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Familienpolitik in Europa: Wo bleiben nur die Kinder?

Morgens, kurz vor acht, herrscht Trubel im Haus Charpier. Amélie, dreieinhalb, kämpft mit dem Klettverschluss ihrer Stiefelchen, und Thérèse, acht Monate, brüllt empört im Babysitz, weil ihr die Mütze ins Gesichtchen gerutscht ist. Mama Monika kramt nach Schal und Geldbeutel. Papa Jules im Businessanzug ist bereits auf dem Weg zu einem beruflichen Termin. Aufbruchstimmung. Auch Monika hat es eilig. Sie bringt auf dem Weg zur Arbeit noch schnell die beiden Töchter zur Kindertagesstätte.Monika (31) ist Deutsche. Vor neun Jahren hat sie während des Studiums Jules kennen gelernt, sich verliebt und ist mit ihm zusammen nach Lille in Nordfrankreich gezogen, einer Großstadt mit mehr als einer Million Einwohnern. Bald fand sie Arbeit als Dolmetscherin und Fremdsprachenassistentin in einem Konzern, und Jules und Monika lebten das Leben eines erfolgreichen, jungen Paares – doppeltes Einkommen, keine Kinder. Dann wurde Monika schwanger: "Bis dahin hatte ich mich kaum je mit dem französischen System der Kinderbetreuung beschäftigt. In meinem Kopf war, dass eine Mutter nicht berufstätig, sondern den ganzen Tag für ihre Kinder da ist. So wie es meine Mutter auch gemacht hatte." Monika wollte also mit ihrem Baby zu Hause bleiben. Ihr Mann Jules und ihre französischen Freunde schüttelten befremdet den Kopf, als sie von Monikas Plänen hörten. "Dass ich dachte, ich sei eine Rabenmutter, wenn ich nicht zu Hause blieb, konnten sie gar nicht verstehen." In Frankreich sind Rabenmütter unbekannt – jedenfalls was die Kinderbetreuung angeht. "Für die Erziehung eines Kindes braucht man ein ganzes Dorf", sagt ein weises afrikanisches Sprichwort. Doch Dorfgemeinschaften, die bei der Kindererziehung helfen, sind in den modernen, arbeitsteiligen Gesellschaften Westeuropas selten. Da tritt der Staat an die Stelle der Nachbarinnen, Großmütter, Onkel, Lehrerinnen, Ammen und gibt Unterstützung und Hilfe. Was die europäischen Staaten jedoch unter Familienpolitik verstehen, ist höchst unterschiedlich. Ein Rückblick: In der alten Bundesrepublik wurde nach 1945 Ehe und Familie ausdrücklich unter den Schutz des Grundgesetzes gestellt. Dabei ging es nicht so sehr um Geburtenförderung, sondern um die Stabilisierung von Hunderttausenden Familien, die durch Krieg und Vertreibung in Not geraten waren. Erst 1953 wurde ein Familienministerium geschaffen, 1954 das Kernstück des Familienlastenausgleichs, das Kindergeld, vom damaligen CDU-Familienminister Josef Wuermeling eingeführt. In den folgenden Jahrzehnten verstand sich westdeutsche Familienpolitik immer deutlicher als staatliche Maßnahme, die mit finanziellen Leistungen Benachteiligungen von Frauen und Familien ausgleichen wollte – durch Eigenheimzulage, Förderung von Alleinerziehenden, Anrechnung von Erziehungsjahren in der Rente und mehr. Erst spät wurde begonnen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf systematisch zu fördern. Deutschland stellt zwar im internationalen Vergleich viel Geld für Familienförderung bereit, doch der größte Teil, rund 70 Prozent, wie Experten errechnen, fließt in so genannte Transferleistungen wie Kindergeld und Erziehungsgeld. Das stopft mit Mühe die ärgsten finanziellen Löcher in den Haushaltsbudgets junger Familien.Löcher, die anderswo gar nicht im selben Maß entstehen. In Frankreich bleiben Mütter in aller Regel nach der Geburt berufstätig – und steuern ihr Einkommen zum Familienbudget bei. Das ist möglich, weil der westliche Nachbar Deutschlands zusammen mit Schweden in Europa als Vorzeigeland gilt, was die Kinderbetreuung angeht: In Frankreich ist es seit über 100 Jahren üblich, dass sich der Staat in der Kindererziehung engagiert. Ein gut strukturiertes System an Kindertagesstätten bietet Betreuung schon für Babys ab drei Monaten an – selbst Ganztagsplätze in Krippen stehen meist ohne Wartelisten zur Verfügung. Wer sich entscheidet, eine Kinderfrau einzustellen, wird steuerlich unterstützt. Spätestens ab drei Jahren gehen die Kleinen wie Monika Charpiers Tochter Amélie in der Regel auf die "école maternelle", eine Art Vorschule. Die ganz Kleinen wie Thérèse spielen derweil in der Krippe, der "crèche collective".

