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Warum Frauensolidarität so wichtig ist

Ute Gerhard, Soziologin und Juristin. Foto: privat

Wenn Frauen zusammenstehen, können sie (fast) alles bewegen. KDFB Engagiert sprach darüber mit der emeritierten Professorin Ute Gerhard. Die Soziologin und Juristin ist eine der großen, alten Damen der Frauenforschung und war die erste Inhaberin eines Lehrstuhls für Frauen und Geschlechterstudien an einer deutschen Universität -  von 1987 bis 2004 in Frankfurt am Main.

Einen ausführlichen Artikel zum Thema Frauensolidarität lesen Sie hier

 

KDFB Engagiert: Sie schreiben in Ihrem Buch: Das Herstellen von Solidarität war für die Schubkraft der Frauenbewegung ganz entscheidend – das Wir-Gefühl, das Gefühl einer kollektiven Identität. Und dass diese beschworene Gemeinschaft ein sehr delikater Prozess wäre, der ständiger Erneuerung bedarf. Wie würden Sie Frauensolidarität definieren?

Ute Gerhard: Solidarität ist ein Begriff der französischen Revolution, ein Begriff für den Zusammenhang derer, die etwas bewegen, die die Welt verändern wollen. Und eigentlich wurde in dieser ursprünglich politischen Begrifflichkeit nie an die Frauen gedacht, weil sie ja immer als unpolitisch und nicht zuständig galten. Trotzdem ist er über die Arbeiterbewegung – das heißt: die Arbeiterinnenbewegung – auf Frauen ausgeweitet worden. Auch die historische Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts hat an die Solidarität der Frauen appelliert. Das geschah

vor dem Hintergrund, dass Frauen jenseits aller Klassen, Schichten und Erfahrungen eines immer wieder gemeinsam haben und zwar in allen politischen Systemen: Dass sie für bestimmte Dinge, für die Sorgearbeit, als zuständig gelten und auf diese Weise auch aus der Öffentlichkeit ausgeschlossen, benachteiligt, unterdrückt oder ausgebeutet werden.

 

KDFB Engagiert: Da hat sich ja nicht viel verändert...

Ute Gerhard: Ja, in dieser Hinsicht musste dann auch die neue Frauenbewegung festgestellen, dass sich trotz einer rechtlichen und politischen Gleichberechtigung nicht viel an den Abhängigkeiten zwischen Männern und Frauen und den Dominanzstrukturen geändert hatte. Insofern ist die neue Frauenbewegung aus der gemeinsamen Erfahrung entstanden, dass da etwas nicht in Ordnung ist, dass etwas nicht stimmt. Und dass nach wie vor Frauen in der Privatsphäre abhängig gemacht, unterdrückt und bevormundet werden.

Es war und ist ein wichtiges Mittel oder Instrument, an diese Solidarität unter Frauen zu appellieren und sich über die gemeinsamen Erfahrungen auszutauschen. Das war auch der Anfang der neuen Frauenbewegung in den 60er und 70er Jahren: Deshalb wurden sog. ‚Selbsterfahrungsgruppen‘ gebildet, in denen Frauen zusammenkamen und zum Thema machten, dass die anscheinend selbstverständliche Rollenteilung der Grund ihrer mangelnden Gleichberechtigung war:

Es war die vielfältige Erfahrung, dass diese geschlechtsspezifische Arbeitsteilung systematisch zu Abhängigkeiten führt, wenn die Frau den Haushalt führt und der Mann das Geld verdient. Denn dieses Abhängigkeitsverhältnis ist der Urgrund aller weiteren Nachteile, die Frauen in Beruf und Familie bis zur Rente haben werden.

Zweitens haben die Frauen auch über eigene Unrechtserfahrungen mit der Gewalt gegen Frauen gesprochen, denn allzu oft war die  ökonomische Abhängigkeit auch begleitet war von Gewalt in der Familie, im Privaten. Das war ein Tabu, darüber sprach man nicht. Das  wichtigste Ergebnis dieses  Erfahrungsaustauschs war deshalb die Erkenntnis, auch das Private ist politisch.

