Inhaltsverzeichnis

Ihr werdet ein Kind finden Weihnachtskrippen laden zur Meditation ein

Schnuppernde Schafe in allen Farbschattierungen, liebreizende Engelsgesichtchen, markante Hirtenköpfe – jeder Faltenwurf ausgearbeitet, lebensecht die Gesichtszüge der Figürchen aus Wachs, aus Ton, aus Holz, sanft beleuchtet von winzigen, versteckten Lichtquellen. Weihnachtskrippen fehlen in keiner Kirche und in kaum einem Haus. Manche sind aufwändig geschmückt, andere sind schlicht und deuten nur an, was doch jeder auf den ersten Blick erkennt: eine Mutter, ein Vater, ein neugeborenes Kind, ein Stall unter einem Stern.Liturgisch haben die Krippen keine Bedeutung. Sie gehören seit Jahrhunderten zum Brauchtum und sind Ausdruck der Volksfrömmigkeit, hübscher Schmuck für das Fest der Liebe und beim Wort genommene, biblische Geschichte.

Vom Zauber des Lebensbeginns

Doch sie sind mehr: Mit der Geburtsnacht des Jesuskindes stellen sie eine menschliche Urerfahrung dar, die quer durch alle Kulturen geteilt wird. Sie erzählen die Geschichte der Geburt eines Kindes, stellvertretend für alle Kinder der Welt. Sie erzählen vom Zauber des Lebensbeginns, von der Freude über ein neugeborenes Kind, vom immer wiederkehrenden Anfang. Von Mütterlichkeit und Fürsorge, von Männlichkeit und göttlichem Segen. Bilder, in denen sich menschliche Urerfahrungen spiegeln, nennen die Psychologen Archetypen. Der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung stieß zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts darauf, dass in Erzählungen, die seit uralten Zeiten überliefert werden – in Märchen und Sagen, in Mythen und in der Bibel – bestimmte Bilder auftauchen, die sich quer durch alle Kulturen stark ähneln: Der Mutter-Archetyp, zum Beispiel, findet sich in der Menschheitsgeschichte nicht nur in der Gottesmutter des Christentums, sondern in vielen anderen Religionen und Mythologien. Weil diese Urbilder nicht nur mit den subjektiven Erfahrungen eines Einzelnen zusammenhängen, sondern zum gemeinsamen psychologischen Hintergrund der Menschheit gehören, sprach Jung vom "kollektiven Unbewussten". In der Psyche des heutigen Menschen wirken die Urbilder fort und zeigen sich in Träumen oder Visionen. Aber auch in der Kunst werden sie an die Oberfläche des Bewusstseins getragen und machen sichtbar, was an Menschheitserfahrungen über die Jahrtausende gespeichert ist. Da steht die Schlange als Urbild der Wandlung, das Traumbild der Mutter steht als Symbol für den Stellenwert der Fürsorglichkeit, da deutet eine Brücke einen Lebensübergang an. Archetypische Bilder im Traum zeigen an, wie die Psychoanalytikerin Ingrid Riedel schreibt, dass jeder Mensch mit den großen Erfahrungen der Menschheit verbunden ist und von ihnen getragen wird.

Bilder von zeitloser Wahrheit

Auch um die Geburt Jesu ranken sich zahlreiche Legenden: Historisch belegt sind weder Jahr, noch Ort, noch Umstände. Der Stall, der Stern, die Herbergssuche, das Kind in der Krippe, gewärmt von Ochs und Esel, bestaunt von Hirten und Herden, besungen von Engelschören und beschenkt von den drei Weisen – all das, was die Weihnachtskrippen zeigen, sind keine historischen Tatsachen. Dennoch zeigen sie Bilder von zeitloser Wahrheit: Da ist zwar der schäbige Stall als Kulisse der Heimatlosigkeit, die Windeln, das Stroh als Symbole für die Armut. Doch unter dem windschiefen Dach entsteht eine Szene inniger Geborgenheit, nach der sich wohl jeder Mensch sehnt: ein Kind, arm zwar, aber geliebt und behütet von zwei Erwachsenen, einem starken, mutigen Mann, einer liebevollen, fürsorglichen Frau, und mehr noch, ein Kind unter dem Schutz einer ungleich höheren Macht, unter dem Segen Gottes. Wer könnte sicherer, wer geborgener sein? Die weihnachtlichen Bilder "wollen uns einen Zugang zum Geheimnis der Menschwerdung vermitteln, der nicht nur über den Verstand geht, sondern das ganze Herz berührt, der bis in die Schichten unseres Unbewussten hineinreicht", schreibt deshalb der Benediktinerpater Anselm Grün in seinem Buch: "Weihnachten – Einen neuen Anfang feiern".

