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So klingt der Frauenbund Von der Lust am Singen

"Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit." Für den Diözesanchor Passau ist das Adventslied an diesem Abend eine leichte Übung. Die volkstümliche Weise stellt an die 45 Sängerinnen keine großen Anforderungen. Der Text des ostpreußischen Pfarrers Georg Weissel aus dem frühen 17. Jahrhundert und die Melodie, 1704 erstmals im Geistreichen Gesang-Buch in Halle erschienen, sind den meisten Chormitgliedern seit ihrer Kindheit geläufig. Und doch: Auch die einfache Melodie will exakt intoniert sein. Der Einsatz muss klappen, das Atemholen an der richtigen Stelle erfolgen, die Stimmen harmonisch zusammenfließen, nicht zu laut, nicht zu leise, im gleichen Rhythmus, scheinbar mühelos. Das Ziel heißt: 25 einzelne Stimmen zu einem geschlossenen Ganzen zusammenzuführen. Beim traditionellen Adventskonzert soll die feierliche, getragene Weise den ganzen Kirchenraum erfüllen, soll die Botschaft des Liedes bis in den letzten Winkel dringen und die Zuhörer aufrütteln: "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit..."

"Man singt mit dem ganzen Körper"

Es ist Dienstagabend. Chorprobe im barocken Festsaal St. Maximilian in Passau. Brigitte Fruth bereitet den Diözesanchor des KDFB auf das Adventskonzert vor. Normalerweise trifft man sich einmal im Monat, vor Konzerten öfter. Die Chorleiterin beginnt die zweistündige Probe wie immer mit Gymnastik, Atemübungen, Stimmbildung. "Man singt schließlich mit dem ganzen Körper", betont die 39-Jährige. Viele Muskeln müssen fürs Singen aktiviert werden, damit sie warm und gut durchblutet sind, dabei locker und entspannt. "Man darf nicht verkrampft sein, sonst klingt die Stimme gepresst, und das ist scheußlich. Man muss eine gute Grundspannung haben, aber keine Überspannung." Ein Schwerpunkt liegt auf dem Atem: Die Übungen sollen beitragen, den Atem zu vertiefen und ihn – selbst beim Musizieren – entspannt fließen zu lassen. "Der Atem ist die Grundlage des Singens", erklärt Brigitte Fruth. Es folgen Übungen, die die Resonanzräume aktivieren, also Bereiche im Körper, die beim Singen mitschwingen. "Spüren Sie das N in der Nase, das O rund im Mund", weist Brigitte Fruth die Sängerinnen an. Das Einsingen endet mit Tonleitern. "La, la, la..." Von ganz tief bis hinauf zum hohen G.

"Jede Chorprobe ist ein Gemeinschaftserlebnis"

Ursula Kirchmeier singt im Alt und genießt das Einsingen jedes Mal. "Es tut einfach gut, besonders, wenn man wie ich vorher so lange im Auto gesessen ist." 47 Kilometer weit reist die 64-Jährige für jede Chorprobe an – mindestens eine Dreiviertelstunde ist sie mit ihren drei Sänger-Kolleginnen aus Oberkranzberg im Auto nach Passau unterwegs, bei jedem Wetter. Selbst im vergangenen schneereichen Winter haben die KDFB-Frauen keine einzige Probe ausfallen lassen. "Der Einstieg in den Chor war für mich ein Wunsch, den ich mir lange Zeit aus familiären Gründen nicht erfüllen konnte", verrät die fünffache Mutter. "Das Singen baut mich immer auf. Jede Chorprobe ist ein Gemeinschaftserlebnis. Und für mich ist es einfach wichtig, so in eine Gemeinschaft eingebunden zu sein." Im Diözesanchor des KDFB ist sie seit seiner Gründung vor zehn Jahren dabei. Mit dem Frauenbund hat sie schon im Dom bei Gottesdiensten gesungen, bei der Diözesanwallfahrt in Altötting und 2003 auch beim Fernsehgottesdienst des KDFB. "Diese tollen Momente, die erlebt man nur im Chor", ist sie überzeugt. Chorleiterin Brigitte Fruth bestätigt den KDFB-Frauen großen Eifer. "Natürlich ist es ein Laienchor, und deshalb braucht es schon etwas Zeit, bis man etwas einstudiert hat. Was die Frauen sehr gut drauf haben, ist der bayerische Dreigesang, anderes ist ihnen fremder, da arbeitet man länger hin, zum Beispiel gregorianische Choräle, bei denen man sehr nuancenreich arbeiten muss."