Spielerisch lernen in der "école maternelle"

Für Amélie und ihre KindergartenfreundInnen beginnt der Tag in der "école maternelle" morgens um halb neun. Drei Stunden vormittags und drei Stunden nachmittags werden sie von ausgebildeten FachlehrerInnen unterrichtet, die durch ein praxisnahes Hochschulstudium qualifiziert sind. Wenn die Zwerge in die (Ganztags-)Grundschule kommen, können sie bereits lesen und schreiben und sind gewöhnt, in einer Gruppe spielerisch an Ideen und Projekten zu arbeiten. Untersuchungen haben ergeben, dass Kinder, die regelmäßig die Vorschule besuchen, Vorteile in ihrer schulischen Laufbahn haben und deutlich seltener eine Klasse wiederholen müssen. Auch die Pisa-Studie gab dem französischen Modell recht: Die Kinder schnitten wesentlich besser ab als ihre Altersgenossen in Deutschland.Mehr als 90 Prozent aller Kinder zwischen drei und sechs Jahren besuchen in Frankreich diese Einrichtungen. Die meisten waren zuvor in der Krippe oder wurden von Kinderfrauen und Tagesmüttern betreut. "Niemand fragt hier, ob die frühe Fremdbetreuung den Kindern schadet", erzählt Monika Charpier. "Diese Debatten gibt es schon deswegen nicht, weil hier praktisch alle Kinder fremd betreut werden. Und sie sind ebenso lustig, selbstbewusst und gut entwickelt wie die Kinder in Deutschland." Als Amélie geboren wurde, hörte Monika Charpier dennoch auf ihr Gefühl und entschloss sich, mit ihrem Baby zu Hause zu bleiben. "Das erste Jahr habe ich genossen – aber ich war auch sehr allein mit meinem Kind. Mein Mann war zur Arbeit, meine französischen Freundinnen auch, meine Familie war weit weg in Deutschland. Krabbelgruppen oder informelle Treffpunkte für Mütter mit Babys, wie ich sie von meinen deutschen Freundinnen kannte, gibt es kaum, weil sehr viele Babys tagsüber in einer Einrichtung sind."Nach einem guten Jahr begann sie ihren Job zu vermissen, auch das Geld wurde knapp. So meldete sie Amélie in einer Krippe an. "Aus Deutschland weiß ich, dass es fast unmöglich ist, einen Krippenplatz zu ergattern, wenn man das Kind nicht schon in der Schwangerschaft anmeldet. Hier gab es keine Probleme. Zwei Wochen nach der Anmeldung wurde Amélie eingewöhnt."Amélie war begeistert vom neuen Lebensabschnitt: neues Spielzeug, kleine Spielkameraden, ungewohnte Anregungen. "Ich war fast ein bisschen eifersüchtig, als ich sah, wie begierig sie sich in den Krippentag stürzte", erinnert sich Monika. Sie atmete auf, als sie sah, wie wohl sich ihre Tochter fühlte, und kehrte beruhigt in den Job zurück. Erst stundenweise, dann Vollzeit. Als sich das zweite Kind ankündigte, war es für sie keine Frage mehr, dass auch Thérèse zur Krippe gehen würde. Mit sechs Monaten wurde sie eingewöhnt.Über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird in Frankreich nicht diskutiert – sie wird praktiziert, und es gibt keine ernstzunehmende Gruppe in der Gesellschaft, die sie in Frage stellt.

