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Reisen in die Erinnerung

Titel KDFB Engagiert 7/2018
Christa Merkle, Foto: privat

Es gibt Orte, die Erinnerungen lebendig werden lassen: die Villa, in der das eigene Kinderbett stand, die Sprachenschule, in der man einst gelernt hat, der Friseurladen, in dem man der großen Liebe begegnet ist. Wer diese Orte wieder besucht, erlebt Freude und Schmerz zugleich. Fünf Frauen berichten, was es für sie bedeutet, auf Reisen der eigenen Lebensgeschichte zu begegnen.

Ostersonntag, 1. April 1945 – dieses Datum hat sich in Christa Merkles Gedächtnis eingebrannt. Noch heute kann sie den Ab­lauf des Tages detailgenau erzählen. An diesem Tag musste sie als Zwölfjährige mit ihrer Familie das Haus ihrer Kindheit verlassen. 

Morgens um sechs Uhr läutete es Sturm.

"Draußen standen zwei Männer in Uniform und befahlen meiner Mutter, bis zwölf Uhr alles zusammenzupacken. Wir würden abgeholt werden, um uns vor den Russen in Sicherheit zu bringen“, erzählt die 85-Jährige aus Gauting bei München. Der Vater war an der Front, und ihre Mutter weigerte sich, den Anweisungen der Uniformierten Folge zu leisten. „Aber meine Schwester Gisela und ich wollten unbedingt weg. Wir hatten Angst, denn wir hatten zu viele furchtbare Dinge gehört. Zum Glück setzten wir uns durch. Wir wären sonst womöglich tot!“

Drei Tage im Bombenhagel

Mittags wird die Mutter samt der sieben Kinder mit einem Lastwagen abgeholt und zum Bahnhof gebracht. Von dort geht es mit dem Zug weiter. „Wir waren drei furchtbare Tage mit Bombenangriffen, Schießereien und Tieffliegeralarm in diesem Zug unterwegs“, erzählt Christa Merkle. In St. Johann in Tirol muss die Familie aussteigen, weil die Mutter einen Nervenzusammenbruch erleidet. Christa Merkle kommt mit den großen Geschwistern auf eine Alm, die Mutter bleibt mit den Kleinen, die an Lungenentzündung erkrankt sind, im Tal. Die Flucht endet erst im September 1945, als die Familie bei der Oma in Gladbeck ankommt.

Wien – ein Kindheitstraum

Seit damals hat Christa Merkle ihr geliebtes Kindheitshaus, eine Biedermeier-Villa in der Artariastraße im Wiener Stadtteil Neuwaldegg, dreimal besucht. „Dieses Haus bleibt im Herzen immer meines, auch wenn ich dort seit 73 Jahren nicht mehr lebe. Nun gehe ich geistig darin spazieren. Ich weiß noch genau, wo mein Bett und meine Kinderbücher standen“, erinnert sie sich. Erstmals sieht sie das Haus nach dem Krieg 1956 mit ihrer Mutter wieder. Nachdem die Villa jahrelang leer gestanden hat, hatte sie die Schauspielerin Brigitte Horney gekauft. „Ihre Mutter beaufsichtigte gerade die Renovierungsarbeiten. Das war unser großes Glück! Sie erlaubte uns hereinzukommen. Wir standen plötzlich wieder in unserem alten Esszimmer. Aber aus unserer Zeit war nichts mehr da, nur eine messinggefasste Glasplatte im Bad. Nach unserem Besuch waren meine Mutter und ich fassungslos. Wir hatten beide einen Schock!“ 

Danach besuchen sie den kleinen Lebensmittelladen in der Straße und werden von der Ladenbesitzerin sofort wiedererkannt. „Sie erzählte uns, dass kurz nach unserer Flucht unser Haus von den Nachbarn geplündert wurde. Am dritten Tag kamen abends die Russen und wüteten in der Straße.“ 

Voller Sehnsucht über den Zaun blicken

Bei ihren folgenden Wien-Besuchen in den Jahren 1976 und 2014 öffnet Christa Merkle niemand mehr die Tür: „Dann steht man da am Zaun, und es kommt eine solche Wehmut auf. So vieles fiel mir wieder ein. Heute macht es mich traurig, dass ich meiner Mutter nie gesagt habe, wie mutig und stark sie war.“

Autorin: Karin Schott
aus: KDFB Engagiert 7/2018

 

 

 

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