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Was mich stärkt KDFB-Frauen verraten ihre Kraftquellen

Die Geschichte lässt Marlene Lesmeister, 57, nicht los. Sie steht für ihr Leben. Für das Auf und Ab, für den jähen Einschnitt, für die eigene Verwandlung. Sie gibt ihr Kraft. Zwei große Bäume stehen dicht beieinander in einem Park... Die Äste des einen Baumes ragen in die Krone des anderen. Im Frühjahr entfalten sich beider Blätter zur gleichen Zeit... Im Herbst machen sie sich beide gemeinsam für den Winter bereit. Sie schützen sich gegenseitig vor dem starken Wind. Der eine Baum gewährt dem anderen Schatten. Sie holen sich aus dem Boden ihr Wasser und teilen es. So haben sich beide gemeinsam entwickelt, sind alt geworden und haben schon viele Jahresringe gemeinsam aufgebaut.*

Lange Zeit, bevor Marlene Lesmeister die Geschichte kannte, dreht sich ihr Leben rund. Sie ist ausgelastet, trägt große Verantwortung, meistert alles. Sie assistiert ihrem Mann in der Praxis und im OP, er ist Frauenarzt. Sie ist Krankenschwester, hat nach der Geburt ihrer drei Töchter die Arbeit ihres Mannes im Hintergrund unterstützt und ist wieder eingestiegen. Schmeißt die zwei Praxen des Mannes, baut gemeinsam mit ihm ein Haus im bayerischen Mainburg und richtet es ein. Eine Herausforderung reiht sich an die andere, das Leben pulsiert.

Eines Tages schlägt der Blitz in einen der Bäume und fällt ihn. Wortlos wird er von Waldarbeitern abtransportiert. Der andere Baum bleibt alleine zurück. Er kann einfach nicht glauben, dass sein ... Nachbar nicht mehr da sein soll... Er wünscht, er habe einfach nur einen bösen Traum gehabt und morgen nach dem Aufstehen sei alles wieder in Ordnung.

Eines Tages schlägt der Blitz auch bei Marlene Lesmeister ein. Ihr Mann kommt ins Krankenhaus und stirbt innerhalb einer Woche.

Jetzt erst wird ihm bewusst, dass er all die Jahre vom anderen Baum beschützt wurde. Er bemerkt, dass er auf der Seite, die dem anderen Baum zugewandt war, schwächer entwickelt ist. Die Äste sind kürzer und weniger dicht mit Blättern übersät. Der Wind fährt ihm garstig in die schwache Seite... Er fragt sich nach dem Sinn des Ganzen.

"Wir hatten gemeinsam viel Schönes, aber auch so viel Stress, wo bin ich geblieben?", fragt sich Marlene Lesmeister nach dem Tod ihres Mannes.

Eines Nachts, als er wieder einmal grübelt, kommt ihm die Idee, dass er versuchen könnte, im nächsten Frühjahr besonders die Äste seiner schwachen Seite wachsen zu lassen. Er könnte versuchen, die leeren Stellen, die der Nachbar mit seinen Ästen ausgefüllt hatte, zu füllen... Ganz vorsichtig lässt er neue Äste wachsen. Es dauert, aber er hat ja Zeit. Und manches Mal ist er sogar ein klein bisschen stolz darauf, alleine gegen die Kälte und den Wind anzukämpfen.