Bezahlte Elternzeit in Schweden

Auch in Schweden ist die Kinderbetreuung ein wichtiges gesellschaftspolitisches Anliegen mit langer Tradition. Schweden hat sich bereits in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von der familienpolitischen Vorstellung verabschiedet, dass Familien von einem (männlichen) Allein-Ernährer versorgt werden. Armut, späte Industrialisierung, Massenauswanderung hatten drängende wirtschaftliche und demografische Probleme geschaffen – und die Politik musste reagieren. Das staatliche Schweden-Institut in Stockholm schreibt dazu: "Im Gegensatz zu wohlhabenderen europäischen Staaten war Schweden lange Zeit stark von der bezahlten Arbeit der Frau abhängig. Der ständige Druck auf die Geburtenrate verstärkte die Auffassung, dass ein umfassendes Eingreifen seitens des Staates notwendig sei, um Familien mit Kindern zu unterstützen. Die schwedische Sozialpolitik hat seit langem die Doppelrolle der Frau als Mutter und Ernährerin anerkannt." Öffentliche Kinderbetreuung richtet sich in Schweden an Kinder im Alter von einem bis zwölf Jahren. Alle erwerbstätigen Eltern, die eine Kinderbetreuung benötigen, haben einen gesetzlichen Anspruch darauf. Die Öffnungszeiten richten sich nach den Arbeitszeiten der Eltern. Kleinkinder werden meist in der Vorschule betreut, Schulkinder in so genannten Freizeitzentren. Wo man kleinere Gruppen benötigt, werden "Familientagesstätten" in Privatwohnungen gemeindlich organisiert – ähnlich der deutschen Tagespflege. Seit 1996 die Zuständigkeit für Kindertagesbetreuung vom Bildungsministerium übernommen wurde, liegt der Schwerpunkt verstärkt auf dem Lernen: Lehrpläne und Organisationsstrukturen von Vorschulen, Schulen und Freizeitzentren sind aufeinander abgestimmt. In den ersten dreizehn Lebensmonaten können Mütter oder Väter bezahlten Elternurlaub nehmen – sie erhalten 80 Prozent ihres früheren Einkommens vom Staat. Zwei Monate lang ist die Zahlung davon abhängig, ob auch die Väter zu Hause bleiben – so fördert der Staat, dass sich auch die Männer an der Kindererziehung beteiligen. Und tatsächlich sind Männer, die Kinderwagen schieben, Tränen trocknen, Nasen putzen und Fläschchen geben, im Straßenbild von Stockholm, Västerås, Malmö oder Göteborg nichts Ungewöhnliches. In Schweden sind fast drei Viertel der Frauen zwischen 25 und 45 berufstätig, in Frankreich sind es mehr als vier Fünftel. Trotzdem liegt die französische Geburtenrate mit 190 Kindern auf 100 Frauen (1,9) weit über dem europäischen Durchschnitt, ebenso die schwedische mit 1,8 Geburten pro Frau. Weite Teile Europas dagegen befinden sich im "Gebärstreik". In Italien gibt es immer weniger Bambini (1,29 Kinder pro Frau), Spanien ist ebenso kinderarm, und noch weniger Nachwuchs gibt es zum Beispiel in Polen (1,24), Litauen (1,25) oder der Russischen Föderation (0,93). Viel zu wenig, um die Bevölkerungszahl stabil zu halten. Dafür müsste die statistische Frau 2,1 statistischen Kindern das Leben schenken. Auch in Deutschland (Geburtenrate 1,3) liegt seit Beginn der 70er Jahre der Wert dauerhaft unter der Stabilitätsgrenze. Die Folge ist eine Überalterung der Gesellschaft – mit den bekannten Folgen für die sozialen Sicherungssysteme. Politikern bereitet das zunehmend Sorgen. So wird zwar viel Geld in Werbekampagnen ("Mehr Zeit für Kinder!" "Kinder kriegen!") und familienunterstützende Maßnahmen gesteckt – und trotzdem bleiben immer mehr Frauen kinderlos. Bei den Akademikerinnen sind es – glaubt man den Statistiken – inzwischen 40 Prozent. Warum das so ist, darüber wird zurzeit viel geforscht und noch mehr spekuliert.