 

KDFB Engagiert: Das bedeutet also: Frauensolidarität als ein gemeinsames Bewusstsein, dass mich mein Sein als Frau, hineingeboren und -sozialisiert in bestimmte Rahmenbedingungen, mit anderen Frauen in ihren Rahmenbedingungen verbindet.

Gerhard:Ja, diese Erfahrungen machten die Frauen über die verschiedenen Klassen hinweg. Die gut situierten bürgerlichen Frauen konnten dieses Bewusstsein oft erst sehr viel später entwickeln, denn es wurde auch zugedeckt von den Vorteilen, die sie haben und hatten, wenn ihre Männer gut verdienten, wenn sie ihnen den Rücken stärkten und für die Kinder sorgten: Dann überwogen diese Vorteile die Benachteiligungen scheinbar erst mal.

Nur: Gerade  den zunehmend besser ausgebildeten Frauen wurde bewusst, dass etwas nicht stimmte, weil sie nicht dazu kamen, den Beruf auszuüben, für den sie eigentlich ausgebildet waren. Und darum ist das ein übergreifender Bewusstwerdungsprozess. Für die Arbeiterin im 19. Jahrhundert war der Ausgangspunkt ihrer Politisierung das Klassenverhältnis, das war für die Hauptursache ihrer Unterdrückung. Sie litten gleichermaßen wie ihre Männer unter den kapitalistischen Verhältnissen und kämpften deshalb ‚Schulter an Schulter‘ mit den Männern gegen dieses System. In der wohlfahrtsstaatlichen Gesellschaft des 20. Jahrhunderts wurde deutlich, dass auch Frauen, die gut ausgebildet sind und qualifizierte Berufe hatten und haben, trotzdem in diesen Berufen nicht wesentlich vorankommen, weil sie erst einmal mit der häuslichen Arbeit in ungerechter Aufteilung beschäftigt sind. Daran wurde klar: Der männliche Familienernährer war kein passendes Modell mehr.

 

KDFB Engagiert: Wie erleben Sie das heute? Ich habe den Eindruck, dass das Stichwort Frauensolidarität für viele, gerade junge Frauen ein bisschen was altertümliches, altmodisches hat.

Gerhard: Ja, so sehe ich das auch. Neulich war ich in einer Podiumsdiskussion  mit jüngeren Frauen – es ging um die Frage „Was haben wir eigentlich gemeinsam?“ Und da sagte eine: Ich kann dieses „Wir“ überhaupt nicht mehr hören. Den Protest gegen die Vereinnahmung aller Frauen unter diesem „Wir-Gefühl“ kann ich auch verstehen, aber es ist trotzdem zu kurz gedacht. Natürlich: Die jungen Frauen heute sind sehr selbständig geworden. Sie können ihr Leben ganz anders gestalten und sich verwirklichen, wenn man es so sagen will. Und dann meinen sie, dass alles ohne Quoten und ohne Unterstützung zu schaffen ist. Aber das stimmt nur bis zu dem Punkt, an dem sie ihrem Beruf nachgehen wollen und gleichzeitig eine Familie haben. Da entdecken Frauen dann mehr oder weniger zu spät, dass sie sich falsch eingerichtet haben.

Insofern gibt es heute auf der Basis viel besserer Ausgangspositionen und Möglichkeiten für Frauen – der Bildung, der besseren Absicherung, der nicht zu leugnenden rechtlichen Gleichstellungserfolge – große Unterschiede unter den Frauen. Die einen, die es geschafft haben, die anderen, die immer noch an der Armutsgrenze leben. Und die Solidarität unter den besser verdienenden und den schlechter dastehenden Frauen ist leider sehr brüchig, weil man sich gegen dieses „Wir“ wendet – weil man das nicht mehr hören kann, weil man meint, man sei ja ohne Frauenbewegung und ohne Unterstützung  etwas geworden. Das ist natürlich bedauerlich, wenn man so unhistorisch in dieser Welt lebt und gar nicht weiß, wem man das eigentlich verdankt.

