Kontrolle

Ich frage die promovierte Psychologin Eva-Verena Wendt vom Deutschen Jugendinstitut in München, woran das liegt. PsychologInnen führen das neue Verhältnis der Generationen auf den veränderten Erziehungsstil zurück, der sich mit der gesellschaftlichen Liberalisierung nach 1968 entwickelt hat: „Autoritativ“ nennen Erziehungswissenschaftler diesen Stil, und Eva-Verena Wendt erklärt, worauf es dabei ankommt: „Der autoritative Stil ist durch zwei Dimensionen gekennzeichnet: ein hohes Maß an Nähe und ein hohes Maß an Kontrolle. Kontrolle ist hier aber nicht im negativen Sinn von Gehorsam und Unterordnung gemeint, sondern bedeutet: Eltern interessieren sich für ihre Kinder und wissen über sie Bescheid.“

Diese Eltern wissen, was die Kinder nachmittags machen, mit wem sie durchs Viertel stromern und wo sie gerne chillen. Sie kennen die Freunde, den Schulalltag und die Lehrer. Sie sind zugewandt und feinfühlig und nehmen ihre Kinder für voll. „Autoritativ erziehende Eltern stellen aber auch Regeln auf“, sagt Wendt, „und fordern sie ein.“ Den Kindern tut das offenbar gut: So erzogen, sind sie meist besser in der Schule, haben mehr Durchhaltevermögen, einen höheren Selbstwert, sind sozial kompetenter. Bei der autoritären Erziehung dagegen, wie sie früher üblich war, lagen Macht und Einfluss allein bei den Eltern – Nähe, Vertrauen und Austausch fehlten. Es galt der Befehl – und den Kindern blieb nichts als zähneknirschender Gehorsam, so lange sie der elterlichen Macht nicht entfliehen konnten. 

Überraschend: Der Pubertätsstress bleibt aus

Claudia Fischer ist Mutter eines 20-jährigen Sohnes und einer 18-jährigen Tochter und meine Freundin, seit unsere Kinder zusammen in der Krabbelgruppe waren. Seither hielten wir zusammen: Abstillen und Trotzphase, Windpocken, Schulanfang und Übertritt – Claudia und ich erforschten und umschifften im Team die Klippen des Familienlebens. Auch die heranziehende Pubertät fassten wir gemeinsam ins geschulte mütterliche Lotsenauge. Denn wir waren beide nervös, welche Strudel diese Zeit bringen würde. Der Grund lag auf der Hand:

"Es wird einem ja überall Angst davor gemacht, wie unerträglich Teenager sein können und wie schlimm die Auseinandersetzungen!"

Claudia erinnert sich: „Meine Hauptsorge war, dass ich den Kontakt zu den Kindern verlieren könnte, so wie es bei mir und meinen Eltern passiert war. Es gab dauernd Krach, und irgendwann erzählte ich meinen Eltern nur noch das Nötigste und ließ mir nicht mehr in die Karten schauen. Zu Hause gab es in dieser Zeit nur Distanz und gegenseitiges Misstrauen.“

Ich selbst hatte ähnliche Erfahrungen. Also wappneten wir uns mit Ratgebern, polsterten uns mit Verständnis, rüsteten uns mit Toleranz und warteten, angespannt wie Feldherrn vor der Schlacht, auf die Krise, die unvermeidlich kommen musste. Auf Dauerstreit, Türenknallen und Schlimmeres – auf Entfremdung, Drogen, Schulabbruch und die schlechten Einflüsse falscher Freunde.

