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Das große Geheimnis

Gott ist Mensch geworden und hat Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen. Bild: image source

Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich! Gleich am Anfang des biblischen Berichts über die Schöpfung steht diese Aussage über Gott und den Menschen. In ihrer Tiefe erscheint die Bedeutung dieser Aussage geheimnisvoll und schier unergründlich.

Führen Sie sich vor Augen: Sie sind Gottes Ebenbild – was bedeutet das für Sie? Lassen Sie sich kurz auf diese Überlegung ein, und ein Feuerwerk an Gedanken und Vorstellungen, aber auch an Fragen und Zweifeln wird in Ihrem Kopf explodieren. Bei mir taucht auf: Ich kleines Menschlein bin also das Bild Gottes. Ich bin Gott ähnlich. Ich, mit meinem Gesicht, meinem Körper, meinem Wissen, meiner Dummheit, meiner Lebensgeschichte? Gott steht also zu mir in engster Beziehung?

Aber wie kann das sein?

Gott ist heilig, unendlich barmherzig, unendlich liebend, um nur mal anzufangen mit dem, was über Gott in der Bibel steht. Wie klein ist doch meine Heiligkeit, meine Barmherzigkeit, meine Liebe?

Ja, sicher, das Kind in der Krippe, das Lächeln eines jeden Kindes macht es zunächst einfach, diese Botschaft von der göttlichen Herkunft zu glauben. Aber kann ich mir wirklich vorstellen, dass Menschen Gottes Ebenbild sind, wenn sie töten, vergewaltigen, gnadenlos andere Menschen und die Natur ausbeuten zum eigenen Vorteil? Und wie ist das mit Menschen, die sichtbar versehrt sind, krank und verunstaltet, oder die im Alter ihre Erinnerung verlieren? Sind das für mich auch Gottes Ebenbilder?

Wurzel der menschlichen Würde

Zu allen Zeiten haben Menschen heftig auf die Aussage der Gottebenbildlichkeit reagiert. Sie haben versucht, ihre Bedeutung zu ergründen, die Bedeutung jedes einzelnen Wortes wissenschaftlich auszuleuchten und dem Sinn für sich persönlich, etwa durch Meditation, nahezukommen. Und obwohl die Aussage nur an wenigen Stellen der Bibel bezeugt ist, erlangte sie größte Bedeutung in der Geschichte der Theologie. Sie hinterließ tiefe Spuren in der kirchlichen Lehre vom Menschen und prägte die christliche Ethik. Und sie ist die biblische Grundlage für die Vorstellung, dass jeder Mensch eine unveräußerliche Würde hat.

Der breite Strom an Auslegungen und Interpretationen wurde wohl noch dadurch verstärkt, dass es in der Bibel selbst keine weiteren Hinweise gibt, was die Gottebenbildlichkeit zu bedeuten hat. Die Theologin Ute Neumann-Gorsolke fasst zusammen: „Was diese Aussage bedeutet, wird in den Texten nicht explizit erklärt, sodass in der Forschung unterschiedliche Auffassungen diskutiert werden, von denen bislang keiner allgemeine Anerkennung zuteilwurde.“ Bis heute können Menschen also immer nur versuchen, sich dem Geheimnis ihrer eigenen göttlichen Ebenbildlichkeit zu nähern.

Gott ähnlich zu werden – für dieses Ziel muss man sich bewusst entscheiden

Der amerikanische Franziskaner Richard Rohr, der auch in Deutschland als Autor spiritueller Bücher bekannt ist, schreibt dazu in seinem diesjährigen Newsletter täglich einen meditativen Impuls. Gleich zu Beginn stellt er die zentrale Frage, wie es sein kann, dass bei zwei Menschen, beide als Bild Gottes geschaffen, der eine in seinem Handeln Jesus sehr ähnlich ist. Er ist einfühlsam, offen, liebend, freundlich, vergebend. Der andere aber, auch als Bild Gottes geschaffen, ist Jesus sehr unähnlich.

In seiner Antwort greift Richard Rohr auf die Gedanken der Glaubensväter frühchristlicher Jahrhunderte zurück. Er teilt die Bezeichnungen auf – „Bild Gottes“ und „Gott ähnlich“ zu sein ist etwas Unterschiedliches: „Als Kind Gottes oder als Bild Gottes ist jedem die Erschaffung nach Gottes Bild unauslöschlich eingeprägt. Doch wer Gott ähnlich werden will, muss sich ganz persönlich dafür entscheiden und darum bemühen“, ist er überzeugt. Eine Hilfe, diese Entscheidung zu treffen, sieht Richard Rohr in der kontemplativen Vertiefung des Glaubens.

Er lädt die LeserInnen seiner Meditationen ein, genau darauf zu achten, welches Wort, welcher Ausdruck sie ganz besonders angesprochen hat. Mich rührt zum Beispiel besonders an, dass Richard Rohr nicht nur vom Bild Gottes, sondern auch vom Kind Gottes spricht. Er empfiehlt den Meditierenden, dieses eine Wort in den Tag mitzunehmen und sich immer wieder daran zu erinnern. Dabei sollen die Meditierenden hinspüren, welchen Anstoß ihnen das Wort gibt oder wozu es sie einlädt.

