KDFB
28.03.2018

Apostolin der Apostel

Maria von Magdala, dargestellt im Albani-Psalter aus dem 12. Jahrhundert. Foto Dombibliothek Hildesheim

Papst Franziskus hat im Jahr 2016 Maria von Magdala den Aposteln liturgisch gleichgestellt. Am Beispiel der Apostolin der Apostel sollen die Gläubigen „den Dienst der Frauen in der Kirche entdecken“. Doch bevor das Bild ihres beispielhaften Lebens erstrahlen kann, müssen viele Übermalungen abgetragen werden.


Hand aufs Herz! Welche Bilder steigen in Ihnen auf, wenn Sie den Namen Maria von Magdala hören? Ist die Darstellung der reuigen Sünderin dabei, die als leicht bekleidete Frau vor Jesus kniet und seine Füße liebkost? Oder das Bild einer vollkommen nackten Frau, deren Brüste nur unzureichend durch ihre Haare bedeckt sind? Vielleicht kommt Ihnen auch ein düsteres Memento-mori-Gemälde in den Sinn, auf dem eine Frau über einem Totenkopf nachsinnt?

Verschiedene Frauengestalten verschmelzen in einer Figur

All diese Bilder gilt es, zur Seite zu schieben, denn sie haben nichts damit zu tun, was über Maria von Magdala in der Bibel steht, betont die Theologin Dorothee Sandherr-Klemp. Die Bibel spricht von Maria von Magdala ausschließlich als der Jüngerin Jesu, die seinen Weg von Anfang an mitging und als Erste seine Auferstehung bezeugte. Das Bild der Auferstehungszeugin, die Jesus auch in der größten Not nicht von der Seite wich, wurde jedoch seit dem 4. Jahrhundert Schicht um Schicht überdeckt. „Da kam es zu dieser extrem fragwürdigen und ganz tendenziösen Verschmelzung der Jesusjüngerin Maria von Magdala mit anderen Frauengestalten der Bibel“, erläutert Dorothee Sandherr-Klemp. Die geistliche Beirätin  des KDFB-Bundesverbandes setzt sich dafür ein, das verzerrte Bild der Heiligen zu revidieren. „In unser aller Köpfe haben sich die falschen Bilder von Maria von Magdala festgesetzt, vor allem das der reuigen Sünderin und des schwachen Weibes!“

Und siehe, eine Frau, die in der Stadt lebte, eine Sünderin, erfuhr, dass er im Haus des Pharisäers zu Tisch war; da kam sie mit einem Alabastergefäß voll wohlriechendem Öl und trat von hinten an ihn heran zu seinen Füßen. Dabei weinte sie und begann mit ihren Tränen seine Füße zu benetzen. Sie trocknete seine Füße mit den Haaren ihres Hauptes, küsste sie und salbte sie mit dem Öl
(Lk 7,37–38).

Für Dorothee Sandherr-Klemp ist die Begegnung Jesu mit der Sünderin eine wichtige biblische Geschichte, die gewürdigt werden sollte. „Doch durch die Verschmelzung von Maria von Magdala mit der namenlosen, reuigen Sünderin wird die Jesusjüngerin zurückgedrängt zugunsten des Frauenmodells Sünderin.“ Ein Anstoß für diese Verschmelzung mag gewesen sein, dass die Geschichte der namenlosen reuigen Sünderin im Lukasevangelium (Lk 7,36–50) vor dem Absatz steht, der über die Frauen im Gefolge von Jesus berichtet (Lk 8,1–3). Hier wird Maria von Magdala unter der Bezeichnung Maria Magdalena namentlich als seine Jüngerin genannt. 

Und es geschah in der folgenden Zeit: Er wanderte von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und verkündete das Evangelium vom Reich Gottes. Die Zwölf begleiteten ihn und auch einige Frauen, die von bösen Geistern und von Krankheiten geheilt worden waren: Maria, genannt Magdalena, aus der sieben Dämonen ausgefahren waren, Johanna, die Frau des Chuzas, eines Beamten des Herodes, Susanna und viele andere. Sie unterstützten Jesus und die Jünger mit ihrem Vermögen (Lk 8,1–3).

