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Sei doch mal solidarisch!

Ob in der Kindererziehungsphase oder in anderen Phasen des Lebens: Mit Unterstützung durch andere Frauen gelingt vieles leichter. Foto: Kleiber-Wurm

So geht Frauensolidarität: Ob im Zweigverein, in der Nachbarschaft oder in der Familie – wer im Alltag andere Frauen unterstützt, trägt dazu bei, dass Frauenleben gelingt.  

Knüpfe Netzwerke und entdecke Gemeinsamkeiten

Beruflich und in der politischen Arbeit scheint alles klar: Wie wichtig es ist, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen, um voranzukommen – das steht in jedem Karriereratgeber. In Vergessenheit gerät dagegen, wie bedeutsam das Netzwerken auch für die Frauensolidarität ist: In den 60er- und 70er-Jahren bildeten sich Frauengruppen, die einen Verständigungsprozess über die gemeinsamen Erfahrungen in Gang brachten und, so die Soziologie-Professorin Ute Gerhard, „zum Thema machten, was eigentlich selbstverständlich war und trotzdem Grund für die mangelnde Gleichberechtigung: dass die Arbeitsteilung in den Familien ungerecht war, dass sie systematisch zu Abhängigkeiten führte und dass dieses Abhängigkeitsverhältnis der Urgrund aller weitere Nachteile ist, die Frauen haben.“

 

Sag lieber nichts, statt zu lästern!

Frauen lästern häufiger als Männer – vor allem übers Aussehen und Styling anderer Frauen. Doch Vorsicht! Wer lästert, schwächt nicht nur den Zusammenhalt unter Frauen, sondern gibt unfreiwillig Schwächen preis. Psychologen wissen: Lästern ist Ausdruck eines niedrigen Selbstwertgefühls.

 

Sag was gegen sexistische Sprüche!

Gibt es Sexismus hierzulande überhaupt noch? Schließlich arbeiten Frauen als Managerinnen, Professorinnen, Ministerinnen – und eine Frau ist seit 14 Jahren Bundeskanzlerin. Tatsächlich haben sich die Rahmenbedingungen für Frauen in den vergangenen Jahrzehnten stark verbessert – vor allem in rechtlicher und beruflicher Hinsicht.

Aber: Nach dem Ungleichheitsindex der Vereinten Nationen lag Deutschland im Jahr 2017 auf Platz 14 – abgeschlagen hinter den weitaus besser abschneidenden skandinavischen Ländern, der Schweiz, aber auch hinter Slowenien und Singapur.

Der Erhebung zufolge ist in keinem untersuchten Land Gleichstellung erreicht: Frauen sind überall auf der Welt in Führungspositionen und Parlamenten unterrepräsentiert, übernehmen überall mehr Pflege und haben in allen Ländern eine niedrigere Lebensqualität als Männer. Diese objektive, strukturelle Benachteiligung spiegelt sich auch im alltäglichen Sexismus wider, der noch längst nicht überwunden ist: in Abwertungen von Frauen, Diskriminierungen, in Rollenklischees, in sexistischer Werbung, in Übergriffen, Belästigungen bis hin zu sexualisierter Gewalt. Laut einer Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes von 2015 haben mehr als die Hälfte aller Beschäftigten im Job schon Situationen erlebt, die rechtlich als sexuelle Belästigung gelten.

Der Unternehmensberater und katholische Theologe Peter Modler bestätigt das: „Ich höre immer wieder aus allen Branchen, dass Frauen trotz großer Fähigkeiten klein gemacht werden“, sagt Modler, der Führungskräfte zum Thema „Machtspiele“ coacht, vor allem Frauen in Führungspositionen. Er berichtet über die „tiefe Irritation bis hin zu fast traumatischen Erlebnissen durch die Übergriffe männlicher Kollegen, Vorgesetzter, Mitarbeiter und Kunden“, denen Frauen auch heute noch ausgesetzt sind. Es ist auch eine Frage der Frauensolidarität, nicht stumm zuzuschauen.

