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Ein Weg, der verwandelt

Die Faszination für den Jakobsweg hält an. 2019 schafften es fast 350000 Pilger*innen nach Santiago de Compostela. Zwei Frauen berichten, wie die Pilgerschaft ihr Leben langfristig verändert hat.           

 

Wenn Sabine Dankbar auf ihren Computer schaut, zeigt ihr Bildschirmschoner ein Foto der Meseta. Auf der Hochebene in Zentralspanien reihen sich bis zum weit entfernten Horizont gelbe, abgeerntete Felder an grüne Flächen, auf denen schon wieder etwas wächst. Darüber ganz groß der wolkenlose blassblaue Himmel. In der Mitte des Fotos ein dunkelblauer Wegweiser mit gelbem Muschelsymbol und einem weißen Pfeil, der den Weg nach Santiago weist. „Wenn ich über diese 33 Tage des Pilgerns spreche, dann merke ich, wie eine Emotion in mir hochkommt, die raumgreifend und erfüllend ist. Ich merke, da ist etwas in meiner Brust, was schön ist, sehr schön sogar!“ Vor 14 Jahren ist Sabine Dankbar den Jakobsweg auf der klassischen Route von der französischen Grenze durch Nordspanien nach Santiago gegangen. Seitdem hat die heute 55-Jährige das Foto aus der Meseta auf ihrem Computerbildschirm, und weder ihr Mann noch ihre Kinder konnten es verdrängen. „Es hat eine Leere, die ich füllen kann. Es hat eine Weite, in der ich meine Gedanken und Gefühle schweifen lassen kann. Es ist Natur pur, und der Horizont liegt weit irgendwo da hinten. Das verbindet mich auch mit dem Göttlichen. Ja, und da ist dann der Weg. Das Bild sagt mir: Geh deinen Weg. Und egal, was passiert, und egal, was kommt, gehe einfach. Im Gehen entsteht etwas neu, halte nicht irgendetwas aus.“  

 

Gespürt, dass etwas nicht mehr stimmig ist im eigenen Leben

 

Diese Lektion hat sich Sabine Dankbar tief eingeprägt. Denn vor ihrer Pilgerschaft im Jahr 2006 liegt eine Zeit, in der sie aushält, was für sie nicht mehr stimmig ist. Sie arbeitet in ihrer Heimatstadt Ochtrup im Münsterland in der Geschäftsleitung des familieneigenen Unternehmens. Der mittelständische Betrieb entwickelt und produziert Damenoberbekleidung. Für Sabine Dankbar ist es lange Jahre ein Traumjob. Es macht ihr unendlich Freude, sich gedanklich damit auseinanderzusetzen, wie sie Frauen durch Kleidung schöner machen, ihre persönlichen Stärken unterstreichen und ihre Problemzonen kaschieren kann. Sie verdient gut, ist beruflich häufig auf Reisen und geht mehr und mehr in der Welt der Mode auf. Nur für ihre Träume von einem Privatleben mit Mann und Kindern lassen die beruflichen Anforderungen fast keinen Platz. Als sie 2003 von einer Freundin zum ersten Mal vom Jakobsweg hört, ist sie berührt und spürt, dass tief in ihr etwas anklingt. Noch in der gleichen Woche kauft sie sich das Pilgertagebuch der spirituellen Autorin Andrea Schwarz „Die Sehnsucht ist größer“. Nach der Lektüre steht für sie fest, dass sie den Weg gehen wird. Doch fünf oder sechs Wochen Urlaub kann sie sich in ihrem Job nicht erlauben. Und außerdem: „Es herrscht in unserem Familienbetrieb das ungeschriebene Gesetz, dass wir uns nichts erlauben, was wir nicht auch den Angestellten genehmigen würden.“ Drei Jahre lang ringt sie mit sich. Schließlich wird ihr klar, dass sie kündigen muss. „Karriere oder Jakobsweg?“ wird zwei Jahre später der Titel des Buches lauten, in dem sie ihre Erfahrungen aufgeschrieben hat.

 

„Der Pilgerweg ist ein ganz wichtiges Puzzleteil für mein Leben“ 

 

Auf dem Pilgerweg begleiten Sabine Dankbar Gedanken des Mystikers Meister Eckhart: „Die Welt von innen zu betrachten, sich von innen bewegen zu lassen, führt zum

eigenen Lebensweg!“ – „Was ist mein Leben?“ – „Was von innen her, aus sich selbst bewegt wird. Das aber lebt nicht, was von außen bewegt wird.“ Und als besondere Aufmunterung fügte sie hinzu: „Geh deinen Weg! Sabine!“

Den Weg nach Santiago hat Sabine Dankbar geschafft. Sie fühlte sich dabei immer gut beschützt, behütet und begleitet. Ein Gefühl, das sie als Christin schon kannte, aber: „Das hat sich durch den Jakobsweg nochmals vertieft.“  Heute ist sie überzeugt: „Der Pilgerweg ist ein ganz wichtiges Puzzleteil für mein Leben.“ Denn auf dem Weg entdeckt sie, wie gerne sie anderen Menschen zuhört. Und ein Begleiter macht sie auf die Systemische Beratung aufmerksam. Nach der Pilgerreise lässt sie sich ausführlich über verschiedene Studien- und Berufsmöglichkeiten beraten, letztendlich entscheidet sie sich dafür, sich zur Systemischen Beraterin ausbilden zu lassen.

Als Gebetsanliegen hatte Sabine Dankbar ihren Wunsch nach Ehe und Kindern auf den Pilgerweg mitgenommen. Heute ist sie verheiratet. Aber: „Ich habe mir immer Kinder gewünscht, und ich habe auf dem Jakobsweg sehr darum gebetet. Ich weiß, dass ich in vielen Kirchen Kerzen angezündet und immer für die Erfüllung dieses Wunsches gebetet habe. Ich habe keine eigenen Kinder bekommen.“

Vor sechs Jahren überlegten sie und ihr Mann zum ersten Mal, was wäre, wenn sie ein Pflegekind aufnehmen würden. „Vor fünf Jahren sind wir Pflegeeltern geworden. Wir haben nicht nur eines, wir haben zwei Kinder bekommen.“ Zu dieser Entwicklung ihres Leben sagt Sabine Dankbar: „Ich glaube, dass der Mensch sein eigenes Tun in die Hand nehmen sollte und sein Leben gestalten kann. Und trotzdem gibt es auch einen Plan.“

 

„Der Jakobsweg hat mich gelehrt, ins Vertrauen zu gehen“

 

Auf dem Jakobsweg konnte Sabine Dankbar immer wieder in Zwiesprache mit Gott kommen. Bis heute hat sie diesen Zugang nicht verloren. „Der Jakobsweg hat mich gelehrt, ins Vertrauen zu gehen. Nicht nur ins Vertrauen zu Gott, sondern auch ins Vertrauen, was die eigene Kraft schaffen kann, und ins Vertrauen zu anderen Menschen. Gleichzeitig habe ich sehr schmerzlich mitbekommen, wo meine eigenen Grenzen sind und dass Kraft auch endlich ist und man gut auf sich aufpassen muss.“

Auch Andrea Schwarz, die Autorin, durch deren Buch Sabine Dankbar sich fürs Pilgern entschied, hat vor 23 Jahren auf dem Pilgerweg ihre Grenzen erfahren. Bevor sie nach Santiago aufbrach, hatte sie einen detaillierten Plan erstellt, wann welche Tagesetappe dran sein sollte und wie viele Kilometer sie sich zutrauen würde. „Die Liste konnte ich am zweiten Tag wegwerfen. Die aktuelle Situation hat alle Pläne durchkreuzt. Ich habe mich verletzt und musste eine Woche zu laufen aufhören.“

 

Lernen, nur die nächste Tagesetappe in den Blick zu nehmen

 

Da auch die Coronakrise viele ihrer Pläne durchkreuzt hat, fühlt sich Andrea Schwarz gerade stark an die Erfahrungen des Pilgerwegs erinnert. „Dort lernte ich, auf Sicht zu fahren, als Ziel nur die nächste Tagesetappe in den Blick zu nehmen, denn der Blick auf das große Ziel hätte mich erschlagen.“ Diese Haltung hat sich für sie bis heute in ganz vielen Bereichen bewährt und fortgeschrieben.

Überhaupt geht es für Andrea Schwarz beim Pilgern darum, Haltungen einzuüben. Das heißt, sich auf Neues einzulassen, mit wenig Gepäck unterwegs zu sein, ungesichert zu sein, sich auszusetzen und nicht zu wissen, was auf einen zukommt. „All das lehrt der Weg und das pilgernde Unterwegssein. Man lernt sozusagen durch das Außen. Etwas wandert von außen nach innen und kann zur Haltung werden.“ Damit das Unterwegssein nicht nur ein sportlicher Urlaub ist, ist für Andrea Schwarz das Ziel des Weges entscheidend. 

„Ich habe auf meiner Pilgerreise erfahren, wie sehr das Ziel den Weg bestimmt. Man richtet die einzelnen Schritte auf Santiago hin aus. Oder von unserem Glauben her, Ziel ist Gott, Reich Gottes, und ich richte meine Schritte daraufhin aus. Es ist nicht allein damit getan, dass ich Schritte mache, egal wohin.“

Besonders gut drückt für die Schriftstellerin die neue Übersetzung von Psalm 84,6 christliches Pilgern aus. „In die aktuelle Einheitsübersetzung der Bibel wurde aufgenommen, wie der große Bibelwissenschaftler Erich Zenger den Vers übersetzt hat ,Selig die Menschen, die Kraft finden in dir, die Pilgerwege im Herzen haben.‘“

 

 

aus: KDFB engagiert 10/20
Autorin: Anne Granda

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