Spekulation 1:Frauen von heute ist die Karriere wichtiger als Kinder.

Uta Meier-Gräwe ist Hochschullehrerin für Familienwissenschaft an der Uni Gießen. Sie weiß, dass es keine Hinweise darauf gibt, dass Frauen mit höherem Bildungsabschluss keinen Kinderwunsch haben. Im Gegenteil: "Die jungen Leute wollen nach wie vor mit Kindern leben, aber auch mit einem Beruf. Das ist die grundsätzliche Orientierung, die von der Politik lange nicht wahrgenommen wurde. Durch die schwierigen Bedingungen des Berufseinstiegs wird der Kinderwunsch biographisch immer weiter nach hinten verschoben. Da gibt es die ersten Jahre keinen festen Arbeitsvertrag, die BerufseinsteigerInnen hangeln sich von Projekt zu Projekt. Es fehlt an wirtschaftlicher Sicherheit." So wird der Kinderwunsch gerade von Frauen mit Hochschulabschluss immer wieder verschoben: erst das Studium, dann ein paar Jahre Berufserfahrung, vielleicht ein Karriereschritt. Mit 29 Jahren bekommt die deutsche Durchschnittsfrau heutzutage ihr erstes Kind, gut zwei Jahre später als noch 1991. Doch was viele nicht realistisch einschätzen: Je länger der Kinderwunsch aufgeschoben wird, umso schwieriger wird es, überhaupt noch schwanger zu werden. Das biologisch erfolgreichste Alter für die Fortpflanzung liegt bei etwa 25 Jahren. Danach beginnt die Fruchtbarkeit zu sinken, etwa ab dem 35. Geburtstag nimmt sie rapide ab. Experten wissen, dass bei Frauen um den 40. Geburtstag unter Umständen nur noch alle neun bis zwölf Monate ein befruchtungsfähiges Ei heranreift. Aus der zunächst gewollten Kinderlosigkeit entsteht bei vielen eine ungewollte. Gerade die Akademiker-Kinder-losigkeit ist problematisch. Denn die Pisa-Studie hat gezeigt, dass viele Frauen mit Hochschulabschluss dauerhaft kinderlos bleiben. Das bereitet der Politik Sorge – nicht weil Akademikerkinder mehr wert wären, sondern weil gebildete Eltern ihren Sprösslingen besonders gute Ausgangsbedingungen für eine erfolgreiche Schullaufbahn schaffen können. Das hat die internationale Pisa-Studie gezeigt, mit der erst-mals im Jahr 2000 die Kenntnisse und Fähigkeiten von 15-jährigen Schülern verglichen wurden. Meier-Gräwe: "Es ist paradox: Diejenigen, die Kindern gute Förderung und Ausbildungsmöglichkeiten bieten könnten, bekommen keine. Das ist fatal in einem Land, das keine anderen Ressourcen einzubringen hat als sein Bildungskapital."

Spekulation 2:Wenn es mehr Kindergartenplätze gibt, dann fällt die Entscheidung fürs Kind leichter.