Modler bezieht sich in seinen Coachings und Büchern auf die amerikanische Sprachwissenschaftlerin Deborah Tannen, die die kommunikativen Unterschiede zwischen Männern und Frauen erstmals wissenschaftlich beschrieben hat. Pauschal gesagt: Frauen geht es um Zugehörigkeit und um Beziehung, Männern zunächst mal um Rangordnungen und um Macht. Sexualisierte Übergriffe und sexistische Bemerkungen sind diesem Verständnis nach vorwiegend maskierte Machtkämpfe.

Und so sollte man ihnen auch begegnen: die Rangordnung wiederherstellen. Eine von Modlers Regeln lautet: „Je einfacher man reagiert, umso wirkungsvoller ist das meistens.“ Bei einem verbalen sexistischen Übergriff nicht lange mangelnde Schlagfertigkeit bedauern – denn es verschlägt einem ja meist eh die Sprache. Sondern das Gegenüber fixieren und ganz langsam, mit vielen Pausen „Nein“ sagen: „So… reden… wir… nicht… mit… Frauen. Ist… das… klar?“ Sollte es der Mann wagen, nachzulegen: einfach den Satz wiederholen. Er wird ihn kapieren, weil er auf seinen Rang verwiesen wurde.

 

Schau hin, wo Frauen in Not sind!

Hinschauen, wo Frauen in Not sind, sich bewegen lassen, nicht gleichgültig bleiben: Im KDFB findet sich überwältigende Hilfsbereitschaft. Das zeigt sich in vielfältigem Engagement und in unzähligen Spendenaktionen auf allen Verbandsebenen. KDFB-Frauen begleiten Trauernde, besuchen Ältere und Kranke. Sie spenden Zeit und oft auch viel Geld. Allein die Solibrot-Aktion hat seit 2013 über 430.000 Euro für Misereor-Projekte in Afrika, Lateinamerika und Asien erbracht. Weit über tausend Herzkissen wurden seit Anfang 2018 von Frauenbundfrauen genäht, um Brustkrebspatientinnen im Münchner Rotkreuzklinikum die Schmerzen nach einer Brust-OP zu erleichtern. Mehr als 100.000 Euro kamen für die Kinderhospize im Allgäu und in Olpe vor einigen Jahren zusammen – Zeichen der Solidarität mit schwerstkranken Kindern und ihren Müttern, Vätern und Geschwistern. Für traumatisierte Flüchtlingsfrauen und Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution wurden ebenso Spenden gesammelt wie für die Renovierung der Frauenfriedenskirche in Frankfurt – auch das ein Ausdruck der Frauensolidarität. Mitmachen ist jederzeit möglich!

 

Fördere andere Frauen und überwinde Neid!

Es ist ein Trauerspiel: Durchaus nicht immer können sich Frauen darauf verlassen, dass andere Frauen sie unterstützen. Frauen, das ist die bittere Realität, die in vielen Studien bestätigt wurde, sind Frauen gegenüber weder friedfertiger noch weniger aggressiv als Männer. Sie sind nur anders aggressiv: eher auf der Beziehungsebene, eher durch sozialen Ausschluss, eher durch Mobbing und durch Intriganz.

Die Soziologieprofessorin Ute Gerhard sieht darin vorwiegend ein Konkurrenz-Problem: „Positionen, die wir Frauen erreichen können, sind nach wie vor rar. Der Neid unter Frauen ist ausgeprägter, weil es so wenige gibt, die alles gleichzeitig schaffen. Da missgönnt die eine der anderen, dass sie erfolgreicher ist. Das bedroht sofort die eigene Position.“

Männer machen das nicht oder nicht so ausgeprägt, so Gerhard. Für sie gehöre Konkurrenz einfach zum Alltag. Zudem werde es auch eher akzeptiert, wenn Männer sich streiten. „Aber wenn Frauen sich streiten, sind sie sofort zickig. Dabei muss man doch nicht immer einer Meinung sein mit allen anderen Frauen der Welt – das ist doch Quatsch!“

Frauen, die die Solidarität unter Frauen fördern möchten, kommen daher um dieses unangenehme Thema nicht herum. Der erste Schritt, es zu anzugehen: sich selbst zu prüfen und sich bewusst zu machen, warum man sich so schwer tut, eine Kollegin, Mitarbeiterin (oder Mitschwester im Frauenbund) zu fördern und ihren Talenten Raum zu geben. Spielt Neid eine Rolle? Weil sie mehr weiß, besser ankommt, jünger ist, anderswo schon Erfolg hatte? Wird sie – etwa als Nachfolgerin im Zweigvereinsvorstand – manches verändern? Gefährdet sie das eigene Werk?

