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"Es war ein Riesenaufbruch"

"Das macht unsere Beratung aus, dass wir als Menschen mit einer Werterhaltung anderen Menschen begegnen": Rita Klügel aus Augsburg. Foto: Gras

Ein Bleistift, ein Radiergummi, drei schwarze Regale in sonst leeren Räumen. So fing alles an. Rita Klügel erinnert sich genau an die Aufbauphase.

Im Herbst des Jahres 2000 mietet sie in der Augsburger Volkartstraße Räume für die Donum-Vitae-Beratungsstelle an. Damals war sie noch beim Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) beschäftigt. Aber es stand schon fest, dass sie im Januar 2001 zum neu gegründeten Verein Donum Vitae Bayern wechseln würde. Mit dieser Entscheidung war sie nicht allein. Zahlreiche Beraterinnen taten es ihr gleich, nachdem feststand, dass die deutschen Bischöfe aus dem staatlichen System der Schwangerenkonfliktberatung aussteigen würden.

„Es war ein Riesenaufbruch“, sagt Rita Klügel im Rückblick. „Ich habe gerne beim SkF gearbeitet. Aber mir war klar, dass ich nicht jahrelang in der Konfliktberatung tätig sein kann, um Schwangeren in schwierigen Lebenssituationen beizustehen, und dann damit aufhöre, weil katholische Männer sagen, das darf man in dieser Form nicht mehr machen.“

An mehr als 210 Orten in ganz Deutschland präsent

Mit Rita Klügel wechseln damals so viele Beraterinnen zu Donum Vitae, dass in Bayern auf einen Schlag 17 neue Beratungsstellen entstehen. Mit Außensprechstunden ist der Verein an 50 Orten präsent. Rund 100 Hauptamtliche werden eingestellt, viele Ehrenamtliche unterstützen sie vor Ort in den Beratungsstellen. „Vom Nichts an zu beginnen, ist anstrengend, aber auch toll“, urteilt Rita Klügel. „Es gab zunächst keine Strukturen, alles musste neu geschaffen werden. Es hätte nicht zum Erfolg geführt, wenn nicht so viele fachlich erfahrene Beraterinnen zu Donum Vitae gegangen wären. Da war ein Boden da, der ein bisschen die Bodenlosigkeit der unsicheren Finanzierung aufgefangen hat.“ Heute ist die Finanzierung durch den Staat gesichert, wenn auch Donum Vitae immer gefordert ist, seinen Eigenanteil durch Spenden aufzubringen. Die Strukturen sind gefestigt: Neben dem Bundesverband gibt es elf Landesverbände und über 60 Regional- beziehungsweise Ortsvereine. Inzwischen ist der Verband an über 210 Orten in ganz Deutschland mit Beratungs- oder Außenstellen präsent.

Kernstück der Arbeit bleibt die Schwangerenkonfliktberatung

Kernstück der Arbeit ist nach wie vor die Schwangerenkonfliktberatung. „Da haben wir die Möglichkeit, ganz nah an zentrale Fragen des menschlichen Lebens heranzugehen: Kann ich mit dem Kind leben oder schaffe ich es gar nicht?“, erläutert Rita Klügel. Die Schwangeren erhalten nach dem Gespräch weiterhin einen Beratungsschein, der den Zugang zu einer straflosen Abtreibung eröffnet. „Die Frauen sind bereit, ein Gespräch zu führen, und wir bestätigen das“, sagt Klügel. Die Frauen würden sich in einer existenziellen Situation einer total fremden Person öffnen, ihre innersten Gedanken hervorkehren, die sie möglicherweise nicht einmal mit einer Freundin, mit Familien- angehörigen oder dem Partner besprechen können. „Wir arbeiten in einem Tabubereich, der scham- und schuldbesetzt ist“, sagt Rita Klügel. „Für manche Frauen ist es sehr schwer, diese Schamgrenze zu überwinden und zuzugeben, dass sie das Kind nicht haben möchten.“

