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Islamische Gebetsorte in Deutschland: Streit um Moscheen

Moscheebau bedeutet Landnahme. Der Islam will herrschen. Die christliche Kultur geht unter. Es darf nicht sein, dass Minarette höher sind als Kirchtürme. Die Moslems wollen auftrumpfen." Immer wenn es zum Streit kommt beim Bau von Moscheen in Deutschland, dann sind auch diese Sätze zu hören. Wie weit sind solche Äußerungen entfernt von dem offenen Ausbruch eines Konfliktes zwischen den Streitenden? Die Geschichte lehrt, dass das oft erst nach einer längeren Zeit der Entfremdung passiert. Zunächst stellen zwei Parteien fest, dass sich ihre Ziele nicht miteinander vereinbaren lassen. Das Verständnis für das Anliegen des Anderen nimmt ab, man spricht immer weniger miteinander, Misstrauen entsteht und wächst. Gerüchte und stereotype Vereinfachungen werden für wahr gehalten, die Sprache, mit der über die Gegenseite gesprochen wird, neigt mehr und mehr zu Schlagworten. Jeder stellt sich vor, dass die Absichten des Gegenübers die eigenen Ziele, ja sogar die eigene Existenz bedrohen. Die Folge ist, dass der Gegenseite jegliche Moral und schließlich sogar alle menschlichen Eigenschaften abgesprochen werden. Hinter aggressiven Äußerungen muss aber nicht eine grundsätzliche Ablehnung von Ausländern stehen. So betont der Essener Bischof Felix Genn in einem Interview: "Ich stelle fest, dass es keine Fremdenfeindlichkeit im Ruhrgebiet gibt." Sein Bistum gehört zu einer der Regionen mit dem höchsten Anteil an Muslimen. "Der Mensch im Ruhrgebiet hat die Fähigkeit entwickelt, alle möglichen Typen von Menschen zu integrieren. Sonst hätte man im Bergbau weder unter Tage noch in der Industriehalle zusammenarbeiten können. Diese Haltung haben die Eltern an die Kinder weitergegeben. Das ist eine solide Grunderfahrung, die das Ruhrgebiet auszeichnet und bundesweit zu einem Vorbild macht." Trotzdem kann der Bischof berichten: "Ich bekomme oft Klagen zu hören, dass wir Kirchen schließen müssen und gleichzeitig viele neue Moscheen gebaut werden. Das ist kein Neid, sondern Angst." Gegen Angst hilft manchmal der Blick auf Zahlen. Doch da wird es schwierig. So ist die genaue Zahl der in Deutschland lebenden Muslime nicht bekannt. Schätzungen schwanken zwischen 2,5 und 3,5 Millionen, denn sie basieren fast ausschließlich auf der Angabe zum Herkunftsland der Einwohner. Diese Basis ist unzuverlässig, da unter anderem auch Christen, andere religiöse Gruppen oder Atheisten aus überwiegend muslimischen Ländern einwandern. Auf eine große Anfrage der Grünen gab die Bundesregierung im April 2007 an, dass sie von 3,1 bis 3,4 Millionen Muslimen in Deutschland ausgehe. Etwa eine Million davon seien inzwischen deutsche Staatsbürger. Das heißt, trotz aller Unsicherheiten der Statistik: Im Höchstfall stellen Muslime etwa vier Prozent der Gesamtbevölkerung.

 

Nur wenige der 2.500 Moscheen sind von außen als solche erkennbar

 

Bei der Anzahl islamischer Gebetsstätten geht man bundesweit von 2.500 aus, von denen nur wenige von außen als Moscheen erkennbar sind. Schätzungen sagen, dass es etwa 150 Moscheen mit Kuppel und Minarett gibt und weitere 130 zur Zeit geplant oder schon im Bau sind. Bisher wurden Moscheen oft in umgewandelten Wohngebäuden oder zuvor gewerblich genutzten Räumlichkeiten eingerichtet. Mitunter befinden sie sich in Hinterhöfen, oft in Gewerbegebieten. Seit geraumer Zeit ist nun aber ein Boom an Moschee-Neubauten festzustellen. Also doch? Ist der Islam auf dem Vormarsch in Deutschland? Nein, betonen die Experten vom Zentrum für Türkeistudien in Essen, das ist eine falsche Einschätzung. Zwar stimmt es, dass in vielen Städten Hinterhof-Moscheen durch repräsentative Bauten ersetzt würden, sagt Dirk Halm vom Studienzentrum. Insgesamt werden aber nach seinen Worten die Neubauten die Gesamtzahl der Moscheen in Deutschland nicht verändern. "Die Bautätigkeit ist eher Folge des endgültigen Einrichtens in der neuen Heimat Deutschland", erklärt Halm.

