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Frauen im Polizeidienst

Können die überhaupt kämpfen? Das fragte sich mancher Kollege, als Frauen vor 40 Jahren in den uniformierten Polizeidienst zugelassen wurden. Foto: David Klammer/laif

Seit 40 Jahren gibt es Frauen bei der Polizei. Sie haben sich einen festen Platz in der Männerwelt erkämpft. Gleichzeitig ist die Polizei insgesamt „weiblicher“ geworden. Sie legt mehr Wert auf polizeiliche Fürsorge. Opfer werden aktiver geschützt als früher. Doch dieser Fortschritt ist bedroht.

Hausdurchsuchung, morgens um sechs, irgendwo in Deutschland. Aufs Klingeln reagiert niemand, doch weil Gefahr im Verzug ist, brechen die Beamten die Tür auf. Konzentrierte Anspannung im Team. Sind die Bewohner zu Hause? Wie werden sie reagieren? Sind Kinder da, andere Unbeteiligte, Unbescholtene?

„Es sind fast immer Unbeteiligte da: die Eltern eines Teenagers, der mit Drogen handelt. Die Kinder eines Verdächtigen. Die Ehefrau. Oder Mitbewohner in einer Wohngemeinschaft.“

(Anmerkung der Redaktion: Alle kursiv gesetzten Zitate stammen aus Hintergrundgesprächen mit Kripo- und Schutzpolizistinnen, die aus beamtenrechtlichen Gründen anonym bleiben wollen.)

Drinnen ist es dunkel, vor den Polizisten liegt der Flur. Sie tasten sich voran, die Hand am Holster der Dienstwaffe. Ein Blick in die leere Küche, dort tickt leise eine Uhr. Die Tür zum Wohnzimmer wird aufgeschoben – ebenfalls still und leer. Weiter im Flur. Eine geschlossene Zimmertür, die Beamten nicken einander zu. Der Erste drückt vorsichtig die Klinke herunter. Treffer – es ist das Schlafzimmer. Unter der Bettdecke der Umriss eines Körpers. Hat er sich bewegt? Gibt es eine Waffe? Anspannung. Einer schlägt die Bettdecke auf, springt zurück, ruft: „Polizei!“, die Waffe gezogen. Der im Bett schreckt auf, weicht im Reflex erst zurück, dann springt er aus dem Bett, auf die Polizisten zu.

„Man muss sich vorstellen, wie das ist: Du liegst im Bett und schlummerst friedlich. Da wird dir plötzlich die Bettdecke weggezogen, und es stehen drei, vier, fünf dunkle Gestalten vor deinem Bett. Klar, dass du da wahnsinnig erschrickst. Und umgekehrt ist es für die Beamten gefährlich. Man weiß ja nie: Vielleicht stellt sich derjenige nur schlafend, vielleicht hat er eine Waffe unter der Decke, vielleicht wird er aggressiv?“

Momente der Konfrontaton. Sie sind alltäglich im Berufsleben von Polizeibeamten. Nie zu wissen, was als Nächstes geschehen wird, wie das Gegenüber reagiert. Auf alles gefasst sein, auch darauf, angegriffen oder verletzt zu werden. Solche Momente können leicht eskalieren. Und gerade in solchen Momenten ist es gut, wenn eine Frau im Team ist, davon ist der Hamburger Polizeiwissenschaftler Rafael Behr überzeugt. „Frauen regeln Konflikte oft anders als Männer“, sagt er, „und das liegt nicht daran, dass sie die besseren Menschen wären, sondern dass sie Probleme anders wahrnehmen und anders damit umgehen.“ Behr arbeitete selbst 15 Jahre lang bei der Polizei in Hessen, bevor er in den Hochschulbetrieb wechselte. Der Professor für Kriminologie und Soziologie erforscht seit vielen Jahren die innere Kultur der Polizei und bildet an der Polizeiakademie Hamburg junge Polizistinnen und Polizisten aus.

Seit 40 Jahren gibt es Frauen im uniformierten Polizeidienst. Damals, 1978, begann Berlin als erstes Bundesland, Politessen zu Schutzpolizistinnen auszubilden. In den Achtzigerjahren öffneten sich nach und nach auch die anderen Bundesländer. Schlusslicht war Bayern: Der Freistaat ließ erst 1990 Frauen zu. Heute liegt der Frauenanteil bundesweit zwischen 20 und 30 Prozent, bei der Kripo finden sich mehr Frauen als bei der Schutzpolizei.