Eltern als Helfer in allen Gefühlslagen

Jedoch: Zu unserer Verblüffung blieb die Krise aus – bei uns und ebenso bei den meisten Familien in unserem Freundeskreis. Dafür stieg sprunghaft die Zahl der späten Abendstunden, die Claudia und ich auf dem jeweiligen Wohnzimmersofa verbrachten – vertieft in Gespräche mit unseren Teenagern. „Ich hätte nie gedacht, dass so große, selbstständige Kinder noch mal so viel Zeit beanspruchen“, stöhnt Claudia. Oft entstanden da tolle Gespräche voller Idealismus und voller Träume, Gespräche über Enttäuschungen und die Unsicherheiten, die das Heranwachsen mit sich bringt. Gespräche über all die Kleinigkeiten, die in diesem Alter so hochbedeutsam sind – Pickel auf der Stirn, die Ungerechtigkeiten der Lehrer, das Kleid für den Abschlussball des Tanzkurses, die Stimmungsschwankungen, Zickigkeiten, die überwältigenden Gefühlslagen. „Ich konnte mich gut erinnern, wie ich mich in dem Alter fühlte. In einem Augenblick unbesiegbar und zehn Minuten später winzig und wertlos“, sagt Claudia. „Ein scheußlicher Zustand.“ Was ist dagegen schon ein unaufgeräumtes Zimmer, eine zugeknallte Tür, ein Fünfer in Mathe?

Gesucht: Eltern mit klaren Standpunkten

„Natürlich habe ich mir Sorgen gemacht, als mein Sohn und später meine Tochter begannen, abends auszugehen, und nicht alle ihre Freunde gefielen mir. Auch nicht der Alkoholkonsum in ihren Cliquen“, erzählt Claudia. Auch darüber wurde gesprochen. „Wir stritten und redeten und diskutierten. Anfangs war ich unsicher, wie deutlich ich meine Meinung in Konflikten äußern durfte, um die Kinder nicht zu verletzen oder zurückzuweisen. Aber ich merkte bald, dass sie genau das von mir wollten: klare Standpunkte, an denen sie sich messen und reiben konnten. Und gleichzeitig Respekt für ihre Positionen. Das fiel mir nicht schwer, denn sie waren beide sehr ernsthaft darin, ihre Gedanken zu entwickeln. Beide haben mir zwar mehrmals vorgeworfen, ich wäre zu streng. Trotzdem verliefen unsere Auseinandersetzungen anders als mit meinen Eltern damals, nicht so vernichtend, nicht so entzweiend.“

„Wer hat in der vergangenen Woche seine Eltern angerufen?“ Wenn die Paderborner Psychologieprofessorin Heike Buhl ihren StudentInnen im Hörsaal diese Frage stellt, dann melden sich fast alle. Buhl, 51 und selbst Mutter von zwei Söhnen, erforscht seit vielen Jahren die Beziehungen zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern. Sie weiß: „Es herrscht heute eine enge Verbundenheit zwischen den Generationen.“ Zwar schätzen Eltern den Kontakt meistens etwas enger ein als die Kinder, aber:

"Auch für die jungen Leute ist die Beziehung emotional sehr wichtig – in der Bedeutsamkeit gleichauf oder sogar höher als zu Freunden."

Mehr Nähe zum Vater gewünscht 


Verbundenheit lässt sich messen: Über ihr Verhältnis befragt, geben junge Erwachsene und ihre Eltern in Studien beispielsweise an, dass sie miteinander wichtige und persönliche Themen besprechen und gemeinsam nach Lösungen für Probleme suchen, dass sie mit der Beziehung wechselseitig zufrieden sind, dass sie einander lieben und wertschätzen – und sich auch so fühlen: geliebt und geschätzt. Typischerweise ist allerdings das Verhältnis zur Mutter enger als zum Vater – und zwar sowohl bei Töchtern als auch bei Söhnen. Kein Wunder, denn es sind traditionell die Frauen, die sich um die Kinder kümmern, die mehr Zeit mit ihnen verbringen und insgesamt die emotionalen Verbindungen in den Familien gestalten. Auch das schlägt sich in Studien nieder: „Wenn man nach Veränderungswünschen fragt, dann zeigt sich, dass die meisten jungen Leute mit der Beziehung zur Mutter zufrieden sind, sich aber mehr Nähe zum Vater wünschen“, sagt die Paderborner Psychologieprofessorin. Umgekehrt sind es oft die Väter, die sich schwertun, wenn Kinder aus dem Haus gehen. Das sogenannte „Empty-Nest-Syndrom“ – das leere Nest, in dem Eltern wehmütig zurückbleiben, wenn die Küken ausgeflogen sind – ist ein Problem, mit dem, wie man heute weiß, eher Väter zu kämpfen haben. Mütter freuen sich oft über neue Freiheiten nach dem Auszug der Kinder – Väter trauern eher mal oder haben widerstreitende Gefühle.

