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Neue geistliche Gemeinschaften: Vielfalt des Glaubens

Neuaufbrüche und den Versuch, das Evangelium radikal zu leben, gab es immer in der Geschichte der Kirche. Dabei ging es zumeist um Veränderungen im spirituellen Leben der Orden. Im 20. Jahrhundert entwickelte sich dann auch eine eigene Laienspiritualität. Noch vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil entstanden, überwiegend im europäischen Raum, viele der Neuen geistlichen Gemeinschaften und Bewegungen. Da das Konzil den Aufgaben der Laien in der Kirche einen höheren Stellenwert einräumte (siehe auch Seite 6), wurde die Weiterentwicklung der Bewegungen gefördert. Die Bezeichnung "Bewegung" für diese Gruppierungen deutet auf ihr buntes Erscheinungsbild hin und darauf, dass sich in inhaltlicher Hinsicht Gemeinsamkeiten schwer fassen lassen. Im Wesentlichen geht es allen um ein intensives religiöses Leben in Gemeinschaft beziehungsweise eine Erneuerung des Glaubens in der Kirche. Kritik trifft die Gruppen vor allem dann, wenn sie ihren Weg als allein gültig ansehen, sich abkapseln von den vielfältigen Aufgaben der Kirche und die Intimität ihrer Gruppe Flucht vor den Herausforderungen der Welt verwenden. Deshalb fordern Theologen in Zusammenhang mit diesen neuen Entwicklungen stets auf, genau hinzuschauen und den Geist der jeweiligen Gruppe kritisch zu prüfen. Dabei helfen in den Diözesen Stellen wie "Berufe der Kirche" und im Internet die Seite www.geistliche-gemeinschaften.de. Doch zumeist gehen diese Bewegungen ihren Weg innerhalb der katholischen Kirche. KDFB Engagiert stellt drei von ihnen vor.

