KDFB
28.03.2018

Gemeinsam stark!

Traditionsreiche Idee, neu entdeckt: Genossenschaften liegen im Trend. Denn dort kann man etwas, was sich viele wünschen: aktiv mitwirken und die Gesellschaft gestalten. Ob Energieversorgung, Dorfladen, Demenz-WG oder Frauenförderung – Genossenschaften können eine Lösung sein.


Für Christine Krämer ist der 11. März 2011 ein besonderes Datum. Er markiert ihre ganz persönliche Energiewende. Diese Entscheidung traf die promovierte Agrarwissenschaftlerin damals nicht allein. Am Tag des atomaren Störfalls von Fukushima beschlossen noch mehr Menschen in ihrem Umfeld, dass sich sofort etwas ändern musste. Und dass sie selbst dabei den ersten Schritt tun wollten. Mit 39 weiteren Aktiven gründete Christine Krämer im mittelfränkischen Uffenheim die Genossenschaft „Regional Versorgt“. Jeder ihrer Mitstreiter zeichnete mindestens fünf Genossenschaftsanteile zu je 100 Euro. Sie pachteten Hausdächer und installierten Photovoltaik-Anlagen, bauten ein Blockheizkraftwerk und beteiligten sich an einem Windpark in der Region. Doch das war erst der Anfang.

Genossenschaften hatten lange Zeit ein verstaubtes Image. Das ist längst anders. Mehr als ein Drittel der etwa 8.000 Genossenschaften in Deutschland wurden seit dem Jahr 2000 gegründet. In einer Genossenschaft schließen sich Personen zusammen, die ein gemeinsames Interesse verfolgen. Dazu gründen sie einen gemeinsamen Geschäftsbetrieb, dem wirtschaftliche, soziale oder kulturelle Ziele zugrunde liegen können. In Genossenschaften sind die Kunden als Mitglieder zugleich auch Miteigentümer. Das heißt, wer einer Genossenschaft beitritt, zeichnet einen oder mehrere Anteile. Im Normalfall haftet er mit diesen, aber nicht mit seinem Privatvermögen. Es geht nicht darum, auf einen steigenden Profit zu setzen, im Mittelpunkt steht vielmehr die Förderung der Mitglieder und ihres gemeinsamen Anliegens. Doch wenn die Genossenschaft wirtschaftlich erfolgreich ist, dann profitieren alle Mitglieder davon.   

„Was einer alleine nicht schafft, das schaffen viele“ 

Christine Krämer wohnt ländlich. In einem Ortsteil der 1.100-Seelen-Gemeinde Ippesheim. Idyllisch gelegen, aber von fast allem ein Stück weit entfernt. Ohne Auto geht es nicht. Klimaneutral zu leben ist aber eines der Ziele, die sich „Regional Versorgt“ setzt. Die fehlende Infrastruktur, vor al?lem auch für die alternde Bevölkerung, wird zunehmend zum Problem. Da will die Genossenschaft ansetzen. „Wir wollen Nahversorgung, Mobilität und kulturelle An?gebote in die Region bringen. Dabei geht es nicht um Rendite, sondern um mehr Lebensqualität. Als wir die Satzung vom Genossenschaftsverband Bayern abnehmen ließen, staunten die nicht schlecht, wie weit gefasst unsere Ziele waren“, erinnert sich die Vorstandsfrau. Dennoch wurde die Satzung so abgenommen. Mittlerweile sind es 100 Mitglieder, die die Genossenschaft tragen.  

Die Genossenschaftsidee ist eine traditionsreiche Erfindung. In Deutschland geht sie auf Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch zurück. „Was einer alleine nicht schafft, das schaffen viele“, war Raiffeisen klar. Er entwarf Mitte des 19. Jahrhunderts in einer Notsituation das Konzept eines genossenschaftlichen Vereins: Dieser sollte den hungernden Bauern in seiner Gemeinde die Chance auf ein menschenwürdiges Leben geben. Er entwickelte die Idee weiter und wurde so zu einem der Väter des Genossenschaftswesens. Die drei Begriffe Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung prägten seine Arbeit. Was klein anfing, hat weltweit Schule gemacht: Mehr als 22 Millionen Menschen in Deutschland und weltweit über eine Milliarde Menschen sind heute Mitglied in einer Genossenschaft. Dazu gehören große Unternehmen ebenso wie kleine, lokale Teams, die Neues wagen.

