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Prophetische Stimmen von Frauen

Anselm Feuerbach malte die Prophetin Mirjam 1812. Foto: Anselm Feuerbach / Public domain

Wenn von biblischer Prophetie die Rede ist, denken die meisten an einsame Männer, die in Gottes Namen zur Umkehr rufen. Doch Bibelwissenschaftlerinnen zeigen Überraschendes: Zu Zeiten des Alten wie des Neuen Testaments gab es offensichtlich viele Prophetinnen. Die Worte dieser Frauen hatten verändernde Kraft.                                         



MIRJAM (Exodus 15,20-21)

 

Singt dem Herrn ein Lied, denn er ist hoch und erhaben! Rosse und Wagen warf er ins Meer.“ So lautet einer der ältesten Texte der Bibel. Ein Loblied ist es, gesungen von einer Frau – der Prophetin Mirjam. Sie gehört einer Gruppe Nomanden an, die einer großen Gefahr entkommen. Auf der Flucht aus der Sklaverei in Ägypten überquert die kleine Schar ein Gewässer. Die Soldaten des Pharaos aber, die ihnen dicht hinterherreiten, bleiben dort stecken, gehen im Wasser unter. Fast schon am Ufer spielt sich die berühmte biblische Szene ab. Mirjam schaut sich um und erkennt: Gott hat eingegriffen! Das Kriegsgerät der Verfolger warf er ins Meer! Voller Freude nimmt sie die Pauke in die Hand, andere Frauen folgen ihr, mit Trommeln und Tanz. Mirjam, die vorangeht, leitet aber keinen Frauenchor, sondern antwortet stellvertretend für das gesamte Volk auf die Rettungstat Gottes mit einem Loblied.

 

Eine Nomadin als Gotteskünderin

 

Sie, die ältere Schwester Moses und Aarons, ist die allererste Gestalt, die in der Bibel prophetisch handelt, noch bevor Mose auf dem Berg Sinai zum Propheten berufen wird. Das sagt Irmtraud Fischer, Professorin für Altes Testament an der Universität Graz und Autorin einer umfassenden Studie über biblische Prophetinnen mit dem Titel „Gotteskünderinnen“ – einer Pionierarbeit. Das knappe Lied, nur zwei Sätze sind es, bezeichnet Fischer als „Urform eines Hymnus“. Im Buch Exodus wurde ihm später das prächtige, wortreiche Loblied des Mose vorangestellt. Doch das Mirjam-Lied sei tatsächlich das ältere, wie Fischer sagt.

Mirjam ist eine wichtige Führungsfigur, zusammen mit Mose und Aaron leitet sie die Israeliten auf ihrem Weg ins Gelobte Land. Das geht unter anderem aus den Schriften des Propheten Micha hervor, wo Gott zum Volk Israel spricht: „Ich habe Mose vor dir hergesandt und Aaron und Mirjam.“ (Micha 6, 4). Offensichtlich handelte es sich um ein leitendes Team aus drei Personen, zwei Männern und einer Frau.

 

Prophetisch wirkende Frauen hatten eine herausgehobene Stellung

 

Wohlgemerkt: Die biblischen Texte berichten keine historischen Ereignisse, es sind Erzählungen, das betont Irmtraud Fischer mehrfach. Und sie werden im Rückblick erzählt. Ihre Verfasser*innen wollten den Menschen ihrer Zeit ins Herz schreiben, wie wichtig es ist, sich an die Weisungen Gottes zu halten. Dabei könnten sie Erinnerungen an historisches Geschehen verarbeitet haben, manche der handelnden Figuren haben vielleicht einmal tatsächlich gelebt. Doch genau weiß man es nicht. „Die Bibel ist kein Geschichtsbuch, sondern erzählende Theologie“, sagt die Alttestamentlerin. Erzählt wird zwar meist aus dem Blickwinkel der Männer, doch Frauen in wichtigen Positionen kommen durchaus vor, unter ihnen Prophetinnen, wenn auch wenige. Aber weil die Bibel von ihnen erzählt, bedeute es, dass Frauen in der damaligen Zeit tatsächlich prophetisch wirkten, sagt Fischer. Diese Frauen hatten eine herausgehobene Stellung, sie vermittelten zwischen Gott und dem Volk, so wie männliche Propheten auch, da habe es keinen Unterschied gegeben, erklärt Fischer. Prophetisch begabte Menschen bekleideten ein hochangesehenes Amt im Alten Israel, ähnlich Königen oder Priestern. Mit einem Unterschied: Die Prophetie war den anderen beiden Ämtern übergeordnet. Denn dieses Amt war nicht menschengemacht, sondern stammte direkt von Gott, der am Berg Sinai zu Mose sprach: „Einen Propheten wie dich will ich ihnen mitten unter ihren Brüdern erstehen lassen. Ich will ihm meine Worte in den Mund legen und er wird alles sagen, was ich ihm auftrage.“ (Deuteronomium 18,18)

Genau das unterscheide die Prophetie in Israel von derjenigen in anderen Kulturen des Alten Orients. Dort wurden Orakel befragt, Wolken gedeutet, Totengeister beschworen – von Männern und Frauen, wie archäologische Funde belegen. Israels Gott jedoch legt Propheten und Prophetinnen seine Worte direkt in den Mund. „Ihre Worte sind somit Wort Gottes“, erklärt Fischer.