Kinder und Beruf zu vereinbaren – das setzt in Deutschland eine Menge Eigeninitiative und Kreativität voraus. Ganztagsplätze im Kindergarten sind rar, Krippenplätze nur für maximal fünf Prozent eines Jahrgangs vorhanden. Und wenn die Kinder in die Grundschule kommen, bricht das deutsche System der Kinderbetreuung voll-ends weg: Schulschluss um 12 Uhr, unvorhersehbar ausfallende Schulstunden, zwölf Wochen Ferien pro Jahr – das lässt sich kaum mit einer geregelten Berufstätigkeit vereinbaren. Am Jahresende 2002 gab es in Deutschland knapp 400.000 Hortplätze, aber etwa 4,5 Millionen Kinder im Hortalter – neun Plätze auf 100 Kinder! An diesem Verhältnis hat sich in den vergangenen 15 Jahren kaum etwas geändert.Seit 1998 gibt es in vielen deutschen Bundesländern einen Rechtsanspruch, der Kindern ab drei eine zumindest vierstündige Betreuung pro Tag sichern soll. Doch dieses Angebot hatte bisher keinen Einfluss auf die Geburtenrate. Auch im westeuropäischen Vergleich gibt es, wie Analysen zeigen, nur einen geringen Zusammenhang zwischen Kindergartenplätzen und Geburtenraten. Der Grund, wie Forscher des gemeinnützigen Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung in der Analyse "Emanzipation oder Kindergeld" schreiben: "Bis ein Kind drei Jahre alt ist, muss die Mutter ihre Berufstätigkeit stark einschränken oder gar aufgeben. Besonders für Frauen mit hohen Qualifikationen kommt dies einem beruflichen Abstieg gleich. Nur wenn Kleinkinder bereits unter drei Jahren betreut werden können, ermöglicht dies den Frauen, schnell in den Beruf zurückzukehren und die Abwertung ihrer Qualifikationen zu vermeiden."So verweisen die Forscher auf den engen Zusammenhang zwischen Kinderzahl und Betreuungsangeboten für die ganz Kleinen: In Frankreich besuchen 30 Prozent, in den Niederlanden 40 Prozent und in Schweden sogar 48 Prozent aller Kinder unter drei eine Tagesstätte.In Deutschland sieht es dagegen düster aus: Die alte Bundesregierung hatte ein Gesetz zum Ausbau der Kindertagesbetreuung beschlossen, durch das bis zum Jahr 2010 230.000 neue Krippenplätze geschaffen werden sollten. Ex-Bundesfamilienministerin Renate Schmitd begründete das so: "Von 1994 bis zum Jahr 2002, also innerhalb von acht Jahren, wurde die Zahl der Plätze für die unter Dreijährigen um gerade einmal 1,5 Prozent erhöht, einschließlich der Tagesmütterstellen. Bei einem solchen Schneckentempo bräuchten wir 120 Jahre, bis wir französische, 160 Jahre, bis wir ostdeutsche, und 304 Jahre, bis wir dänische Verhältnisse erreicht hätten. Ich möchte nicht, dass erst meine Ururenkelinnen Beruf und Familie ohne Stress in Deutschland vereinbaren können." Die neue Regierung hat im Koalitionsvertrag angedeutet, den Ausbau der Krippenangebote weiter zu führen.Doch selbst wenn es in Deutschland genügend Plätze gäbe, läge auf dem Weg zur Kinderkrippe noch ein weiterer, ganz spezieller Stolperstein: Der deutsche Muttermythos – der Glaube nämlich, dass Kinder nur dann gut gedeihen, wenn sie allein von ihren Müttern betreut werden. Diese Grundüberzeugung hält sich beharrlich, auch wenn unzählige Untersuchungen sie seit Jahr und Tag ins Reich der Märchen verweisen und klipp und klar sagen: Kinder, die fremd betreut werden, entwickeln sich genauso gut, genauso munter, genauso fröhlich, genauso gesund und glücklich. Die Gießener Professorin Uta Meier-Gräwe: "Dieses Kulturmuster bei uns verhindert, dass sich Entwicklungen wie in den USA, Frankreich oder Schweden vollziehen und zum Beispiel gute Betreuungsangebote geschaffen werden. Das geht so weit, dass Männer in Entscheidungsgremien das Problem erst dann bemerken, wenn ihre eigenen Töchter, bei denen sie viel Geld in die Ausbildung und das Studium gesteckt haben, vor dem Problem stehen."Woher kommt der deutsche Muttermythos? Nach der Verklärung der Mutterschaft durch die Nationalsozialisten und ihr Mutterkreuz stand die BRD jahrzehntelang an der Nahtstelle zum Osten. Meier-Gräwe: "Da war es üblich, sich nach Kräften von allem abzugrenzen, was nach Kollektiv oder Staat oder ideologischer Vereinnahmung klang." Sie selbst hat bis zum Mauerfall in der DDR gelebt und ist mit 21 als Studentin ungeplant schwanger geworden. "Ich sage oft zu meinem Sohn – er ist inzwischen 32 –, dass er seine Existenz nicht so sehr seinen Eltern, sondern meinem Professor verdankt." Denn der hatte seine Studentin unterstützt, die befürchtete, ihr Studium wegen des Kindes aufgeben zu müssen, akzeptierte eine Hausarbeit statt eines Praktikums und sagte: "Das Kind wird im Mai geboren, ab Oktober haben Sie einen Krippenplatz – warum soll das nicht gehen!" Solcherart ermutigt bekam Uta Meier-Gräwe ihr Kind. Und es ging – wie bei vielen jungen Frauen in der ehemaligen DDR, die früh Mütter wurden und trotzdem weiter arbeiteten – weil der Staat für ausreichende Betreuungsmöglichkeiten sorgte. Uta Meier-Gräwe hat die Krippenzeit ihres Sohnes als sehr positiv erlebt, auch als Unterstützung für sie in der noch ungewohnten Mutterrolle – nicht nur durch die Betreuung selbst, sondern auch im Rat der Erzieherinnen und Kinderkrankenschwestern, die sich tagsüber um ihren Sohn kümmerten.

