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Wenn Pilgern Grenzen überschreitet

Pilgerwegsbegleiterin Simone Krampfl steht am „Tor zur Freiheit“ beim Grenzübergang Finsterau. Foto: Anne Granda

Simone Krampfl begleitet PilgerInnen entlang der ehemaligen Grenze zum Ostblock.

"Ihr lebt am Ende der Welt“, sagen die Gäste. Und genau so empfindet es Simone Krampfl 22 Jahre lang. Die passionierte Wanderin und ausgebildete Pilgerwegsbegleiterin wird 1967 im bayerischen Annathal geboren. Dieser Ortsteil von Mauth liegt unmittelbar an der deutsch-tschechischen Grenze. Umgeben von Grenzorten, an denen es nicht weitergeht. Und beim Wandern hat Simone Krampfl immer die Mahnung der Eltern im Kopf: „Geht bloß nicht über die Grenze. Auch wenn ihr sie nicht seht, die Tschechen haben euch gleich!“ Bis heute erinnert sie sich an dieses Gefühl der Angst gegenüber der anderen Seite. Und als sich 1989 die Grenze öffnet, ist da erst ein beklemmendes Gefühl und der Zweifel: „Kann ich wirklich hin- und auch wieder zurückgehen?“

Verständigung über Landes- und Sprachgrenzen hinweg

Ihre vorsichtige Haltung hat Simone Krampfl inzwischen völlig abgelegt. Dabei halfen ihr die vielen guten Erfahrungen, die sie beim Pilgern in Tschechien machte. Wenn nicht anders möglich, redeten die Leute mit Händen und Füßen, um ihr den richtigen Weg oder die Unterkunft zu zeigen. Simone Krampfl ließ sich 2010 für den neugeschaffenen europäischen Pilgerweg VIA NOVA zur Begleiterin ausbilden. Der Weg verbindet in Bayern, Österreich und Tschechien alte Pilgerorte miteinander.

Durch das „Tor zur Freiheit“ pilgern

Heute ist Simone Krampfl Ansprechpartnerin für den Teilabschnitt der Pilgerroute, die nur wenige Kilometer von ihrem Geburtsort entfernt durch das Grüne Band bei Finsterau über die Grenze führt. Simone Krampfl bietet das Thema „Grenzerfahrungen“ auf ihren Pilgerwanderungen an. Zur meditativen Einstimmung hat VIA NOVA am Grenzübergang in Finsterau einen hohen Türrahmen mit dem Schild „Tor zur Freiheit“ errichtet. Eiserne Ketten hängen wie ein schwerer Vorhang im Tor. Wer die Ketten auseinanderschiebt, um durchzugehen, soll etwas vom Prinzip des Drucks und Gegendrucks erspüren, wie es an Grenzen entsteht. Dieser Druck erzeugte viel Unrecht, von dem noch heute Menschen betroffen sind. In Tschechien wurde nicht nur ein schmaler Streifen zum entvölkerten Grenzbereich. Aus der ganzen Region wurden die Einwohner vertrieben. Deutschstämmige mussten Hab und Gut verlassen und zurück nach Deutschland gehen. Als Spuren der Vertreibung zeigt Simone Krampfl den PilgerInnen die Obstbäume, die nahe den Ansiedlungen von den Vertriebenen gepflanzt worden waren. Und immer wieder steht sie fassungslos in dem kleinen Museum der Synagoge in Hartmanice. Es zeigt historische Fotos der zerstörten und heute verschwundenen Orte.

Autorin: Anne Granda
aus: KDFB Engagiert 6/2019 

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