 

"Ort der Niederwerfung im Gebet"

 

Dass sich Menschen, die ihren Glauben aktiv, auch im gemeinsamen Gebet, leben, erst nach Jahrzehnten um schön gestaltete Gebetsorte bemühen, hängt mit dem andersartigen Verständnis vom Gotteshaus im Islam zusammen. Ein arabisches Wort für Moschee heißt Masdschid oder "Ort der Niederwerfung im Gebet". Nach Aussage des Islamwissenschaftlers Michael Lüders reicht es für muslimische Gläubige aus, sich darauf zu verständigen, in welchem Raum man gemeinsam betet. Erst wenn es an den Neubau einer Moschee geht, gäbe es Traditionen für die baulichen Merkmale dieser Häuser. Diese könnten je nach Weltregion verschieden sein, allerdings gehörte fast überall ein Minarett, ein schmaler Turm neben dem Hauptgebäude, zu einer Moschee. Die Gebetshäuser orientieren sich zumeist am ersten Haus, das der Prophet Mohammed nach seiner Flucht aus Mekka im Jahr 622 bei Medina errichtet hatte. Der Eingang liegt an der Nordwand, in der Mitte der nach Mekka weisenden Ostwand befindet sich die Gebetsnische, von der aus der Imam, der Vorsteher, das gemeinsame Gebet leitet. Rechts davon steht die Kanzel für die Freitagspredigt. Im Gegensatz zur christlichen Kirche ist die Moschee kein reines Gotteshaus, sondern auch öffentlicher Ort, an dem sich Muslime treffen, ausruhen und miteinander diskutieren können. Unterhalten wird die Moschee meist von der Moscheegemeinde oder einer religiösen Stiftung. An die Moschee gliedern sich oft soziale Einrichtungen und Koranschulen. Wenn es zum Streit beim Moscheebau kommt, dann spitzt er sich häufig auf die Höhe der Minarette zu. So sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel beim CDU-Parteitag Ende letzten Jahres in Hannover, dass darauf geachtet werden müsse, Moscheekuppeln nicht demonstrativ höher zu bauen als Kirchtürme. Damit spielte die Kanzlerin auf den Streit um Moscheeprojekte in Köln, Berlin, Frankfurt am Main, München und anderswo an. Sie warnte damit vor einer Situation, die es bisher noch nirgendwo gibt. Kein Kirchturm wird in Deutschland von einem Minarett überragt.

 

Die Religionsfreiheit ist grundgesetzlich geschützt

 

Wenn die Kirchen Stellung zum Moscheebau in Deutschland beziehen, machen sie an erster Stelle deutlich: Die grundgesetzlich geschützte Religionsfreiheit beinhaltet das Recht der Muslime, würdige Moscheen in ihren Wohngegenden zu bauen. Verbunden sind diese Äußerungen in der Regel mit einem Aufruf an die in der Bundesrepublik lebenden Muslime. Darin werden diese aufgefordert, sich nachdrücklich für die Religionsfreiheit von Christen in islamischen Ländern einzusetzen. "Die Muslime haben politisch gesehen das Recht, ihre Moscheen so zu bauen, wie sie wollen", betont der Jesuit Christian Troll. Der Religionswissenschaftler ist Mitglied der Kommission für Interreligiösen Dialog in der Deutschen Bischofskonferenz. Als einzige Grenze für den Moscheebau sieht er Verwaltungsvorgaben. "Andererseits müsste aber auch das Moscheegebäude der Zahl der Muslime entsprechen, die dort wohnen. Es sollte also nicht so sein, dass von außen ein Prachtgebäude hingestellt wird, das gar nicht den Notwendigkeiten entspricht", so Troll. Prachtgebäude? Wollen die Muslime mit ihren Bauten etwa auftrumpfen? Ist das in ihrem Glauben begründet? Und was genau glauben Muslime in Deutschland? Von Seiten der deutschen Islamwissenschaft gab es auf diese Frage bisher wenig Antworten, da sich die Forscher bevorzugt mit der Bedeutung des Islam in historischer Zeit beschäftigten. Deshalb ließ jetzt das Bundesinnenministerium eine Studie zur aktuellen Situation erstellen.

