KDFB

Ich will dir folgen

Für die Benediktinerin Philippa Rath passen Nachfolge Christi und gesellschaftliches Engagement gut zusammen. Foto: Abtei St. Hildegard, Rüdesheim-Eibingen

In den Fußspuren Jesu Christi zu gehen, hat nichts mit demütiger Frömmigkeit zu tun. Vielmehr heißt es: Stellung beziehen, Spannungen aushalten. Für die Benediktinerin Philippa Rath ist die innere Bekehrung entscheidend für ein wirkungsvolles gesellschaftliches Engagement.

 

„Ich will dir folgen, wohin du auch gehst!“ Ein Schriftgelehrter soll diesen Satz gesagt haben, vor etwa 2000 Jahren. Er sprach zu einem Wanderprediger, der im Norden Palästinas unterwegs war und Menschen mit seiner Botschaft vom Reich Gottes begeisterte – zu Jesus aus Nazareth. Ich will dir folgen: Die Evangelisten Matthäus und Lukas berichten von diesem Ausruf eines Unbekannten, aber auch von vielen anderen Menschen, die alles liegen ließen, um mit Jesus auf seinem Weg von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt in Galiläa mitzugehen.

 

Eine mitreißende Botschaft

 

Die Jünger Jesu nahmen schmerzhaften Verzicht auf sich: Sie verließen ihre Familien, ihr Zuhause, ihre gesicherte Existenz, um mit diesem besonderen Menschen zusammen zu sein, der sie zutiefst anrührte. Jesus aus Nazareth erzählte ihnen vom Reich Gottes, in dem Gerechtigkeit und Frieden herrschen. Was für eine mitreißende Botschaft! Damals war das jüdische Galiläa von den Römern besetzt, die Menschen waren der Gewalt der fremden Besatzungsmacht ausgeliefert. Armut war häufig ihr Schicksal, Krankheiten verbreiteten sich, es gab wenig Hoffnung auf eine Wende. Wie ein strahlendes Licht im Dunkeln muss der Wanderprediger Jesus auf seine Zuhörer*innen gewirkt haben. Er lehrte sie, Gott vertrauensvoll als Vater anzusprechen und zu ihm zu beten: „Dein Reich komme!“

Ein kraftvolles Gebet, das auch heutzutage täglich millionenfach den Globus umspannt. Neulich, als mitten in der Corona-Pandemie Christ*innen aller Konfessionen mit Papst Franziskus gemeinsam beteten, war es eben das Vaterunser, das in einem dramatischen Moment um die Welt ging.

Diese Welt bleibt – wie vor 2000 Jahren – voller Ungerechtigkeiten, Kriege, Gewalt, Korruption. Nicht anders als damals leben viele Menschen in Elend und Hunger, während andere ihren Reichtum verprassen. Und alle, ob arm oder reich, suchen nach Wegen aus Krankheit, Leid und Tod.

„Verlasse alles, folge mir nach!“ – Der Ruf Jesu hallt durch die Jahrtausende und hat bis heute nichts von seiner Lebendigkeit eingebüßt.

 

Benediktinische Lebensregel: der Liebe zu Christus nichts vorziehen

 

Die Ordensfrau Philippa Rath ist eine, die sich ansprechen ließ, in aller Radikalität. Vor 30 Jahren verpflichtete sie sich der Regel des heiligen Benedikt und lebt seitdem in der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim-Eibingen. Ähnlich wie die Jünger Jesu am See Genezareth verzichten auch die heutigen Benediktinerinnen auf Ehe und Besitz, denn sie wollen „der Liebe zu Christus nichts vorziehen“, wie es im vierten Kapitel der Lebensregel des Ordensgründers steht. Das ist Schwester Philippa besonders wichtig. Seit sie im Kloster lebt, widmet sie sich täglich mehrere Stunden dem Gebet, der Liturgie und der Betrachtung der Heiligen Schrift. Der Auftrag sei, „immer wieder in Beziehung mit Gott zu treten und aus dieser Beziehung heraus den Alltag zu gestalten“, erklärt sie. Die studierte Theologin und Politologin, ehemals Journalistin, setzte in ihrem Leben alles auf eine Karte: Sie entschied sich für die Nachfolge Christi. Das heißt, wie sie sagt, „in Jesu Fußspuren laufen und die Grundhaltungen seines Lebens, die in der Heiligen Schrift bezeugt sind, im eigenen Leben umsetzen“.