 

DEBORA (Richter 4-5)

Gptt lässt sein Volk nicht im Stich, solange es auf prophetisch begabte Menschen hört. So auch in der Erzählung im Buch Richter, in der diese herausragende Rolle einer Frau zusteht – Debora. Das Volk Israel ist im Gelobten Land, in Kanaan, angekommen, und doch ist nicht alles gut. Feinde bedrängen es, die Bibel berichtet von Jabin, einem kanaanitischen König, dessen Heerführer Sisera immer wieder in die Siedlungen der Israeliten einfällt. Mit seinen 900 eisernen Kampfwagen walzt Sisera alles nieder, seine Horden rauben, brandschatzen, vergewaltigen und morden. Die Israeliten zittern vor Angst, ihr schwaches Heer kann sie nicht schützen.

 

Sie wagt es, das Heer zu führen

 

Da aber kommt Debora ins Spiel – eine starke Frau, eine Richterin und Prophetin. Sie hat ihren Sitz unter der Debora-Palme im Gebirge und entscheidet in Rechtsfragen. Sie weiß, dass Gott das Flehen seines Volkes erhört hat und für die nächste Schlacht mit Sisera seine Hilfe verspricht. Barak, dem Heerführer Israels, fehlt aber der Mut, ins Feld zu ziehen. Er weiß ja von der hoffnungslosen Übermacht des Feindes. Auf seine Bitte hin übernimmt Debora die Heerführung. Sie geht mit Barak in die Schlacht und trifft die strategischen Entscheidungen. Als die Israeliten angreifen, unterliegt der hochgerüstete Feind. Denn, wie es in der Bibel steht: „Der Herr brachte Sisera, alle seine Wagen und seine ganze Streitmacht vor den Augen Baraks in große Verwirrung.“ (Richter 4,15). Gott hat sein Versprechen eingelöst. Den Mut, an seine Worte zu glauben und in einer gefährlichen Situation danach zu handeln, bewies eine starke Frau, eine Prophetin.

 

Gott wird zum Befreier durch zwei starke Frauen

 

Damit ist aber die Geschichte noch nicht zu Ende. Denn Sisera selbst rettet sich und sucht Zuflucht auf dem Lagerplatz einer Nomadensippe. Er schlüpft ins Zelt der Jael. Sie ist die zweite starke Frau in dieser Kriegserzählung. Allein im Zelt mit einem grausamen Heerführer tut Jael zunächst alles, was er sagt, sie gibt ihm zu trinken und versteckt ihn unter einem Teppich. Sobald er aber eingeschlafen ist, nimmt sie ihren ganzen Mut zusammen und rammt ihm einen Zeltpflock durch die Schläfe. Der Tyrann ist tot. Israel kann aufatmen. „Es sind zwei Frauen, die das erreichen, keine schwer bewaffneten Kraftprotze“, wie Irmtraud Fischer sagt. Diese Kriegsgeschichte sei so erzählt worden, „damit kein Zweifel besteht, dass der eigentliche Befreier Gott selbst ist“. Und so singt anschließend Debora, die den Ehrentitel „Mutter Israels“ bekommt, zusammen mit Barak einen überschwänglichen Lobpreis Gottes, ein Siegeslied. 

Wie bei der Flucht aus Ägypten hat Gott wieder einmal sein Volk aus einer großen Gefahr gerettet und einen übermächtigen Feind vernichtet. Debora, eine mächtige Frau, steht unmittelbar in der Nachfolge von Mose und Mirjam. Sie übernimmt die Führung in einer Krise und handelt prophetisch.

 

 

 

 

HULDA (2 Könige 22,3-20)

 

Krisen, Kämpfe, Kriege mit den umliegenden Kulturen halten an, während sich Israel als Königtum festigt – davon erzählt die Bibel in den zwei Büchern der Könige. In dieser Zeit sind Prophetinnen und Propheten wichtige, gefragte Ratgeber. Bei Ungewissheit, Bedrohung, schwierigen Entscheidungen wird ihre Hilfe hoch geschätzt. Denn sie vermitteln das Wort Gottes, von dem sich die Israeliten Hilfe, Rettung, Gelingen in politischen Fragen erhoffen. Prophetennamen wie Elija, Elischa, Jesaja oder Jeremia sind auch heute wohlbekannt. Wer aber kennt Hulda – eine angesehene Frau aus gehobenen Kreisen in Jerusalem zur Zeit des Königs Joschija? Sie ist es, zu der eine hochrangige Delegation von Staatsbeamten im Auftrag des Königs kommt, um Gottes Wort in einem beunruhigenden Anliegen zu erfragen: Während Renovierungsarbeiten im Tempel zu Jerusalem wurde ein Gesetzbuch gefunden. Als der König erfährt, was dort geschrieben steht, erschrickt er zutiefst: Ihm wird klar, dass er und sein Volk das erste Gebot Gottes nicht befolgen, denn in Jerusalem werden neben dem Gott Israels auch andere Gottheiten angebetet, ob Baal, Aschera oder Astarte. Was tun? Wird Gottes Zorn Jerusalem vernichten?