Das Selbstbewusstsein vieler Frauen ist durch Konkurrenz leicht zu erschüttern – und neidisch wird, wer sich selbst als ungenügend empfindet. „Dabei ist Neid normal und sehr menschlich“, erklärt Thomas Mussweiler, Professor für Organisationspsychologie an der London Business School. Und auch der Kölner Sozialpsychologe Jan Crusius sagt: „Neid lauert überall und entsteht spontan und auch gegen unseren Willen.“ Für Crusius ist die gute Nachricht aber, „dass wir nicht dazu verdammt sind, diesem Impuls zu folgen. Wir können dem Neid durch Selbstkontrolle entgehen.“

 

Respektiere Lebenslinien, auch wenn sie anders sind als deine!

Sie sind der Dreh- und Angelpunkt der Frauenbewegung, ihr Hauptkrisenherd und Kampfschauplatz für die Frauensolidarität. Anlass für erbitterte Gefechte seit Jahrzehnten: Frauenbiographien.

 „Es ist verrückt“, sagt die Professorin Ute Gerhard. „Familienfrauen müssen sich bis an ihr Lebensende dafür verteidigen, dass sie nicht berufstätig und damit finanziell abhängig sind von ihren Männern. Die anderen müssen sich verteidigen, dass sie berufstätig sind, und stehen unter dem Verdacht, ihre Kinder vernachlässigt zu haben. Dieser ewige Streit ist verheerend für die Frauenbewegung.“

Aber warum wird er so erbittert geführt? Ute Gerhard: „Es geht bei den Frauen um ihre gesamte Existenz. Wenn man heute nicht berufstätig ist als Frau, hat man es schwer mit der gesellschaftlichen Anerkennung. Diejenigen, die nicht anders können oder die Pflegeaufgaben haben, werden nicht wertgeschätzt. Männer berührt diese ganze Problematik nicht in ihren Karrieren, die haben diese Unterschiede und Gegensätze nicht.“

Männer erleben nicht die inneren Krisen, wenn ein Kind krank ist oder in der Schule absackt, nicht das schlechte Gewissen, weil man die alten Eltern schon seit drei Wochen nicht besucht hat, weil der Garten verwildert oder der Gehweg nicht gefegt ist. Nicht die Sorge vor einer lächerlichen Rente, die nicht zum Leben reicht, nicht die Angst vor den wirtschaftlichen Folgen, wenn der Mann arbeitslos oder krank wird oder wenn die Ehe zerbricht und die Kinder allein aufgezogen werden müssen. Nicht den Balanceakt und das dauernde Gefühl, nichts und niemandem gerecht zu werden. Am wenigsten sich selbst.

Es gilt also, endlich Respekt füreinander aufzubringen – für Familienfrauen ebenso wie für Erwerbstätige. Denn solange die Familienarbeit, die Erziehung und die Pflege, von der, wie Ute Gerhard sagt, „das ganze Wohl der Gesellschaft abhängt“, nicht geschlechtergerecht aufgeteilt und vom Staat nicht ausreichend unterstützt wird, sitzen Frauen alle in einem Boot. Ganz egal, ob sie berufstätig sind oder nicht, egal woher sie kommen und wie gut sie ausgebildet und aufgestellt sind: Sie sind es, die die Folgen ausbaden. Gerhard: „Das geht bis in unsere Haushalte hinein, wo wir uns die schwarz arbeitende Migrantin als Putzhilfe holen oder die polnische Betreuungskraft für den 90-jährigen Vater und uns mit unserem verdienten Geld von der Arbeit freikaufen, die wir nicht mehr tun können. Tatsächlich können wir ja nur arbeiten, wenn wir diese Zusatzhilfen haben. Dass deren soziale Bedingungen aber katastrophal sind und dass sie im Alter garantiert in der Armut landen, auch das muss uns interessieren!“

 

Autorin: Susanne Zehetbauer
aus: KDFB Engagiert 6/19

 

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