 

KDFB Engagiert: Es ist ja auch der neoliberale Zeitgeist. Der ist so in die Köpfe eingesickert...

Ute Gerhard:Richtig, da heißt es: Jede ist ihres Glückes Schmied, jede kann es schaffen, Das ist ja auch die große Illusion, die einem vermittelt wird. Und es ist schon traurig zu sehen, dass zum Beispiel die eheliche Solidarität durch unsere Gesetze aufgekündigt worden ist.

 

KDFB Engagiert: Sie meine das neue Unterhaltsrecht?

Ute Gerhard: Ja, das neue Unterhaltsrecht kündigt sozusagen die eheliche Solidarität auf - die Verantwortung für diejenige, der man mal das lebenslange Zusammensein und auch den Unterhalt versprochen hat. Es gibt also einen Mangel an Solidarität in jeglicher Hinsicht, das gilt nicht nur für Frauen.

Daran sieht man: Es ist heute genauso wichtig wie früher, daran zu arbeiten, was wir an gemeinsamen Erfahrungen haben. Auch in anderer Hinsicht: Wir sind heute in einer viel internationaleren Welt als noch vor 50 Jahren. Wir wissen heute mehr über die anderen Länder, wir sind nicht mehr nur auf unseren deutschen Horizont begrenzt. All unser Wohlstand hängt auch von den anderen ab: innerhalb der Europäischen Union, im W eiteren aber auch von der globalen Welt in allen wirtschaftlichen und politischen Beziehungen. Und da überhaupt nicht zu bedenken, dass unser Wohlstand auf Kosten anderer geht, auch gerade anderer Frauen in der Welt, dass wir also mitverantwortlich sind  für die Armut der anderen – das ist ein großer Mangel an politischem Bewusstsein.

Das geht bis in unsere Haushalte hinein, wo wir uns die „schwarz“ arbeitende Migrantin als Putzhilfe holen oder die die polnische Betreuungskraft für den 90jährigen Vater, und uns mit unserem selbstverdienten Geld von der Arbeit freikaufen, für die wir keine Zeit  mehr haben. Tatsächlich können wir ja nur außerhäuslich arbeiten, wenn wir diese Zusatzhilfen haben. Dass deren soziale Bedingungen aber katastrophal sind und dass sie garantiert im Alter in der Armut  landen, das muss uns doch interessieren! Das können wir doch nicht ganz aus unserem Blickfeld ausschalten. Ich denke: Wir sind verpflichtet, wenn es uns gut geht, uns um andere zu kümmern. Nicht nur Reichtum verpflichtet, auch der eigene Fortkommen verpflichtet.

 

KDFB Engagiert: Das Thema wiederholt sich ständig, obwohl auch viel Fortschritte gemacht wurden...

Ute Gerhard: Wir haben unheimliche Fortschritte gemacht im internationalen Zusammenhang mit dem Bewusstsein der Menschenrechte als Frauenrechte. Es gibt die Frauenrechtskonvention von 1979, wo es uns erst allmählich zu Bewusstsein dringt, dass da die wichtigsten Dinge schon drinstehen: Dass eben nicht nur der gleiche Lohn das Thema ist, auch wenn der eine der ganz wichtigen Probleme ist, die wir nach wie vor nicht gelöst haben. Sondern es geht auch darum, all die Klischees und Vorurteile  in Bezug auf die traditionellen  Geschlechterrollen mit Hilfe rechtlicher Vorgaben abzubauen, die nach wie vor die ungerechte Arbeitsteilung begründen. Dass vorwiegend Frauen die  Sorge für andere und die Hintergrundarbeit übernehmen – das wird alles in dieser Konvention angesprochen, zusammen mit dem Auftrag an die unterzeichnenden Staaten, diese Klischees und Vorurteile zu beseitigen. Die Verpflichtung zu tatsächlicher Gleichstellung der Frauen in allen Lebensbereichen  wird auch von der  der Europäischen Union und ihren Institutionen wie den Europäischen Gerichtshof  und europäische, Gemeinschaftsrecht unterstützt – so wurde Deutschland  erst über die endliche Einlösung verschiedener EU- Richtliniengezwungen, ein Antidiskriminierungsgesetz zu verabschieden. Das war ein großer Schub für die Gleichberechtigungspolitik, den Deutschland allein nicht sgeschafft hätte.

