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Das Band der Artenvielfalt

Die Kalte Moldau bei Haidmühle, Foto: Anne Granda

Eine Million Tier- und Pflanzenarten stehen vor dem Aussterben, warnt die UNO. Mitten durch Deutschland zieht sich ein Hoffnungsstreifen: das Grüne Band. Die Grenze zu den ehemaligen Ostblock-Staaten ist eine Naturoase, die zahlreiche gefährdete Arten beheimatet.

Ein weiter grüner Wiesengrund, rundum bewaldete Hügel, einige Holzhütten – dieser einladende Rundblick bietet sich am Grenzübergang Haidmühle. Beim Holzhaus mit den drei Fahnenstangen geht es nach Tschechien. Die Grenzregion gehört zum Grünen Band. Es entstand unbeabsichtigt nach dem Zweiten Weltkrieg entlang der Grenze zum Ostblock. In dem von Menschen kaum genutzten Grenzstreifen konnte sich die Natur ungestört entwickeln. So gibt das Grüne Band Deutschland, das sich über rund 1750 Kilometer von der norddeutschen Tiefebene bis in den Bayerischen Wald erstreckt, über 1200 bedrohten Tier- und Pflanzenarten Schutz. Es zieht sich durch neun Bundesländer und verbindet über 146 unterschiedliche Lebensräume miteinander.

Auch die Landschaft in Haidmühle, etwa 40 Kilometer nordöstlich von Passau im Bayerischen Wald gelegen, hat ihre schützenswerten Besonderheiten. Welche das sind, offenbart sich nicht auf den ersten Blick. „Eine Landschaft muss gelesen werden“, erklärt Karel Kleijn. Der Biologe und Referent des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland bückt sich und kann im vermeintlich einheitlichen Grün des Magerrasens bereits Ende April die Spitzen von drei verschiedenen Blütenpflanzen ausfindig machen. Gleich angrenzend das Grün ist eine Hochmoorfläche.

Feuchtes Revier für die Kreuzotter

Karel Kleijn bewegt sich ganz vorsichtig über die unregelmäßigen Gras- und Moospolster, reckt seinen Hals, um unter den  Rand von Sandmulden zu schauen. „Hier könnten sich schon einige Kreuzottern in die Sonne gewagt haben“, bemerkt er erwartungsvoll. Die Reptilien sind Sorgenkinder des Naturschutzes, sie gehören zu den gefährdeten Arten. In einem grenzübergreifenden Projekt werden zwischen Haidmühle und dem tschechischen Stožec Schlangen aus Problemzonen auf sichere Schutzflächen gebracht.

Karel Kleijn erklärt, was zusammenkommen muss, damit sich eine gefährdete Art wie die Kreuzotter wieder vermehren kann. Ihr Revier muss feucht genug sein. Das heißt, Entwässerungsgräben müssen verstopft werden. Immer wieder muss geprüft werden, ob die Abflüsse wirklich geschlossen sind und alle Gräben dichthalten. Wenn Karel Kleijn auf den Wasserlöchern Froschlaich schimmern sieht, weiß er, dass dort das dringend notwendige Futter für die jungen Kreuzottern heranwächst. Und wenn genügend Eidechsen über das Hochmoor flitzen, haben auch die ausgewachsenen Schlangen ihre Nahrung.

Naturwissen live vermittelt

Von Anfang Mai bis Mitte September 2019 führt Karel Kleijn Interessierte im Grünen Band und zeigt ihnen, welche Wunder die geschützte Natur bereithält. Er weiß, wo Orchideen blühen und wo die Wiesen sind, auf denen sich silberweiß das Wollgras im Wind wiegt. Er geht mit Gruppen raus zur Flugzeit der Schmetterlinge, leitet Kräuterwanderungen, erläutert den Nutzen von Nieder- und Hochmooren, die Artenvielfalt von Magerrasen und dass unbegradigte, sich schlängelnde Bäche nicht nur zauberhaft aussehen. Sie haben auch eine wichtige Funktion beim Rückhalt von Wasser. Er macht den Unterschied deutlich zwischen einem Waldstück, das von seinem Besitzer kahlgeschlagen wurde, und einem Stück Wald, in dem Naturschützer Totholz für Spechte stehen lassen.

Moore: Klimaschützer Nummer eins

Im Jubiläumsjahr 2019, in dem 30 Jahre Grünes Band gefeiert werden, ist das Führungsprogramm für Einheimische und Touristen besonders vielfältig. Damit soll ein großes, grenzübergreifendes Projekt vorbereitet und vorgestellt werden. In den nächsten sechs Jahren werden im Grenzgebiet, vor allem in Tschechien, entwässerte Flächen wieder in Feuchtgebiete und Moore zurückverwandelt. Karel Kleijn weiß, wie wichtig die Maßnahmen sind, denn „das Klima wird an erster Stelle durch Moore geschützt.“ Eine Einschätzung, die mit den Forschungsergebnissen von Moorexperten übereinstimmt. Demnach machen Moore weltweit nur drei Prozent der Landfläche aus. Sie speichern aber doppelt so viel Kohlenstoff wie alle Wälder der Welt zusammen.

Längster Lebensraumverbund der Welt

Der Schutz des Grünen Bandes und Erweiterungen, die die Natur erhalten, sind eine bleibende Aufgabe. „Wir haben schon viel erreicht, etwa zwei Drittel des Grünen Bandes stehen unter Schutz“, betont Liana Geidezis. Sie ist beim BUND die Leiterin des Fachbereichs Grünes Band. „Und letztes Jahr war ein großer Erfolg, dass Thüringen seinen Gebietsanteil als Nationales Naturmonument ausgewiesen hat. Das ist ein besonders strenger Schutz.“ Doch hat das Band noch immer Lücken. Vor allem dort, wo die jahrzehntelang unberührte Natur für intensive Landwirtschaft umgeackert wurde. So arbeiten die Naturschützer seit 2013 für den Lückenschluss, um die letzten fehlenden 170 Kilometer wieder zurückzugewinnen. Die Umweltschützer haben ihre Initiative ausgeweitet. Seit 2002 arbeiten Regierungs- und Nichtregierungsorgansationen aus 24 Anrainerstaaten zusammen und bilden den Verbund des Europäischen Grünen Bandes. „Mit seinen 12.500 Kilometern ist das Grüne Band Europa der längste Lebensraumverbund der Welt“, freut sich Liana Geidezis. Ein Band der Hoffnung, das sich vom Eismeer im Norden bis zum Schwarzen Meer an der Grenze zur Türkei und zur Adria erstreckt.

Autorin: Anne Granda
aus: KDFB Engagiert 6/2019

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