KDFB

Neustart ins Leben

Mit seiner Spendenaktion 2018 will der Frauenbund Missbrauchsopfern in Albanien helfen. Foto: una.knipsolina/photocasting

Viele Mädchen und Frauen in Albanien werden Opfer von Menschenhandel, sexuellem Missbrauch und häuslicher Gewalt. Der KDFB hilft ihnen mit seiner Spendenaktion 2018, ein neues Leben zu beginnen.

Mirela ist erst 19, aber sie hat schon in viele Abgründe geblickt – als misshandeltes Kind und als jugendliche Zwangsprostituierte in Albanien. „Dem Tod war ich oft schon so nahe, dass ich keine Angst mehr hatte zu sterben. Zuhälter haben mich mit Benzin übergossen, sie haben mich mit einer Pistole bedroht, um mich daran zu erinnern, wer der Boss ist. Sie haben mich außerdem so sehr geschlagen, dass ich keinen Schmerz mehr fühlen konnte“, erzählt die junge Albanerin. „Es war die Liebe zu meinem Leben, die mich dazu brachte, immer wieder aufzustehen. Für mich selbst habe ich zigmal den Satz wiederholt: Ich werde nicht hier sterben und nicht auf diese Weise!“

Mirelas Qualen hatten erst ein Ende, als sie die Polizei vor zwei Jahren während einer Razzia in einem Stundenhotel entdeckte. Da war sie gerade 17 Jahre alt. Bei der Polizei erzählt sie von ihrem Leidensweg: dass ihr gewalttätiger Vater im Gefängnis sitzt und ihre Großeltern die Mutter nach der Scheidung neu verheirateten. Sie erzählt von ihrem Onkel, der sie missbrauchte und vor dem sie geflohen war.

„Ich dachte, sie wäre ein guter Mensch“

Gleich am ersten Tag ihrer Flucht hatte sie eine freundliche Frau kennengelernt: „Sie wollte mir helfen. Ich wusste ja nicht wohin und hatte auch kein Geld. Sie nahm mich mit zu sich nach Hause. Ich dachte, sie wäre ein guter Mensch, aber da lag ich falsch. Sie und ihre Freunde zwangen mich mit Gewalt und Drohungen, als Prostituierte zu arbeiten.“

Da sie bei ihrer Befreiung der Polizei genaue Angaben zu ihren Peinigern machte, konnten diese verhaftet werden. Mirela wurde zur Hilfsorganisation „Different and Equal“ (D&E) gebracht, die sie heute als ihren Rettungsanker bezeichnet.

Inzwischen lebt die junge Frau in einer Schutzwohnung der Organisation in der albanischen Hauptstadt Tirana. Nach einer Ausbildung hat Mirela nun angefangen, als Köchin zu arbeiten: „Ich bin zurück im Leben! Ich bin so froh, dass ich das alles überlebt habe! Durch ,Different and Equal‘ habe ich wieder Hoffnung auf eine bessere Zukunft bekommen.“

Mirelas Geschichte ist in Albanien kein Einzelschicksal. Die Mittelmeerrepublik zählt zu den ärmsten Staaten Europas und gilt als einer der Brennpunkte für Menschenhandel. Die meisten betroffenen Mädchen und Frauen werden zur Prostitution im Inland gezwungen. Einige werden auch mit falschen Versprechungen in andere Staaten gelockt. Nachdem ihnen die Zuhälter die Pässe weggenommen haben, sind sie diesen hilflos ausgeliefert.

Eine erzwungene Ehe

Auf dem Land oder in den Armenvierteln der Städte schicken manche albanische Eltern ihre Kinder aus Not zum Betteln oder versuchen, ihre Töchter möglichst früh zu verheiraten. Doch nicht jeder Ehemann meint es gut.