 

KDFB Engagiert: Wie kommt es, dass diese Forderungen der Frauenbewegung europarechtlich so festgezurrt wurden? Die EU hat ja tatsächlich enorm viel für die Gleichstellung gebracht, was die nationalen Parlamente nicht hinbekommen hätten und haben.

Ute Gerhard:Das waren ganz einfach ökonomische Gründe. Der erste Gleichstellungsartikel 119 a.F.  im EWGvertrag von 1957 beinhaltete  schon den Grundsatz Lohngleichheit von Mann und Fra. Der hätte eigentlich wie eine Bombe wirken können, denn wenn nicht Lohngleichheit in allen Ländern der EU gilt, dann haben die Ländern, die Lohngleichheit verwirklichen, einen Nachteil, weil sie teurer sind. Die Konkurrenz führt also dazu, dass die Länder sich angleichen müssen. Dennoch dauerte es fast 20 Jahre, bis eine Stewardess aus Belgien einen ersten Prozess wagte. Und wir wissen,  dass es bis heute keine Lohngerechtigkeit gibt.

Dabei ist inzwischen auch ökonomisch nachgewiesen, dass gemischte Vorstände oder überhaupt Geschlechtergleichheit in einem Unternehmen ökonomisch von Vorteil ist. Die Beteiligung von Frauen bringt also wirtschaftliche Vorteile. Deshalb ist die Industrie jetzt gelegentlich auf unserer Seite.

Hinzu kommt, dass es auch ein politischer Prozess ist. Ein schönes Beispiel ist die Schweiz, die ja nur ein assoziiertes Mitglied der EU ist. Die Schweiz hat erst 1971 das Frauenwahlrecht eingeführt, weil sie das Assoziierungsabkommen haben wollte. Das war ein solcher Druck, dass deshalb das Frauenwahlrecht eingeführt wurde.

 

KDFB Engagiert: Manchmal sind ökonomische Zwänge auch ganz hilfreich...

Ute Gerhard:So wie heute, wo gilt, dass ein Familieneinkommen nicht mehr von einem Arbeitnehmer erwirtschaftet werden kann: Da gibt es ökonomische Gründe für Gleichstellung. Das Problem bleibt aber: Wer sorgt dann noch für die Kinder, die Kranken, die Alten, wenn beide Partner arbeiten? Da müssen wir eine geschlechtergerechte Lösung finden, wenn es ökonomisch funktionieren soll.

 

KDFB Engagiert: Da sind wir unmittelbar bei der Fürsorgearbeit, bei Care. Stichwort „geschlechtergerecht“: Das Problem bei Care scheint mir, dass selbst wenn die Arbeit geschlechtergerecht aufgeteilt wäre, sie trotzdem nicht leistbar wäre in unserem System, das sich nur auf Erwerbsarbeit bezieht, wenn es um Existenzsicherung geht.

Ute Gerhard: Das ist das große Problem, dass mit der Gleichberechtigung in der Arbeitswelt noch nicht viel geleistet und gelöst ist. Deshalb müssen wir uns ganz andere Lösungen ausdenken – eine Revolution in unseren Alltagsgewohnheiten! Es ist nicht damit getan, dass wir ein paar Kindergartenplätze schaffen.

Das Problem zu lösen ist wirklich sehr, sehr schwierig. Ich denke nur, dass es auf jeden Fall notwendig ist, wenn der Staat auf der einen Seite Verantwortung übernimmt, um gute Pflege und Kinderbetreuung zur Verfügung zu stellen, also die Infrastruktur herstellt und die Leute, die in diesem Bereich arbeiten ordentlich bezahlt - also eine Altenpflegerin so gut wie einen Industriearbeiter oder Ingenieur. Dann hätten wir auch den Pflegekräftemangel nicht so extrem. Und zweitens geht es nur, wenn auch die Männer als Väter und Söhne von alten Eltern mitwirken.