Noch zwei weitere Frauengestalten wurden über das Bild der Maria von Magdala geschoben. Das Johannesevangelium erzählt ebenfalls von einer Frau, die Jesus die Füße salbt (Joh 12,1–11). Hier ist es Maria, die Schwester von Lazarus, den Jesus von den Toten auferweckt hatte. Kurz bevor Jesus seinen Kreuzweg beginnt, ist er nochmals zu Gast in Betanien, im Haus der Geschwister Lazarus, Maria und Marta. Maria salbt Jesus die Füße und trocknet sie mit ihren Haaren. 

Auch in dieser Salbungsgeschichte kommt Maria von Magdala nicht vor. Doch die Namensgleichheit „Maria“ reichte aus, um Maria von Magdala mit der salbenden Maria von Betanien und diese dann mit der namenlosen Sünderin zu verschmelzen. Durch die Verschmelzung mit Maria aus Betanien wurde Maria von Magdala auch mit der Erzählung in Verbindung gebracht, in der Maria und Marta Jesus bei sich zu Hause empfangen (Lk 10,38–42). Während Marta Jesus bewirtet, sitzt Maria Jesus zu Füßen und hört ihm zu. So erhält das Bild der Maria von Magdala auch einen kontemplativen Zug.

Schließlich vermischte sich die Gestalt der Maria von Magdala zusätzlich mit einer historischen Person aus dem 5. Jahrhundert, der Maria Aegyptiaca. Die Legende erzählt von ihr als einer ehemaligen Prostituierten, die nach ihrer Bekehrung 40 Jahre lang als Büßerin in der Wüste gelebt habe. Als Gewand nur ihre Haare. 

Maria von Magdala als neue Eva

Der Bezug zur biblischen Gestalt von Maria von Magdala, die am Ostermorgen Jesus als Erste traf, ging trotz allem nicht ganz verloren. Und so fügt unter anderem der Kirchenvater Augustinus (354–430) dem Bild von Maria von Magdala eine weitere Facette hinzu. Er erklärte sie zur neuen Eva. Seiner Interpretation liegt zugrunde, dass er den Ostermorgen mit dem Schöpfungsbeginn gleichsetzt und Christus als neuen Adam sieht. Die Theologin Susanne Ruschmann sagt dazu: „Dies mag auf den ersten Blick vielleicht als Auszeichnung erscheinen, ist aber untrennbar verbunden mit dem Bild der Frau als dem schwachen, verführungsanfälligen Geschlecht und als der Urheberin aller Sünde.“ 

Bis zum 6. Jahrhundert verfestigte sich das Bild der Maria von Magdala als ehemalige Prostituierte, die Jesus liebte, von ihm zur meditativen Schwester der aktiven Marta von Betanien bekehrt wurde und ihr Dasein als Büßerin verbrachte. Papst Gregor der Große (590–604) schrieb diese Vermischung als gültige Interpretation fest. Seine Festlegung galt für die nächsten 1400 Jahre. Im Mittelalter verstärkte sich die Verehrung der Maria von Magdala als bereuende Sünderin und Büßerin. Eine bunte Legendenbildung entstand vor allem im Frankreich des 11. Jahrhunderts, wo Maria von Magdala nicht nur gepredigt und missioniert, sondern auch 30 Jahre ihres Lebens als nackte Büßerin in einer Felsengrotte gelebt haben soll. 

Magdalenenorden kümmerten sich um „Gefallene Mädchen“

Die Legendenbildung um die Büßerin führte aber nicht nur dazu, dass das biblische Bild der Maria von Magdala verdeckt wurde. Die Vorstellung von der Sündhaftigkeit der Frauen führte zu Auswüchsen, die bis in die Gegenwart reichen. Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden unter dem Schutz der büßenden Sünderin und bekehrten Heiligen mehrere Magdalenenorden, die sich „gefallener Mädchen“ annahmen. In Irland wurden diese jungen Frauen und ihre unehelich zur Welt gebrachten Kinder in sogenannten Magdalenenwäschereien willkürlich festgehalten, vernachlässigt, misshandelt; sie mussten Zwangsarbeit leisten und wurden gezwungen, ihre Kinder zur Adoption freizugeben. Da die letzten dieser Heime erst in den 1990er-Jahren geschlossen wurden, leiden in Irland bis heute Menschen an den Folgen.

