KDFB

Fair getragene Risiken

Foto: uwe umstaetter/imageBroker/Okapia

Lebensrisiken, die jeden Menschen treffen können: ein Unfall, eine Krankheit, die Folgen des Alters. Nicht nur für die Betroffenen verändert sich das Leben gravierend, sondern auch für ihre Angehörigen, die sich um sie kümmern. Meist sind es die Frauen, die neben der Last der Pflege massive finanzielle Folgen zu tragen haben: Einschränkungen der Erwerbstätigkeit führen zu Einkommenseinbußen und einer trotz aller Sorgetätigkeit geringen Rente. Der KDFB setzt sich deshalb für eine gerechtere Verteilung der Care-Arbeit ein.

           

An manchen Tagen weiß Christina nicht mehr, wie sie die Kraft für ihren Alltag aufbringen soll. „Ich lebe wirklich von Tag zu Tag. Seit meine Eltern Pflegefälle sind und unbedingt zu Hause betreut werden wollen, gibt es immer wieder Stunden der Verzweiflung“, erklärt die 47-jährige Juristin. Die Mutter von zwei Schulkindern lebt in einem Vorort von Stuttgart. Als das benachbarte Reihenhaus frei wurde, war sie zunächst sehr froh: „So konnten meine Eltern hierher ziehen und ich die Stunden meines Halbtagsjobs aufstocken.“

Anfangs waren Opa und Oma eine große Hilfe im Haushalt und bei der Kinderbetreuung. Doch nach einem Autounfall sind ihre Eltern nun voll auf Christina angewiesen: Einkaufen, Essen kochen, unzählige Arztbesuche und alles Bürokratische übernimmt sie. Ein Pflegedienst kommt einmal am Tag für die Körperpflege ins Haus.

 

„Ich will für meine Familie da sein, wenn sie mich braucht“

 

Seit die Pflege Christina so in Anspruch nimmt, musste sie ihre Arbeitsstunden wieder reduzieren: „Ich liebe meine Eltern, ich liebe meine Kinder. Ich will für sie da sein, wenn sie mich brauchen“, sagt sie. Ihr Mann kann sie unter der Woche nicht unterstützen, da er bei einer großen Firma in einer anderen Stadt arbeitet und nur am Wochenende heimkommt.

Haushalt, Halbtagsjob, Schulkinder und die pflegebedürftigen Eltern – Christina weiß, dass sie nicht nur nervlich und kräftemäßig einen hohen Preis zahlt, sondern auch finanziell. Denn würde sie nicht so viel Fürsorgearbeit in ihrer Familie leisten, hätte sie mehr Gehalt und später auch mehr Rente: „Ich kann aber tatsächlich nicht noch mehr leisten. Für mich ist das vielmehr ein Systemfehler in unserer Gesellschaft.“ Frauen würden praktisch finanziell bestraft, dass sie sich für andere einsetzen. „Und dann wird uns die Vielfachbelastung immer noch als unsere persönliche Entscheidung zur Last gelegt. All unsere Fürsorgearbeiten sind doch die Grundlage unserer Gesellschaft. Warum sollen wir Frauen allein den Preis dafür zahlen?“

 

Die mangelnde Vereinbarkeit von Pflege und Beruf zwingt viele Frauen dazu, Teilzeit zu arbeiten

 

So wie Christina pflegen in Deutschland 4,5 Millionen Menschen ihre Angehörigen zu Hause. 70 Prozent davon sind Frauen. Hauptproblem dabei sei die mangelnde Vereinbarkeit von Pflege und Beruf, so der Sozialverband Deutschland.

Sie zwingt viele Frauen dazu, Teilzeit zu arbeiten. Der „Unabhängige Beirat für die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf“ fordert daher in seinem ersten Bericht, dass die aktuelle Situation pflegender Erwerbstätiger mehr in den Fokus der Öffentlichkeit gelangen muss.

Der Beirat mit Sitz im Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben in Berlin gibt zentrale Handlungsempfehlungen, wie zum Beispiel die Einführung einer Entgeltersatzleistung für pflegende Angehörige analog zum Elterngeld für bis zu 36 Monate, die das Darlehen als finanzielle Unterstützung ablöst.

An sich sollte es das Gesetz zur Familienpflegezeit, das 2015 in Kraft trat, ermöglichen, Beruf und Pflege besser zu vereinbaren. Doch das sieht vor, dass pflegende Angehöri­ge, die ihre Arbeitszeit reduzieren, mittels eines Darlehens die entstehende finanzielle Lücke überbrücken. Aber kaum jemand kann und will sich das leisten: Das Gesetz ist ein Flop. Der Beirat fordert daher Unterstützungsangebote, die für pflegende Angehörige einfach und schnell zugänglich, flexibel und verlässlich sind.

Besonders groß ist die Not in Familien, die ein chronisch krankes, behindertes oder gar pflegebedürftiges Kind haben. Bei ihnen ist oft auf unabsehbare Dauer die Vereinbarkeit von Familie und Beruf extrem erschwert. Armut ist meist die Folge, viele leben von Hartz IV. Und ihnen ist auch nicht ausreichend geholfen, wenn nötige Inklusionsangebote, Heime und andere Entlastungsangebote ausgebaut werden, denn: Familien möchten Zeit miteinander verbringen. Und das gilt ganz besonders dann, wenn ein Kind in hohem Maße schutzbedürftig ist.

 

aus: KDFB engagiert 3/2020
Autorin: Karin Schott

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