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Interview: Die eigenen Bedürfnisse ernstnehmen

Nur wer sich Zeit für sich selbst nimmt, kann auch anderen etwas geben. Foto: f1online/Cultura Creative

Luise Reddemann (77) ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutin. Sie wurde in Aalen geboren und setzt sich seit Jahren für eine frauengerechte Psychotherapie ein. Derzeit ist Reddemann Honorarprofessorin für Psychotraumatologie und psychologische Medizin an der Universität im österreichischen Klagenfurt. Sie hat zahlreiche Bücher veröffentlicht.

 

Was verstehen Sie unter Selbstfürsorge?

 

Ich verstehe darunter einen liebevollen, wertschätzenden, achtsamen und mit­fühlenden Umgang mit mir selbst und das Ernstnehmen meiner Bedürfnisse.

Wir können auf fünf Ebenen Selbstfürsorge ausüben:

  • Körperlich, indem wir uns um unsere Gesundheit kümmern.
  • Emotional, indem wir auf unser Gefühlsleben achten, Gefühle wahrnehmen und aussprechen und uns Zeit für uns selbst nehmen.
  • Intellektuell, indem wir uns mit uns selbst auseinandersetzen, über uns und das Leben nachdenken, Glaubenssätze überprüfen, uns selbst loben und den inneren Kritiker identifizieren. Außerdem unseren Geist für Neues öffnen und unsere Persönlichkeit weiterentwickeln.
  • Sozial, indem wir uns mit Menschen umgeben, die uns guttun, Konflikte ansprechen und sie aus dem Weg räumen, für uns selbst einstehen und uns anderen Menschen in unserer Persönlichkeit zeigen.
  • Spirituell, indem wir nach unseren eigenen Werten leben, Dankbarkeit und Bescheidenheit üben und Hoffnung und Vertrauen pflegen.

 

Warum ist gerade für Frauen das Thema Selbstfürsorge so wichtig?

 

Es ist genau genommen für jeden Menschen wichtig. Für Frauen vor allem deshalb, weil sie meist diejenigen sind, die für andere da sind, und dann oft die Gefahr besteht, dass sie sich selbst vergessen. Frauen müssen lernen, eine Balance zu finden zwischen der Sorge für andere – was ja wunderbar ist, dass wir das wollen und tun – und der Sorge für sich selbst.

 

Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe, warum sich Frauen leichter tun, sich um andere zu kümmern als um sich selbst?

 

Ich gehe davon aus, dass das in der frühen Prägung begründet ist. Nicht zuletzt auch in der Identifikation mit mütterlichen Bezugspersonen, die ja immer noch häufiger für kleine Kinder da sind als Männer. Gesellschaftliche Erwartungen und Rollenbilder spielen sicher auch herein. Der so einfache und einleuchtende Satz „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ ist vielen eher als „Liebe deinen Nächsten“ bekannt. Vielleicht noch dies: Ob Frauen sich wirklich leichter tun? Mir kommt es oft so vor, als gehe es um stark verinnerlichte Gebote im Sinn von „Nimm dich nicht so wichtig“, und das wird wiederum Frauen zum Beispiel mit schlechterer Bezahlung immer noch vermittelt. Es ist nicht leicht, sich von all diesen Prägungen zu befreien. Ich möchte aber betonen, dass Frauen auch stolz sein sollten auf alles, was sie an Zuwendung geben.

           

Zum Weiterlesen

Luise Reddemann: Überlebenskunst. Von Johann Sebastian Bach lernen und Selbstheilungskräfte entwickeln.
Klett-Cotta, 2016, 20 Euro.

 

Interview: Karin Schott
aus: KDFB engagiert 12/20

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