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Ellen Ammann – frauenbewegte Katholikin

Was für ein Leben! Ellen Ammann (1870–1932) war Politikerin, Katholikin, sechsfache Mutter. Gründerin des Katholischen Deutschen Frauenbunds in Bayern und der Bahnhofsmission in München, Abgeordnete im Bayerischen Landtag von 1919 bis 1932, Gründerin der Münchner sozialen und caritativen Frauenschule. Tief gläubig und hoch couragiert, fortschrittlich und konservativ, unermüdlich im Wirken für das, was ihr am Herzen lag: „dasselbe Recht (für Frauen) wie der Vater und Mann“, und zwar „vom Standpunkt des Christentums“.

Wer Ellen Ammann schon immer mal kennenlernen wollte, bekommt hier die Gelegenheit. In der Reihe „kleine bayrische biografien“ des Pustet-Verlags ist, pünktlich zu ihrem 150. Geburtstag, ein Büchlein erschienen, das sich ganz dem Leben und Wirken dieser außergewöhnlichen Frau widmet. Geboren am 1. Juli 1870 als Ellen Sundström in Schweden, ist ihr ihr späteres Wirken keineswegs in die Wiege gelegt. Sie wird erst mit ihrer Hochzeit 1890 katholisch und lebt fortan mit ihrem Mann, Ottmar Ammann, einem Orthopäden, in München. Gemeinsam bekommen sie sechs Kinder.

Das Buch erzählt eindringlich von der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, wie Ellen Ammann, von der sozialen Not vieler Frauen bewegt, zunächst die Bahnhofsmission in München (1897) und später den Katholischen Frauenbund (1903/1904) mit ins Leben ruft.

„Nur wer (...) die Zusammenhänge der wirtschaftlichen und sozialen Bewegung unserer Zeit nicht kennt, kann die Notwendigkeit einer katholischen Frauenorganisation leugnen“, so schreibt Ellen Ammann im Jahr 1903.

Die „Frauenfrage“ ist mit ihr auch politisch im Herzen der katholischen Kirche angekommen. Der Frauenbund wächst rasch, 1911 kommt es zur Gründung des Bayrischen Landesverbands – mit Ellen Ammann als 1. Vorsitzende; von Helene Weber „Mutter der bayrischen katholischen Frauen“ genannt. Ellen Ammann erkennt früh die Unverzichtbarkeit einer guten Bildung für Frauen:

„Soziale Arbeit darf nicht im Dilettantentum stecken bleiben, denn sie ist verantwortungsvolle Arbeit am Menschen, mehr wie jede andere."

Sie initiiert ab 1909 sozial-caritative Frauenschulungen, die es Frauen ermöglichen, eine Ausbildung zu erlangen und berufstätig zu sein – was Anfang des 20. Jahrhunderts alles andere als selbstverständlich ist: Mädchen ist es in Bayern erst mit dem Jahr 1911 erlaubt, Gymnasialkurse zu besuchen. Ellen Ammann unterrichtet bis zu ihrem Tod in der „sozialen und caritativen Frauenschule“ (aus der die heutige Katholische Stiftungshochschule München hervorgegangen ist) das Fach „Frauenfrage und Frauenbewegung“.

Nach dem Ersten Weltkrieg wird sie in den Bayerischen Landtag gewählt, als eine von acht Frauen von insgesamt 180 Abgeordneten. Ihr politisches Engagement ist immer klar: als Katholikin kann sie nicht anders als sich für die Partizipation von Frauen und für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen einzusetzen. Dass sie eine wichtige Rolle bei der Vereitelung des Hitlerputsches spielt, erwähnt das Buch, wenn auch nur kurz.

Nicht zuletzt ist Ellen Ammann als tief gläubige Katholikin seit 1918 Mitglied einer franziskanischen Drittordensgemeinschaft, der „Vereinigung Katholischer Diakoninnen“ – immer wieder wird in ihrem Leben die untrennbare Verbindung von Glauben und diakonischem Engagement in der Welt greifbar.

Das Buch ist (wie alle anderen Titel der Reihe) knapp gehalten, die kurzen Kapitel blicken auf die verschiedenen Lebensstationen der Ellen Ammann, durch zahlreiche historische beziehungsweise erklärende Informationen wird die fremde Zeit auch für Nicht-Expert*innen verständlich. Schön ist es, dass Fotos von Ellen Ammann die Inhalte illustrieren. Der Kürze ist es geschuldet, dass manche Zusammenhänge nicht klar genug hergestellt und etliche spannende Hintergründe nicht weiter aufgedeckt werden können.

Alles in allem wird mit dem Buch eine beeindruckende Frau lebendig, Familie und Beruf unter einen Hut bringen musste, für die katholisch sein und sich politisch engagieren in eins fallen, und die aus ihrem Glauben heraus mit bewundernswerter Energie für eine bessere Gesellschaft gekämpft hat. Nach der Lektüre ist klar: Man möchte gerne mehr über diese Frau wissen, oder noch besser: man würde sie gerne kennenlernen!

Schmidt-Thomé, Adelheid: Ellen Ammann. Frauenbewegte Katholikin. Pustet, 2020, 14,95 Euro.

Autorin der Rezension: Ute Leimgruber, Professorin für Pastoraltheologie und Homiletik an der Universität Regensburg