Ela war erst 15 Jahre alt, als ihre Familie sie zwang, einen deutlich älteren Mann zu heiraten. „Es war eine Ehe ohne Liebe und mit viel Gewalt. Mein Mann schlug mich bei jeder kleinsten Unstimmigkeit. Ich verlor jegliche Lebensfreude und wurde schwer depressiv. Als ich eine Tochter bekam, konnte ich ihr nur mit Traurigkeit begegnen“, erzählt die heute 22-Jährige, die bei D&E als Opfer häuslicher Gewalt Hilfe fand und inzwischen als Näherin in einer Fabrik arbeitet. Drei Jahre lang erhielt Ela psychologische und finanzielle Unterstützung durch die Organisation, um all das Schreckliche, das ihr zugestoßen war, zu verarbeiten: „Während dieser Zeit lernte ich, meiner Tochter eine gute Mutter zu werden. Heute freue ich mich, noch am Leben zu sein. Ich versuche jeden einzelnen Tag und die Kindheit meiner Tochter zu genießen. Das hätte ich mir während meines Martyriums nie vorstellen können.“

Wieder an sich glauben lernen

KDFB-Vizepräsidentin Sabine Slawik hat „Different and Equal“ in Tirana bereits zweimal besucht und ist erschüttert von den Schicksalen der Menschenhandelsopfer: „Was sie ertragen mussten, ist schrecklich! Deshalb hoffe ich, dass viele KDFB-Frauen unsere diesjährige Spendenaktion unterstützen, damit die betroffenen Mädchen und Frauen wieder an sich glauben, etwas Neues wagen und bessere Perspektiven für die Zukunft finden.“

Das erste Mal kam Sabine Slawik auf Einladung von Renovabis mit der albanischen Organisation in Kontakt. Als Sabine Slawik an Studientagen zum Thema Menschenhandel, ausgerichtet von der Europäischen Allianz katholischer Frauenverbände Andante, teilnimmt, besucht sie gemeinsam mit anderen KDFB-Frauen erneut die Hilfsorganisation.

Schon mehreren Hunderten Opfern von Missbrauch, Menschenhandel, häuslicher Gewalt und Ausbeutung konnte die Non-Profit-Organisation seit ihrer Gründung 2004 helfen. 2017 waren es allein 221 Mädchen, Frauen und deren Kinder, die von einem 25-köpfigen Team aus verschiedenen Fachrichtungen betreut wurden.

„Wir verhelfen den Opfern nicht nur zu einem neuen Leben, sondern versuchen, auch mit Kampagnen und Aktionen für die Konsequenzen des Menschenhandels Bewusstsein in der Gesellschaft zu schaffen“, erklärt Mariana Meshi, die geschäftsführende D&E-Direktorin. Der Name der Organisation steht für die Ziele, die sie vertritt: „Different“, zu Deutsch verschieden, weist darauf hin, dass sie sich für eine Gesellschaft einsetzt, in der die Rechte aller Menschen respektiert werden, und „Equal“, zu Deutsch gleich, dass die Möglichkeiten gleich verteilt sein sollen.

Auch wenn Mariana Meshi die Organisation schon seit 14 Jahren leitet, ist es für sie immer noch schwer, die Leidensgeschichten zu hören. „Aber es ist eine sehr erfüllende Aufgabe, zu sehen wie Menschen nach solchen traumatischen Ereignissen ihr Gleichgewicht wiederfinden und unabhängig leben können“, sagt sie.

Hilfe in drei Schritten

Die Hilfen für Mädchen und Frauen erfolgen in drei Phasen. Am Anfang stehen medizinische Erstversorgung, psychologische Krisenintervention, Essen, Kleidung und Unterkunft im Mittelpunkt. In einem zweiten Schritt wird ein teilweise selbstständiges Leben gefördert. Dazu gehören der Umzug in ein geschütztes Wohnprojekt und die Unterstützung beim Schulabschluss oder bei der Arbeitssuche. Angeboten werden auch Sprach- und Musikunterricht sowie Selbstverteidigungskurse. Einzelgespräche mit PsychologInnen, Kunst- und Gruppentherapien sollen helfen, die schlimmen Erlebnisse zu verarbeiten. In der letzten Phase steht, wenn überhaupt möglich, die soziale Eingliederung in die erweiterte Familie an. Außerdem wird für die Frauen aus Zeugenschutzgründen ein anderer Wohnort gewählt und der Kontakt zu den dortigen Sozialstationen aufgebaut. Die D&E-Schützlinge bleiben in regelmäßigem Kontakt mit der Hilfsorganisation.

