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Ohne sie wäre ich in der Fabrik gelandet

Regina Mendel bei ihrer Einschulung Foto: privat

Regina Mendel, 67, aus Bellheim ist stellvertretende KDFB-Diözesanvorsitzende in Speyer. Ohne den Einsatz ihrer Lehrerin hätte sie keine Ausbildung machen dürfen.

Meine Klassenlehrerin von der 5. bis zur 9. Klasse war noch sehr jung. Sie kam gerade von der Hochschule und absolvierte ihr Anerkennungsjahr bei uns. Sie war sehr zugewandt und begegnete uns auf Augenhöhe. Ich hatte ein ganz besonderes Verhältnis zu ihr, weil sie mir oft privat geholfen hat. Ich war sieben, als mein Vater starb, und das jüngste von vier Kindern. Meine Mutter war also alleinerziehend. Kurz zuvor hatten meine Eltern ein Haus gekauft. Nun waren wir Kinder auf uns gestellt, weil meine Mutter Geld verdienen musste. Ich hätte eigentlich gleich nach der Schule in die Fabrik gehen sollen, um mitzuverdienen. Aber meine Lehrerin sagte: „Du musst eine Ausbildung machen, du kannst das.“ Sie war sicher sechs- bis siebenmal bei uns zu Hause, bis meine Mutter schließlich einwilligte. Auch die Ausbildungsstelle bei einer Apotheke im Nachbarort vermittelte sie mir.


„Nach der ersten Unterrichtsstunde wusste sie, wie es jedem Kind ging“


Ihre Art, den Unterricht zu führen, war sehr modern. Wir mussten uns nicht melden. Sie hielt freien Unterricht, obwohl wir etwa vierzig Kinder in der Klasse waren. So sagte sie auch vor ihrer Prüfung: „Ihr könnt das ohne melden, nehmt einfach Rücksicht aufeinander und redet euch nicht gegenseitig rein!“ Wir haben uns sehr angestrengt, und sie war sehr stolz auf uns. Ich erlebte sie als sehr feinfühlig. Spätestens nach der ersten Unterrichtsstunde wusste sie bei jedem Kind, wie es ihm an diesem Tag ging. Mein Selbstvertrauen habe ich ihr zu verdanken. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie einmal verärgert gewesen wäre. Wenn jemand sich daneben benommen hat, begegnete sie dem mit einem kurzen „So bist du eigentlich gar nicht“. Ich habe mir davon viel für die Erziehung meiner drei Töchter abgeschaut. Es bringt nichts, Kinder zu beschimpfen, wenn etwas passiert ist. Man muss nach vorne schauen. 

 

Über den Tellerrand geschaut: in klassische Musik eingeführt

 

Näher gebracht hat sie uns auch die klassische Musik. Das kannte man auf dem Dorf gar nicht so damals. Ich höre diese heute noch gerne. Die anderen Klassen streiften am Ausflugstag durch den Wald, sie fuhr mit uns nach Karlsruhe ins Musical. Das musste sie den Eltern zur damaligen Zeit erst mal vermitteln... 

Später zog meine Lehrerin nach Minden, aber ich hatte immer mal wieder lose Kontakt zu ihr. Im letzten Jahr hatte ich schließlich das Gefühl: Jetzt wird es Zeit für ein Wiedersehen. Ich bin mit meinem Mann nach Minden gefahren und habe sie besucht. Das war ein sehr emotionaler Moment!

 

Autorin: Claudia Klement-Rückel
aus: KDFB engagiert 11/2019

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