Auf den Widerhall im eigenen Leben lauschen

Wer eine Weihnachtskrippe aufstellt, den Stall abstaubt, die Figuren vorsichtig aus dem Packpapier wickelt, das sie das Jahr über geschützt hat, kann das im Gedanken an die Legenden und die Personen der biblischen Geschichte tun. Er kann aber auch Jesus, Maria und die anderen zur Hand nehmen und darauf lauschen, welchen Widerhall sie im eigenen Leben hatten – vielleicht im vergangenen Jahr, vielleicht in einer besonderen Lebensphase. Das schmälert die Weihnachtsgeschichte nicht, sondern gibt ihr eine weitere, tiefe Dimension, die dem eigenen Leben das weihnachtliche Bewusstsein verleihen kann, dass jeder Mensch unauflöslich mit dem Ewigen, dem Göttlichen verbunden ist. Anselm Grün schreibt in seinem Buch an die Leserin und den Leser: "Ich wünsche dir, dass dich die Bilder von Weihnachten an die eigentliche Wirklichkeit deines Lebens führen, dass da eine andere, eine göttliche Wirklichkeit einbricht in dein Leben, dass du dich in deiner tiefsten Sehnsucht berührt fühlst."

Das Jesuskind

Wir alle waren einmal Kinder, geboren von einer Mutter, klein und schutzbedürftig. Das Jesuskind ist nicht anders. Es braucht Wärme, Liebe und Windeln wie jedes Baby. Es ist ein ganz normales Neugeborenes, das da in der Krippe liegt und es ist gleichzeitig das Sinnbild für den Urbegriff des Kindes.In der Psychologie gibt es den Begriff des "inneren Kindes". Damit ist gemeint, dass jeder Mensch in seiner Persönlichkeit das Kind, das er einmal war, weiter in sich trägt: ein Kind, das vor Lebensfreude sprühte, das neugierig und ideenreich war, das sich aber auch oft verlassen fühlte, ungeliebt und unverstanden. Das innere Kind beeinflusst das Verhalten des Erwachsenen oft in kindlicher Weise: Es fühlt sich schnell zurückgesetzt, es schmollt, es hat Ängste, verlassen zu werden. Unangemessene Verhaltensweisen für einen Erwachsenen sind das, verständliche aber für ein Kind. Umgekehrt wirkt das innere Kind auch kreativ im Erwachsenen. Es schickt Ideen, es freut sich an Kleinigkeiten, es platscht durch Pfützen, macht Schneeballschlachten und genießt glücklich den Schokoladenpudding: Es bringt Lust und Spaß und Lebensfreude. Das Kind in der Krippe steht für die Kindlichkeit in jedem Menschen.Welchen Raum durfte das innere Kind im vergangenen Jahr in mir einnehmen? Durfte ich spielen? Habe ich mir erlaubt, mich wie ein Kind in Beschäftigungen zu verlieren, die nicht produktiv sind, die kein Geld aufs Konto bringen und niemandem nützen – einfach weil sie mir Spaß machen? Oder denke ich, ich bin nur wertvoll, wenn ich ernsthaft arbeite?Erlaube ich mir, schwach zu sein und um Hilfe zu bitten? Oder will ich stark sein, weil es mir Angst macht, Unterstützung zu brauchen? Achte ich auf mich, widme ich mir selbst Aufmerksamkeit? Bin ich gut zu mir selbst?Doch nicht nur das "innere Kind" der Psychologie versinnbildlicht das Baby in der Krippe: Der Glaube lehrt, dass Gott selbst Mensch geworden ist, ein Bruder aller Menschen, der jeden einzelnen, auch mich selbst, zum Kind Gottes macht. Jesus ist die sichtbare Seite Gottes. "Weihnachten will dich an das göttliche Kind in dir selbst erinnern", schreibt Anselm Grün, und Angelus Silesius dichtete: "Wär Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du wärst doch ewiglich verloren."Welchen Platz habe ich dem göttlichen Kind in mir im vergangenen Jahr eingeräumt? Wann konnte ich spüren, dass auch ich göttlichen Ursprungs bin? Maria