Anne Granda

Cursillo: Ein kleiner Kurs im Christsein

Komisch, die sind alle irgendwie so froh." Das war Michaela Bauers erster Eindruck von Cursillo. Eigentlich hatte sie nur eine Kassette mit geistlichen Liedern im Münchner Sekretariat der Bewegung bestellen wollen. Doch dann war sie mit der Frau am anderen Ende der Leitung ins Gespräch gekommen und der Einladung, beim nächsten Treffen mal vorbeizuschauen, tatsächlich gefolgt. Kirche spielte keine große Rolle im Leben der damals 37-Jährigen. Traditionell katholisch erzogen, hatte sie sich über die Jahre mehr und mehr entfernt. Aber da sie selbst alles andere als froh war, hatte sie sich auf die Suche begeben, wollte etwas ändern in ihrem Leben. "Es ging mir damals schlecht. Ich litt immer noch unter einer mehrere Jahre zurückliegenden Trennung. Ich habe mich ins Berufsleben hineingekniet, war aber ständig ausgepowert und litt unter Migräne und Magenbeschwerden", erinnert sich die Chefsekretärin, die das Büro des ADAC-Präsidenten managt. Das ist nun acht Jahre her, mittlerweile ist Michaela Bauer engagierte ehrenamtliche Mitarbeiterin bei Cursillo. "Da wurde etwas in mir angezündet, das nicht mehr erloschen ist", sagt sie. Und: "Das war das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist." Cursillo de Christianidad heißt übersetzt soviel wie "kleiner Kurs im Christsein". Entstanden ist der Cursillo Ende der 40er Jahre auf Mallorca. Junge Christen, die sich auf eine Wallfahrt nach Santiago vorbereiteten, suchten nach neuen Wegen, das Frohmachende am Glauben zu vermitteln. Was sie damals nicht ahnten: Der Cursillo breitete sich über die ganze Welt aus, fasste zunächst Fuß in Lateinamerika, dann in den USA und Japan. Seit 1961 gibt es ihn in Deutschland, in fast jeder Diözese finden regelmäßig Kurse statt. Man schätzt, dass mittlerweile jedes Wochenende 10.000 Menschen weltweit einen Cursillo besuchen. Ein Kurs dauert drei Tage, meist von Donnerstagabend bis Sonntag. Geleitet wird er von einem ehrenamtlichen Team aus Laien und Priestern. Etwa 25 Männer oder Frauen – der Cursillo findet meist nach Geschlechtern getrennt statt – nehmen teil. Alle Altersgruppen, von der 18- bis zur 80-Jährigen, und alle Berufsgruppen sind vertreten. Michaela Bauer leitet zweimal im Jahr einen Frauen-Cursillo mit: "Unter den Teilnehmerinnen sind viele, die nicht mehr regelmäßig in die Kirche gehen, sich entfernt haben oder noch nie Kontakt hatten", berichtet sie aus ihrer Erfahrung. Der Cursillo richtet sich an engagierte Christen ebenso wie an kritisch Distanzierte oder Suchende. Der Kurs möchte den Glauben erfahrbar machen, also nicht nur Wissen vermitteln, sondern Kopf und Herz ansprechen. Das geschieht auch dadurch, dass die Kursbegleiter von ihren Erfahrungen berichten, dass Raum ist für Gemeinschaft, Gespräch und Gebet. Die drei Tage des Cursillo vollziehen sich in Stufen: Am Anfang steht das eigene Leben, die Betrachtung der eigenen Situation. Im zweiten Schritt geht es um die Begegnung mit Christus. Schließlich folgt der Blick auf die Gemeinschaft der Christen. "Die Begegnung mit Christus soll dazu führen, Angst machende Gottesbilder zu überwinden und zu einer freundschaftlichen, persönlichen Beziehung mit ihm zu gelangen", erklärt Michaela Bauer. In kleinen Tischgruppen werden die Glaubensimpulse besprochen.Der Cursillo ist keine Organisation, sondern eine freie Initiative engagierter Christen in der katholischen Kirche. Er versteht sich nur insofern als Bewegung, als er Kirche in Bewegung bringen will. Die TeilnehmerInnen sollen ihren lebendigen Glauben mit in die Kirchengemeinden nehmen und sich vor Ort engagieren. Michaela Bauer hat diesen Ball aufgegriffen, sie ist als Lektorin in ihrer Pfarrei aktiv. Dass die Verbindung zum Cursillo nach den drei Kurstagen nicht zu Ende sein muss, dafür sorgen kleine Freundschaftsgruppen. "Die Teilnehmer, die den Glauben in ihrem Alltag leben wollen, werden so nach dem Kurs nicht allein gelassen", erklärt Michela Bauer. Einmal im Monat gibt es außerdem eine so genannte Ultreya, ein Treffen aller Cursillo-Nahestehenden. Der Name leitet sich ab vom Ruf der Santiago-Wallfahrer: Eya ultra! Los geht’s! Macht Euch auf den Weg! Infos: www.cursillo.de