Vorausdenken erwünscht 


Sich ein Auto zu teilen – das ist eine Idee, die in vielen Städten bereits angekommen ist. Auf dem Land sieht es anders aus. Dort haben zahlreiche Haushalte eher zwei Autos. „Das Modell des Carsharings auf dem Land anzubieten war sicher mutig“, sagt Christine Krämer. Dennoch ist die Genossenschaft „Regional Versorgt“ diesen Schritt gegangen. Die Mitglieder hatten zu kämpfen, um eine vernünftige Auslastung des Gemeinschaftsautos zu erreichen. Haben den Standort mittlerweile gewechselt. Mitten in der Altstadt von Uffenheim, einem schmucken Städtchen mit vielen Fachwerkhäusern, steht das Fahrzeug nun. „Wir waren da wahrscheinlich der Zeit ein wenig voraus“, kommentiert Krämer die nicht ganz einfachen Carsharing-Anfänge. „Aber wir wollen das anbieten, weil wir glauben, dass es auch bei uns verstärkt kommen wird.“ 

Nach vorne denken, es anders machen, anders leben – das ist eine Komponente, die man bei Genossenschaften und ihren Ideengebern immer wieder findet: „Die Bereitschaft der Bürger, selbst aktiv zu werden, ist größer geworden. Das zeigen die Ergebnisse des Freiwilligensurveys“, sagt Ingrid Schmale. Die promovierte Volkswirtin hält am Seminar für Genossenschaftswesen der Universität Köln Vorlesungen zum Thema. Gerade hat sie ein Buch über Sozialgenossenschaften veröffentlicht. „Ich denke, dass sich diese Welle fortsetzen wird. Insofern traue ich den Genossenschaften viel zu, wenn es darum geht, bei der Nahraumversorgung zu unterstützen. Genossenschaften sind lokal verankerte Gebilde. Die Mitglieder kommen aus der Region. Genossenschaften können aktiv tätig sein, um ihre Region lebenswert zu halten.“ 

Lebensqualität ist wichtiger als Wachstum 

Voraussetzung dafür, dass sich kleine Genossenschaften mit sozialen und kulturellen Zielsetzungen bilden konnten, war eine Gesetzesänderung 2006. Damals wurde der soziale sowie der kulturelle Förderzweck ins Genossenschaftsgesetz aufgenommen. Dadurch kamen viele Erleichterungen für kleine Genossenschaften zustande „Ziel der Politik war es, diesen häufig von bürgerschaftlichem Engagement getragenen Projekten eine geeignete Rechtsform zur Verfügung zu stellen“, erklärt Volkswirtin Schmale. „Seitdem braucht man auch nicht mehr sieben, sondern nur noch drei Gründer.“ Mit den Erleichterungen haben sich Genossenschaften mit vielen neuen Förderzwecken gegründet: Es gibt Schwimmbad-, Gaststätten- oder Familiengenossenschaften, die sich um die Betreuung von Angehörigen kümmern, ebenso wie Gründerinnen-, Streuobstwiesen- oder Dorfladen-Genossenschaften. 

Wer in Uffenheim für den täglichen Bedarf einkaufen möchte, kann sich ins Auto setzen und zum Supermarkt auf der ehemals grünen Wiese vor den Toren der Stadt fahren. Vorausgesetzt er oder sie ist mobil. Wer innerhalb der Stadt einkaufen muss oder möchte, hat seit einigen Jahren die Möglichkeit, zum Altstadtmarkt zu gehen. Nudeln, Mehl, Gemüse, Getränke, regionale oder fair gehandelte Produkte, Zahnbürsten, Katzenfutter – die Produktpalette ist breit. Der Nachbarschaftsmarkt, der mithilfe von „Regional Versorgt“ gegründet und betrieben wird, sichert eine Grundversorgung. Die BewohnerInnen des benachbarten Seniorenheims sind dankbar für die Möglichkeit, selbst einkaufen gehen zu können. 

Im hinteren Teil des Ladens wird zu festen Terminen ein Repair-Café angeboten, bei dem Kaputtes mit fachmännischer ehrenamtlicher Unterstützung wieder zum Laufen gebracht wird. Dafür hat „Regional Versorgt“ einen Verein gegründet. Immer wieder organisiert die Genossenschaft auch kulturelle Angebote, die zu ihrem Profil passen: So war der Wachstumskritiker Nico Paech zu einem Vortrag eingeladen. Eine Filmreihe mit Dokus zu Themen wie Energiewende, Flüchtlinge oder Landwirtschaft wird im Kino der Kreisstadt Neustadt an der Aisch gezeigt. In Zukunft will die Genossenschaft neue Projekte angehen. Der Bedarf vor Ort spielt dabei die entscheidende Rolle. „Der sollte von den Mitgliedern an uns herangetragen werden“, sagt Christine Krämer. Dem Konstrukt Genossenschaft erteilt sie gute Noten: „Alleine wäre das nicht machbar. Aber die Genossenschaft gibt die Möglichkeit, Ideen umzusetzen.“ 

