KDFB
27.04.2018

Religionsunterricht im Wandel

Religionsunterricht kann SchülerInnen ermuntern, Fragen zu Lebensthemen zu stellen, die sie sonst nicht zur Sprache bringen können. Foto: image source

Wie soll der Religionsunterricht in Zukunft gestaltet werden? Das konfessionelle Modell ist in der Diskussion. Jetzt haben die Bischöfe den Weg zum konfessionell-kooperativen Religionsunterricht freigemacht.

 

"Wissen Sie, wo mein Papa ist? Er ist vor sechs Wochen plötzlich gestorben, und ich weiß nicht, wo er jetzt ist.“ Mit dieser Frage einer Berufsschülerin sah sich der Religionspädagoge Albert Biesinger konfrontiert. Im Unterricht hatte er gerade durchgenommen, welche Vorstellungen es vom Leben nach dem Tod gibt. Biesinger überlegte kurz und sagte zu der weinenden Schülerin: „Ich gehe davon aus, dass Ihr Vater bei Gott lebt, auch ohne seinen toten Körper.“ Er ist überzeugt, dass er der jungen Frau nur mit dieser authentischen, von innen heraus stimmigen Antwort hatte helfen können. Also nicht mit einer Aufzählung, wie sich Buddhisten, Hindus, Muslime, Juden und Christen das Leben nach dem Tod vorstellen. Denn: „Es ist ein Unterschied, ob ich über Religion rede oder ob ich mit meiner eigenen spirituellen Erfahrung als Christ rede“, so Biesinger.  

Der Religionslehrer ist als Person gefragt

Gabriele Klingberg, Studiendirektorin an einem Gymnasium in Tübingen, erlebt das ähnlich. „Es kommen ganz oft Fragen wie: ,Was meinen Sie dazu, wie sehen Sie das?‘“ Für die Lehrerin heißt das, dass sie im Religionsunterricht als Person angefragt ist. „Ich setze mich mit den Schülerinnen und Schülern auf einer sehr viel persönlicheren Ebene auseinander, als das ein Mathematiklehrer tut oder ich selbst, wenn ich mein zweites Fach Französisch unterrichte. Und ich erlebe, dass die Schülerinnen und Schüler es wagen, Fragen zu Lebensthemen zu stellen, die sie in keinem anderen Unterrichtsfach loswerden.“ Seit vielen Jahren im Schuldienst und in der Lehrerfortbildung aktiv, erfährt Gabriele Klingberg, wie sie das Fach Religion in Bewegung hält. „Ich muss meinen Schülerinnen und Schülern ganz genau zuhören, um ihre Fragen zu kennen. Denn das sind heute andere Fragen als vor zehn Jahren.“ Nicht nur die Fragen haben sich verändert. Auch die Kommunikation untereinander, beeinflusst durch die sozialen Medien. Darauf geht Klingberg ein, indem sie im Unterricht selbst mit modernen Medien arbeitet. So nähert sie sich ihren SchülerInnen an. Auch wenn sie dann mit ihnen kritisch über Sinn und Unsinn mancher medialen Entwicklung nachdenkt. „Ich nehme die Schülerinnen und Schüler in ihrer Lebenssituation wahr. Das, glaube ich, ist der Schlüssel.“

Schutz vor religiöser Indoktrination

Konfessioneller Religionsunterricht bietet den SchülerInnen nicht nur die Möglichkeit, in der Lehrkraft jemanden kennenzulernen, der das eigene Leben nach religiösen Überzeugungen gestaltet. Befürworter des konfessionellen Modells führen an, dass diese Art der religiösen Bildung den SchülerInnen hilft, ihre Persönlichkeit zu entwickeln, ihnen die historischen Wurzeln der gegenwärtigen Kultur erklärt, wichtige Werte vermittelt und dazu beiträgt, eine soziale und gerechte Gesellschaft aufzubauen. Außerdem schütze die konfessionelle Form des Unterrichts die Kinder und Jugendlichen vor religiöser Indoktrination. Denn jede TeilnehmerIn weiß, dass es in diesem Unterricht um Inhalte und Weltsichten der katholischen oder evangelischen Kirche geht. Im Rahmen des konfessionellen Unterrichts könnten die SchülerInnen gemeinsam entdecken, was es heißt, katholisch, evangelisch oder vieles mehr zu sein, ohne durch andere Vorstellungen hinterfragt zu werden. 