Jesus aus Nazareth war eine vielseitige und vielschichtige Persönlichkeit. Je nach der eigenen Lebenssituation, auch dem jeweiligen Lebensalter, mögen sich Christinnen und Christen zu dem einen oder anderen Wesenszug Jesu besonders hingezogen fühlen. Das weiß Schwester Philippa aus eigener Erfahrung. Einige Jahre war sie Seelsorgerin im Krankenhaus, kümmerte sich vor allem um Kranke und Sterbende. Da ging sie in den Fußspuren des heilenden Jesus. Derzeit, zurück in der Schwesterngemeinschaft, stehen das Gebet und ihre Arbeit für die Klosterstiftung Sankt Hildegard, für den Freundeskreis der Abtei und für die Öffentlichkeitsarbeit für sie an erster Stelle.

 

„Ein erstrittener Friede ist mir lieber als unaufrichtige Harmonie“

 

„Jesus hat sich immer wieder zurückgezogen, um zu beten, und schöpfte daraus die Kraft für sein öffentliches Wirken“, sagt Schwester Philippa. Die Bibel berichtet mehrfach davon, wie er zum Beispiel mit Schriftgelehrten über die Auslegung der Gesetze diskutierte. Durchaus politische Debatten waren das – mal ging es um Steuern, mal um die Einhaltung der Arbeitsruhe.

Die Benediktinerin ist auch „politisch“ engagiert, innerhalb der Kirche. Sie ist Delegierte im derzeit laufenden Prozess des Synodalen Weges und Mitglied im Forum „Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche“. Außerdem wirkt sie mit im Aufarbeitungsprozess der Diözese Limburg zur Missbrauchsstudie unter dem Titel „Betroffene hören – Missbrauch verhindern“.

Bei der in diesem Jahr abgesagten Frauenfriedenswallfahrt des Frauenbundes sollte Schwester Philippa zum Thema „Für den Frieden streiten“ sprechen. Der in diesem Titel enthaltene Widerspruch deute an, was Nachfolge Christi auch heiße, nämlich: „Stellung beziehen und Spannungen aushalten“, so die Ordensfrau. Ein süßlich-frommes Christentum ist ihr zu wenig. Sie erinnert an den zornigen Jesus, der Verkäufer aus dem Jerusalemer Tempel hinausjagte, Tische umstieß, die Geldwechsler und die Tiere mit einer Geißel aus Stricken vertrieb. „Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!“ (Joh 2,13-17).

 

Den eigenen Glauben gut zu kennen ist eine wichtige Voraussetzung

 

„Ein erstrittener Friede ist mir lieber als unaufrichtige Harmonie. Frieden setzt klare Positionen und ein Ringen um die Wahrheit voraus“, sagt Philippa Rath. So sei es ihrer Ansicht nach auch im Dialog mit den anderen Religionen ganz besonders wichtig, den eigenen Glauben und die eigenen Werte genau zu kennen. Erst dann könne frau/man überzeugt und überzeugend auftreten. Innerhalb der eigenen Kirche heiße das wiederum, für längst überfällige Reformen entschieden einzutreten. Etwa in Sachen Gleichberechtigung der Frauen. „Wir dürfen nicht zulassen, dass kirchliche Amtsträger zu wissen meinen, was das Wesen der Frau ist, und daraus den Zugang oder Nicht-Zugang zu bestimmten Ämtern ableiten“, sagt sie. Zugleich ist ihr aber wichtig, dass alle Beteiligten respektvoll miteinander umgehen, ohne Vorverurteilungen, ohne Selbstgerechtigkeit und vor allem ohne einander die Rechtgläubigkeit und die Liebe zur Kirche abzusprechen.