"Meist bin ich anderen beigestanden", denkt sich Marlene Lesmeister. "Es ist Zeit, dass ich mich auf mich selbst besinne." Sie fragt sich: "Was ist verschüttet, was ist verletzt, was kann ich selber heilen?" Sie steckt die Fühler vorsichtig aus, findet im Frauenbund eine Gemeinschaft, die sie stützt, und nach langem Hadern auch zum Glauben zurück. Eine Erkenntnis setzt sich allmählich durch und erfüllt sie bis heute: "Es gilt, die Kraftquelle in uns selbst zu erkennen. Wir müssen nicht warten, bis Hilfe von außen kommt. Die Kraftquelle in uns selbst ist immer da, es ist die Verbindung mit Gott. Ich habe lange mit Gott gehadert. Wo war er, als mein Mann starb? Heute weiß ich, es gibt letztlich keine Sicherheit im Leben." Was sie selbst erfahren hat, will sie anderen weitergeben – aus vollem Herzen. "Jetzt ist mein Bestreben, aus eigener Erfahrung Trauer zuzulassen, sich mit ihr auseinanderzusetzen und in der Hoffnung auf Gott Trost und Geborgenheit zu finden. Ich habe aus der Katastrophe heraus eine tiefe Bindung zu Gott erfahren, jetzt begleite ich andere." Sie entschließt sich zu einer Ausbildung als Trauerbegleiterin und gründet in ihrer Heimatstadt Mainburg selbst eine Trauergruppe. Wenn sie dort die Geschichte des Baumes vorträgt, kann sie sich der Aufmerksamkeit ihrer Zuhörerinnen gewiss sein. Das gelebte Vorbild spricht andere an, vermag auch in ihnen neue Kraft zu wecken. Und noch etwas gibt Marlene Lesmeister weiter: Die eigene Kraftquelle bedarf der Pflege, der Geduld, der Besinnung. Als sie noch dabei war, den eigenen Schmerz zu überwinden, war der Gedanke, anderen zu helfen, schon übermächtig. Heute erzählt sie lachend, wie es für sie zur fixen Idee wurde, ganz rasch eine Trauergruppe zu gründen. "Da hat mir ein evangelischer Pfarrer geholfen, ein Freund meines Mannes. Er sagte mir: ,Schau auf dich. Mainburg hat 2000 Jahre keine Trauergruppe gehabt. Und jetzt soll es unbedingt noch vor Ostern sein?‘" Sich selbst Zeit lassen, den eigenen Eifer in die richtige Bahn lenken – für Marlene Lesmeister war das nicht leicht. "Ich komme aus einer Familie mit sieben Geschwistern, ein Bruder ist behindert. Ich habe früh gelernt, anderen zu helfen. Und dann ist es als Krankenschwester auch mein Beruf. Da ist das Helfen so wichtig." Heute weiß sie, wo sie auftanken kann. Regelmäßig nimmt sie eine Auszeit, packt Pinsel und Farben zusammen und bucht einen Malkurs beim Frauenbund. "Aufbruch in Farbe" heißt das Motto, das sie schon beim ersten Kurs im Kloster Weltenburg zum Mitmachen bewegt hat. Obwohl die Trauer um ihren Mann sie damals niederdrückt, meldet sie sich kurz entschlossen an. "Die Verbindung von Kunst und Spiritualität hat mich angesprochen. Über die eigenen Bilder kam in der Gruppe ein intensiver Austausch zustande. Die Kunst war die Brücke, sich anderen öffnen zu können." Erst malt sie Bilder in dunklen Farben, die Kursleiterin bestärkt sie, diese Zeit der Dunkelheit zu leben, als Ausdruck ihrer Seele. Schon bald geht es ihr besser. "Ich habe mich aufgehoben gefühlt in der Gemeinschaft. Ich hatte das Gefühl, ich muss nicht nur geben, jetzt darf ich auch etwas bekommen. Ich bin dabei geblieben. Das ist ein Ausgleich. Das fühle ich ganz stark." Überrascht stellt sie immer wieder fest, welch schöne Bilder ihr gelingen, obwohl sie jahrzehntelang nicht gemalt hatte. "Da kommen tolle Bilder raus. Wir besprechen sie gemeinsam in der Gruppe. Das stärkt das Selbstwertgefühl, wenn man sich verstanden fühlt. Denn man gibt beim Malen sehr viel von sich selbst preis." Und manchmal entsteht auch ein Bild von einem kraftvollen Baum, der neue Äste austreibt.

Eva-Maria Gras

Claudia Nietsch-Ochs: Die eigene Unruhe kommen lassenSich aus dem Alltagstrott lösen, still werden, sich eine Auszeit gönnen, um neue Kraft zu tanken – das klingt so leicht. "Den Arbeitskittel auszuziehen ist schwerer, als ich gedacht habe." Diesen Satz hört Claudia Nietsch-Ochs öfter, wenn sie Exerzitientage anbietet. Die 48-jährige Mutter von zwei Söhnen ist Diplomtheologin und eine der beiden Geistlichen Beirätinnen des KDFB auf Bundesebene. Hauptberuflich arbeitet sie als Referentin im Diözesan-Exerzitienhaus St. Paulus bei Augsburg. Um neue Kraft zu tanken, so meint sie, sollten Frauen, deren Aufgaben eine ständige Anwesenheit erfordern, einen Ausstieg aus dem Alltag bewusst planen. "Wie in einem Urlaub kann es sein, dass der Ausstieg aus dem Alltag am Anfang von Aktion, Krisen, Konflikten geprägt ist. Ich muss mich bewusst entscheiden: Jetzt lasse ich meine Unruhe kommen. Erst nach ein paar Tagen entdecke ich dann, dass ich auch einmal gar nichts tun muss. Einmal nichts lesen, nur in die Natur hinaus schauen, einfach nur gegenwärtig sein. Das ist für mich eine umfassende spirituelle Kraftquelle." Und sie weiß aus ihren Kursen: Viele müssen es sich erarbeiten, einmal nicht auf andere zu schauen, sondern bei sich zu bleiben. Es hilft, sich selbst zu fragen: Was brauchst du jetzt? Was ist deine Sehnsucht? Das kann Bewegung sein oder ein Mittagsschlaf. Diese Fragen, die sich an die eigene Person richten, schulen auch den Blick, zu erahnen, was andere brauchen. "Manchen geht in solch stillen Zeiten auf, dass sie im Ehrenamt nicht immer gleich wissen müssen, was anderen gut tut. Es ist oft hilfreicher, die anderen zu fragen, was sie im Moment brauchen", meint die Theologin. Wer das Liebesgebot ernst nehmen wolle, sei damit auf dem rechten Weg. "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Das heißt: Die Qualität meines Engagements für andere wächst, wenn ich mir selbst etwas Gutes tun kann."