 

Kommunikation als Weg

 

Unter dem Titel "Muslime in Deutschland" machten Hamburger Wissenschaftler repräsentative Umfragen zu den Themen Integration, Hindernisse für die Integration, Religion, sowie Einstellungen zu Demokratie, Rechtsstaat und Gewalt, die politisch-religiös motiviert ist. Doch die Hoffnung, dass sich mit den Ergebnissen verschiedene Streitpunkte leichter klären lassen, ist wohl vergeblich. Denn die Auslegungen der Studie driften weit auseinander. Während Innenminister Wolfgang Schäuble von einem "besorgniserregenden Ergebnis" spricht, ist die Schlussfolgerung der Wissenschaftler und vieler Kommentatoren, dass sich Muslime und Nichtmuslime sehr nahe sind in ihren Ansichten - im Guten, wie im Schlechten. So gibt es in beiden Bevölkerungsgruppen, prozentual etwa gleich hoch, Menschen, welche die Demokratie ablehnen und Gewalt zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele befürworten. So ist die Studie selbst ein Streitthema geworden und wird es wohl weiter bleiben. Ihr Themenkreis - Religion, Demokratieverständnis und Gewaltbereitschaft - macht deutlich, was beim Moscheebau als tiefste Angst im Untergrund mitschwingt: Erwächst eine terroristische Gefahr aus der Gruppe der MitbürgerInnen muslimischen Glaubens? Die Autoren der Studie schreiben dazu, dass eine wirksame Vorbeugung gegen hiesigen islamistischen Terror nur zusammen mit den muslimischen Institutionen und Organisationen geleistet werden könne. Auch sie verweisen also auf den Weg der Kommunikation. In Wiesbaden versucht die CDU-Integrationsdezernentin der Stadt, Birgit Zeimetz-Lorz genau diesen Weg zu beschreiten. Und sie hat Erfolg. Im Herbst letzten Jahres gelang ihr, die bundesweit erste Integrationsvereinbarung mit einem Bündnis aus zwölf örtlichen Moscheegemeinden abzuschließen. In der Ende September unterzeichneten Vereinbarung bekennen sich beide Seiten zu der im Grundgesetz festgelegten Werteordnung. Die elf folgenden Paragrafen enthalten ein ganzes Bündel von Maßnahmen, an denen sich die Vertragspartner messen lassen wollen: So erkennen die Muslime die Gleichberechtigung von Mann und Frau an und tragen dafür Sorge, die eigenen Veranstaltungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Im Gegenzug will sich die Stadt beispielsweise um Deutschkurse für Vorbeter bemühen. Und ist der Bau einer Moschee oder eines Gemeindezentrums geplant, bieten die Wiesbadener Behörden Hilfe bei der Aufklärung der Bevölkerung. Die deutschen Bischöfe betonen die Pflicht der Religionen, sowohl der christlichen wie der islamischen, gemäß ihres Selbstverständnisses zu einem gerechten und friedlichen Miteinander der Menschen beizutragen. Der Essener Ruhrbischof Felix Genn wird konkret: "Es gibt keine Alternative zum Dialog. Verdächtigungen und Misstrauen sind wie ein Wurm, der die gute Pflanze des Dialogs zerstört."

 

Ein Miteinander schon für die Jüngsten

 

Zu dem gleichen Ergebnis ist Angelika Schmid auf Grund ihrer praktischen Zusammenarbeit mit Musliminnen gekommen. Die 42-jährige Spielgruppenleiterin aus Penzberg in Oberbayern sagt: "Das Wichtigste ist das Miteinander und die Kommunikation zwischen Christen und Muslimen. Beides gilt es in gutem Fluss zu halten." Wie das gelingen kann, lebt sie als ehrenamtlich aktives Mitglied der katholischen Pfarreien-Gemeinschaft im oberbayerischen Penzberg praktisch vor. Denn seit der Einweihung der neuen Moschee am Ort vor eineinhalb Jahren bietet sie im Gemeindezentrum der Moschee eine für alle Nationen offene Spielgruppe an. Angelika Schmid kann gut vergleichen, da sie seit 18 Jahren Spielgruppen für Ein- bis Vierjährige leitet. "Die deutschen Mütter aus dieser Gruppe sind begeistert, denn der Kontakt unter den Müttern ist schnell sehr offen." Und was ihr noch positiv auffällt: "In dieser Gruppe werden keine Vergleiche zwischen den Kindern angestellt und überhaupt Kinder so angenommen, wie sie sind."

 

Anne Granda

KDFB Engagiert-Die Christliche Frau, Ausgabe 3/2008 


Eingestellt: 13.05.08