Wir brauchen eine große Anstrengung auf allen Seiten, sowohl politisch als auch privat, sonst kann es nicht funktionieren. Wir brauchen beides: die staatlichen Hilfen und ein anderes Klima in der Gesellschaft. Meine Tochter ist Professorin in den USA und hat drei Kinder. Hier würden ihr da enorme Schwierigkeiten in den Weg gelegt, dort ist es selbstverständlich, dass auch Karrierefrauen Kinder haben. Dort helfen die Kollegen mit, wenns brennt. Und es ist selbstverständlich, dass auch der Vater mit im Boot ist. Wir brauchen hier auch die Mitwirkung derer, die ein Kind wollen: Und das sind ja auch Männer. Insofern ist nicht nur die Frau dafür zuständig.

 

KDFB Engagiert: Wobei wir ja in dieser Hinsicht viele Anstrengungen hatte. Bei den jungen Familien wurde viel Infrastruktur und staatliche Unterstützung wie zum Beispiel das Elterngeld geschaffen. Wo wir das überhaupt nicht haben, ist in der Pflege. Dabei ist die Pflege ja aus verschiedenen Gründen der fast schwieriger zu bewältigende, schlechter zu kalkulierende Bereich.

Ute Gerhard:Doch die politischen Maßnahmen, die da ergriffen werden, genügen einfach noch nicht der Notwendigkeit, grundlegend die Prioritäten zu verändern, um zukunftsfähig zu sein. Es sind viel zu geringe Anstrengungen, um genug Altenpflegerinnen und Pflegekräfte insgesamt zu haben. Und es kann auch nicht alles zugekauft werden – Fürsorgearbeit kann man nicht komplett nach außen verlagern, an Dritte abgeben.

 

KDFB Engagiert: In der Angehörigenpflege fehlt die Existenzsicherung vollständig...

Ute Gerhard:Eine Vollzeitpflege müsste existenzsichernd sein und  mehr als das. Das ist eine absolut qualifizierte Tätigkeit. Dass Pflegekräfte so schlecht bezahlt werden, ist ein Skandal und zwar insbesondere bei den kirchlichen Einrichtungen. Man könnte ane das Modell der Elternzeit anknüpfen und in die Pflege übertragen. Doch man kann diese Tätigkeiten  auch bei den jungen Familien nicht nur auf dem Niveau der Armenversorgung, mit 300 oder 600 Euro im Monat abgelten, sondern in vernünftiger Höhe nach dem Einkommen.

Pflege von Angehörigen müsste also bezahlt werden wie eine professionelle Pflegerin, mindestens, wenn die Gesellschaft verhindern will, dass diejenigen, die diese wichtige Arbeit tun, in Armut landen. Gleichzeitig müsste das Gehalt der Pflegekräfte deutlich steigen. Der Beruf würde ja nicht so einen Mangel leiden, wenn er besser bezahlt würde.

 

KDFB Engagiert: Der Ansatzpunkt wäre also die Existenzsicherung als Hauptpunkt, und zwar sowohl für Angehörige, als auch für Leute, die da professionell machen?

Ute Gerhard:So ist es. Und zwar auf einer Ebene, die qualifiziert ist. An Anfang der Frauenforschung wurden Studien gemacht über den Vergleich von Haus- und Familienarbeit mit Lohnarbeit. Da kam heraus: Familienarbeit unterschied sich von der Lohnarbeit dadurch, dass sie zeitlich nicht in fixe Stunden gepackt werden kann, dass sie Fähigkeiten verlangt, die man typischerweise den Frauen zuordnet, nämlich Empathie zu haben, sich zu kümmern etc. Und dass sie scheinbar kein qualifizierter Beruf ist.

