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Leichter durch den Alltag: Das Leben entrümpeln

Ich entrümple von Zeit zu Zeit. Dann fühle ich mich wieder viel wohler in meiner Haut, wie befreit. Durch den freien Platz konnte ich in einem Zimmer sogar eine Atelierecke für mich einrichten", schwärmt Hildegard Sanner. Unter dem Titel "Bügelst Du noch oder lebst Du schon?" bietet die KDFB-Bildungsreferentin aus Hildesheim Seminare an, bei denen das Thema Entrümpeln eine große Rolle spielt. Fast jeder kennt das gute Gefühl, wenn ausgemistet und geputzt ist. Doch viele sind so überwältigt von ihrem Krempel, dass sie gar nicht wissen, wo sie anfangen sollen. Dabei kann Ausmisten sehr wirkungsvoll sein: "Wenn Sie die äußere Welt in Ordnung bringen, kommt es auch in der inneren Welt zu entsprechenden Veränderungen. Alles um Sie herum, vor allem Ihre häusliche Umgebung, spiegelt Ihr inneres Wesen wider", erklärt die britische Entrümplungsspezialistin Karen Kingston. Jeder Deutsche besitzt laut Statistik durchschnittlich 10.000 Gegenstände. Vieles steht ungenutzt auf dem Speicher oder im Keller. Doch "unnütze Dinge in Wohnung und Büro belasten die Seele mehr, als viele ahnen", schreibt der evangelische Pfarrer und Entrümplungsexperte Werner Küstenmacher in seinem Bestseller "simplify your life" (englisch für "Vereinfache dein Leben"). Besitz bedeutet Sicherheit. "Wir sind nicht nur biologisch dazu veranlagt, Dinge zu erwerben, wir sind überdies psychisch darauf programmiert, an ihnen festzuhalten", weiß Autorin Harriet Schechter. Für sie wurzelt der Zwang, Dinge zu behalten, in der Angst vor Reue, einen Gegenstand weggegeben zu haben, weil man ihn doch noch hätte gebrauchen können. "Wenn Sie etwas entrümpelt haben, vertrauen Sie darauf, dass es eine gute Entscheidung war", rät Schechter. Psychologen wissen: Besitztümer werden in ihrem Wert überschätzt. Wer hatte nicht schon sentimentale Gedanken nach dem Motto: Was habe ich in dem Pulli oder in diesen Schuhen schon alles erlebt? So häuft man Ballast an. Damit es erst gar nicht so weit kommt, hier die besten Entrümplungsmethoden für Wohnung und Seele in fünf Schritten:

Erster Schritt: Kleine Einheiten planen!

Gehen Sie mit Block und Stift durch die Wohnung. Notieren Sie in jedem Zimmer, was entrümpelt werden muss. Dann erstellen Sie einen Zeitplan. Wenn klar ist, dass ohnehin nicht genug Zeit ist, alles zu schaf-fen, fangen Sie klein an! Mit Mini-Zielen – zum Beispiel einer Schublade – verlieren Sie nicht so schnell die Lust am Entrümpeln. Wie groß die Einheiten – jeden Tag eine Plastiktüte voll oder gleich ein Container – sein sollten, entscheiden Sie selbst. Planen Sie für jede Einheit eine gewisse Zeit ein (20 Minuten für die Schublade). Wenn Sie gar nicht in die Gänge kommen, überlisten Sie sich selbst: Stellen Sie sich vor, Sie müssten nächste Woche umziehen. Was würden Sie in die neue Wohnung nicht mitnehmen wollen?

Zweiter Schritt: Richtig gerüstet sein!

Besorgen Sie sich alles, was die Arbeit erleichtert wie Schutzhandschuhe, Müllsäcke, Stifte zum Markieren und Kisten zum Lagern. Brauchen Sie Helfer, oder muss gar ein Container gemietet werden? Dann stellen Sie Kisten bereit mit Aufschriften wie Verschenken, Verkaufen, Müll, Wertstoffhof, Behalten, Reparieren oder Reinigen.

Dritter Schritt: Legen Sie los!