Die Anfänge waren holprig, schon in praktischer Hinsicht: Uniformen in weiblicher Passform? Fehlanzeige. Ebenso Schuhe, die kleiner waren als Größe 42. Damentoiletten gab es nicht, und besorgt fragte man sich in manchem Innenministerium, ob die Ehen der Männer durch die Reize der weiblichen Kolleginnen gefährdet würden. Auch andere Erinnerungen an die weibliche Verstärkung lesen sich wie Anekdoten. Den Männern bessere Manieren beizubringen, das fiel den Frauen zu: dass der Streifenwagen entmüllt wird, dass es gut ist, mal das Hemd zu wechseln oder auf dem Revier Ordnung zu halten. „Man sieht, dass eine Frau da ist“, hieß es dann.

Aber auch im Einsatz ruckelte es – zu ungewohnt waren die Polizistinnen, sowohl für die Bevölkerung als auch für die männlichen Kollegen. Überrascht, verdutzt, verblüfft die Re­aktionen, manchmal auch offen sexistisch, wenn eine Frau da­herkam, wo ein Mann erwartet wurde.

„Die Leute wandten sich immer eher an meinen männlichen Kollegen als an mich. Selbst am Telefon hieß es häufiger: Kann ich bitte einen Polizisten sprechen? Als wäre ich die Sekretärin.“
„Wenn ich bei einem Einsatz etwas anordnete, wurde mein Kollege gefragt: ,Darf die das überhaupt?‘“
„Die Reaktionen der älteren Kollegen waren gern mal so richtig onkelhaft. Da hieß es dann: ,Mensch, Mädle, du hast ja doch was drauf! Wir haben gemeint, du wärst bloß zur Zierde dabei.‘“

Aber das waren Kleinigkeiten. Inzwischen haben sich Bevölkerung wie Kollegen an die Frauen gewöhnt. „Frauen sind weitgehend akzeptiert“, sagt auch der Hamburger Polizeiwissenschaftler Rafael Behr. „Aber damit ist das Problem der Diskriminierung in keiner Weise gelöst.“ Zwar fahren Frauen heute Wasserwerfer und Räumpanzer, arbeiten im Polizeiboot, im Streifenwagen, in der Reiterstaffel, in der Einsatztruppe, und Technik hat vielerorts die reine Körperkraft ersetzt. Doch immer noch ist das männliche Prinzip der Maßstab der Polizeiarbeit. Noch immer wird gefragt: Können Polizistinnen ebenso gute Arbeit leisten, obwohl sie nicht so groß, nicht so stark, nicht so schwer sind wie die männlichen Kollegen? Können sie überhaupt kämpfen, wenn es drauf ankommt? Oder müssen sich die Männer im Einsatz vor sie stellen und sie in Momenten der Konfrontation – bei einer Wirtshausschlägerei, einer Hausdurchsuchung, einer gewalttätigen Demonstration – beschützen?

„Sich als taff beweisen, als stark und mutig: Ja, das geschieht, diesen Druck gibt es. Ich hätte den Motorradführerschein nie gemacht, wenn ich Erzieherin geworden wäre und nicht Polizeibeamtin. Mir gibt das nämlich gar nichts. Aber da war ich auf dieser Männlichkeitsschiene, das färbt ab. Es wird ja immer so getan, als wäre das das Richtige, Echte.“

„Kein Mensch fragt danach, ob die Männer nicht mit verantwortlich sind, wenn ein Konflikt eskaliert“, sagt Rafael Behr und verweist darauf, dass Männer und Frauen unterschiedlich sozialisiert sind. Ganz pauschal gefasst: Männer sind stark und können über ihre Stärke konkurrieren. Frauen sind körperlich unterlegen und müssen deshalb anders an Konflikte herangehen, um sich durchzusetzen. „Manche Konflikte gäbe es wahrscheinlich gar nicht, wenn wir auch ein weibliches Prinzip in der Polizeiarbeit hätten.“

„Natürlich wirkt das klassisch Männliche der Polizei auch auf die Frauen dort. Deine soziale Ader kannst du nicht so gut entwickeln wie die analytische, sonst reibst du dich auf. Und du kriegst das auch gesagt: ,Grenz‘ dich ab, lass es nicht so nah an dich heran, blende es aus!‘“

