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Gutes tun in der Ferne

Weltwärts – so heißt der entwicklungspolitische Freiwilligendienst des Bundesentwicklungsministerium. Foto: BMZ

Immer mehr Jugendliche wollen im Ausland freiwillige Arbeit leisten. Kurzfristige Einsätze sind im Trend. Sie ermöglichen es jungen Menschen, ihr Fernweh zu stillen und gleichzeitig etwas Sinnvolles zu leisten. 


Am Anfang war die Sehnsucht nach Weite, nach Ferne, nach einem anderen Lebensgefühl. Da hatte Hanna Brecheisen noch im Turbo-Tempo auf das verkürzte G-8-Abitur hingearbeitet. Danach, das war ihr Ziel, wollte sie weg, die Welt kennenlernen, aber nicht etwa als Touristin. Sie wollte arbeiten, am liebsten mit Kindern, denn damals hat sie noch mit dem Gedanken gespielt, Lehrerin zu werden. Nach dem vielen Lernen sollte etwas Praktisches kommen. Nach der Enge der Schulbank winkte das Unbekannte. Sie dachte an Afrika.

Erst las sie Bücher über den Kontinent, die sie faszinierten, dann googelte sie viel. Bis sie auf die Homepage eines Kinderheims in Namibia stieß, das schon seit vielen Jahren mit Freiwilligen zusammenarbeitet. Das schien ihr passend, da wollte sie hin. 

Hanna wandte sich an „Weltwärts“, einen Freiwilligendienst, der 2008 vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gegründet worden war. Dort suchte sie gezielt nach einer Organisation, die Freiwillige in das Kinderheim im Städtchen Omaruru entsendet, 200 Kilometer nördlich von Namibias Hauptstadt Windhoek.  

Ein Jahr für afrikanische Halbwaisen – und für sich selbst 

Mit dem Abitur in der Tasche und dem Plan zu studieren im Kopf bestieg die damals 18-Jährige im Juli 2016 in München ein Flugzeug nach Dubai. Von dort flog sie mit Zwischenstopp in Südafrika nach Windhoek, und schließlich ging es mit dem Auto nach Omaruru. Knapp 12.000 Kilometer legte sie zurück. Zusammen mit vier anderen Freiwilligen lebte sie ein ganzes Jahr in dem 6.000-Seelen-Ort und arbeitete im örtlichen Kinderheim. Dreißig Kinder und Jugendliche im Alter zwischen vier Monaten und zwanzig Jahren finden dort Zuflucht. Die meisten sind Halbwaisen, ihre Eltern können ihnen kein Zuhause geben. Vier afrikanische Hausmütter kümmern sich um die jungen Bewohner, unterstützt von jährlich wechselnden freiwilligen Helfern. Wie Hanna. 

Wie sie entscheiden sich jedes Jahr zehntausende deutsche Jugendliche, ins Ausland zu gehen, um sich für eine gute Sache zu engagieren. Ihre Zahl wächst und mit ihr auch die Zahl der Anbieter. Derzeit gibt es allein in Deutschland etwa 500 Organisationen, die Freiwillige ins Ausland vermitteln, schätzt Natascha Schmitt. Sie ist Projektkoordinatorin bei Eurodesk, einem öffentlich geförderten europäischen Informationsnetzwerk, das kostenlos und neutral Jugendliche berät. Dass eine solche Beratung nottut, versteht jeder, der sich durch unzählige Webseiten zum Thema durchgeackert hat und am Ende mit schwirrendem Kopf vor dem Bildschirm sitzt und doch nicht weiß, was gut und richtig wäre. 

Die Nachfrage nach kurzen Einsätzen steigt

Mehr als 50.000 Jugendliche wenden sich allein in Deutschland jährlich an Eurodesk. Die meisten von ihnen, so Schmitt, sind 18-jährige Mädchen, die gerade das Abitur hinter sich haben. Ähnlich wie Hanna. Doch anders als sie wollen sich die meisten nicht so viel Zeit nehmen, wollen sich nicht langwierig bewerben, in Kursen vorbereiten, um dann monatelang am Einsatzort mitzuleben, wie es die gesetzlich geregelten Freiwilligendienste erfordern. Diese Organisationen jedoch sind geprüft. „Die Freiwilligen werden pädagogisch vorbereitet und begleitet und haben einen Ansprechpartner vor Ort“, so Schmitt. Trotzdem: Die Nachfrage nach kurzfristigen, flexiblen Einsätzen steigt. Mal kurz ausreißen, etwas Gutes tun und dabei auch Spaß haben, das liegt im Trend. Kommerzielle Anbieter bedienen genau diese Wünsche. Von „Voluntourismus“, also Freiwilligentourismus ist die Rede. Ob Bäume in Nepal pflanzen, Elefanten in Thailand füttern, Schmetterlinge in Peru retten, Kranke in Indien pflegen oder Kinder in Äthiopien unterrichten: In bunten Katalogen spezialisierter Reiseagenturen können sich Jugendliche wie aus einem Baukasten bedienen und ihr Wunschprogramm zusammenstellen. Es geht meist schnell und einfach: buchen, zahlen und aufbrechen.

Es gibt auch schwarzer Schafe unter den Anbietern

„Verändere etwas!“ oder „Du wirst gebraucht!“, lockt die Werbung. Das Geschäft mit dem guten Willen boomt, und der Markt ist unübersichtlich geworden, zumal die kommerziellen Anbieter bislang nicht geprüft werden. „Viele leisten gute Arbeit, doch es gibt auch schwarze Schafe“, sagt Schmitt. Deswegen legt sie den Ratsuchenden ans Herz: „Informiert euch sorgfältig, fragt nach, seht genau hin, wo und wie ihr am Ende mitarbeitet.“ Es gibt kurze Einsätze, die sinnvoll sein können, weiß sie.

In Workcamps etwa kommen junge Menschen aus aller Welt zusammen, um gemeinsam Wanderwege zu pflegen, Gebäude zu renovieren oder auf Ökofarmen auszuhelfen. Bietet ein Reiseveranstalter jedoch eine Mitarbeit von einigen wenigen Wochen beim Schulunterricht, im Kindergarten oder gar in einem Waisenhaus, sollte man besonders vorsichtig sein. Mit Kindern zu arbeiten, das wünschen sich die meisten Freiwilligen. Die Nachfrage ist so groß, dass in manchen Ländern, zum Beispiel in Kambodscha, falsche Waisenhäuser entstehen, nur um des lukrativen Geschäfts willen. In ihnen leben Kinder, die von ihren Familien weggelockt wurden. Freiwillige dürfen dann für viel Geld mit ihnen spielen und sie bemitleiden. 

Aber auch, wenn es heißt: „Unterrichte deine eigene Schulklasse, das ist auch ohne Ausbildung ganz einfach!“, stellt sich die Frage, wem ein solcher Einsatz hilft. Es besteht die Gefahr, dass wechselnde Freiwillige Schülern wiederholt das Gleiche auf einem niedrigen Niveau beibringen, warnt etwa das Kinderhilfswerk Unicef. In der Ferne mal kurz etwas Gutes tun? Das könnte am Ende in eine große Enttäuschung münden. Pia F., die ihren wirklichen Namen nicht lesen möchte, buchte eine zweimonatige Mitarbeit an einer Schule in Ghana und freute sich darauf, im Unterricht helfen zu können. Vor Ort jedoch wurde ihr klar, dass diese Art von Hilfe überhaupt nicht benötigt wird. Viel sinnvoller wäre es gewesen, ihre Reisekosten von fast 3.000 Euro der Schule zu spenden, hat sie am Ende mit Bitterkeit eingesehen.