Erika Fritsche: Kraftvolle Bilder für den AlltagUm Kraft zu tanken, ist mir Wellness einfach zu wenig", da ist sich Erika Fritsche ganz sicher. "Fußreflexzonenmassage ist schön, das kann ich genießen, aber ich brauche etwas, was mich weiterträgt und im Alltag begleitet." So wie sie würden auch andere Frauen empfinden, war die langjährige KDFB-Referentin aus Bamberg überzeugt. Und so hat sie ihre eigenen Ideen in die Oasentage des Frauenbundes einfließen lassen, ein Bildungsprogramm, das die heute 68-Jährige ein Jahrzehnt lang mitgestaltete. Ein Bild bleibt viel länger im Gedächtnis verankert als ein gut gemeinter Vortrag, dem man nur zuhört, weiß sie und rät: "Malen Sie eine farbige Spirale auf ein Blatt Papier, als Sinnbild für Ihr Leben. Schreiben Sie Ihre Geburtszahl in die Mitte und markieren Sie Punkte auf Ihrem Lebensweg, die Ihnen gut getan haben. Dann nehmen Sie das Bild mit in Ihren Alltag. Es speichert etwas, das man nicht messen und nicht wiegen kann, aber dennoch in Ihnen weiterwirkt."

Elfriede Schießleder: Auftanken – direkt bei Gott"Ich tanke viel im Gebet auf", verrät Elfriede Schießleder. Die 48-jährige Pastoraltheologin aus dem niederbayersichen Wurmannsquick ist Mutter von drei Söhnen und Vizepräsidentin des Frauenbundes. In der Kirche sitzen, nichts tun zu müssen, sich in Meditation versenken. Das ist für sie Kraftquelle Nummer eins. Gleich danach kommt das Ehrenamt. Auch das gibt Freude und Kraft. Am meisten freut es sie zu sehen, dass vieles, was ehrenamtlich angestoßen wird, von selber weiterwächst. "Das kann man am besten am Frauenbund selbst ablesen. Wenn man zurückblickt und die lange Verbandsgeschichte betrachtet, erkennt man: Viel Nützliches ist entstanden, was es ohne uns vielleicht nicht gäbe." Es ist die christliche Verantwortung für die Welt, die Frauen im sozialen Ehrenamt antreibt, ist sie überzeugt. "Mir selbst geht es gut, das ist für mich Verpflichtung, anderen in ihrer Not beizustehen." Das heiße aber nicht, ohne Rast und Ruhe tätig zu sein, sondern es gelte vielmehr, das rechte Maß zu finden. "Wir haben die Zusage von Gott: Wir sind schon erlöst. Daraus kann uns eine Gelassenheit erwachsen, ein Vertrauen auf Gott", erklärt die Pastoraltheologin. "Schließlich sind wir alle aufgefordert, direkt bei Gott aufzutanken, sagt er doch: Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid."

Anna Strobl: Ein Schlupfloch für mich alleinJede, die zu den Oasentagen des Frauenbundes kommt, hat ihr eigenes Päckchen zu tragen, hat ihre eigene Wüste zu durchschreiten – das ist Anna Strobl aus Hohenfels bei Regensburg gleich aufgefallen. Jetzt ist sie zum dritten Mal dabei und hat gelernt, wie gut es tut, einmal loszulassen. "Ich komme ohne schlechtes Gewissen zu den Oasentagen. Da wird man zu nichts gedrängt, es wird nichts verlangt. Das ist mein Schlupfloch, das gehört mir allein. Alles andere ist unwichtig – jetzt bin ich dran." Sie schließt die Augen und malt sich aus, wie es ist, endlich in der Oase anzukommen. Die unwirtliche Wüste ist durchschritten, alle Mühe ist wie weggeblasen, die tägliche Last fällt ab. Eine grüne Insel mit gluckerndem Bach und üppigen Pflanzen verheißt Ruhe und Erholung. Unterkunft, Speisen und Getränke, geistige Nahrung, Zeit für gute Gespräche und ein Gebet – es ist für alles gesorgt. "Ich bin Altenpflegerin. Es ist ein schöner Beruf, es kommt viel zurück. Aber er ist sehr kräftezehrend", gesteht die 58-Jährige. Und sie rät allen Frauen: "Fangt früh an, auf euch selbst zu schauen, und nicht erst dann, wenn ihr zusammenklappt." Texte: Eva-Maria Gras

*Text aus: Jürgen Kaufmann, Christoph Kreitmeir, Maximilian Wagner: Ein Quell in unserer Wüste, Echter Verlag, 2000, 17.40 Euro.

KDFB Engagiert-Die Christliche Frau, Ausgabe 2/2006


Eingestellt: 8.05.06