Spekulation 3:Wenn Frauen traditionell leben, dann kriegen sie mehr Kinder.

Noch vor 40 Jahren war der statistische Zusammenhang eindeutig: Je weniger Frauen berufstätig waren, umso höher war die Kinderzahl. Inzwischen ist es umgekehrt: Je höher die Erwerbsbeteiligung von Frauen, umso mehr Kinder gibt es im Land. Länder wie Spanien, Italien oder Griechenland, wo nur knapp 50 Prozent der Frauen berufstätig sind, haben die niedrigsten Geburtenraten. In Island, wo 90 Prozent der Frauen ihr eigenes Geld verdienen, liegt die Geburtenrate bei 1,93 Kindern pro Frau – eine der höchsten Europas. Experten des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung weisen in ihrer Analyse "Emanzipation oder Kindergeld" darauf hin, dass ein "Festhalten an der traditionellen Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen die Kinderzahlen eher weiter sinken" lässt. Und dass "ein Zurück zu konservativen Familienwerten nicht zu höheren Kinderzahlen führen würde." Anreize zum Kinderkriegen gibt es viele – vor allem den, dass Kinder wahre Gottesgeschenke sind, die Glück und Fröhlichkeit, Liebe und Verantwortung mit sich bringen. Der Geburtenrückgang bedeutet nicht, dass die jüngere Generation vergessen hat, wie wertvoll Kinder sind – sondern nur, dass die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen müssen, um den Schritt in die Elternschaft zu wagen. "Der Geburtenrückgang ist dort am stärksten ausgeprägt, wo Frauen weitgehend emanzipiert sind, wo der Rest der Gesellschaft aber noch auf einem vergleichsweise traditionellen Entwicklungsstand verharrt", heißt es in der Analyse des Berlin-Instituts. "Gesellschaften, in denen die neue Rolle der Frauen anerkannt und unterstützt wird, zeichnen sich hingegen durch relativ hohe Kinderzahlen aus."

Susanne Zehetbauer

KDFB Engagiert-Die Christliche Frau, Ausgabe 1/2006


Eingestellt: 4.05.06