Jedes Mitglied hat eine Stimme 

Die Finanzkrise hat vielen Menschen die Augen dafür geöffnet, dass es alternative Wirtschaftsmodelle jenseits des ungebremsten Kapitalismus geben muss. Bei Genossenschaften gilt das Prinzip: eine Stimme pro Mitglied. Wie viele Anteile das jeweilige Mitglied gezeichnet hat, spielt keine Rolle. Jedes Mitglied soll die gleichen Möglichkeiten haben, sich einzubringen. Susanne Elsen ist Professorin an der Freien Universität Bozen. Sie beschäftigt sich seit Langem praktisch und wissenschaftlich mit solidarischen Wirtschaftssystemen. „Wir haben es inzwischen mit einer Bevölkerung zu tun, die sich bewusst ist, dass wir zu neuen, nachhaltigen Wirtschaftsmodellen finden müssen. Zu Formen, die einen anderen Fußabdruck hinterlassen. Wo es nicht um grenzenloses Wachstum geht, sondern um Lebensqualität“, erklärt sie. „In Genossenschaften müssen sich Menschen immer wieder von Neuem auf die gemeinsame Sache einlassen. Das ist ein sozialer Prozess, der in Gang gesetzt wird und der auch notwendig ist. Und deswegen ist gerade das eine Konstellation, in der Frauen besonders erfolgreich sein können. Oft erfolgreicher als Männer. Weil sie eher in der Lage sind zu kooperieren.

Gemeinsam leben statt nur wohnen: die Demenz-WG

“Im Paradeis. So lautet die Adresse eines genossenschaftlichen Wohnmodells im oberbayerischen Weilheim. In zwei Demenz-Wohngemeinschaften werden dort 19 Frauen und Männer rund um die Uhr betreut. Herzstück der Wohngemeinschaft Josef, die von der Maro Genossenschaft initiiert wurde, ist eine große Wohnküche, die mit mitgebrachten Möbelstücken aus den früheren Haushalten der WG-Mitglieder eingerichtet ist. Jede Bewohnerin, jeder Bewohner hat dazu sein eigenes Reich: ein Zimmer mit Badezimmer. Zur Wohngemeinschaft gehört außerdem ein Garten. Es sieht nach einem Zuhause aus, nicht nach einer Pflegeeinrichtung. 

Jutta Ruffing ist Sprecherin der Angehörigen der Demenz-WG Josef. Seit zwei Jahren lebt ihre Mutter dort. Wie für die meisten Angehörigen war die Situation davor für sie extrem schwierig. „Mir hat der Einzug meiner Mutter in die WG viel Druck genommen. Zuvor mussten mein Bruder und ich mehrmals in der Woche ,ausrücken‘, weil unsere verwirrte Mutter sich nicht davon abbringen ließ, im Rathaus Geld abheben zu wollen. Oder bei Schneesturm in Socken im Ort unterwegs war und sich von niemandem nach Hause bringen lassen wollte. Jetzt ist ihre Versorgung viel besser. Es sind rund um die Uhr Fachkräfte anwesend.“ Jutta Ruffing ist zwei halbe Tage pro Woche vor Ort in der Wohngemeinschaft und verbringt Zeit mit ihrer Mutter und den Bewohnern. „Wir erzählen, singen oder essen zusammen. Ich empfinde diese Zeit als Bereicherung“, berichtet sie.

Wohnen war schon immer ein Thema von Genossenschaften

2,2 Millionen Mietwohnungen in Deutschland sind in Hand von Genossenschaften. Das hat Tradition. „Genossenschaftliche Wohnmodelle, die heutzutage neu entstehen, haben dagegen oft einen besonderen Ansatz“, erklärt Ingrid Schmale von der Universität Köln. „Da gibt es Frauenwohnen in Beginenhöfen oder Mehrgenerationenwohnprojekte, bei denen sich die Nachbarn gegenseitig unterstützen.“ Oder eben Demenz-Wohngemeinschaften.