Versuchen Sie es: Was bewegt sich in Ihrem Inneren, wenn Sie einen Tag lang immer wieder kurz darüber nachdenken, dass Sie als „Kind Gottes“ leben?

Eine sehr praktische Art, sich mit der Frage der Gottebenbildlichkeit auseinanderzusetzen, ist der Einsatz für Menschen, denen nicht nur diese Würde, sondern oft sogar ein Recht zu leben abgesprochen wird. Schwester M. Gabriele Konrad, Mitglied einer der größten bayerischen Einrichtungen für Menschen mit Behinderung, dem Franziskuswerk der Schönbrunner Franziskanerinnen, hat das wiederholt erfahren. Wenn sie mit einer Gruppe von Menschen mit Behinderung im nahe gelegenen Dachau oder in München unterwegs war, waren sie Anfeindungen ausgesetzt. „Fremde griffen mich oder die Menschen mit Behinderung an, was uns einfalle, hier zu stören.“

Oft kam der Angriff aus der Überzeugung: „Diese Menschen sind nicht effizient und bringen keine Leistung, deshalb nehme ich mir das Recht heraus, sie zu kritisieren“, weiß Sr. Gabriele, die seit über 30 Jahren mit Menschen mit Behinderung zusammenlebt und arbeitet. Manchmal war die Ablehnung in Hilflosigkeit begründet, da Menschen ohne Behinderung oft nicht wissen, wie sie Menschen mit Behinderung begegnen sollen.

Das Miteinander erleben 

Sr. Gabriele kann die Reaktion der Menschen ohne Behinderung sogar nachvollziehen. Auch für die 53-Jährige war es erst einmal eine Herausforderung, Menschen mit Behinderung zu begegnen, als sie mit 20 ihr Anerkennungsjahr als Erzieherin bei den Schönbrunner Franziskanerinnen begann.

„Wenn Menschen mit Behinderung bei Fremden schnell einen nahen Kontakt suchen oder ihre Bewegungen nicht gut steuern können, oder wenn sie nicht sprechen, sondern nur Laute äußern, dann lässt das Unerfahrene zurückschrecken.“ Sr. Gabriele entdeckte aber schnell, dass es ihr leichtfällt, auf Menschen mit Behinderung zu reagieren, sie anzuschauen, ihnen die Hand zu geben oder sich von ihnen berühren zu lassen. „Ich habe mich immer schon getraut, mit Menschen mit Behinderung in Beziehung zu gehen und während der Beziehung nachzuspüren, führt uns das zusammen, oder muss ich was verändern.“ In der Arbeit mit Gruppen entdeckte sie, dass jeder Teilnehmer einen ganz wichtigen Beitrag leistet. „Bei Menschen mit schwerer Mehrfach-Behinderung war es zum Beispiel manchmal nur die Ruhe, die sie in eine Gruppe brachten“, berichtet sie.

Dieses Miteinander wird für Sr. Gabriele zu einem sinnerfüllten Dasein. Ihr Leben und Arbeiten dreht sich um Begegnung und Beziehung, sensibles Hinspüren, was jemand braucht, Verbundensein, einen Raum zu schaffen, in dem alle, die miteinander leben, ihren Platz finden und sich getragen fühlen können.

Leben ist vielfältig

Da tauchen keine Zweifel auf, ob ihre Schutzbefohlenen, seien sie noch so hilfsbedürftig, nicht genauso wie sie selbst Gottes Geschöpfe seien. Denn: „Das Leben ist sehr vielfältig. Ich bin auch bedürftig, nur in anderer Weise. Da das Leben geschenkt ist, steht für mich dahinter das Ja Gottes und eine Würde und ein Wert, die von Gott her kommen und nicht von Menschen gegeben sind.“ Im Rückblick weiß sie, dass sie schon früh für die franziskanische Spiritualität empfänglich war, ohne dass sie das zu der Zeit erkannt hätte. Sie ist überzeugt: „Bei Franz von Assisi können wir gut lernen, für andere da zu sein und uns für Menschen einzusetzen, die in schwierige Lebenssituationen gekommen sind.“

Aber selbst der Heilige wusste nicht gleich, wie er einem Aussätzigen angemessen begegnen sollte. Zur Zeit des Franz von Assisi wurden Aussätzige tatsächlich ausgesetzt. Sie durften nur außerhalb der Dörfer und Städte leben und mussten sich von Gesunden fernhalten. Sie hatten diese sogar zu warnen, um eine zufällige Begegnung zu verhindern. Bei einem Ausritt überhört Franz von Assisi eine solche Warnung. Später gesteht er, dass er sich vor dem Anblick des Aussätzigen geekelt habe. Um schnell wegzukommen, wirft er ihm ein Almosen zu. Als er über sein Tun nachdenkt, wird ihm klar, dass der Aussätzige mit Geld nichts anfangen kann. Er kehrt um, steigt vom Pferd und spricht mit dem Menschen auf Augenhöhe. „Franz von Assisi versorgte den Aussätzigen nicht nur. Er hat ihm auch Ansehen gegeben. Er hat sich auf Begegnung mit Menschen eingelassen, die eigentlich von Begegnung ausgeschlossen waren“, erläutert Sr. Gabriele.