Eine nachhaltige Wiedereingliederung in die Gesellschaft ohne Rückfall in das alte Leben ist das Ziel von D&E. „Da die Reintegration und Heilung der Verwundungen, die diese Frauen in ihrer Zeit als Opfer des Menschenhandels in der Sexindustrie erlitten haben, jedoch langwierig sind, benötigen sie oft sehr lang unsere Unterstützung“, erklärt Sozialarbeiterin Meshi. Um das leisten zu können, ist die Hilfsorganisation dringend auf Förder- und Spendengelder angewiesen.

Kinder stärken als wirkungsvolle Prävention

Die Prävention und Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung sind für D&E weitere drängende Aufgaben. In Workshops wird zum Beispiel medizinisches Personal sensibilisiert, um Opfer von Menschenhandel zu erkennen und zu unterstützen. Zudem wurden Extra-Programme für Kinder entwickelt, um deren Widerstandskraft zu stärken. „Denn die Erfahrungen zeigen, dass man mit der Präventionsarbeit gar nicht früh genug beginnen kann. Diese Programme finden in den Schulen statt, in der großen Hoffnung, dass Kinder und Jugendliche nicht mehr Verbrechern in die Arme laufen und deren falschen Versprechungen Glauben schenken. Sie lernen auch, Missbrauch zu erkennen und wo sie Hilfe finden können“, so Meshi, die sich in KDFB-Frau Slawiks Augen durch einen kämpferischen Geist und unermüdliches Engagement auszeichnet.  

In Albanien gibt es kaum staatliche Unterstützung für von Gewalt betroffene Mädchen und Frauen. „Ohne die Arbeit zahlreicher katholischer Orden und die finanzielle Förderung von zivilen Projekten wie bei ,Different and Equal‘ wäre es noch viel aussichtsloser“, erklärt Slawik.

„Ich bin kein Opfer mehr, ich bin jetzt eine Frau!“

Die KDFB-Vizepräsidentin ist fassungslos, wie wenig Mädchen in einem patriarchalisch geprägten Land wie Albanien wert sind, welche Gewalt und welches Leid sie erfahren und wie sehr sie physisch und psychisch verletzt werden. „Deswegen ziehe ich den Hut vor ,Different and Equal‘, da hier auch versucht wird, Jungen und Männer mit Kampagnen zu erreichen und sie zum Umdenken zu bewegen.“

Durch die umfassende Hilfe von D&E konnte Mirela ein neues Leben beginnen. Verschiedene Therapieansätze unterstützen sie dabei, sich behutsam mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Aber der Mut, den Kontakt zu ihrer Mutter herzustellen, fehlt ihr noch: „Mein Vater hatte mir als Kind den Umgang mit ihr verboten. Inzwischen habe ich erfahren, wo meine Mutter mit ihrer neuen Familie lebt. Ich traue mich aber noch nicht, mich bei ihr zu melden.“ Doch Mirela hat bei D&E auch gelernt, Geduld mit sich zu haben, und hofft, irgendwann auch diesen Schritt zu schaffen.

Am wichtigsten in ihrem neuen Leben ist für Mirela, das Gefühl, dank der Unterstützung von D&E ihre Würde wiedergefunden zu haben. Stolz sagt sie: „Ich bin kein Opfer mehr, ich bin jetzt eine Frau!“

Autorin: Karin Schott
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 10/2018

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