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Fair verteilte Aufgaben

Viele junge Eltern möchten sich die Betreuung und Fürsorge für ihr Kind teilen. Symbolfoto: Deepol by plainpicture/Kateryna Soroka

Zeit ist in vielen Familien ein ebenso knappes Gut wie Geld. Wenn beide Partner Teilzeit arbeiten, könnte das zu mehr Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern führen. Aber nur wenige Eltern schaffen es, dieses Modell auch zu leben. Weil weder Arbeitswelt noch Kinderbetreuung bisher darauf eingestellt sind.

 

Wenn Annika Triller, ihr Mann und ihr sechsjähriger Pflegesohn morgens das Haus verlassen, dann wissen sie nicht immer, wer den Jungen am Nachmittag aus dem Kindergarten abholen wird. „Donnerstags geht mein Mann am Nachmittag mit ihm zur Musikschule, dienstags verbringe ich immer den Nachmittag mit ihm. An den übrigen Tagen lösen wir die Abholfrage im Tagesverlauf, wenn wir sehen, wer besser von der Arbeitsstelle wegkommt.“ Trotz allem Organisationsbedarf: Die Diözesansekretärin der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung im Erzbistum Köln und ihr Mann, von Beruf Netzwerktechniker, leben ein Modell, das sich viele Eltern in Deutschland wünschen. Sie arbeitet 75 Prozent, er 60 Prozent. Gemeinsam kommen sie so auf etwas weniger Arbeitszeit als die Familien, die das in Deutschland mittlerweile vorherrschende Zuverdienermodell leben: Der Mann arbeitet Vollzeit und hat wenig Zeit für die Familie, die Frau arbeitet etwa 50 Prozent und kümmert sich neben dem Beruf um die Kinder und das Gros der Hausarbeit. Trotz vollgestopfter Arbeitstage, die meist bis spät in den Abend dauern, bekommen erwerbstätige Frauen mit Kindern meist bescheinigt, in die Teilzeitfalle getappt zu sein. Da das deutsche Sozialsystem Erwerbsarbeit klar über Sorgearbeit stellt, nimmt die Frau bei dieser Rollenverteilung die monetären Nachteile nämlich quasi alleine auf sich. Die Lohnlücke wird über die Jahre immer größer, weil die Teilzeitstelle längst nicht die gleichen Entwicklungsmöglichkeiten bietet wie die Vollzeitstelle des Partners. Die Altersvorsorge fällt dürftig aus, weil das deutsche Sozialsystem einseitig die Erwerbsarbeit belohnt und die Fürsorgearbeit nur spärlich berücksichtigt. Auch sich selbst wirtschaftlich abzusichern, bleibt schwierig mit dem Verdienst aus der Teilzeitstelle. Der Fehler liegt dabei allerdings im System und nicht an der mangelnden Weitsicht der Mutter.

 

Es muss viel zusammenkommen, damit bei Paaren beide in Teilzeit arbeiten können

 

Annika Triller wusste ebenso wie ihr Mann immer, dass sie sich Familien- und Erwerbsarbeit teilen möchten. Dass es sich für die beiden auch umsetzen ließ, empfindet die Historikerin als großes Glück, für das einiges zusammenkommen musste. „Wir können das nur so leben, weil unsere Arbeitszeiten ziemlich flexibel sind und weil unsere beiden Stellen dafür gut genug bezahlt sind. Ich weiß, dass das viele Familien aus monetären Gründen nicht fair aufteilen können. Das empfinde ich als sehr ungerecht.“ Auch dass die Karriere beider Partner durch die Teilzeit ins Stocken gerät – mit den entsprechenden finanziellen Einbußen für die Familie – lässt viele davor zurückschrecken, Teilzeit für beide wirklich umzusetzen. Dass ein verlässliches Betreuungsangebot nicht nur für Grundschulkinder vielerorts immer noch Mangelware ist, macht es nicht leichter. 

 

Die Woche ist komplett verplant

 

Die Unwägbarkeiten der Arbeitswelt hat Annika Triller zur Genüge kennengelernt: „Ich bin mit Anfang vierzig zum ersten Mal in einer unbefristeten Stelle. Die Jahre davor hatte ich immer befristete Stellen, sodass mein Mann gezwungen war, einen größeren Anteil an der Erwerbsarbeit zu übernehmen, als wir eigentlich wollten. Das war sehr schwierig für mich.“

Übersehen darf man auch nicht, dass die Belastung für beide Partner hoch ist, wenn sie vollzeitnahe Stellen mit etwa 30 Arbeitsstunden pro Woche und die Familie zu schultern haben. Da darf zu Hause nicht viel schiefgehen, die Kinderbetreuungseinrichtungen müssen verlässlich sein, frei verfügbare Zeit wird zum Luxus. „Nachdem es im letzten Jahr beruflich bei mir mehr geworden ist, ist die Frage, wo ich bleibe, schon lauter geworden“, sagt Annika Triller. „Die Organisation klappt, aber der Freiraum für mich selbst ist sehr klein geworden. Mit mehreren Kindern wäre es sicher komplizierter. Und ab nächstem Herbst, wenn unser Pflegesohn in die Schule kommt und die Betreuungssituation sich ändert, werden wir vor neuen Herausforderungen stehen.“

 

aus: KDFB engagiert 3/2020
Autorin: Claudia Klement-Rückel

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