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Gott in der Großstadt

Die evangelische Benediktinerin Katharina Schridde lebt als Stadtmissionarin in Berlin. In dem Buch „mittendrin“ erzählt die Theologin von ihrer Suche nach Gott mitten im Alltag der Großstadt.

Gleich im Vorwort hält Katharina Schridde fest, dass ChristInnen in Berlin, zumal im ehemaligen Ostberlin, als Minderheit mit ihren Gedanken, Worten und Werken auf einer Insel der Seligen leben. „Wer nicht oh­nehin dazugehört, versteht uns kaum noch“, schreibt sie und hegt den Verdacht: „Vielleicht geben wir uns auch zu wenig Mü­he, dass wir verstanden werden könnten.“ Sie selbst gibt sich diese Mühe, wenn sie genau schildert, was sie auf ihren Fahrten und Wegen durch Berlin sieht, wenn sie anschaulich von den Menschen erzählt, die ihr begegnen, und welche Fragen und Zweifel sich ihr angesichts manch schwerer Schicksale aufdrängen.

Da ist zum Beispiel Rosana, die Akkordeonspielerin. Die hört Katharina Schridde schon von Weitem, wenn sie den Ausgang vom Bahnhof Friedrichstraße in Richtung Reichstagsufer nimmt. Sie nennt die osteuropäische Frau nur für sich selbst Rosana. Bis jetzt hat sie sich noch nicht mit ihr unterhalten und vermutet als Grund: „Weil ich mich schäme, dass ich ihr etwas geben kann. Geben, aber nicht wirklich helfen kann. Denke ich je­denfalls. Oder helfen ihr die paar Euro am Tag doch?“

Katharina Schridde fällt das weiße Plastikgefäß auf, das Rosana vor sich stehen hat, ein Behältnis, wie es zur Suppenausgabe auf Festplätzen verwendet wird. Die Suppen-Bettelschale erinnert die Klosterfrau an Klangschalen. Und sie erzählt, wie Klangschalen sich seit den 80er-Jahren unaufhaltsam in spirituellen Kreisen ausgebreitet haben. Dabei wusste kaum jemand, wo das hübsche, spirituelle Accessoire herkam. Buddhistische Bettelmönche nutzen bis heute die metallenen Schalen, um darin Essen einzusammeln. Sie schlagen sie an, um auf ihren Hunger hinzuweisen. Es ging ursprünglich also nicht um den angenehmen Klang zur Einstimmung in eine Meditation, oder als Hilfe, um still zu werden, sondern um den zu füllenden Leerraum in der Schale. Dieser Zusammenhang wurde vergessen.

"Wir inszenieren eine Ästhetik der Armut und der Leere"

Ka­tharina Schridde gibt zu be­denken: „Vielleicht vergessen wir das so schnell, weil wir viel Fülle um uns ha­ben. Wir inszenieren eine Ästhetik der Armut und der Leere. Wie klingt das für die, die gern etwas zu essen hätten, bevor sie sich schöne Gedanken ma­chen können?“ Bevor sie an diesem Tag Rosana lauscht, wird Katharina Schridde von einem alten Mann nach ein paar Cent gefragt. Er ist Flaschensammler und schaut sie vorsichtig und schüchtern an. Sie vermutet, dass er an das Armsein noch nicht gewohnt ist. Denn: „Meistens schauen sie schnell weg, die etwas er­betteln. Das Schlimmste an der Armut ist die Scham darüber, arm zu sein –, hat mir mal einer gesagt, der es wissen muss. Armut wird immer noch wahrgenommen als Schuld.“

Sie gibt dem alten Mann ihr Kleingeld, etwa im Wert von zehn Pfandflaschen. Und überlegt, dass sie sich jetzt eigentlich besser fühlen müsste, denn Jesus hat ja gesagt: „Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir ge­tan.“ Doch in ihr ist ein an­deres Gefühl: „Eher ist es aber so, dass ich mit Jesus darüber weine, dass das so ist in unserer reichen Stadt, dass alte Menschen Plastikflaschen sammeln müssen.“ Katharina Schridde webt aus ihren Erlebnissen, Be­obachtungen, Erinnerungen, Gedanken und biblischen Bezügen einen bunten Teppich von Ge­schichten, die anrühren und dazu einladen, einzutauchen, mitten in die Großstadtwelt Gottes.    

Autorin: Anne Granda
aus: KDFB Engagiert 1+2/2019