In der gesamten Kulturgeschichte der Menschheit ist der Archetyp der "Großen Mutter" präsent: Als Gottesmutter im Christentum, aber auch in viel älteren Religionen, als weibliche Göttin wie die griechische Demeter, die die Fruchtbarkeit symbolisiert, ohne die kein Leben möglich ist, wie die altägyptische Isis, die den Sonnengott Horus zur Welt brachte und von der Schutz und Segen übers Land ausging. Die christliche Gottesmutter Maria verkörpert die Mütterlichkeit in ihrer gebärenden, liebenden, hingebenden Seite. Sie bringt das Kind zur Welt, sie wärmt es, sie legt es in die Krippe und bewahrt es vor der Kälte der Nacht. Sie nimmt es an, so wie sie es angenommen hat, als der Erzengel verkündete, dass sie ein Kind bekommen werde. Welche Rolle spielte der weibliche Anteil im vergangenen Jahr in meinem Leben und Handeln? Wo war ich fürsorglich, wo spendete ich Wärme?Was bringe ich in die Welt?Nehme ich mich an in meinem Leben?Nehme ich die Menschen an, mit denen ich lebe? Fällt es mir schwer, mich hinzugeben – an ein Schicksal, an eine Herausforderung, an eine Aufgabe, die das Leben mir bringt? Auch an Schönes, Fruchtbares? An Liebe, Freundschaft, Kreativität?Was heißt Hingabe für mich?

Josef

Josef, der Zimmermann, Verlobter und späterer Ehemann von Maria, für die Umwelt der Vater des Jesuskindes, symbolisiert das Männliche im Stall von Bethlehem. Er bleibt bei Maria und dem Kind, obwohl er sich die Schwangerschaft nicht erklären kann und obwohl sie ein Grund wäre, Maria öffentlich anzuklagen. Doch Josef "will nicht dem Gesetz gerecht werden, sondern dem Menschen", schreibt Anselm Grün. Er nimmt Maria und das Kind an und tut, was zu tun ist. Er ist diszipliniert und vernünftig, er ist tatkräftig, er schützt die Frau und das Kind in der Weihnachtsnacht, später dann bei der Flucht nach Ägypten und der Rückkehr nach Israel. Er ist der erwachsene Vater, der die Verantwortung übernimmt und handelt.Wie stark ist der männliche Anteil in mir? Was bedeutet mir Handeln und Aktiv werden, auch gegen Widerstände? Neige ich zum Zögern und Zaudern? Wie wichtig ist mir meine Vernunft, mein Intellekt? Wie erwachsen bin ich?

Ochs und Esel

wärmen das Kind mit ihrem Atem. Ein ungewohntes Bild – wer würde schon sein Neugeborenes vor solch schnaubende, dampfende Mäuler legen? Die beiden Tiere stehen für die nichtmenschliche Schöpfung, tiefenpsychologisch betrachtet für die Instinkte und Triebe des Menschen, schreibt Anselm Grün und verweist auf die Hilfe in schwierigen Lagen, die in vielen Märchen von Tieren geleistet wird. "Wenn wir auf unsere Triebe und Instinkte hören, dann treiben sie uns hin zur Krippe, in der das göttliche Kind liegt, und zeigen uns damit den Weg zum wahren Leben", schreibt er. "Ochs und Esel an der Krippe laden uns dazu ein, unsere Kopflastigkeit abzulegen. Sie sind dem göttlichen Kind näher als unser Kopf, der über das Kind lediglich nachdenkt, anstatt es zu erkennen."Welchen Platz habe ich meinen Instinkten gelassen? Halte ich sie für böse oder schlecht oder begreife ich auch sie als Geschenk?Kann ich den Kräften der Natur vertrauen? Vertraue ich meinem Körper, nehme ich ihn ernst? Befrage ich bei schwierigen Entscheidungen nur meinen Kopf? Oder spüre ich nach, was mein Herz mir zu sagen hat? Nehme ich mir Zeit, meiner inneren Stimme zu lauschen?

Der Stern

Der Stern über dem Stall – ein Licht, das mit der Geburt des Kindes aufgeht und den Stall in mildes Licht taucht, in der Nacht. Signal ist er für die Heiligen Drei Könige, die Weisen, die das Kind erkennen und kommen, um es zu ehren. Der Stern ist die sichtbare Verbindung von der Erde zum Himmel, vom Himmel zur Erde und kann uns an unser spirituelles Potential erinnern. Wovon ließ ich mich im vergangenen Jahr führen? Wo kann ich Hoffnung finden, einen Stern erblicken? Wo suche ich nach meinem Glück? Wo nehme ich bewusst Verbindung zum Göttlichen, zum Ewigen auf? Wann blicke ich zum Himmel? Wann bete ich, wann suche ich die Stille? Wann zünde ich eine Kerze an?

Susanne ZehetbauerKDFB Engagiert-Die Christliche Frau, Ausgabe 12/2006


Eingestellt: 4.01.07