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Mit den Hütern Amazoniens stirbt der Regenwald

Eine Gruppe von Frauen der brasilianischen Guaraní-Kaiowá-Gemeinschaft setzt sich für die Anerkennung indigener Territorien ein. Foto: CIMI de Mato Grosso de Sul

Brandrodung, Abholzung, Landraub: Der Regenwald Brasiliens wird nach und nach zerstört, und die Ureinwohner*innen werden gewaltsam vertrieben. Menschenrechts- und Umweltschutzorganisationen schlagen Alarm. Ein Beispiel, wie Auseinandersetzungen um Landbesitz weltweit eskalieren. 

 

Eine Handvoll windschiefer Blechhütten am Straßenrand. Tonnenschwere Lastwagen donnern vorbei. Hundegebell. Kameraschwenk: Felder bis zum Horizont umgeben die kleine Siedlung in der Nähe der Stadt Dourados im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso do Sul. Mato Grosso bedeutet „dichter Wald“, doch davon sieht man dort nichts mehr. Schnitt. Eine alte Frau, Angehörige des indigenen Volkes der Guaraní-Kaiowá, schleicht gebückt durch ein Zuckerrohrfeld, sieht sich immer wieder besorgt um. Dona Damiana, so heißt sie, bleibt schließlich neben einem verwitternden, mit welken Blumen geschmückten Holzkreuz stehen: Da liegen ihr Ehemann, ihr Bruder und ihr kleiner Neffe begraben.

Die drei seien, so wie acht weitere Bewohner der Siedlung, absichtlich überfahren worden, das hat Dona Damiana zwei ehrenamtlichen Aktivistinnen der Gesellschaft für bedrohte Völker erzählt: Katie Mähler und Sabrina Tschiche reisten im Auftrag der Menschenrechtsorganisation nach Brasilien, um sich ein Bild von der Lage der Guaraní-Kaiowá zu machen – und sie haben ein Videotagebuch* geführt. Die Gruppe um Dona Damiana sei schon 15 Mal gewaltsam vertrieben worden, die Menschen litten fast täglich unter Angriffen, berichten sie: „Regelmäßig werden aus vorbeifahrenden Autos tote Tiere vor ihre Häuser geworfen, und es gibt immer wieder Schüsse von der Straße, mitten in der Nacht“, erzählen Mähler und Tschiche.

Gewalt ist an der Tagesordnung

Das Videotagebuch entstand vor gut drei Jahren – seither hat sich nicht nur die Situation der Guaraní-Kaiowá, des mit rund 51000 Angehörigen größten der etwa 300 indigenen Völker Brasiliens, weiter verschlechtert. Die noch rund 900000 Indigenen des größten Landes Südamerikas leiden seit Jahrzehnten unter illegalen Eindringlingen, die auf ihren Territorien Holz fällen, Gold schürfen, Rohstoffe – wie Tantal, Niob, Kupfer oder Zinn – abbauen, oder den Regenwald für Viehzucht, Zuckerrohr- und Sojaanbau brandroden.

Gewalt ist dabei an der Tagesordnung. Unter dem rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro, der seit Januar 2019 im Amt ist, stieg die Entwaldungsrate eklatant: Wie Misereor, bezugnehmend auf die brasilianische Weltraumbehörde INPE, mitteilte, wurden von August 2019 bis Juli 2020 rund 8754 Quadratkilometer im brasilianischen Amazonasgebiet gerodet. Diese Fläche entspricht fast der Fläche Zyperns und ist knapp 25 Prozent größer als im Vorjahreszeitraum. Auch die Guaraní-Kaiowá wurden seit dem 19. Jahrhundert von ihrem Land vertrieben, um Platz für eine großflächige Landwirtschaft zu schaffen – und zwischen 1915 und 1928 vergab die Regierung großzügig Landtitel an Siedler, während die Guaraní-Kaiowá in acht insgesamt nur etwa 18000 Hektar große Reservate eingesperrt wurden.

Indigene Territorien nicht anerkannt

Die brasilianische Verfassung von 1988 garantiert indigenen Völkern ein dauerhaftes Bleiberecht und die exklusive Landnutzung. Die lang erstrittenen Regelungen verpflichten den Staat, innerhalb von fünf Jahren alle indigenen Gebiete zu demarkieren, also abzugrenzen, und den Indigenen zu übertragen. „Bislang wurden aber nur 401 von 1296 Territorien demarkiert“, sagt Madalena Ramos Görne, Brasilienreferentin des Bischöflichen Hilfswerks Misereor. Es gibt die Fundação Nacional do Índio (FUNAI), das ist die Nationale Stiftung zur Unterstützung der indigenen Völker, deren Aufgabe es ist, demarkierte Gebiete zu schützen, aber auch neue Gebiete zu vermessen und rechtlich anzuerkennen. Doch der Druck aus dem Bergbau und der industriellen Landwirtschaft ist groß – und im Juli 2019 ernannte Bolsonaro dann auch noch Marcelo Augusto Xavier da Silva, einen der Agrarindustrie nahestehenden hochrangigen Polizeibeamten, zum Präsidenten der FUNAI.  

