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Fairer Lohn

Krankenschwester sind in ihrem Beruf mit vielfältigen Herausforderungen konfrontiert, aber dennoch schlecht bezahlt. Foto: plainpicture/Westend61/Heinz Linke

Krankenschwester, Altenpflegerin, Hebamme – es sind typische Frauenberufe, die schlecht bezahlt werden. Dennoch sind sie unverzichtbar, um die Familien von der Sorgearbeit zu entlasten. Händeringend wird mittlerweile um Nachwuchs geworben.

 

Schon wieder geht die Glocke. Der Patient in Zimmer 7 der geriatrischen Station eines Münchner Krankenhauses klingelt schon zum 19. Mal in dieser Frühschicht. Krankenschwester Maria B.* hat mitgezählt, und sie seufzt. Wahrscheinlich will der alte Herr etwas zu essen, wie die letzten Male auch. Dass er ein ausgiebiges Frühstück mit zwei Honigsemmeln hatte, dazu zwei große Tassen Kaffee, einen Erdbeerjoghurt und zur Zwischenmahlzeit eine Orange und ein paar Karamellkekse, hat er schon vergessen – er ist dement.

Hunger ist sein Dauerthema. Man gebe ihm nichts, klagt er, wenn die Krankenschwester das Zimmer betritt, wenn die Putzfrau kommt, wenn der Stationsarzt kommt, wenn die Ergotherapeutin kommt, wenn der Bettnachbar Besuch hat, wenn sein Sohn abends nach ihm sieht. Man lasse ihn hier verhungern, schimpft er. Schon seit Tagen sei er hier und habe noch nichts bekommen. Ihm zu widersprechen, ist zwecklos, Argumente kann er nicht mehr verarbeiten, sie machen ihn nur wütend. Dann weint er und schreit und versucht, aus dem Bett zu steigen, obwohl er so wackelig auf den Beinen ist, dass er schon zweimal gestürzt ist.

„Bin gleich wieder da“, sagt Krankenschwester Maria B. im Zimmer gegenüber, wo sie eben die nässende Beinwunde einer alten Dame neu verbunden hat. Noch zwei Wickelungen mit der Mullbinde, dann desinfiziert sie sich die Hände und läuft auf Zimmer 7: „Was gibt‘s denn, Herr Huber?“* „Ich brauche bitte endlich was zu essen! Helfen Sie mir doch!“, sagt der alte Mann flehentlich. „Gleich kommt das Mittagessen, Herr Huber!“, ruft die Schwester. „Ich komme gleich damit zu Ihnen.“ Dann eilt sie weiter.

 

Verantwortung für neun Patienten

 

Neun Patienten betreut die Krankenschwester in dieser Schicht, die morgens um 6.30 Uhr begonnen hat. Wenn ihre acht Stunden um sind und der Spätdienst übernimmt, wird sie für alle die Medikamente gerichtet haben, Blutdruckmittel, Betablocker, Infusionen, Beruhigungsmittel, Schmerzmittel und vieles andere mehr. Sie wird Blutzucker bestimmt haben, sieben Patienten gewaschen oder ihnen dabei assistiert haben, darunter auch einem alten Mann auf Zimmer 3, der 146 Kilo wiegt und sich fast nicht mehr bewegen kann. Sie wird sich um Wunden gekümmert haben, wird Patienten zur Toilette oder auf den Toilettenstuhl begleitet haben, auch die alte Frau, die nach ihrer Hüft-OP gestern zum ersten Mal wieder aufstehen sollte und trotz Schmerzmittel dabei weinte. Drei der Patienten sind inkontinent und müssen gewickelt werden. Einer hat sich den Blasenkatheter rausgerissen, als er aufstand, um aufs Klo zu gehen – der musste neu gelegt werden. Sie wird Betten überzogen haben, mit dem Stationsarzt die Fälle durchgesprochen haben, wird zwei Patienten entlassen und einen neuen aufgenommen haben. Sie wird ein Spezialbett für den schweren alten Mann auf Zimmer 3 besorgt und aus dem Depot im Krankenhauskeller geholt haben, sich darum gekümmert haben, dass Blutproben ins Labor kommen. Immerhin, das Frühstück hat heute eine Schwesternschülerin verteilt und den Patienten beim Essen geholfen, die es nicht mehr allein können. Aber die ist nicht immer da.

 

Vollzeit würde sie nicht mehr verkraften

 

Wenn die acht Stunden um sind, wird sie wie an jedem Arbeitstag schmerzende Füße und Nackenbeschwerden haben. Bandscheibenvorfälle sind eine Berufskrankheit. Krankenschwestern leisten Schwerstarbeit.

Maria B. ist 61 und arbeitet seit ihrem 18. Lebensjahr ununterbrochen in der Pflege. Sie liebt den Beruf immer noch, den Kontakt zu den Patienten, die strukturierte Geschäftigkeit im Krankenhaus. Aber sie arbeitet längst nur noch in Teilzeit, 30 Stunden pro Woche, weil sie nicht mehr schafft. „Ich brauche Zeit, um mich zu erholen und Abstand zu gewinnen, ich brauche Zeit für Ausgleichssport, sonst werde ich hektisch und ungerecht zu den Patienten.“, sagt sie. Weil die Station schlecht besetzt ist, kommt sie trotz Teilzeit in vielen Wochen auf 40 und mehr Arbeitsstunden.

In drei Jahren geht sie in Rente. Neulich hat sie sich beraten lassen: Sie wird rund 1300 Euro erhalten, abzüglich Krankenversicherung und Steuer. Kaum genug in einer Großstadt wie München.

*Name von der Redaktion geändert

aus: KDFB engagiert 3/2020
Autorin: Susanne Zehetbauer

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