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Konzentration lässt sich lernen

Ob beim Unterricht oder bei den Hausaufgaben: Vielen Schülern fällt es heute schwer, ihre Aufmerksamkeit zu bündeln. Eine Expertin verrät, was helfen kann.

Ein ganz normaler Tag in einem deutschen Klassenzimmer. Zwar sind die Smartphones ausgeschaltet, trotzdem folgen einige der Schüler nicht dem Unterricht. Heimlich schreiben sie die Hausaufgabe für die kommende Stunde ab, verlieren sich in Gedanken oder rutschen unruhig auf ihren Stühlen herum. Andere hören dem Lehrer nur halb zu, und wenn ihnen zum Unterrichtsstoff etwas einfällt, flüstern sie es dem Nachbarn ins Ohr – nach vorne, nach hinten, links und rechts breitet sich dann eine wellenartige Unruhe aus, die für noch mehr Ablenkung sorgt.

„Den Zappelphilipp oder den Hans-Guck-in-die-Luft gibt es schon lange, in den letzten Jahren fällt aber auf, dass unruhige, unkonzentrierte Schüler mehr werden“, sagt Dagmar Neubig-Reichensperger, Beratungslehrerin der staatlichen Schulberatung in München. Schüler, die sich nicht konzentrieren können, gebe es mittlerweile in allen Klassen und in allen Klassenstufen, sagt die Lehrerin, die seit 1990 an einer Realschule Deutsch und Sport unterrichtet. Einige Schüler haben sich sogar mit dieser Schwäche schlicht abgefunden. „Jeder weiß doch, dass ich nicht still sitzen kann, das ist halt so, man muss Geduld mit mir haben“, hört Neubig-Reichensperger immer wieder.

Gedanklich bei einer Sache zu bleiben, das strengt an.

Um sich innerlich zu sammeln und auf ein Thema auszurichten, muss das Gehirn andere Reize ausblenden – einem Lichtkegel im Theater ähnlich, der eine bestimmte Szene beleuchtet, während alles Übrige im Dunkeln versinkt. Die Fähigkeit, sich zu konzentrieren, ist dem Menschen nicht angeboren, sie wird erst im Laufe des Lebens erlernt. Während ein Erwachsener 45 bis 90 Minuten lang seine Aufmerksamkeit zähmen kann, schaffen es Kinder längst nicht so lang. Das weiß Dagmar Neubig-Reichensperger und sorgt rechtzeitig für Abwechslung, wenn sie den Unterricht gestaltet. Konzentrationsspiele gehören dazu, denn Aufmerksamkeit lässt sich trainieren, wie ein Muskel.   

Das wird zunehmend notwendig in einer Welt, die zu viele Reize und Impulse bietet. Dazu noch solche, die es vor einigen Jahren noch gar nicht gab. Die digitalisierte Welt mit ihrer bunten, schier unendlichen Vielfalt zerstückelt die Aufmerksamkeit tausendfach. Und nährt dabei das bange Gefühl, etwas zu verpassen. So erlebt es die 13-jährige Mia, die mit ihrem Handy pausenlos online ist. Was tut sie da? Mit Freunden chatten, Selfies hochladen, Videos teilen, auf Likes warten und selbst liken. Ob Instagram, Facebook oder WhatsApp, Mia ist dabei, schaltet hin und her zwischen der echten und der virtuellen Welt, als ob sie untrennbar zusammengehörten. Mia ist keine Ausnahme. Wie sie besitzen hierzulande die meisten Kinder und Jugendlichen ab etwa zehn Jahren ein eigenes Smartphone und sind immer „on“. „Es ist ja der ganze Freundeskreis drin“, erklärt Mia.

Zu Hause kommen weitere Geräte hinzu: der Fernseher, die Spielekonsole, das Tablet, der PC. Nicht selten laufen mehrere nebeneinander. Wie können Schüler konzentriert für die nächste Schulaufgabe lernen, wenn ihre Aufmerksamkeit zwischen der Vorabendserie im Fernsehen und dem vibrierenden Smartphone hin und her hüpft? Nur nichts verpassen. Ein solches Verhalten wird nicht selten von den Eltern vorgelebt. Im Durchschnitt schaltet ein deutscher Smartphonebesitzer 88-mal pro Tag das Gerät an. Alle 18 Minuten wird eine Tätigkeit unterbrochen, um online zu sein, so eine Studie des Bonner „Menthal Balance“-Projekts.

„Wir leben mitten in einem Umbruch der Alltagskultur“, sagt Dagmar Neubig-Reichensperger. Das Leben ist superschnell und unübersichtlich geworden. Die globale Welt mit ihren Unwägbarkeiten, Möglichkeiten und Bedrohungen drängt sich ins Wohnzimmer und in die Hosentasche. Laut einer Bitcom-Studie halten sich Kinder und Jugendliche heute dreimal so häufig im Internet auf als noch vor drei Jahren.

Es hapert schon am Wortschatz der Schüler

Deutschlehrerin Neubig-Reichensperger beobachtet, dass der Wortschatz der Schüler schmäler geworden ist. Denn wer sich überwiegend per WhatsApp mit anderen unterhält, der kommt mit Einwortsätzen aus. Es wird auch seltener zu Hause gelesen: „Die Fünftklässler kennen keine Märchen mehr, ob Aschenputtel oder Dornröschen. In den uralten Geschichten aber steckt Wortschatz drin. Was auch immer wir in der Schule lesen, zehn Prozent der Wörter muss ich erklären“, sagt sie. Wissenschaftler sind sich einig, dass Lesen von Büchern die Konzentration steigert. Und Vorlesen schult die Fähigkeit, aufmerksam zuzuhören. Neubig-Reichensperger erzählt, wie sie neulich mit einem Zweijährigen ein Bilderbuch angeschaut hat. Doch der Kleine konnte nicht umblättern, er wollte wischen!

Eltern, die zu Dagmar Neubig-Reichensperger in die Schulberatung kommen, sind meist wegen der schlechten Noten des Kindes besorgt. Im Gespräch stellt sich dann häufig ein Konzentrationsproblem heraus. Zu den Ursachen kann Stress gehören – nicht nur der digitale, sondern zum Beispiel solcher, der durch die Wahl einer ungeeigneten weiterführenden Schule entsteht. Wird ein Kind mit viel Nachhilfeunterricht aufs Gymnasium durchgeboxt, kann es am Ende überfordert sein. Die Furcht zu versagen beeinträchtigt die Konzentrationsfähigkeit, ein Teufelskreis entsteht. Aus Erfahrung weiß Neubig-Reichensperger: „Die fröhlichsten Schüler sind diejenigen, die Erfolg haben und dafür auch gelobt werden. Dann können sie sich auch besser konzentrieren.“

Autorin: Maria Sileny
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 11/2018

 

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