Soja und Zuckerrohr statt Wald

Zwar hatten die FUNAI und das Ministério Público Federal, das ist die Bundesstaatsanwaltschaft, 2007 ein Abkommen mit der Kaiowá-Gemeinschaft unterzeichnet. Darin erklärt sich der Staat bereit, innerhalb von zwei Jahren 36 Territorien der Guaraní-Kaiowá in Mato Grosso do Sul abzugrenzen. Jedoch räumt das brasilianische Gesetz jedem Bürger die Möglichkeit ein, Einspruch einzulegen. „In vielen Fällen leiten die Großgrundbesitzer Berufungsverfahren ein – und oft wird zu ihren Gunsten entschieden“, so Ramos Görne. So prägen heute besonders in Mato Grosso do Sul riesige Monokulturen das Landschaftsbild. Die Wälder wurden weitgehend gerodet, um Mate, Soja für die Futtermittelindustrie und Zuckerrohr für die Produktion von Agrartreibstoffen – gerade für Europa – anzubauen. Doch ohne Wald können die Guaraní-Kaiowá, die traditionell jagen, fischen, Wildfrüchte sammeln und Ackerbau betreiben, ihre Lebensweise nicht pflegen.

Menschenrechtsorganisationen wie die Gesellschaft für bedrohte Völker oder FIAN sowie Hilfsorganisationen wie Misereor berichten, dass Hunger, Unterernährung, Selbstmorde von und Morde an indigenen Aktivistinnen und Aktivisten in den Guaraní-Gemeinden alltäglich seien.

Die biologische Vielfalt steht auf dem Spiel

Immer wieder versuchen Guaraní, sich wieder auf ihrem traditionellen Land niederzulassen, das jetzt offiziell Farmern gehört. Viele campieren – wie Dona Damiana – neben viel befahrenen Straßen ohne sauberes Wasser, ohne ausreichend Nahrung, ohne medizinische Versorgung, ohne die Möglichkeit, Traditionen zu pflegen und Zeremonien abzuhalten, was ihrem Glauben nach nur auf dem Land ihrer Vorfahren möglich ist. „Für indigene Völker ist das Land ihre Identität. Sie und das Land sind eins. Ihnen das Land zu rauben, bedeutet die Zerstörung ihres gesamten Seins“, sagt Ramos-Görne. „Wenn indigene Völker vertrieben werden, wird oft auch die biologische Vielfalt ihres Landes zerstört – ein Prozess, der sich dann nicht mehr umkehren lässt.“

Weil viele Angehörige indigener Völker ihre Lebensweise aufgeben mussten und sich nicht mehr selbst versorgen können, müssen sie auf Plantagen arbeiten – zumeist unter Sklaverei-ähnlichen Bedingungen. „Moderne Sklaverei ist ein in der Landwirtschaft und Holzkohleproduktion durchaus verbreitetes Phänomen, das in schwerer Armut lebende Menschen betrifft“, erklärt Ramos-Görne. Unter falschen Ver- sprechungen würden oft Arbeitsmigranten aus dem armen Nordosten in den Süden angeworben. „Sobald sie in den Bus steigen, müssen sie ihre Papiere abgeben und ihnen wird gesagt, sie hätten nun Schulden abzuarbeiten, was jedoch kaum gelingt“, sagt Ramos Görne. Bei minimaler Bezahlung müssten sie manchmal bis zu zwölf Stunden täglich arbeiten. Oft kämen sie mit gesundheitsschädlichen Spritzmitteln in Kontakt, die das Wachstum der Pflanzen beschleunigen sollen. „Nicht selten sind es Unkrautvernichtungsmittel, die in Europa verboten sind“, so Ramos Görne.

Die Pandemie verschärft die Lage

Durch die Corona-Pandemie hat sich die Lage zugespitzt: Die Hälfte der indigenen Völker Brasiliens sei von Infektionen betroffen, berichtete Misereor im August 2020. Während von 100.000 Brasilianern 900 mit COVID-19 infiziert sind, seien es laut Statistik bei den Indigenen 1.500. Dafür trage auch die brasilianische Regierung eine Mitverantwortung, schließlich habe Bolsonaro ein Gesetz abgelehnt, das die Regierung verpflichtet hätte, indigenen Völkern mehr Krankenhausbetten, Beatmungs- und Sauerstoffgeräte zur Verfügung zu stellen. Auch gegen ein Gesetz, nach dem die Regierung Trinkwasser, Hygiene- und Reinigungsmittel, Lebensmittel, Saatgut und Werkzeuge bereitstellen müsste, legte er sein Veto ein. „Für einige Völker hat der Überlebenskampf längst begonnen“, sagt Ramos-Görne.  

Begleitet werden sie in diesem Kampf von Misereor-Partnerorganisationen wie der Operação Amazônia Nativa (OPAN) oder der Fachstelle für Indigene der Brasilianischen Bischofskonferenz (CIMI). Misereor fordert auch in Deutschland Solidarität: „Wenn wir billiges Fleisch aus Brasilien oder Teakholz-Möbel kaufen, muss uns klar sein, dass viele dieser Produkte auch auf Kosten indigener Völker produziert werden“, sagt Ramos-Görne. Deshalb sei ein deutsche Lieferkettengesetz so wichtig. Der Frauenbund ist Mitglied der Initiative Lieferkettengesetz. Sie setzt sich in Deutschland dafür ein, dass Unternehmen Menschenrechte achten und Umweltzerstörung vermeiden. 

Aus: KDFB engagiert 10/2020
Autorin: Gundula Zeitz