KDFB

Ihr habt die Wahl

Seit 100 Jahren dürfen Frauen wählen. Ein Recht, das ihnen erst nach jahrzehntelangem Kampf gewährt wurde. Weibliche Wähler sind aufgerufen, ihre Möglichkeiten politischer Teilhabe zu nutzen – zum Beispiel bei den anstehenden Landtagswahlen in Hessen und Bayern.

Im Freistaat stellen sich am 14. Oktober 2018 viele KDFB-Frauen zur Wahl. Es ist ein eindrucksvolles Bild, wie Frauen am 19. Januar 1919 – mitten im kalten Nachkriegswinter – in langen Schlangen vor den Wahllokalen stehen, um zum ersten Mal ihre Stimme zur Wahl des Deutschen Nationalparlaments abzugeben. Die Wahlbeteiligung war enorm: 17,7 Millionen Frauen waren zur Wahl aufgerufen, über 82 Prozent beteiligten sich. Sie haben lange für dieses Recht kämpfen müssen – genau 70 Jahre. Denn die ersten Forderungen nach einem Wahlrecht für Frauen begannen bereits in der Märzrevolution 1848/49. Erst Ende 1918 war es endlich so weit. Am 9. November verkündete Reichskanzler Max von Baden, dass Kaiser Wilhelm II. auf seinen Thron verzichten werde und läutete somit das Ende der Monarchie und den Übergang zur Weimarer Republik ein. Am 12. November beschloss der zwei Tage zuvor gegründete Rat der Volksbeauftragten „Alle Wahlen zu öffentlichen Körperschaften sind fortan nach dem gleichen, geheimen, direkten, allgemeinen Wahlrecht ... für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen zu vollziehen.“

Frauen sind in politischen Ämtern längst noch nicht gleichberechtigt vertreten

Und was machen Frauen heute daraus? „Viel zu wenig“, sagt die Journalistin Tina Groll von Zeit online. „Das zeigt sich an der Wahlbeteiligung der Frauen einerseits. Und an dem Frauenanteil in den politischen Parteien und Gewerkschaften sowie dem Anteil der Frauen, die ein politisches Amt innehaben, andererseits. In all diesen Bereichen ist es Frauen bis heute nicht gelungen, gleichberechtigt vertreten zu sein.“ Die Zahlen sprechen für sich. Im Oktober stehen die Landtagswahlen in Bayern und in Hessen an. Bei der letzten Landtagswahl in Bayern im Jahr 2013 sind 36,2 Prozent der Frauen nicht zur Wahl gegangen. In Hessen waren es 27,7 Prozent. Bei der Bundestagswahl, die gerade ein Jahr zurückliegt, gehörten 24 Prozent der Frauen zu den Nichtwählern. Die Gründe sind unterschiedlich: Parteien- und Politikverdrossenheit, Unzufriedenheit mit dem politischen System oder ganz einfach Desinteresse. „Ich kann ja doch nichts ändern!“ oder „Die da oben machen ja eh, was sie wollen“ sind gängige Begründungen. Dabei unterscheiden sich Frauen inzwischen kaum mehr von den Männern. Die Wahlbeteiligung ist annähernd gleich.

Oft fehlt Frauen die Zeit für die politische Ochsentour

Und von der Parität in politischen Ämtern sind wir noch weit entfernt. Dass über 50 Prozent der Wahlberechtigten Frauen sind, spiegelt sich in der Besetzung politischer Ämter oder in der Zusammensetzung der Parteien nicht wider. Im Deutschen Bundestag ist der Anteil von Frauen von 37,1 auf 30,9 Prozent gesunken. Ebenso in den meisten Landtagen. In Stadt- und Landräten sind 25 Prozent Frauen vertreten, bei den (Ober-)Bürgermeistern sind es nur 9,6 Prozent. In allen Parteien ist der Frauenanteil deutlich geringer. Für Tina Groll ist das ein strukturelles Problem. „Um sich politisch zu engagieren, braucht man Zeit – die fehlt aber gerade jüngeren Frauen in der Familienphase.“ Hinzu komme eine männlich geprägte Kultur in den Parteien: „Die informellen Bierrunden am späten Abend gehören ebenso dazu wie oft lange Sitzungen und eine Diskussionskultur, die oftmals nicht nur dem Austausch von politischen Argumenten dient, sondern auch eine soziale Bühnenfunktion innehat, in der der Stärkere den Schwächeren niedermacht und Konkurrenz und Wettkampf im Fokus stehen.“