Wie soll der Unterricht aussehen: Religionskunde? Ethik? Weltanschauung? 

Trotz der Argumente für die Bedeutung eines konfessionellen Religionsunterrichtes, wird in der Öffentlichkeit immer öfter darüber diskutiert, ob und wie Religion an Schulen vermittelt werden soll. Wäre es nicht besser, einen Werteunterricht einzuführen, den alle Schüler besuchen können? Oder sollen die Schüler in einem religionskundlichen Fach lernen, wie die einzelnen Religionen entstanden sind und was die Mitglieder jeweils glauben? Oder wäre das Fach Ethik mit der Vermittlung von Wissen zu unterschiedlichen Weltanschauungen ein guter Weg für alle?

Ein unbeliebtes Fach

In Bayern löste Anfang März eine repräsentative Umfrage der Lutherischen Landeskirche die jüngste Diskussionswelle aus. Die Untersuchung des Emnid-Instituts hatte ergeben, dass Religionsunterricht nicht beliebt ist und im Fächervergleich auf den vorletzten Platz kommt, noch hinter Mathematik. Allerdings waren es vor allem ältere Menschen, die sich gegen den Religionsunterricht aussprachen. Knapp zwei Drittel der Befragten befürworteten Religion als ordentliches Schulfach, 25 Prozent lehnten es mit der Begründung ab, dass Religion Privatsache sei.

Schutz des Grundgesetzes

Bei allen kritischen Anfragen, so schnell kann sich bei diesem Fach nichts ändern. Denn der Religionsunterricht in konfessioneller Gestalt genießt den Schutz des Grundgesetzes und kann nicht einfach aus dem Fächerkanon der öffentlichen Schulen gestrichen werden. Dazu kommen noch ähnliche Festlegungen in einzelnen Bundesländern. So ist auch in der Bayerischen Verfassung als oberstes Bildungsziel die Ehrfurcht vor Gott, die Achtung vor religiösen Überzeugungen und die Würde des Menschen festgeschrieben.

Trotzdem gerät selbst in Bayern, wo die Taufrate noch sehr hoch ist, der konfessionelle Religionsunterricht unter Druck. Denn auch hier beginnt der sogenannte demografische Faktor zu greifen. 

Wie sich das bemerkbar macht, hat Gertrud Ritter-Bille in ihrem Berufsleben verfolgen können. Die Frauenbundfrau ist Diplomtheologin und unterrichtet in Neufahrn bei München als Religionslehrerin. „Als ich hier vor 25 Jahren anfing, arbeitete eine Kollegin in Vollzeit an nur einer Grundschule und konnte alle ihre Stunden dort abdecken.“ Gertrud Ritter-Bille selbst ist Lehrerin an zwei Grundschulen und einer Mittelschule. In einer der Grundschulen liegt der Anteil der katholischen Kinder in der Regel unter 50 Prozent, manchmal sind es nur noch zehn Prozent. „In den Grundschulen werden die Kinder für den Religionsunterricht jahrgangsweise zusammengefasst“, erläutert Gertrud Ritter-Bille. Meist gibt es zwei Gruppen katholische und eine Gruppe evangelische SchülerInnen. In der Mittelschule müssen die evangelischen SchülerInnen jahrgangsübergreifend unterrichtet werden. Es können dann auch noch ein oder zwei Ethikgruppen und eine Gruppe für islamische Unterweisung zustandekommen. „Da die konfessionell aufgeteilten Klassen immer parallel unterrichtet werden müssen, bedeutet das, dass wir Lehrer in einem fragilen Geflecht miteinander verbunden sind. Das ist schwierig zu organisieren, aber es klappt – noch.“