Ich denke, diese Unterscheidung ist der systematische Fehler: Die eine Tätigkeit wird von Frauen übernommen und als selbstverständlich vorausgesetzt. Und die andere ist eine erlernte Tätigkeit im Industriebereich. Das geht nicht. Beides muss gleichgestellt sein, denn die Familienarbeit ist gesamtgesellschaftlich genauso notwendig wie die beruflichen Tätigkeiten. Wir brauchen da ein anderes Bewertungssystem, ein Umdenken. Das ist eine politische Aufgabe. Pflege ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, gesellschaftlich notwendig und darum ist es auch gesellschaftlich zu verantworten, wie es denen geht, die pflegen.

Diese ganzen Maßnahmen, die ergriffen wurden, greifen viel zu kurz und gehen oft auch in die falsche Richtung. Wir müssen grundlegend umdenken, dass nicht nur das zählt, was dem Markt Geld bringt, sondern dass auch unser Wohlbefindenund unsere guten Beziehungen untereinander davon abhängen, wie wir uns umeinander kümmern. Das ganze Wohl der Gesellschaft hängt von dieser Arbeit ab und von der Gerechtigkeit in diesen Fürsorge-Beziehungen. Es ist eine unverzichtbare Revolution, die wir da brauchen. Es ist das drängendste Problem, das wir sozialpolitisch haben: die Integration von Care in unsere gesellschaftlichen Zusammenhänge.

 

Engagiert: Trotzdem sind Frauen da untereinander auch oft unsolidarisch.

Ute Gerhard: Ja, es ist verrückt. Da bricht sich die Frauensolidarität. Familienfrauen müssen sich bis an ihr Lebensende dafür verteidigen, dass sie nicht berufstätig und damit finanziell abhängig sind von ihren Männern. Die anderen müssen sich verteidigen, dass sie berufstätig sind und stehen unter dem Verdacht, ihre Kinder vernachlässigt zu haben. Dieser ewige Streit ist verheerend für die Frauenbewegung. Anstatt Verständnis dafür zu haben, dass die eine sich so und die andere sich so entscheidet und dass beides wirklich ein unaufhebbares Dilemma in unserer gegenwärtigen Gesellschaft ist, streiten wir darüber.

 

Engagiert: Warum ist das so?

Ute Gerhard: Es geht bei den Frauen um ihre gesamte Existenz. Wenn man heute nicht berufstätig ist als Frau, hat man es schwer mit der gesellschaftlichen Anerkennung. Diejenigen, die nicht anders können oder die Pflegeaufgaben haben, werden nicht wertgeschätzt. Männer berührt diese ganze Problematik nicht in ihren Karrieren, die haben diese Unterschiede und Gegensätze nicht.

 

Engagiert: Auch sonst fördern sich Frauen nicht immer gegenseitig...

Ute Gerhard: Das liegt daran, dass die Positionen, die wir Frauen erreichen können, nach wie vor rar sind - ein Konkurrenz-Problem. Der Neid unter Frauen ist ausgeprägter, weil es so wenige sind, die alles gleichzeitig schaffen können. Da missgönnt man der anderen, dass sie erfolgreicher ist, denn das bedroht die eigene Position. Das brauchen Männer nicht. Zudem wird auch eher akzeptiert, wenn Männer sich streiten, das gehört zur Auseinandersetzung. Aber wenn Frauen sich streiten, sind sie so sofort zickig. Dabei muss man doch nicht immer einer Meinung sein mit allen anderen Frauen der Welt. Das ist doch Unsinn.

 

Interview: Susanne Zehetbauer

 

 

ZUM WEITERLESEN Ute Gerhards neues Buch hat das Zeug zu einemStandardwerk: Ein kluge und facettenreiche Bestandsaufnahme der Frauenbewegung, mit dem Schwerpunkt auf den rechtlichen Dimensionen der Gleichstellungspolitik Ute Gerhard: Für eine andere Gerechtigkeit, Campus Verlag, 2019, 34,95 Euro.

 

 

 

 

 

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