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Wunder der Natur

Der Lear-Ara ist heute vom Aussterben bedroht. Benannt wurde er nach dem englischen Vogelmaler Edward Lear (1803–1888). (Foto: Wiki Commons)

In deutschen Verlagen erscheinen immer mehr Bücher über Tiere, Pflanzen und Landschaften. Sie rücken die Schönheit und Verletzlichkeit der Schöpfung in den Vordergrund.    

 

Haben Sie es auch schon entdeckt? Bücher, die sich nur mit einer einzelnen Pflanze, einem Tier oder einer Landschaft be­schäftigen, breiten sich aus. Und die Titel stehen nicht nur in der Abteilung für Naturkunde. Der Trend zum sogenannten „Nature Writing“ – dem Schreiben über die Na­tur – lässt sich in der Lyrik ebenso ausmachen wie bei Ro­manen.

Das Phänomen kommt aus England und Amerika und hat in Deutschland noch keine feste Bezeichnung erhalten. „Ich denke, der Be­griff bezieht sich auf Werke, die nicht notwendigerweise Menschen als Nabel der Welt sehen, und das scheint mir immer wichtiger“, versucht Helen Macdonald ihr Metier zu beschreiben. „Es gibt ein Zeugnis davon, was wir verloren ha­ben. Ein Gefühl von Traurigkeit und Verlust zieht sich durch alle Arten von Nature Writing, die heutzutage in Großbritannien geschrieben werden.“ Helen Macdonald spricht auf einer Diskussionsveranstaltung im Münchner Literaturhaus. Dort werden in diesem Sommer zahlreiche Veranstaltungen rund um die Ausstellung „Natur in der Literatur. Ins Blaue!“ angeboten.

Eine Wildheit des Kummers

Die Autorin ist in Deutschland dank des Erfolgs ihres Bu­ches „H wie Habicht“ be­kannt. Darin schildert sie, wie sie nach dem Tod ihres Vaters einen Habicht zähmt. „Es gibt eine Art Wildheit des Kummers, ich war wirklich am Boden zerstört, als mein Vater starb, und wollte mich in der Zähmung eines Ha­bichts verlieren.“ Eine Leidenschaft für Vögel hat sie bereits als Kind entwickelt. Statt Popstars hingen in ih­rem Zimmer Bilder von Turmfalken. Bei der Zähmung ih­res Habichts Mabel kommt sie dem Vogel im­mer näher, bis sich die Grenzen zwischen Mensch und Tier aufzulösen scheinen. „Ich wollte nicht mehr ich sein. Ich war verwaist, ich trauerte. Ich wollte diese Trauer nicht spüren, und der Habicht wurde ein seltsames anderes Ich. Ich floh mit ihr in diese Welt eines ewigen Jetzt.“

Helen Macdonald wird weiter über Natur und große menschliche Fragen schreiben, demnächst über Schuld und Scham. Sie plant einen Aufenthalt auf einer Pa­zifikinsel, die von Albatrossen bevölkert ist. Die Vögel füttern ihre Jungen liebevoll – zu To­de, mit Plastikmüll. 

Eine wichtige Rolle beim Boom von „Na­ture Writing“ spielt die Buchreihe „Naturkunden“ die Judith Schalansky im Verlag Matthes & Seitz herausgibt. Dort er­scheinen neben Übersetzungen englischer Autoren vorwiegend Bü­cher deutscher Herkunft. Die Philosophin und Schriftstellerin Eva Meijer schreibt zum Beispiel über die Sprachen der Tiere. Daneben gibt es Bücher von Biologen, Kräuterexperten und Jägern. Sie nähern sich Pflanzen und Tieren aus biologischer und kunstgeschichtlicher Perspektive behutsam an und widmen sich Wölfen, Nelken, Eseln oder Brennnesseln. In Kürze er­scheint der 50. Band der Reihe.

Mit einem neuen Preis für Na­turschriftstellerei fördert der Ver-lag Autoren und Autorinnen. Marion Poschmann erhielt ihn in diesem Jahr als Erste. In ihrer Dankesrede be­tonte sie: „Natur ist un­glaublich, sie ist ein Wunder. Etwas wächst, entwickelt sich, ohne dass es im menschlichen Sinne ge­macht ist. Eigentlich müsste das ein be­ständiger Schock sein, aber wir haben uns dran gewöhnt und nehmen das gleichgültig hin.“ 

Autorin: Anne Granda 
aus KDFB Engagiert 8+9/2018