KDFB

Ganz bei mir!

Die häufigste Reaktion auf meine weißen Haare: Das macht dich älter! Und es stimmt ja auch: Niemand schätzt eine Weißhaarige auf jünger als Anfang 50. Minimum. Aber das ist ja auch so: Ich bin 55! Warum soll ich das verstecken?

Ich finde, das ist die angenehmste Seite, wenn man älter wird: die gefühlte Freiheit, nicht mehr zu viel darauf zu geben, was andere sagen. Ich jedenfalls habe mich lange genug danach gerichtet und mich verrenkt. Jetzt lege ich viel Wert darauf, zu mir zu stehen und meine Interessen zu wahren. Ich glaube, ich bin da auch für meinen Mann anstrengender geworden, auch für meine Söhne. Aber ich habe genug davon, ständig auszugleichen und für familiäre Harmonie zu sorgen, indem ich zurückstecke.

Das Gefühl, nicht mehr richtig dazuzugehören

Anfangs fiel es mir nicht leicht: Ich hatte schon stark die Empfindung, dass ich nicht mehr richtig dazugehöre. In der Arbeit bin ich inzwischen die Älteste – und neue, jüngere Kolleginnen schauen mich manchmal an, als hätte ich kurz nach dem Aussterben der Dinosaurier die Bühne betreten. „Was, Sie arbeiten noch Vollzeit?“ oder „Toll, wie gut Sie mit dem Computer umgehen können!“ Hallo? Ich arbeite seit meinem Studium am PC. Ich bin Mitte 50, nicht 100! Auch bei anderen Gelegenheiten fällt mir immer wieder auf, dass es eine Distanz der Generationen gibt: etwa, wenn ich mit meiner jungen Nachbarin, deren Tochter fünf ist, über Kinder plaudere. Meine Söhne sind 20 und 23 Jahre alt – es ist noch nicht lange her, dass sie klein waren. Trotzdem bin ich offenbar aus ihrer Sicht alt, und deswegen sind meine Ansichten veraltet. Auch in der Politik erlebe ich das so. Jung zu sein, gilt im Moment als eine Art alleiniger Qualitätsnachweis. Ich sehe das skeptisch, weil für mich völlig logisch ist, dass wir nur gute Ergebnisse bekommen, wenn sich die Lebendigkeit der jungen Leute mit dem Perspektivenreichtum verbindet, bei dem Ältere zwangsläufig einen Vorsprung haben. Wenn ich mir vorstelle, dass sich dieser Trend noch verstärkt, wird mir unwohl.

Freundlicher zu sich selbst werden

Was mich freut: Ich bin ruhiger geworden. Ich kann mich und mein Leben besser akzeptieren: Dass sich manche Wünsche, die ich mit 20 oder 35 hatte, nicht erfüllt haben, dass ich manche Ziele nicht erreicht habe und nicht nur glückliche Zeiten hatte – das ist so, und das wird auch so bleiben. Anderes ist mir gelungen; dafür bin ich dankbar und auch ein bisschen stolz. Insgesamt bin ich zufriedener mit mir als früher, freundlicher und weniger kritisch. Ich weiß, dass ich Fehler habe, ja. Aber die gehören zu mir, und ich bin trotzdem gerne ich selbst. Das macht mir auch Mut, in die Zukunft zu schauen. Früher hoffte ich immer: Irgendwann wird es ruhiger, irgendwann bist du angekommen. Inzwischen wird mir klar: Das wird nie so sein. Das Leben besteht immer aus Veränderungen. Es ist nie abgeschlossen, solange man lebt. Aber ich bin zuversichtlich, dass ich es schon schaffen werde.                     
Andrea, 55 Jahre

Autorin: Susanne Zehetbauer
aus: KDFB engagiert 8+9/2019

 

In Verbindung stehende Artikel: