KDFB

Die unbekannten Diakoninnen

Dagmar Petermann bei der Jubiläumsreise der Ancillae Sanctae Ecclesiae nach Schweden. Die Frauenbundfrau leitet das Säkularinstitut. Foto: Riffert
Barbara Gradl nahm auch an der Schwedenreise der Ancillae Sactae Ecclesiae teil. In der Schwesternschaft trägt sie den Namen einer der Urchristinnen, die eng mit dem Apostel Paulus arbeitete: Priska Foto: Riffert

Sie leben mitten in der Welt, nicht im Kloster. Sie sind geweiht, aber viele sind verheiratet. Sie tragen keine Ordenstracht, und kaum jemand in ihrem Umfeld weiß, dass sie ein Gelübde abgelegt haben. Sie gehen ihren Aufgaben in Beruf und Familie nach, und sie halten Gebetszeiten und Regeln ein. Sie setzen sich dafür ein, dass die Welt ein wenig heiler wird. Zwei Mitglieder des Säkularinstituts „Ancillae Sanctae Ecclesiae“, 1919 von Ellen Ammann gegründet, erzählen von einer besonderen Verbindung aus weltlichem und geistlichem Leben.       

 

Nein, so stellt man sich eine „Dienerin der Heiligen Kirche“ nicht vor. Nicht so frisch wie Dagmar Petermann, nicht so fröhlich und zuversichtlich wie sie, nicht so selbstbewusst und lebensbejahend, nicht mit einem so natürlichen, ansteckenden Lachen. Nein, er will nicht so recht zu ihr passen, der unterwürfige Beiklang im Namen der Gemeinschaft, der sie seit 25 Jahren angehört: „Ancillae Sanctae Ecclesiae“ (ASE), zu Deutsch: Dienerinnen der heiligen Kirche.

Man darf vermuten, dass es keine Begeisterungsstürme unter den Mitgliedern hervorrief, als das Säkularinstitut 1952 Anerkennung und Namen vom Vatikan erhielt. Über 30 Jahre zuvor war die Gemeinschaft als „Vereinigung katholischer Diakoninnen“ gegründet worden – ein ebenso schlichter wie programmatischer Titel. Die Gründerin, die Schwedin Ellen Ammann, die auch den Münchner Frauenbund und den Bayerischen Landesverband des KDFB ins Leben gerufen hatte, sammelte ab 1919 ledige wie verheiratete Frauen um sich, die, getragen vom Glauben, in ihrem Umfeld karitativ wirkten. Eben als Diakoninnen des Alltags.

Dagmar Petermann war bereits Anfang 40, als sie Ende der 80er-Jahre von der Vereinigung erfuhr. Petermann, damals auf der Suche nach einem spirituellen Weg, den sie mit ihrer Ehe und Familie vereinbaren konnte, traf hier auf Frauen, die sie beeindruckten – auf Lehrerinnen, Sozialarbeiterinnen, Hebammen und Beamtinnen, die gelebte Spiritualität und soziales Engagement verbanden. Sieben Jahre lang näherte sie sich der Gemeinschaft mehr und mehr an. Lernte die Regeln kennen, prüfte sich. Und beschäftigte sich intensiv mit den Anliegen der Gründerin.

Helfen als Auftrag, Ellen Ammann als Vorbild 

„Ellen ist mein großes Vorbild“: Wenn Dagmar Petermann von der großen Schwedin spricht, nennt sie sie beim Vornamen wie eine Freundin, eine nahe Vertraute. „Sie hat mir immer imponiert“, berichtet sie. „Sie war verheiratet, Mutter von sechs Kindern, Mitbegründerin der Bahnhofsmission, Politikerin. Die Würde des Menschen war für sie fraglos, dafür hat sie gelebt. Von ihr ist niemand ohne Trost und Hilfe weggegangen.“

Für Petermann ist diese Haltung bis heute Auftrag und Ansporn. Auch ihr Engagement ist vielfältig: Sie ist Ansprechpartnerin der „Frauen-Insel“, einem Begegnungsraum des KDFB-Diözesanverbands München und Freising in der Landeshauptstadt. In ihrer Heimatpfarrei in Olching ist sie als Kommunionhelferin und Lektorin aktiv, ab und zu auch als ehrenamtliche Hilfsmesnerin. Sie war viele Jahre im Pfarrgemeinderat und in der Kirchenverwaltung, unterstützt die „Aktion für das Leben“ und engagiert sich seit Jahrzehnten für den Frauenbund auf verschiedenen Ebenen. „Mir war und ist es wichtig, mich für die Menschen zur Verfügung zu stellen.“

Ihr mittlerweile verstorbener Mann begegnete ihrem Interesse an der Gemeinschaft zunächst sehr skeptisch. „Er war unsicher, wie sich unsere eheliche Beziehung entwickeln würde“, erinnert sich Petermann. „Aber die Liebe zu Gott wirkt sich auch positiv auf die Liebe zu Menschen aus. Ich habe Gott nie als Konkurrenz zu meinem Mann gesehen, sondern die gelebte Spiritualität und Gottesbeziehung haben mein Ehe- und Familienleben erweitert.“


Gemeinschaft spüren, obwohl im Alltag jede für sich unterwegs ist


Mit 49 Jahren schließlich trat sie den Ancillae bei, 25 Jahre ist das nun her. Den exakten Wortlaut ihres Gelübdes im Rahmen eines feierlichen Gottesdienstes weiß die 74-Jährige bis heute: „Herr Jesus Christus, als Dienerin der heiligen Kirche gelobe ich dir, für immer in ehelicher Keuschheit, Armut und Gehorsam zu leben. Nimm meine Weihe an, und segne meine Arbeit und den apostolischen Dienst, der mir übertragen ist. Lass mich nach dem Beispiel der heiligen Diakoninnen leben.“ Gemeint sind die Frauen in der frühen Kirche, über die der Apostel Paulus in seinen Briefen schreibt: Phoebe, Priska und andere, die sich in den ersten christlichen Gemeinden um Bedürftige kümmerten oder die Gemeinschaften organisatorisch leiteten.

 

Das Stundengebet strukturiert den Tag


2015 übernahm Petermann die Leitung der ASE und hält seither die Gemeinschaft aus 30 Mitgliedern zusammen: „Wir sind gemeinsam unterwegs, obwohl im Alltag jede Frau für sich beziehungsweise mit ihrer Familie lebt“, erklärt sie. „Die Gemeinschaft ist deutlich spürbar, und sie tut mir gut.“ Regeln strukturieren den Tag, das Stundengebet etwa, zu dem sich die Mitglieder der ASE wie Ordensmitglieder verpflichtet haben. Die Laudes gehört als morgendliches Gebet dazu, ebenso das Abendlob. Alle Mitglieder nutzen dabei das „Te Deum“, ein modern gestaltetes Gebetbuch, das nicht nur die Vorlagen fürs Stundengebet enthält, sondern auch die Schriftlesungen jedes Tages.

Wenn die Mitglieder der Ancillae zu ihren regelmäßigen Veranstaltungen zusammenkommen, beten sie miteinander. „Das ist sehr schön, denn dann wird unsere Gebetsgemeinschaft ganz konkret erlebbar. Wenn wir wieder auseinandergehen, können wir uns an diese gemeinsame Erfahrung erinnern und bleiben einander verbunden, auch wenn jede wieder für sich betet“, erklärt Dagmar Petermann. Die Mitglieder meditieren regelmäßig und pflegen das abendliche Ritual des Tagesrückblicks. „Dabei gehe ich vor dem Einschlafen noch einmal meinen Tag durch. Ich danke für das Gute und nehme das weniger Gute wahr. Dann lege ich alles in die Hand Gottes. Das erleichtert mich und ich kann gut schlafen.“

Der Austausch unter den Mitgliedern findet bei den gemeinsamen Veranstaltungen statt. An einem Gemeinschaftstreffen pro Monat soll jedes Mitglied teilnehmen. Zweimal pro Jahr dauert es den ganzen Tag. Auch ein jährliches Besinnungswochenende gehört dazu. Die Mitglieder sollten außerdem jede für sich regelmäßig die Heilige Messe besuchen und nach Möglichkeit einmal jährlich an Schweigeexerzitien teilnehmen. Ist das nicht eine ganze Menge, wenn man voll berufstätig ist und noch dazu eine Familie hat?

 

Die tägliche Zeit für Gott ist fest eingeplant


Barbara Gradl schmunzelt, wenn sie diese Frage hört. „Man lebt sich da hinein, auch dadurch, dass man täglich im Gebet mit den anderen verbunden ist“, erklärt sie. Die 61-Jährige ist seit elf Jahren Mitglied bei den Ancillae. „Ich hatte schon als junges Mädchen Sehnsucht nach einem vertieften Weg im Glauben, aber nicht den Mut zum Ordenseintritt“, erinnert sie sich. Stattdessen studierte sie, heiratete, bekam drei Kinder. Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes vor 20 Jahren ging es ihr zunächst darum, mit den Kindern gut weiterleben zu können. Die Sehnsucht nach mehr Tiefe im Leben blieb für die Juristin, die beim Bayerischen Gemeindetag als Referatsdirektorin arbeitet, bestehen. Als die Kinder größer wurden, hatte sie wieder mehr Zeit für ihre Suche zur Verfügung. Schließlich fand sie im Frauenbundsmagazin „KDFB engagiert“ einen Artikel über die Ancillae.

 „Dadurch, dass ich lange allein gelebt habe, konnte ich vielleicht besser hinhören, was Gott von mir will. Als mir dieses Säkularinstitut im fortgeschrittenen Alter begegnet ist, wusste ich: Das ist es für mich!“, schildert sie ihren Entschluss zum Beitritt. Barbara Gradl wünschte sich eine Form der Verbindlichkeit im Glauben. Die tägliche Zeit für Gott sollte fest eingeplant sein, auch wenn der berufliche Alltag anstrengend ist.

Ihr bereitet es Freude, den Tag durch die Gebetszeiten zu strukturieren. Auch auf der Pilgerreise durch Schweden, mit der das Säkularinstitut im vergangenen September sein 100-jähriges Gründungsjubiläum feierte, lud sie andere ein zum gemeinsamen Gebet. Eine spontane spirituelle Gemeinschaft entstand, an die sie im Berufsalltag wieder gerne denken wird. „Es ist ein Geschenk, mit anderen Frauen im Glauben unterwegs zu sein. Es geht im Leben letztlich darum, Gott näherzukommen und im Alltag Christus durch unser Leben spürbar werden zu lassen.“

 

Autorin: Gabriele Riffert
aus: KDFB engagiert 11/2019

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