Zwei Bewohnerinnen der Wohngemeinschaft wieseln in der Küche umher, wo gerade von einer Pflegerin das Mittagessen vorbereitet wird. Mitmachen ist ausdrücklich erwünscht. Wer Kartoffeln schälen möchte, Blumen gießen will oder sonstige alltägliche Dinge verrichten möchte, tut es einfach. Auch wenn dabei nicht alles glatt läuft. Ein Mann sitzt mit gesenktem Kopf auf dem Sofa. Eine Bewohnerin öffnet die Verandatür zum Garten und wischt trotz Minusgraden hinaus. „Sie brauchen eine Jacke, es ist zu kalt“, ruft die Pflegerin hinterher. „Hab ich schon“, sagt die Frau und deutet auf ihre dünne Strickweste. Die Pflegerin läuft zur Garderobe, schnappt sich die Winterjacke und bringt sie in den Garten. In der WG leisten BetreuerInnen den ganzen Tag Dienst: Vormittags sind drei MitarbeiterInnen anwesend, nachmittags zwei und nachts eine. 

Die Angehörigen der Demenzkranken treffen die Entscheidungen 

Vorstand Martin Okrslar hat in seiner Familie erlebt, wie demenzkranke Menschen auf unterschiedliche Arten der Betreuung reagieren. „Mein Großvater konnte sich eine 24-Stunden-Betreuung zu Hause leisten, und es ging ihm ganz gut damit. Meine Tante war in einem nicht besonders guten Heim untergebracht. Das war ein großer Unterschied zu dem geborgenen Leben, das mein Opa trotz seiner Krankheit führen konnte. Da habe ich mir gedacht, da muss es doch etwas dazwischen geben.“ Billig ist das Leben in der Demenz-WG nicht, da die Betreuung der Demenzkranken nicht von den Krankenkassen übernommen wird, sondern nur die Pflege. Aber es gibt auch Bewohner, die mit Sozialhilfe dort leben können. Und zwar bis zum Ende ihres Lebens, denn gepflegt werden können sie auch in der WG.  Die Wohngemeinschaften haben keinen Träger, sondern sind über die Maro Genossenschaft organisiert. Das heißt, die Angehörigen der Bewohner sind Mitglied in der Genossenschaft und treffen die Entscheidungen für die Wohngemeinschaft selbst. Einmal im Monat treffen sie sich in einem Gremium, beraten, diskutieren und treffen die notwendigen Entschlüsse. Banale Fragen wie, ob Salat im Garten gepflanzt wird, bis hin zu Essenziellem, welcher Pflegedienst und welcher Energieversorger für die WG passend ist, werden dort geklärt. Um diesen Prozess zu unterstützen, werden die Angehörigen in den ersten beiden Jahren von einer Moderatorin begleitet.

„Man kann die Probleme nicht nur privatisieren.“ 

Maro gehört wie alle Genossenschaften in Deutschland einem der Prüfverbände an. Dort können sich die Mitglieder, aber auch alle, die sich mit dem Gedanken tragen, eine Genossenschaft zu gründen, Beratung und das nötige Wissen holen. Einmal im Jahr steht eine Verbandsprüfung an. „Ich finde die Begleitung durch den Verband gut und hilfreich“, sagt Martin Okrslar. „Klar gesagt zu bekommen, wenn ihr wirtschaftlich erfolgreich sein wollt, solltet ihr folgende Kennziffern erreichen, hilft auf jeden Fall.“ 

Für kleine Genossenschaften gerade im sozialen Sektor ist der Aufwand allerdings groß, und die dadurch anfallenden Kosten sind nicht immer leicht zu stemmen. Susanne Elsen von der Freien Universität Bozen sieht da Veränderungsbedarf: „Hier in Südtirol gibt es ein deutlicher ausgeprägtes Genossenschaftswesen als in Deutschland. Eine öffentliche Anschubfinanzierung, wenn es sich um soziale Belange handelt, ist hier selbstverständlich.

Es wäre wichtig, dass die Gründungskosten, aber auch die fast halsbrecherischen jährlichen Prüfungskosten auch in Deutschland übernommen werden, wenn es sich um ein öffentliches Interesse handelt. Man kann die Probleme nicht nur privatisieren und das den Bürgern überlassen. Die Genossenschaften sind ein wunderbares Konstrukt. Aber die Akteure müssen auch gefördert werden. Da muss etwas passieren.“ Dass Genossenschaften Zukunft haben, davon ist sie überzeugt: „Es gibt Prognosen, dass bis zu 60 Prozent der wirtschaftlichen Transaktionen genossenschaftlich, regionalisiert ablaufen werden. Dafür müssen wir die Voraussetzungen schaffen.“

Autorin: Claudia Klement-Rückel
aus: KDFB Engagiert 4/2018

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