 

Eine Frau legitimiert das Gesetzbuch als Gottes Wort

 

In seiner Bedrängnis schickt Joschija die höchsten Beamten des Reiches zur Prophetin Hulda, um Gott zu befragen. In klaren Worten, ohne Höflichkeitsformeln, sagt Hulda die Zerstörung der Stadt als unabwendbar voraus. Um die Weisungen aus dem Gesetzbuch zu erfüllen, ordnet daraufhin Joschija eine großangelegte Kultreform an. Unerbittlich werden Altäre und Anbetungsstätten anderer Götter zerstört. Und doch kann das drohende Unheil nicht abgewendet werden, Jerusalem wird kurz nach Joschijas Tod von Babyloniern erobert, so wie es Hulda sagte. Vermutlich wurde diese Geschichte erzählt, um die schreckliche Zerstörung der Stadt im Jahr 586 durch König Nebukadnezar im Nachhinein zu erklären. Doch es gibt noch eine andere Ebene: „Die Prophetin Hulda ist diejenige, die das zufällig gefundene Gesetzbuch als Gottes Wort legitimiert. Eine Frau trifft für das ganze Volk eine theologisch bedeutende Entscheidung. Wenn es so in der Bibel erzählt wird, dann müssen Frauen in der damaligen Zeit einen zentralen Einfluss auf die Buchwerdung der heiligen Schriften Israels gehabt haben“, erklärt die Bibelwissenschaftlerin Irmtraud Fischer.

 

 

 

NOADJA (Nehemia 6,14)

 

Es gibt nur vier Prophetinnen, die im Alten Testament mit Namen genannt werden: Mirjam, Debora, Hulda und Noadja. Die vierte von ihnen wird aber derart knapp erwähnt, dass es kaum möglich ist, etwas Genaueres über sie herauszufinden. Offensichtlich steht Noadja in Opposition zu Nehemia, der sich beim Wiederaufbau Jerusalems in der Zeit nach dem Babylonischen Exil für den Bau einer Mauer starkmacht und dabei auf Gegenwind stößt. In seinem Bericht über die Auseinandersetzung mit seinen Gegnern erwähnt Nehemia die Prophetin Noadja und die übrigen prophetisch Begabten, die ihm Angst machen wollten. Das ist alles. Was sich daraus schließen lässt, ist nur eines: Die Frau war wichtig. Offensichtlich war sie Leiterin einer prophetischen Gruppe, wie Irmtraud Fischer unterstreicht.

 

Prophetinnen und Propheten schlossen sich in Gruppen zusammen

 

Dass Prophetinnen und Propheten im Alten Israel oft nicht als Einzelpersonen vorkamen, sondern sich in Gruppen zusammenschlossen, ergebe sich laut Fischer aus den Texten und den historischen Befunden. Sogar die erste prophetische Gestalt der Geschichte Israels, Mirjam, habe möglicherweise eine Gruppe angeführt. Forschungsergebnisse wie diese widersprechen dem gängigen Bild eines biblischen Propheten – dem eines einsamen Rufers. Weil die insgesamt 16 Prophetenbücher, die das Alte Testament abschließen, jeweils einen Männernamen tragen, geraten Frauen oder gar Gruppen von prophetisch begabten Menschen an den Rand der Unsichtbarkeit. Andererseits: Allein schon die Anordnung der namentlich genannten Prophetinnen in den biblischen Schriften lässt auf die außerordentliche Bedeutung von Frauen in dem damals leitenden Amt der Prophetie schließen. Die Richterin Debora ist die erste prophetische Gestalt in der Geschichte Israels nach der Sesshaftwerdung im Land Kanaan, Hulda hingegen die letzte vor der Zerstörung Jerusalems und dem Exil in Babylon. Starke Frauenfiguren rahmen die Bücher ein, die in der Hebräischen Bibel „Vordere Prophetie“ genannt werden. „Wenn zwei Frauen eine derart herausragende Position in den Texten zukommt, liegt es auf der Hand, dass damals das prophetische Amt häufig in Frauenhand gewesen sein musste“, so Fischer.

 

Autorin: Maria Sileny
aus KDFB engagiert 6/2020

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