„Unter Männern geht es ganz oft um die Frage: Wer von uns ist der Stärkere? Wer bleibt Herr der Lage?“, sagt Behr. Das Konkurrieren, die Angst vor der Niederlage, vor dem Autoritätsverlust kann einen Konflikt schnell hochschaukeln und schlimmstenfalls in Gewalt münden: Körperverletzungen, Beschimpfungen, Angriffe oder Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, eine Straftat nach den Paragraphen 113 und 114 des Strafgesetzbuchs. Dass das eher ein Männerproblem ist, darauf deuten die Statistiken des Bundeskriminalamts hin: Männliche Polizisten werden im Dienst überproportional häufiger Opfer von Gewalt als weibliche. Allerdings steigen auch die Zahlen der Gewalttaten gegen Frauen bei der Polizei oder den Rettungsdiensten. „In manchen Situationen, bei Männern wie bei Frauen, ist es klug, umzuschalten, sich zurückzuziehen und Verstärkung zu holen. Manche Situationen eskalieren dann erst gar nicht“, sagt Behr. Das weibliche Prinzip – das bedeutet oft schlicht: Geduld haben, sich nicht provozieren lassen, gelassen bleiben.

„Manchmal rede ich ganz lang. Ich lasse mich nicht auf diese Testosteron-Spielchen ein, da kann man doch nur verlieren. Ich habe zwei kleine Kinder zu Hause, die wollen nach der Nachtschicht mit mir frühstücken und mich nicht im Krankenhaus besuchen.“
„Ich hatte nie einen Widerstand. Bei mir kriegt jeder seine fünf Minuten. Der kann schreien, toben, mich beleidigen, da höre ich weg. Der muss sich erst mal be­ruhigen. Ich habe da keinen Gesichtsverlust. Ich warte ab. Und dann rede ich mit dem, wenn er runtergefahren ist.“
„Das entscheidest du doch selbst, wer dich beleidigen kann.“

Das weibliche Prinzip: Es lässt sich auch an den Veränderungen ablesen, mit denen die Polizeiarbeit auf gesellschaftliche Entwicklungen reagierte: In den Achtzigerjahren noch erschütterten heftige Konfrontationen das Verhältnis zwischen Polizei und Bevölkerung – man denke nur an die Konflikte rund um die Wiederaufbereitungsanlage im oberpfälzischen Wackersdorf, an Castortransporte, an andere Großdemonstrationen. Damals ging viel Vertrauen verloren – Polizisten waren „Bullen“, die Demonstranten „linke Chaoten“. Einer Gegner des andren. In den Neunzigern dann folgte eine Phase der Neuausrichtung. Eine Philosophie der Bürgernähe, Kundenorientierung und Demokratisierung verbreitete sich: Kontaktbeamte wurden vermehrt eingesetzt, als jederzeit ansprechbare Polizistinnen und Polizisten, die durch die Straßen ihres Viertels gingen oder radelten. Prävention wurde zur wichtigen polizeilichen Aufgabe ausgebaut, Beratungsstellen eingerichtet, zu Drogen, zur Sicherung von Häusern gegen Einbrüche, zu Gewaltproblemen. Die Zusammenarbeit mit Jugendämtern, Schulen, Gesundheitsämtern und anderen Behörden wurde gesucht, Sicherheit zunehmend als gesamtgesellschaftliche Aufgabe gesehen. Eine Entwicklung hin zum weiblichen Prinzip, zum Prinzip der Fürsorge und Vernetzung.

„Das ist ein sozialer Beruf. Ich will für die Gesellschaft da sein, fürs Zusammenleben, ich will Menschen helfen.“

Beispiel Beziehungsgewalt: Vormals waren die Möglichkeiten der Polizei begrenzt. Wurden sie gerufen, konnten die Beamten nicht viel mehr tun, als zu ermahnen und die misshandelte Frau darauf hinzuweisen, dass sie Strafanzeige erstatten konnte. Tat sie es nicht, gab es keine Ermittlungen, kein Urteil, keinen Richter. Den Beamten waren die Hände gebunden. Allenfalls konnten sie der Frau den Kontakt zum örtlichen Frauenhaus vermitteln.

Heute gehört es zu den polizeilichen Aufgaben, Opfer zu unterstützen und aktiv gegen Angreifer vorzugehen. Heute muss nicht mehr die geschlagene Frau gehen – ins Frauenhaus, zu Freunden – und schlimmstenfalls obdachlos werden, sondern der gewalttätige Mann kann von der Polizei aus der gemeinsamen Wohnung gewiesen werden – zunächst sogar ohne richterlichen Beschluss. Verstößt er gegen die sogenannte Wegweisung, begeht er eine Straftat.