Erst im 20. Jahrhundert begann für Maria von Magdala, unter anderem durch die historisch-kritische Bibelauslegung, eine Rehabilitation, die 1978 formell von Rom bestätigt wurde. Mit der liturgischen Gleichstellung der Maria von Magdala mit den Aposteln und der Empfehlung, sie als Beispiel für den Dienst der Frauen in der Kirche zu entdecken, hat Papst Franziskus 2016 einen Akzent gesetzt, den der Frauenbund aufgreift.

Gleichgestellt mit den Aposteln

„Wir können nur staunen, dass die liturgische Gleichstellung mit den Aposteln im römischen Rahmen möglich war“, beurteilt Dorothee Sandherr-Klemp die Entwicklung. „Liturgie ist für die katholische Kirche etwas ganz Zentrales. Und dass sich aus dem biblischen Befund jetzt der liturgische Rang ändert, das ist eine ganz wichtige Botschaft.“

Der biblische Befund macht klar, wie zentral Maria von Magdala ist. Das wird schon durch die Häufigkeit ihrer Nennung deutlich. Außer Maria, der Mutter Jesu, wird keine Frau des Neuen Testaments so oft namentlich erwähnt wie sie. Insgesamt 14-mal taucht sie auf, am häufigsten gemeinsam mit anderen Frauen. In diesen Aufzählungen von Frauen, die Jesus begleiteten, ist ihr Name immer dabei und steht, mit einer Ausnahme, immer an erster Stelle. 

„Glaubenstreue macht sie aus“ 

Am Anfang des Weges von Maria aus Magdala – einem Ort am See Genezareth nahe Kafarnaum, wo Jesus häufig zu Gast war – steht eine Heilungserfahrung. Lukas berichtet, dass aus Maria von Magdala sieben Dämonen ausgefahren seien. Die Bibelwissenschaft weiß heute, dass damit psychische Krankheiten oder auch Epilepsie umschrieben wurden. Die Zahl sieben steht für etwas Absolutes. Das heißt, Maria von Magdala war schwer krank, als sie Jesus traf, und er heilte sie. Seine Botschaft, dass das Reich Gottes angebrochen sei, erfuhr sie auch am eigenen Körper. „Maria von Magdala steht für eine ganz tiefe Glaubenserkenntnis und zugleich für eine Treue zu dieser Erkenntnis und zum Menschen Jesus von Nazareth“, sagt Dorothee Sandherr-Klemp. „Sie hat Jesus als Jüngerin von Galiläa bis Jerusalem begleitet, sie ist mit ihm auf seinem Weg ins Leiden und in den Tod gegangen, sie beobachtete seine Grablegung, und sie hat Grabwache gehalten. Sie ist als Erste dem Auferstandenen begegnet, sie hat als Erste den Verkündigungsauftrag bekommen. Das heißt: Glaubenserkenntnis und Glaubenstreue, das macht sie aus. Und das ist einzigartig und von niemand sonst biblisch belegt.“

Ein Beispiel für den Dienst der Frauen in der Kirche 

Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen, wusste aber nicht, dass es Jesus war. Jesus sagte zu ihr: Frau, warum weinst du? Wen suchst du? Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast. Dann will ich ihn holen. Jesus sagte zu ihr: Maria! Da wandte sie sich ihm zu und sagte auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni!, das heißt: Meister. Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. Maria von Magdala ging zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie richtete aus, was er ihr gesagt hatte
(Joh 20,14–18).

Papst Franziskus regt an, Maria von Magdala als Beispiel für den Dienst der Frauen in der Kirche zu entdecken und damit auch als Apostolin der Apostel. „Hinter diesen Rang kann man nicht mehr zurückgehen“, ist Dorothee Sandherr-Klemp überzeugt, denn die Heilige wird im päpstlichen Dekret so bezeichnet. „Das muss natürlich Folgen haben, auch für das Nachdenken über Ämter in der Kirche.“

Autorin: Anne Granda
aus: KDFB Engagiert 4/2018

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