Das Selbstvertrauen wächst mit den Aufgaben 

Auch Hanna weiß von Freiwilligen, die sich in einem Kindergarten im südafrikanischen Kapstadt überflüssig vorkamen. Über ihren eigenen Einsatz in Namibia sagt sie: „Wir hatten das Gefühl, gebraucht zu werden.“ Denn die Aufgaben waren gut durchdacht, um das Personal gezielt zu unterstützen. So hat Hanna Haferbrei zum Frühstück verteilt, Kinder in die Schule gefahren, am Vormittag Büroarbeit erledigt und am Nachmittag bei den Hausaufgaben geholfen. Das hat Freude gemacht, sagt sie. Auch wenn sie sich, trotz guter Vorbereitung, anfangs unsicher war: Wie viel Haferbrei soll sie aus dem großen Topf in die Schüsseln geben? Was soll sie tun, wenn Kindern Pfeffer in den Mund gestopft wird, um sie fürs Fluchen zu bestrafen? Und wie soll sie sich verhalten, wenn eine HIV-positive Mutter, die mit keinem redet, ihr Kind besuchen kommt? Mit der Zeit jedoch gewann sie an Selbstvertrauen. Als sie die Rückreise antrat, war sie erwachsener geworden, selbstständiger, selbstbewusster, wie sie sagt. Und sie wusste auch, dass sie Medizin statt Lehramt studieren will. In Würzburg hat sie inzwischen einen Studienplatz bekommen.

Anfangs kann einiges schwer fallen

Auch Natascha Schmitt, die bei Eurodesk Jugendliche berät, die ins Ausland wollen, hat mit 19 Jahren einen Freiwilligendienst absolviert: in Rumänien. Neun Monate lang engagierte sie sich im Städtchen Oradea an der rumänisch-ungarischen Grenze in einem integrativen Kindergarten und einem Zentrum für Heranwachsende mit Autismus. Anfangs sei ihr einiges schwer gefallen. Sie, die in einem Einfamilienhaus aufgewachsen war, musste auf einmal in einer Plattenbausiedlung zurechtkommen, zeitweise ohne Warmwasser. Sie war schüchtern, plötzlich aber hatte sie Menschen um sich, deren Sprache sie nicht verstand. Nach und nach habe sie sich eingelebt. Ihr Aufenthalt lief über den „Europäischen Freiwilligendienst“ , der sich wie „Weltwärts“ als Lerndienst versteht. Und so lernte die junge Frau. Sie lernte nicht nur eine neue Sprache, sondern auch, auf Menschen zuzugehen, legte ihre Schüchternheit ab und gewann Freunde. Alles in allem ein Gewinn. 

Eine Auszeit, die bei der Berufswahl helfen kann 

Ähnlich wie Hanna Brecheisen berichtet auch Natascha Schmitt, dass der Freiwilligendienst ihre Berufswahl beeinflusst hat: „Ich habe so sehr von dieser Erfahrung profitiert, dass ich meine Begeisterung an andere weitergeben wollte“, sagt sie. Seit vier Jahren arbeitet sie nun bei Eurodesk. Doch was kann ein Freiwilliger vor Ort tatsächlich ausrichten? Da kann Werbung falsche Erwartungen wecken. Nein, freiwillige Helfer werden die Lebensbedingungen der Menschen in einem anderen Land nicht ändern können. Auch wird in wenigen Wochen keine Tierart vor dem Aussterben bewahrt. Und wer sich in der Rolle der Mutter Teresa sehen möchte, hat etwas falsch verstanden.  Wenn Hanna auf ihr Jahr in Namibia zurückblickt, stellt sie nüchtern fest: „Was wir Freiwillige den Kindern tatsächlich geben konnten, war unsere Aufmerksamkeit. Wir waren für sie da, haben mit ihnen einzeln gespielt, gelesen, geredet. Dafür hatten die Hausmütter keine Zeit.“ Und dann fügt sie hinzu: „Freiwillige Arbeit ist eine Erfahrung, die man vor allem für sich selbst macht. Und es ist schön zu wissen, dass man dabei in irgendeiner Form auch jemanden unterstützt.“                    

Autorin: Maria Sileny
aus: KDFB Engagiert 6/2018

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