Aber auch das ist im Fluss: Heike Buhl ist gespannt, wie sich die Forschung weiterentwickelt. Bald wird eine Generation von Kindern erwachsen, die bereits öfter aktive Väter hatte, wie es seit den 1990er-Jahren langsam üblich wurde. Vielleicht, so erwartet Buhl, wird sich auch das in einer veränderten Beziehung messbar widerspiegeln. Sie hält es aber auch für denkbar, dass den Vätern die etwas distanziertere Rolle bleiben wird. „Möglicherweise ergänzen sich die Beraterfunktion der Väter mit der größeren Nähe zur Mutter. Das kann bei der Ablösung und dem Selbstständigwerden helfen.“

Nähe und Ablösung schließen sich nicht aus 

Denn auch bei noch so engem Verhältnis: Ablösen müssen sich die jungen Leute. Selbstständig werden, auf eigenen Beinen stehen. Beruflich Fuß fassen. Eine Partnerschaft eingehen, irgendwann eine Familie gründen. Und was noch so dazugehört, wenn ein Mensch erwachsen wird. Früher herrschte in der Entwicklungspsychologie, besonders in der Psychoanalyse, die Ansicht vor, dass dazu eine starke, von vielen Konflikten begleitete Abgrenzung von den Eltern nötig wäre. Doch heute zeigt sich: Es geht beides. „Nähe und Intimität mit den Eltern schließt nicht aus, dass junge Leute ihre eigenständige Identität entwickeln“, sagt die Psychologin Eva-Verena Wendt. „Man kann über Gefühle sprechen und den Eltern nah sein und trotzdem erwachsen werden.“

Die Beziehung neu aushandeln 

Dazu müssen die Beziehungen jedoch kontinuierlich umgestaltet werden. Die Psychologieprofessorin Heike Buhl ist immer wieder fasziniert, wie vielfältig und aktiv Eltern und Kinder ihre Beziehungen weiterentwickeln und dabei dafür sorgen, dass sie nicht in den alten Vater-Mutter-Kind-Rollen stecken bleiben. Anlässe gibt es viele: zum Beispiel neue Formen für Festtage zu finden – eine Notwendigkeit, so selbstverständlich, dass sie kaum auffällt. Heike Buhl: „Schließlich können die alten Rituale nicht aufrechterhalten werden, sonst sucht man mit 40 immer noch Ostereier im Garten der Eltern.“ Auch Konflikte bieten Chancen zum Wandel, sie sind ein Motor, um die Beziehungsentwicklung voranzutreiben. Werden sie konstruktiv gelöst, können sie das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern symmetrischer machen.

Beispiel Pubertät: „Oft geht es dabei gar nicht so sehr um die konkrete Sache, über die man gerade streitet, sondern es wird dabei unbemerkt die Beziehung neu ausgehandelt. Auf symbolischer Ebene sagt das Kind: ,Ich will meine Meinung sagen, ich will selbst entscheiden, und ich will von euch auch so akzeptiert werden!‘“ Damit sich Beziehungen wandeln können, braucht es Aufmerksamkeit und Offenheit auf beiden Seiten. Heike Buhl: „Wenn junge Leute die Eltern besuchen, knirscht es oft, gerade zu Anlässen wie Weihnachten. Viele beschreiben, Eltern wie Kinder, dass sie in alte Rollen zurückfallen – was oft beide schrecklich nervt. Wenn man das bemerkt, sollte man es ansprechen und sich darüber austauschen, denn: Beziehungen reifen nicht von allein.“

Autorin: Susanne Zehetbauer
aus KDFB Engagiert 8+9/2018

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