Stellen Sie sich einen Küchenwecker. Nachdem er geklingelt hat – als eine Art Startschuss –, stellen Sie die geplante Zeit ein. Das Ticken des Küchenweckers hält Sie am Ball. Räumen Sie nun die ausgewählte Einheit komplett leer, putzen Sie die freien Flächen und beginnen Sie mit dem Aussortieren. Bei Kleiderschränken empfiehlt es sich, alle Sachen, die Sie in den vergangenen acht Wochen getragen haben, auf die linke Seite hängen. Ein Trick fürs Sortieren, der sich auch für Papierstapel eignet: Immer erst die großen Trümmer herausziehen und sie in die entsprechenden Kisten sortieren, so erreicht man schnell ein sichtbares Ergebnis und die Motivation steigt. Nun entscheiden Sie bei jedem Teil, ob es in die Flohmarktkiste, Altkleidersammlung, in den Müll oder auf den Wertstoffhof gehört, ob es gereinigt oder repariert werden muss. Alle schönen Sachen werden in sauberem Zustand wieder eingeräumt. Ein Fragenkatalog hilft weiter: Warum sollte ich es behalten? Wann kann ich es jemals gebrauchen? Wo soll der Gegenstand aufbewahrt werden? Was könnte schlimmstenfalls passieren, wenn ich den Gegenstand weggebe? Entrümplungsexpertin Kingston rät: "Beim Aussortieren legen Sie auf gar keinen Fall einen Haufen von Dingen an, über deren weiteres Schicksal Sie erst später entscheiden!" Wenn Sie doch eine Unentschiedenheitskiste brauchen, stellen Sie sie einen Monat oder ein halbes Jahr weg, danach dürfen Sie nur die Dinge behalten, an die Sie sich noch erinnern können. Bei Erinnerungsstücken wie Postkarten, Tagebüchern oder Hochzeitsandenken: Behalten Sie nur das, was Sie wirklich lieben. Und noch eine Entscheidungshilfe: Alle Kleidungsstücke, die Sie ein Jahr, schlimmstenfalls drei Jahre nicht anhatten, kommen weg. Das gilt auch für Dinge, die im Keller oder Speicher lagern. Zum Thema Geschenke und Ererbtes: Nur weil Ihnen jemand einen Gegenstand geschenkt oder vererbt hat, heißt das nicht, dass Sie ihn für immer behalten müssen. Die Absicht des Schenkers war gut gemeint, erkennen Sie das an und geben Sie das Stück in die Flohmarktkiste.Vielleicht kennen Sie jemanden, der sich über eine Kiste Krempel sogar freuen würde, auch caritative Einrichtungen nehmen Sachspenden gerne an. Wichtig ist: Der Krempel muss so schnell wie möglich das Haus verlassen, sonst wird man rückfällig und sortiert Dinge wieder aus, die man meint, irgendwann gebrauchen zu können.Und so lassen sich Schreibtische entrümpeln: Sortieren Sie nach fünf Stapeln: Was kann weg? Was kann abgelegt werden in Ordnern und Hängeregistern? Was kann ein anderer erledigen? Was muss bald erledigt werden? Und richten Sie einen Sofort-Stapel ein: Vielleicht können Sie während des Aufräumens die eine oder andere Sache gleich telefonisch erledigen. Wenn Sie noch keine Hängeregistratur haben, richten Sie eine ein. Aber vergessen Sie nicht, auch diese regelmäßig auszumisten! Ein aufgeräumter Schreibtisch bedeutet einen klaren Verstand. Wer sich nicht in Papierkram verzettelt, hat Kraft, etwas Neues zu schaffen. An einem übersichtlichen Tisch zu arbeiten, fördert Kreativität und Produktivität, die Zufriedenheit wächst. Eine gute Angewohnheit: Den Schreibtisch nach beendeter Arbeit ordentlich zurücklassen. Am nächsten Tag fällt der Arbeitsbeginn viel leichter.

Vierter Schritt: Neuen Krempel vermeiden!

Wenn man nun entrümpelt hat, ist es wichtig, in Zukunft die Krempelquote unter Kontrolle zu halten. "Bei jedem Kauf sollte man sich fragen: Brauche ich das wirklich? Wenn ja, auf Qualität achten", empfiehlt Erni Sandtner vom Verbraucher-Service Bayern im KDFB. Frauen rät sie, nur gut kombinierbare Kleidung zu kaufen, die zu anderen Stücken im Kleiderschrank passt. So müssen die Farben nicht jede Saison gewechselt werden. Und: "Wer sich einen neuen Pulli oder neue Schuhe kauft, sollte sich auch von einem alten Pulli oder einem alten Paar Schuhe verabschieden." Vorsicht ist bei Spontankäufen geboten, zu denen man bei Schnäppchenaktionen verführt wird. "Denn oft werden Bedürfnisse geweckt, derer man sich vorher gar nicht bewusst war. Wer braucht zum Beispiel unbedingt eine Frischsaftzentrifuge?", so Sandtner. Jedes Besitztum mache schließlich Arbeit. "Je mehr sich ansammelt, desto schwieriger wird es, die Dinge zu finden, desto länger müssen wir nachdenken, was wir wohin geräumt haben, und desto mehr Energie brauchen wir zum Saubermachen und Aufräumen", weiß Karen Kingston. Deshalb: Hinterfragen Sie all die "Gratisgeschenke" und Rabatt-Aktionen. Die Angebote sind sorgfältig formuliert, sie sollen bei den Verbrauchern Ängste anheizen, ihnen könnte etwas "entgehen". Fünfter Schritt: Weg mit mentalem Ballast!