Singen über Grenzen hinweg

Ursula Kirchmeier freut sich, dass sie mit Brigitte Fruth eine gute Lehrmeisterin gefunden hat, schließlich hat die 39-jährige Chorleiterin Kirchenmusik und das Konzertfach Orgel an der Musikhochschule in München studiert. In Passau unterrichtet sie Stimmbildung am Priesterseminar und wirkt als Kantorin. Außerdem gibt sie jährlich mehr als 50 Konzerte im Passauer Dom an der größten Kirchenorgel der Welt, die mit 17.774 Pfeifen und 233 Registern bestückt ist.Mit dem Diözesanchor des KDFB hat sie auch anspruchsvolle Werke, etwa von Mendelssohn-Bartholdy, einstudiert. Jetzt steht das alljährliche Adventskonzert an. "Dieses Konzert hat für uns inzwischen Tradition", erklärt Walburga Wieland, Diözesanvorsitzende des KDFB und Initiatorin des Chores. "Wir veranstalten es jedes Jahr mit dem Kammerchor aus dem tschechischen Budweis in einer grenznahen Pfarrkirche. Trotz der Sprachschwierigkeiten ist eine Freundschaft entstanden von Frauen zu Frauen über die Grenze hinweg. Der Chor ist eben ein Instrument der Begegnung und für die Gemeinschaft ganz viel wert."

Neue Mitglieder über das gemeinsame Musizieren finden

Mit seinen 45 Mitgliedern und vielen öffentlichen Auftritten ist der Diözesanchor Passau der bekannteste Chor des Frauenbundes – aber bei weitem nicht der einzige. In vielen Zweigvereinen wird das Musizieren groß geschrieben, viele Gremiensitzungen werden mit einem Lied abgeschlossen, unzählige Gottesdienste und Wallfahrten musikalisch gestaltet. Wie viele ständige Singkreise und Chöre im Frauenbund aber tatsächlich bestehen, vermag niemand zu sagen. Dabei würde sich Maria Wittmann aus Ergoldsbach ein Chöretreffen im Frauenbund dringend wünschen. "Wir könnten uns austauschen, gegenseitig beraten und miteinander singen", meint die 40-Jährige. Seit 15 Jahren leitet die Bäuerin und ausgebildete Erzieherin einen Frauen-Singkreis in ihrer niederbayerischen Heimat. Bewusst hat sie ihre Gruppe nicht Frauenbund-Chor genannt. Denn sie sieht den Singkreis auch als eine Möglichkeit der Mitgliederwerbung. "Ich finde es gut, den Chor offener zu halten. Zwar hat es sich ergeben, dass die meisten Frauen beim Frauenbund sind, aber es kommen immer wieder junge Frauen zu uns. Und die können durch den Singkreis den Frauenbund und die Arbeit, die er leistet, kennen lernen. Der Singkreis ist ein Sprungbrett in den Frauenbund." Einmal im Monat treffen sich die Ergoldsbacher Sängerinnen im Pfarrheim zur Chorprobe. Auch Instrumentalistinnen sind dazugestoßen. "Wir werden begleitet von einer Gitarre, einer Querflöte, einem Hackbrett, einer Geige, Schlagzeug und einem Klavier, je nachdem, wer gerade Zeit hat. So ist eine schöne Gemeinschaft entstanden. Alle Altersklassen sind vertreten, vom jungen Mädchen bis zur 60-Jährigen", stellt Maria Wittmann fest. Gemeinsam werden Gottesdienste vorbereitet, ein Singspiel, dazu Maiandachten, und Hochzeiten. "Wir machen alles", erklärt die 40-Jährige. "Es geht nicht um den perfekten Gesang, dennoch ist unser Ziel, ein volles, sauberes und harmonisches Klangbild zu erzeugen. Und das heißt harte Arbeit bei den Proben." Nach dem Einstudieren eines Liedes "muss ich mich mit dem Text und der Melodie auseinandersetzen, mich fragen: Was fühlen, was denken wir dabei?" Auf dieser Grundlage könne eine individuelle Interpretation entwickelt werden.