 

Tue ich das, was ich sage?

 

Philippa Rath plädiert dafür, sich im Reformprozess der Kirche auf die Anfänge des Christentums zurückzubesinnen: auf das Wirken Jesu und auf das Miteinander in den Urgemeinden. Jesus ging es vor allem darum, dass die Menschen sich bekehren. Innere Bekehrung, die Hinwendung zu Jesus Christus, sei auch heute eine entscheidende Voraussetzung für ein wirkungsvolles gesellschaftliches und politisches Engagement, ist die Benediktinerin überzeugt. Es geht darum, sich selbst auf die Schliche zu kommen, sich immer wieder selbstkritisch zu fragen: Tue ich das, was ich sage? Sage ich das, was ich denke? Es geht darum, glaubwürdig und authentisch zu sein – so wie Jesus es war – immer in Rückbindung an Gott. Um aus dieser Rückbindung heraus überzeugend zu handeln, reiche es nicht, sonntags den Gottesdienst zu besuchen. Vielmehr empfiehlt Schwester Philippa, sich täglich Zeit zu nehmen, um in der Heiligen Schrift zu lesen. „Wer Christus nachfolgen will, muss ihn wirklich kennenlernen, muss eine ganz persönliche Beziehung zu ihm aufbauen und diese pflegen wie eine innige Freundschaft.“ Es reiche nicht, eine Bibelstelle nur einmal zu lesen, nein: „Als Christin möchte ich mich jeden Tag neu ganz persönlich von Gott ansprechen lassen, nur so bleibt mein Glaube lebendig.“ Zu einer solchen Lebendigkeit gehörten übrigens durchaus auch Phasen der Dunkelheit und der Gottesferne, auch im Ordensleben gebe es diese. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“, rief Jesus am Kreuz. Auch er ging durch Zweifel und Dunkelheit hindurch. „Der geistliche Kampf ist ein wichtiger Baustein spirituellen Lebens. Wer sich dieser Herausforderung stellt und sie annimmt, der geht gestärkt, mit innerer Kraft und auch mit Freude daraus hervor“, weiß Schwester Philippa.

 

Eingefahrene Strukturen überprüfen – auch das kann für sie Bekehrung sein

 

Sich bekehren – das betreffe sowohl jede und jeden einzelnen Christen als auch die Institution Kirche als Ganzes. Aktuell bedeute dies für sie zum Beispiel, eingefahrene Strukturen auf ihre Tauglichkeit hin zu überprüfen, bereit zu sein, Traditionen zu hinterfragen, die inzwischen mehr einengen als helfen und in die Zukunft weisen. Im Synodalen Weg werde genau um diese Fragen gerungen. Das Neue Testament sei dafür eine unerschöpfliche Inspirationsquelle, meint Philippa Rath. Dringendes Anliegen sei ihr unter anderem, Dienste und Ämter neu zu sehen und neu zu denken, betont die Ordensfrau. „Das Priesteramt, wie wir es heute noch kennen, wird es in zwei Jahrzehnten so nicht mehr geben“, meint sie.

 

Aufbrüche im Hier und Jetzt: Frauengruppen treffen sich zu Wortgottesfeiern

 

An der Basis beobachtet sie bereits viele Neuaufbrüche: Frauengruppen zum Beispiel bildeten sich, die sich in Gemeinden oder auch in Hauskreisen zu Wortgottesfeiern, zu Andachten und Bibelkreisen träfen. „Die ersten Christengemeinden haben einst auch so begonnen“, sagt Philippa Rath. Wenn die Institution Kirche sich nicht bewege, dann bewegten sich die Christen, allen voran die Frauen. Vielleicht werde durch die Entwicklung, die wir derzeit erleben, der oft so lau gewordene Glaube wieder intensiver und lebendiger. Von dieser Hoffnung bewegt, appelliert die Benediktinerin: „Nehmen wir unseren christlichen Glauben wieder radikal ernst, und folgen wir so den Fußspuren Jesu!“

 

aus: KDFB engagiert 5/2020
Autorin: Maria Sileny