Leicht hatten es Frauen mit der Politik nie 

Bis es vor einem Jahrhundert soweit war, dass Frauen wählen durften, mussten sie sich in zähem Ringen gegen viele Widerstände und Vorurteile durchsetzen. Auch in den eigenen Reihen. Denn die unterschiedlichen Strömungen der Frauenbewegung waren sich keineswegs einig. Während sich die sozialistische Frauenbewegung für ein uneingeschränktes allgemeines und freies Wahlrecht einsetzte, tendierte die bürgerliche Frauenbewegung eher zum Drei-Klassen-Wahlrecht, wie es in Preußen üblich war und das Wähler je nach Steuereinkommen in drei Klassen einteilte. Arme waren vom Wahlrecht ausgeschlossen. Konservative Frauenkreise sprachen sich ganz gegen die Einführung eines Frauenwahlrechts aus. Der Katholische Frauenbund hielt sich in all den Debatten zurück. Er forderte zwar bereits 1904 eine gründliche politische Bildung der Frauen und begann lange vor Einführung des Frauenstimmrechts mit staatsbürgerlicher Bildungsarbeit. Er berichtete auch in seiner Zeitschrift „Die christliche Frau“ über die Entwicklung der Frauenstimmrechtsfrage und ließ Vertreterinnen verschiedener Strömungen zu Wort kommen. Im Bundesvorstand aber war das Thema sehr umstritten. Während Helene Weber zum Beispiel seit 1911 Mitglied in einem der Frauenstimmrechtsvereine war, äußerten sich andere ablehnend. Die damalige Generalsekretärin Albertine Badenberg appellierte daraufhin im Oktober 1918 an die Vorstandsmitglieder, dass es verhängnisvoll sein würde, den richtigen Zeitpunkt zu verpassen. Die Folge werde sein, dass viele Frauen in andere Verbände abwandern würden. Darstellungen in der Öffentlichkeit, dass der Frauenbund gegen das Frauenstimmrecht sei, widersprach die damalige Präsidentin Hedwig Dransfeld jedoch vehement: „Der KDFB lehnt das Frauenstimmrecht weder grundsätzlich ab ... noch tritt er irgendwie in eine Propaganda für dies selbe ein ... Er erklärt vielmehr, dass er gegenüber dieser Frage zur Zeit unbedingte Neutralität zu wahren gedenkt, da er die gesamte Angelegenheit noch nicht für genügend reif erachtet, um in seinen Kreisen verhandelt zu werden.“ Diese Haltung des Frauenbundes hatte zum einen damit zu tun, dass der Geistliche Beirat sich strikt gegen jegliche politische Beteiligung von Frauen aussprach und die katholische Kirche dem Frauenbund sowieso kritisch gegenüberstand. Zum anderen wollten sich die Katholikinnen nicht den Forderungen der sozialistischen Frauenbewegung anschließen und mit ihnen gemeinsame Sache machen.