Beispiel kriminelle Jugendliche. „Kurve kriegen“ heißt ein Programm, das Nordrhein-Westfalen entwickelt hat – andere Länderpolizeien haben ähnliche Netzwerke: Dabei kümmern sich Polizei und Jugendämter gemeinsam um Kinder und Jugendliche, die bereits auffällig wurden und deren Lebensumstände problembelastet sind. Das Ziel: Gemeinsam zu erreichen, dass die jungen Täter die Kurve kriegen, statt dauerhaft in die Kriminalität abzudriften. Das nützt nicht nur den Jugendlichen, sondern auch der Gesellschaft, denn jede verhinderte Straftat verhindert auch weitere Opfer.

„Die Position des Opfers hat in der polizeilichen Arbeit einen höheren Stellenwert bekommen“, erklärt der Hamburger Polizeiwissenschaftler Rafael Behr. „Und das nenne ich ,fürsorgen‘, also sich empathisch auf die schwächere Partei einlassen und ihr die eigene Stärke als Unterstützung anbieten.“

„Vernetzung ist unheimlich wichtig. Das ist aber oft Frauenarbeit bei der Polizei, und nicht so hoch angesehen. Männer machen lieber den ,richtigen‘ Job.“

Doch die „weibliche“ Seite der Polizei ist heute wieder bedroht. Die Bochumer Polzeibeamtin Tania Kambouri beschrieb 2015 in ihrem Buch „Deutschland im Blaulicht – Notruf einer Polizistin“ ihre Erlebnisse im Dienst mit muslimischen Migranten, die die Polizei insgesamt, aber insbesondere Frauen in Uniform oft nicht respektierten, ignorierten, beleidigten – bis hin zu obszönen Gesten. Solche Erfahrungen führen, wie Polizeibeamtinnen berichten, in der Praxis dazu, männlichen Kollegen im Einsatz den Vortritt zu lassen. Doch viele Polizistinnen halten das für falsch.

„Wenn Polizistinnen von bestimmten Einwanderergruppen nicht akzeptiert und respektiert werden und man, um Eskalationen zu vermeiden, die männlichen Kollegen vorschickt, dann schiebt man Frauen an den Rand und leistet der Frauenfeindlichkeit dieser Gruppen Vorschub. Das ist das Gegenteil von Integration. Ich finde: Auch Polizistinnen repräsentieren den Rechtsstaat, und das hat jeder zu akzeptieren, der sich hier aufhält. Wenn er es nicht tut, muss er eben die Konsequenzen tragen.“

Auch die Angst vor Anschlägen, vor einem Anstieg der Kriminalität durch die Einwanderung und gewalttätige Auseinandersetzungen wie beim Hamburger G20-Gipfel, in Chemnitz oder jüngst im Hambacher Forst, lassen zur Zeit das Pendel wieder in Richtung eines eher männlichen Prinzips schwingen: Die Politik setzt erneut auf Abschreckung, und die Innenministerien rüsten auf. Neue Spezialeinheiten und Verbände werden geschaffen, wie die bayerische Grenzpolizei oder die sogenannte BFE+ der Bundespolizei, die seit 2015 für die Terrorismusbekämpfung aufgestellt wurde, ausgerüstet mit Sturmgewehren und gepanzerten Fahrzeugen, trainiert wie für den Häuserkampf. Nach Meinung von Beobachtern verschwimmen dort die Grenzen zwischen Militär und Polizei.

„Es wird wieder eine Polizei gefordert, die robust vorgeht. Nicht mehr konfliktlösend und bürgernah“, sagt der Polizeiwissenschaftler Rafael Behr, „sondern vor allem abschreckend. Es gibt eine neue Tendenz zur Militarisierung der Polizei.“ Behr sieht das mit Sorge, denn: „Das ist eine Spirale, ein Wettlauf, der nicht zu gewinnen ist. Wir können noch so viele Spezialisten ausbilden und bewaffnen – das hilft gar nichts, wenn der Terrorist mit dem Lkw und dem Messer kommt. Dagegen gibt es keinen Schutz und keine Lösungen.“

Autorin: Susanne Zehetbauer
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 11/2018

 

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