Musikalischer Schwung für den Gottesdienst

Eine Ausbildung zur Chorleiterin hat Maria Wittmann nicht, "aber ich mache seit meinem 14. Lebensjahr Musik und habe jahrelang einen Jugendchor geleitet". Mit dem Frauen-Singkreis studiert sie vor allem neue geistliche Lieder und Taizé-Gesänge ein. "Ich bin mit dieser Musik aufgewachsen, früher war sie noch verpönt, weil sie musikalisch nicht so anspruchsvoll ist. Jetzt vor allem nach den Weltjugendtagen ist sie in die Liturgie der Kirche eingegangen. Und das ist für uns ein Zeichen, dass sie akzeptiert ist." Neues geistliches Liedgut, populäre Musikstile und moderne Instrumente bringen mittlerweile überall Schwung in den Gottesdienst. Stimmen, die befürchteten, dass E-Gitarre und Schlagzeug angestammte Kirchgänger vertreiben könnten, sind verstummt. "Diese Musik bewegt etwas in der Gemeinde, kann sie verändern, weil sich Jugendliche angesprochen fühlen", ist Maria Wittmann überzeugt.

"Kirchenmusik ist Verkündigung"

KDFB-Vizepräsidentin Marcella Hien hat sich bereits in den 70er Jahren in ihrer Pfarrei für das Neue Geistliche Lied eingesetzt. Sie erinnert sich: "In den Kinder- und Jugendgottesdiensten, aber auch bei der Liedauswahl für meinen Kirchenchor hat mir unser Pfarrer freie Hand gelassen. Mittlerweile hat sich diese Musik, die auch im Frauenbund gepflegt wird, durchgesetzt." Die 63-Jährige kann als Chorleiterin und Solistin auf eine mehr als 30-jährige musikalische Karriere zurückblicken. Nebenberuflich leitete sie den Kinder- und Jugendchor in ihrer Heimatstadt St. Ingbert und trat als Altistin in unzähligen Konzerten solistisch auf. Zu ihrem Repertoire gehörten Kantaten, Messen und Oratorien von Mozart, Bach, Händel und Haydn – und Vertrauen in die heilende Wirkung der Musik. "Kirchenmusik ist immer auch Verkündigung. Sie kann einen Gottesdienst fröhlich und festlich, machen, zum Meditieren und Nachdenken anregen, immer aber muss es ihr gelingen, das Herz der Menschen zu öffnen." Geistliche Lieder sollten so gesungen werden, dass man auch den Texten nachspüren könne. "Man darf nicht einfach nur die Melodien heruntersingen. Der Ton muss auf dem Atem tanzen, der ganze Mensch muss singen, vom großen Zeh bis in die Haarspitzen."

Mit vielen Stimmen zum Gemeinschaftserlebnis

Ihre Begeisterung ist mitreißend, das wissen nicht nur die vielen Frauen, die Marcella Hien bei der Frauenfriedenswallfahrt des KDFB vor drei Jahren zum Singen anleitete. "Ich spüre immer wieder, bei manchen Akkorden hebt sich das Herz. Wie damals, als wir in der Frankfurter Frauenfriedenskirche das ,Dona nobis pacem‘ sangen. Ich hatte die Augen geschlossen, spürte mit den Frauen dem lateinischen Text nach, seiner Bedeutung und dem inständigen Bitten: Herr, gib uns Frieden."

Eva-Maria GrasKDFB Engagiert-Die Christliche Frau, Ausgabe 12/2006


Eingestellt: 4.01.07