Der Mensch: aus Liebe erschaffen

Sie vergleicht das Handeln des Franz von Assisi mit dem Auftrag ihrer Gemeinschaft: „Die Franziskanerinnen von Schönbrunn haben sich auf Menschen eingelassen, die aus der gesellschaftlichen Norm herausgefallen sind. Die am Rand stehen. Wenn wir ihnen einen guten Platz geben, wirken wir in Kirche und Gesellschaft hinein.“

Papst Franziskus hat sich mit der Wahl seines Namens zu seinem Vorbild, dem heiligen Franz von Assisi, bekannt. Die Bilder, wie das Kirchenoberhaupt einen Mann, dessen Gesicht völlig mit Geschwüren überdeckt ist, zärtlich umarmt, sind um die Welt gegangen und erinnern an den Heiligen. In seiner Umweltenzyklika „Laudato si’“ nimmt Papst Franziskus nicht nur die Umwelt in den Blick. Er kämpft darin, wie all seine Vorgänger in verschiedenen Sozialenzykliken, um das Heil der Menschen: „Die Bibel lehrt, dass jeder Mensch aus Liebe erschaffen wurde, als Abbild Gottes und ihm ähnlich. Diese Aussage macht uns die unermessliche Würde eines jeden Menschen deutlich.“

Wie gehen Sie mit Schwäche um?

Mit Ihrer eigenen? Mit der Schwäche anderer? Bekämpfen Sie sie? Können Sie es sich selbst und anderen erlauben, einfach nur fraglos da zu sein? Wie ist es mit Menschen, die wirklich böse sind? Die vielleicht sogar noch stolz sind auf ihre Taten? Ist es möglich, sie als Gottes Ebenbilder zu sehen?

Einer Antwort nähern sich die Tagebücher der Etty Hillesum. Die jüdische Studentin aus Amsterdam begann 1941, ihre Erfahrungen festzuhalten. Zu diesem Zeitpunkt sind die Niederlande von deutschen Truppen besetzt und die Rechte der jüdischen Bevölkerung bis zum Äußersten beschnitten. Die 27-Jährige ist gedanklich in einer anderen Welt. Sie beschäftigt sich mit Liebe als der einzigen Brücke zwischen den Menschen und versteht das Leben als wunderbares und zutiefst sinnvolles Geschenk. Sie wehrt sich dagegen, den Hass ihrer jüdischen Leidensgenossen auf die SS-Leute zu teilen. Vielmehr ist sie überzeugt: „Die Schlechtigkeit der anderen ist auch in uns vorhanden. Ich sehe wirklich keine andere Lösung, als sich dem eigenen Inneren zuzuwenden und dort all das Schlechte auszurotten. Ich glaube nicht mehr daran, dass wir an der äußeren Welt etwas verbessern können, solange wir uns nicht selbst im Inneren gebessert haben.“ Auf keinen Fall will sie zu hassen beginnen: „Das Schlimmste von allem ist der undifferenzierte Hass. Er ist eine Krankheit der Seele. Sollte ich in dieser Zeit dahin gelangen, dass ich wirklich zu hassen anfange, dann wäre ich in meiner Seele verwundet und müsste danach streben, so rasch wie möglich Genesung zu finden.“

Das Gebet als schützende Wand

Denn der Hass, so ist sie überzeugt, würde sie davon abbringen, ihre Gottesbeziehung weiterzuentwickeln. „Ich ziehe das Gebet wie eine dunkle, schützende Wand um mich hoch, ziehe mich in das Gebet zurück wie in eine Klosterzelle. Die innere Konzentration errichtet hohe Mauern um mich, in denen ich zu mir selbst zurückfinde, mich aus allen Verstreutheiten wieder zu einem Ganzen zusammenfüge.“ Und sie findet Gott, trotz allem, was sich Menschen antun, auch in den Menschen: „Ich liebe die Menschen so sehr, weil ich in jedem Menschen ein Stück von dir liebe, mein Gott. Ich suche dich überall in den Menschen, und oft finde ich ein Stück von dir. Manchmal kommen mir die Menschen vor wie Häuser mit offen stehenden Türen. Ich gehe hinein, sehe mich in den Gängen und Zimmern um, jedes Haus ist ein wenig anders eingerichtet, und doch gleichen sie einander. Man sollte aus jedem Haus eine Wohnung machen, die dir geweiht ist, mein Gott.“ Etty Hillesum hält ihr geistiges und religiöses Wachstum zwei Jahre lang in ihren Tagebüchern fest. Dann wird sie deportiert und stirbt 1943 in Auschwitz.

Autorin: Anne Granda
aus KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 12/2018