Im Laufe ihres langen Berufslebens hat die 63-Jährige viele unterschiedliche Beratungssituationen erlebt. Viele Frauen bedanken sich für das Gespräch. Klügel hört oft Reaktionen wie: „Das war gar nicht so schlimm.“ Oder: „Das war für mich sehr hilfreich. Gut, dass Sie sich so viel Zeit genommen haben.“ Nicht wenige erwarten, von der Beraterin bedrängt zu werden, das Kind auszutragen. Wieder andere sagen: „Jetzt kann ich besser zu meiner Entscheidung stehen.“ Viele sind froh zu hören, dass sie jederzeit wiederkommen können. „Sie finden bei uns immer eine offene Tür“, betont Rita Klügel. „Das liegt auch am bayerischen Schwangerenberatungsgesetz.“ Es ist ganzheitlich ausgerichtet. Die Beratung beginnt mit der Familienplanung: Sexualpädagogik an Schulen, Beratung vor und nach der Geburt bis zum dritten Lebensjahr des Kindes – das alles leistet Donum Vitae heute. „Für viele ist es gut zu wissen, dass sie eine Anlaufstelle haben“, berichtet Rita Klügel. Der Baby-Honeymoon dauere bekanntlich fünf Monate. Dann gehe der Alltag mit Kind los. Und viele merkten erst dann, wie anstrengend die dauerhafte Verantwortung sein kann.

Als Mensch anderen Menschen mit einer Wertehaltung begegnen – das macht Beratung aus

„Es ist gut, wenn man in schwierigen Situationen einem Menschen gegenübersitzen kann. Das macht unsere Beratung aus: dass wir als Menschen mit einer Wertehaltung anderen Menschen begegnen, dem Menschen zugewandt und nicht nur einem Gesetz geschuldet, das eine Pflichtberatung verlangt.“ Für Rita Klügel ist das das Kennzeichen einer zutiefst christlichen Haltung. Es gehe darum, zuzuhören und ein Stück weit herauszuarbeiten, was im Gegenüber an Kräften vorhanden ist.

Nicht selten geht es in der Beratung auch um finanzielle Engpässe. Die Sorge um ein Kind ist eine existenzielle Herausforderung für Paare, beispielsweise wenn sie in der dritten Generation Sozialhilfe beziehungsweise Hartz IV be-­ ziehen. Diesen Menschen zu begegnen, den Kontakt zu den verschiedensten Bevölkerungsschichten zu haben, macht die Arbeit für Rita Klügel so wertvoll. „Das heißt für mich, mitten im Leben zu stehen. Und das hat mich in diesem Beruf am stärksten geprägt.“

Besonders niederschwellig: die Online-Beratung

Mit den medizinischen Fortschritten haben sich viele neue Beratungsfelder aufgetan. „Ich bin einmal in einer Beratung einer Frau begegnet, die mit Drillingen schwanger war und mir sagte, sie habe sich für einen selektiven Fetozid entschlossen, also für die Entfernung eines Fötus. Ich kannte das damals, es war 1999, noch nicht. Und so habe ich bei Donum Vitae von Anfang an darauf gedrängt, dass wir uns in der Beratung mit vorgeburtlichen Untersuchungen intensiv befassen.“ Hinzugekommen ist auch die psychosoziale Beratung rund um eine Kinderwunschbehandlung, weil sich Paare während dieser Prozedur oft einem enormen psychischen Druck ausgesetzt sehen. Mittlerweile bietet Do­num Vitae auch eine Online-Beratung an. „Das ist das Niederschwelligste, das es gibt“, erläutert die 63-Jährige. „Die Ratsuchenden bleiben völlig anonym und sehen auch den oder die Beraterin nicht.“

Klügel hält die Online-Beratung für wichtig, hofft aber, dass die bisherige Form der Begegnung in den Beratungsstellen erhalten bleibt. „Ich hoffe sehr, dass der Gesetzgeber uns den Rahmen dafür weiter gibt und dass viele Menschen bemerken, dass es sinnvoll und gut ist, dass wir uns als Menschen begegnen und ergebnisoffen beraten. Dass wir nicht mit moralischen Vorstellungen auf die Frauen zugehen, die das Beratungsgespräch abbrechen würden.“      

Autorin: Eva-Maria Gras
aus: KDFB engagiert 8+9/2019