Claudia Klement-Rückel

Gemeinschaft Christlichen Lebens: Gott suchen und finden in allem

Exerzitien sind kein Wellness-Urlaub. Es ist mühsam, die eigenen Schattenseiten in den Blick zu nehmen. Aber danach fühle ich mich freier und lebendiger", sagt Gabriela Grunden. Hildegard Joeres hat ähnliche Erfahrungen gemacht: "Meine jährlichen Exerzitien sind eine Zeit, in der ich Raum für meine Beziehung zu Jesus Christus habe, Raum, mich selbst zu ordnen. Danach bin ich wieder ausgerichtet und geerdet."Jahr für Jahr ziehen sich die beiden Frauen aus Augsburg für einige Tage zurück, gehen auf Tuchfühlung mit ihrem Leben. Sie haben sich als Laien einer geistlichen Gemeinschaft angeschlossen, in deren Kern die ignatianische Spiritualität steht: der Gemeinschaft Christlichen Lebens (GCL). Ignatius von Loyola, der Gründer des Jesuitenordens, war es, der im 16. Jahrhundert diese Exerzitien einführte. Schweigend auf die Wirklichkeit des eigenen Lebens hören, es in der Stille vor Gott ordnen. Das Meditieren des Evangeliums und die Begleitung auf diesem Weg sind wesentliche Elemente der Exerzitien, und diese Auszeit hat bei den Mitgliedern der GCL ihren festen Platz. Fassbar wird die Gemeinschaft vor allem bei den regelmäßigen Treffen in Gruppen. Man tauscht sich aus, unterstützt sich gegenseitig, den Alltag als Christ zu leben, betet mit- und füreinander. Frauen und Männer, Verheiratete und Unverheiratete, Laien und Priester sitzen gleichberechtigt in diesen vier- bis achtköpfigen Gruppen. "Man geht eine gewisse Wegstrecke miteinander, das ist ein offenes intensives Miteinander, das Vertrauen braucht", erklärt Gabriela Grunden. "Außerdem entscheidet man sich als Mitglied für eine tägliche Gebeteszeit. Am Ende des Tages steht die persönliche Tagesauswertung", so die Theologin, die auch beruflich in der Glaubensorientierung tätig ist.Alltagsleben und Glauben zusammenzubringen ist das Anliegen der christlichen Gemeinschaft. "Aus dem, was ich über die GCL gelesen habe, hatte ich das Gefühl, genau das ist es, was ich suche. Es brachte etwas auf den Punkt. Ich habe nach einer Form der Gemeinschaft gesucht, die ich mit meinem Beruf verbinden kann. Außerdem wollte ich für mich auch eine gewisse Verbindlichkeit", schildert Hildegard Joeres ihren Weg zur GCL, für die sie seit 1992 als Nationalreferentin tätig ist. Entscheidungen treffen – das ist ein Element des Weges in der GCL. Nach einer Kennenlernphase kann man sich bewusst für eine GCL-Mitgliedschaft entscheiden, danach besteht die Möglichkeit, sich auf Dauer an die Gemeinschaft zu binden. Hildegard Joeres und Gabriela Grunden haben das getan.Neue geistliche Gemeinschaft – das scheint auf den ersten Blick für die GCL nicht zuzutreffen: Ihre Wurzeln reichen 400 Jahre zurück. Damals baten Laien in Rom, an den Exerzitien teilnehmen zu dürfen. Sie schlossen sich in Gruppen zusammen und nannten sich Marianische Congregationen (MC). Als der Jesuitenorden 1773 aufgelöst wurde, wurden die MCen zunächst ebenfalls verboten, lebten aber kurz darauf wieder auf. Über die Jahre entfernten sie sich vom Kern der ignatianischen Spiritualität, wurden eher zu einer frommen Massenbewegung. 1948 rief Papst Pius XII. auf, zum ursprünglichen Geist zurückzukehren. Ein Teil der MCen wandte sich daraufhin wieder der ignatianischen Spiritualität zu: 1967 gab sich die GCL einen neuen Namen und machte ihren Neuaufbruch so sichtbar. Die 350 festen Mitglieder der GCL und die etwa 900 Menschen, die deutschlandweit in Kontakt mit ihr stehen, wissen sich aufgehoben in einer Weltgemeinschaft. Die GCL gibt es in über 70 Ländern – Begegnungen über Ländergrenzen gehören dazu. "Diesen Blick über den Tellerrand empfinde ich als großes Geschenk", sagt Gabriela Grunden, "ich habe erfahren, wie bereichernd es ist, sich mit Menschen aus anderen Kulturen auszutauschen, wie sie die ignatianische Spiritualität leben. Wir alle haben einen Kernsatz von Ignatius zum Motto: Gott suchen und finden in allem." Infos: www.gcl.de