Weniger Taufen – weniger Schüler im Religionsunterricht

In ihrem Papier „Die Zukunft des konfessionellen Religionsunterrichts“ von Dezember 2016 gehen die deutschen Bischöfe auf diese Situation ein: „Seit Jahren geht der Anteil der in einer katholischen Diözese oder in einer evangelischen Landeskirche getauften Kinder und Jugendlichen zurück. Gegenwärtig wird etwas weniger als die Hälfte der Neugeborenen im ersten Lebensjahr getauft. Entsprechend sinkt auch der Anteil der katholischen und evangelischen Schülerinnen und Schüler an der Gesamtschülerschaft und steigt der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die keiner Kirche oder Religionsgemeinschaft angehören.“ 

Die Bischöfe gehen in ihrem Papier davon aus, dass inzwischen in mehreren Bundesländern eine Kooperation mit der evangelischen Kirche aus diesen Schwierigkeiten befreien würde. So können die einzelnen Bistümer bei Bedarf einen konfessionell-kooperativen Religionsunterricht einführen.

Konfessionell-kooperative Modelle in verschiedenen Bundesländern

In Berlin unterzeichneten im vergangenen Oktober der evangelische Bischof Markus Dröge und der katholische Erzbischof Heiner Koch ein Abkommen zum konfessionell-kooperativen Religionsunterricht in Berlin und Brandenburg. Die Berliner Situation ist sehr besonders. In den Klassen 1 bis 10 findet der Religions- oder Weltanschauungsunterricht auf freiwilliger Basis statt. Die Hälfte der Berliner SchülerInnen nimmt daran teil, die andere hat in dieser Zeit frei. In den weiterführenden Schulen gibt es noch von der 7. bis zur 10. Klasse einen verpflichtenden Ethikunterricht. 

Auch in Nordrhein-Westfalen haben die evangelischen Landeskirchen und die katholischen Bistümer Aachen, Essen, Münster und Paderborn vereinbart, wegen der rückläufigen Zahl von christlichen Schülern ab dem Schuljahr 2018/19 konfessionell-kooperativen Religionsunterricht anzubieten. Ein regelmäßiger Wechsel zwischen katholischen und evangelischen Fachlehrern soll dabei gewährleisten, dass die Schüler beide konfessionellen Perspektiven kennenlernen. Das Erzbistum Köln steht dem Modell kritisch gegenüber und beteiligt sich nicht.

Schüler können die Konfessionen besser vergleichen

Gabriele Klingberg sieht die Entwicklung zur konfessionellen Kooperation positiv. Sie leitete zusammen mit Dominik Blum vom Deutschen Katecheten-Verein eine Arbeitsgruppe des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken zur Zukunft des Religionsunterrichts. Dabei entstand ein Positionspapier, das – ähnlich wie die Bischöfe – einen konfessionell-kooperativen Unterricht stützt. „Ich glaube, dass es für Schülerinnen und Schüler wichtig ist, im direkten Vergleich die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Konfessionen kennenzulernen. 

Die wissenschaftliche Auswertung dieses Modells in Baden-Württemberg zeigt, dass die Schülerinnen und Schüler in dem Kooperationsmodell nochmals eine Menge mehr über die eigene Konfession erfahren. Der Religionspädagogik Albert Biesinger ist schon lange davon überzeugt, dass die Zukunft des Religionsunterrichts in einer Kooperation der Konfessionen liegt. Er hat die Rolle der Konfessionen erforscht und herausgefunden, dass für Grundschüler das Thema „Konfession“ spannend sein kann. Der inzwischen emeritierte Professor erinnert sich an die neugierige Frage evangelischer Grundschüler beim Besuch in einer katholischen Kirche: „Was ist denn das für eine Mama da vorne?“, wollten sie wissen, denn sie kannten Maria aus ihrer Kirche nicht. Prompt kam beim Gegenbesuch die Frage: „Hat bei euch der Jesus keine Mama?“ So lernten die Kinder schon im Gespräch miteinander viel über die eigene Konfession. 

Autorin: Anne Granda
aus: KDFB Engagiert 5/2018

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