"Wer materielles Gerümpel zu Hause ansammelt, hortet auch Gerümpel in seinem Geist", ist Karen Kingston überzeugt. Eine bewährte Methode, Klarheit zu gewinnen, ist das Listenschreiben. Machen Sie sich eine Liste, was Ihnen das Leben schwer macht: Welche Menschen, welche Termine, welche Filme oder welche Bücher tun Ihnen nicht gut? Welche Sorgen, Probleme und Ängste belasten Sie?Dann gehen Sie ans Ausmisten. Buchautorin Rita Pohle empfiehlt auch hier die Kisten-Methode: "Entrümpeln Sie Ecke für Ecke Ihrer inneren Räume!" In die erste Kiste kommen Gedanken und Sorgen, die verabschiedet werden können. Auch Groll schadet einem nur selbst. Wem müssen Sie etwas vergeben? Wann fühlten Sie sich als Opfer? Schreiben Sie allen Groll und alle Opfer-Gefühle auf, bemitleiden Sie sich ein letztes Mal selbst, dann verbrennen Sie das Papier oder vergraben Sie es – damit sollte das Thema auch erledigt sein. Falls sich der Gedanke wieder meldet: "Stopp!" denken und eine imaginäre Schublade aufziehen. Stopfen Sie Ärger und Groll hinein und machen Sie sie zu. Noch ein Tipp: Ärgern Sie sich grundsätzlich nie länger als fünf Minuten!Wer Sorgen hat, sollte Listen schreiben und alles hinterfragen: Ist es überhaupt ein Problem? Ist es mein Problem? – Finger weg von Problemen anderer! – Lässt es sich lösen? Falls ja, wie würde der erste Schritt aussehen? Falls nein, kann ich es akzeptieren oder loslassen? Vielleicht kann nun das eine oder andere Problem verabschiedet werden.In die zweite Kiste kommen Gedanken oder Sorgen, die man noch nicht loslassen will. "Sie können sie akzeptieren, und so verlieren sie ihre Bedeutung. Sie können sie anders betrachten, ihnen sozusagen einen ,neuen Anstrich‘ geben, und dadurch verändern sie sich", rät Pohle. In die dritte Kiste kommen Haltungen und Werte, die Sie behalten wollen, die Sie stärken. Oft fühlt man sich kaum mehr in der Lage, Neues aufzunehmen. Schützen Sie sich deshalb vor mentalem "Giftmüll" wie zu viel Fernsehen, schlechten Filmen, zu viel Internet und zu vielen Informationen durch Zeitungen und Zeitschriften.Aber auch negative Kontakte zu Energievampiren (wenn man mit ihnen Zeit verbracht hat, fühlt man sich wie ausgesaugt), Bremsern und Nörglern tun nicht gut. Nehmen Sie die Regeln für den Umgang mit schwierigen Menschen selbst in die Hand: Fangen Sie an, Grenzen zu ziehen! Begrenzen Sie die Gesprächszeit von vornherein! Lernen Sie, nein zu sagen! Stellen Sie sich immer wieder die Frage: Was brauche ich wirklich?Auch Unerledigtes wirkt bedrückend und lähmt. Da hilft eine Aktionswoche: Beschreiben Sie ein Plakat mit allen unerledigten Sachen. Versuchen Sie jeden Tag zwei oder drei Dinge zu erledigen (zum Beispiel: Termin für Arzt ausmachen). Ein Tipp: Erledigen Sie Dinge, die sie ungern tun, als Erstes!Loslassen schafft Platz für Neues. Nun ist es an der Zeit, "den wertvollen Dingen im Leben den richtigen Stellenwert zu geben, die uns wichtigen Menschen zu achten, die persönlichen Werte zu kultivieren, die schönen Erinnerungen zu konservieren", schlägt Rita Pohle vor.

Karin Schott

KDFB Engagiert-Die Christliche Frau, Ausgabe 1/2006


Eingestellt: 4.05.06