Claudia Klement-Rückel

Emmanuel: Gott lobend verkünden

Ich möchte so gern, dass alle Menschen erfahren, wie sehr sie von Gott geliebt werden, und ihnen zurufen: ,Du, ich habe in Christus eine Quelle gefunden, komm’ und trinke auch daraus!‘", bekennt Anne-Françoise Vater von der Gemeinschaft Emmanuel. Mehrmals im Jahr versucht sie, zusammen mit ihrer Gemeinschaft Emmanuel, bei Straßenmissionen ihren Glauben weiterzugeben. "Es kostet mich Überwindung, auf Menschen zuzugehen, und deren Ablehnung ist oft sehr hart", gibt Anne-Françoise Vater offenherzig zu. "Aber es ergeben sich auch tiefe Glaubensgespräche, die es wieder gutmachen." Intensiv für den Glauben zu werben – das ist wesentlich in dieser Gemeinschaft von Laien und Priestern, zu der die 48-jährige in München lebende Französin seit über 20 Jahren gehört. Zu diesem Zweck organisiert Emmanuel Jugendtreffen, Eheseminare und vieles mehr. Und für die Mission gestalten Mitglieder der Gemeinschaft Gebete mit Chorgesang in einer Stadtkirche, sprechen Passanten an und laden sie ein. Zusammengehalten wird die Gemeinschaft Emmanuel nicht durch Gelübde, sondern durch ein intensives Glaubensleben. Das beginnt für jeden Einzelnen mit dem täglichen Gebet, wenn möglich vor dem ausgesetzten Allerheiligsten. Es geht weiter in wöchentlichen "Hausgemeinschaften", in denen sich bis zu acht Personen privat treffen, Gott loben und sich austauschen, wie Gott in ihrem Alltag wirkt. "Es ist doch für jeden so, dass man sich im Alltag schnell aus der Beziehung zu Gott entfernt. Dagegen hilft, sich in den Hausgemeinschaften ständig gegenseitig zu erinnern und zu ermutigen", erläutert Anne-Françoise Vater. Und da die Hausgemeinschaften jedes Jahr neu zusammengesetzt werden, lernen sich die Mitglieder einer Region gut kennen. In Deutschland sind die inzwischen 350 Mitglieder auf vier Regionen aufgeteilt. In jeder Region versammeln sie sich fast jeden Monat zu einem Wochenende, das dem Lobpreis, der Anbetung, Vorträgen, der Messe und dem Zusammensein gewidmet ist. Für Kinder gibt es eine Betreuung, denn beitreten kann man der Gemeinschaft erst mit 18 Jahren. Und ganz wichtig ist das jährliche Treffen, bei dem jedes Mitglied wieder neu für ein Jahr seine Zugehörigkeit zur Gemeinschaft versprechen kann. "Ich glaube, unser Gründer Pierre Goursat war sehr weise. Er erkannte schon in den 70er Jahren, dass sich Menschen immer weniger langfristig verpflichten wollen", ist Anne-Françoise Vater überzeugt. Zwar war der Franzose Pierre Goursat nicht als Gründer einer Gemeinschaft angetreten. Aber es ergab sich so, als der Filmkritiker und die Ärztin Martine Catta in den 70er Jahren mit Gedanken zur Glaubenserneuerung in Berührung kamen. Denn der Gebetskreis, den die beiden 1972 zusammenriefen, erweiterte sich innerhalb eines Jahres von fünf auf 500 Teilnehmer, heute gehören der Gemeinschaft weltweit 7.200 Mitglieder an, ihre Statuten sind seit 1992 vom Vatikan anerkannt. Mit ihrem Namen will die Gemeinschaft ausdrücken, was sie bei ihrer Mission verkündet: Emmanuel – Gott ist bei uns. Infos: www.emmanuel-info.de.

Anne Granda

KDFB Engagiert-Die Christliche Frau, Ausgabe 1/2006


Eingestellt: 4.05.06