Der Frauenbund verteilte 8,5 Millionen Flugblätter

Doch kaum war das Frauenstimmrecht beschlossen, stieg der Frauenbund mit viel Engagement in die politische Arbeit ein. Er rief seine Mitglieder auf, sich an den Wahlen zu beteiligen. Die Vorbereitungszeit war extrem kurz, es blieben gerade einmal zwei Monate, um die Frauen zu motivieren und in den eigenen Reihen geeignete Kandidatinnen zu finden. Am 22. November 1918 lädt Hedwig Dransfeld alle katholischen Frauenorganisationen in die Kölner Bundeszentrale ein, um Leitsätze für die politische Willensbildung von Frauen zu besprechen. Es geht um Themen wie Außen- und Innenpolitik, Verfassung, Wirtschafts- und Sozialpolitik sowie Kulturpolitik. Welche Kraftanstrengung der Frauenbund unternahm, zeigt ein späterer Bericht von Hedwig Dransfeld auf dem ersten Parteitag der Zentrumspartei. Demnach hielt der Frauenbund 360 Kurse und 1.400 Veranstaltungen zur politischen Schulung von Frauen ab. Er lieferte 134 politische Artikel und Aufsätze an Tageszeitungen, verteilt 8,5 Millionen Flugblätter, die die Zweigvereine zum Teil auf eigene Kosten drucken ließen. Aus den Zweigvereinen wurden 7.700 Vertrauensfrauen für Wahlvorbereitungen bereitgestellt.

37 Frauenbundfrauen im Parlament

Am 19. Januar 1919 kandidierten schließlich 330 Frauen. 37 schafften den Einzug in das Parlament, dem insgesamt 423 Abgeordnete angehörten. Unter ihnen auch die Frauenbundfrauen Hedwig Dransfeld, Helene Weber und Marie Zettler, alle drei Mitglied der Deutschen Zentrumspartei, die sich als Vertreterin des politischen Katholizismus verstand.   Mit seinen Abgeordneten stärkte der Frauenbund sein politisches Engagement. „Ziel des Frauenbundes war jetzt die gezielte politische Einflussnahme im Sinne der katholischen Moral und Soziallehre“, so die Historikerin Annett Büttner. „Die Verbandsmitglieder sollten durch neue Rubriken in den Verbandsorganen über das parlamentarische Geschehen informiert werden. Im Reichstag wirkte Helene Weber als erklärte Vertreterin der katholischen Frauenbewegung auf die Gesetzgebung ein und unterrichtete in den verbandseigenen Publikationen die Mitglieder über die entsprechenden Themen. Als Vorsitzende des Reichsfrauenbeirates des Zentrums wollte Helene Weber ‚in engster Fühlungnahme mit dem Katholischen Deutschen Frauenbund arbeiten‘ und sie forderte die Vorsitzenden der Frauenbundkommissionen gezielt auf, Vorarbeiten und Wünsche für neue Gesetzgebungsverfahren vorzulegen.“

Wachsam bleiben! Frauen dürfen: nichts für selbstverständlich nehmen

Wofür Frauen vor 100 Jahren gekämpft haben, wofür die Gründerinnen des Frauenbundes sich eingesetzt haben – das sind keine Errungenschaften, auf denen Frauen sich heute ausruhen können. Im Gegenteil: Derzeit gibt es vor allem bei rechtspopulistischen Parteien Bestrebungen, Frauenförderung zurückzudrängen. Hier gilt es wachsam zu sein, so die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth in einem Interview:  „Die Sorge ist groß, weil es Frauen in der Führung der populistischen Parteien sind, die an der Spitze gerade auch Positionen vertreten wie: ‚Keine Frauenforschung mehr!‘, ‚Keine Frauenförderung mehr!‘ Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Frauen sich einfangen lassen und in altes Denken zurückfallen. Und da ist es doch unsere Aufgabe, ganz gleich, welcher Frauengeneration wir angehören, dass wir dem Motto folgen: Empört euch! Engagiert euch!“

 

MEHR ZUM FRAUENWAHLRECHT:

  • Internetportal www.100-jahre-frauenwahlrecht.de mit vielen Hintergrundinformationen, einem Aktionsleitfaden sowie einem Kalender mit Veranstaltungen, die bundesweit anlässlich des Jubiläums stattfinden.
  • Ausstellung Damenwahl! 100 Jahre Frauenwahlrecht, bis 20. Januar 2019 im Historischen Museum Frankfurt
  • Ausstellung Frauenwahlrecht – Jetzt erst recht. Aufbruch der Frauen in die Politik der Moderne: bis 30. Juni 2019 im Frauenmuseum in Bonn,

In beiden Ausstellungen sind auch Exponate aus dem Archiv des KDFB zu sehen. 

Autorin: Gabriele Klöckner
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 10/2018

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