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Ein Engel der Kulturen

In einer öffentlichen Prozession bekennen sich Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen zum friedvollen Miteinander: Der „Engel der Kulturen“ ist eine Kunstaktion, die Frieden stiften will. Jetzt hat der Frauenbund die Aktion nach Passau geholt.

In Bad Kreuznach wurde schon Frieden gestiftet. Viele hunderte Mitwirkende haben die Aktion „Engel der Kulturen“ Ende 2013 zu einem Erlebnis werden lassen, das in der Stadt noch lange Zeit nachwirkt. Die Fotos der Lokalzeitungen bleiben im Gedächtnis: Da sind der Rabbi, der Imam und der katholische Priester, die gemeinsam ein Engelssymbol durch die Straßen rollen. Sie zeigen: Bei uns respektieren sich die Glaubensrichtungen und jeder kann in Frieden leben. Damit die Aktion gelingt, ist eine Menge Vorarbeit zu leisten. Das weiß man im Frauenbund Passau, wo die Aktion am 17. Oktober ihren Höhepunkt hat. Monatelang haben sich die Frauen Gedanken gemacht, wie sie die Passauer Bevölkerung zur Teilnahme bewegen können. „Erkennen Sie den Engel?“ Immer wieder stellte die Bildungsreferentin des KDFB in Passau, Tanja Kemper, Passanten diese Frage. Immer wieder erhielt sie ein „Nein!“ als Antwort. Und letztendlich konnten mehrere, trotz Erläuterungen, den Engel nicht wahrnehmen. Das war Ende Mai beim alljährlichen Stadtfest der Kulturen in der Passauer Fußgängerzone. Der Diözesanverband Passau trat da das erste Mal mit dem interreligiösen und interkulturellen Kunstprojekt „Engel der Kulturen“ in die Öffentlichkeit. „Wir hatten am Stand des KDFB ein Plakat mit dem Symbol aufgestellt, um Werbung für den großen Aktionstag am 17. Oktober zu machen“, erläutert Tanja Kemper. Als wir immer wieder gefragt wurden, was das Symbol mit Engeln zu tun habe, wurde klar, dass sich viele schwertun, im Kreis nicht nur die drei Symbole von Judentum, Christentum und Islam wahrzunehmen. 

Das Miteinander der Kulturen in ein Kunstwerk verwoben

Das Erkennen eines Engels scheint weder einfach noch selbstverständlich zu sein. Auch die Schöpfer des Symbols, das Künstlerpaar Gregor Merten und Carmen Dietrich, überraschte diese Erfahrung. Nach dem Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 ließ sie die Frage nicht mehr los, wie sie als Künstler auf dieses Ereignis reagieren sollen. „Wir erlebten, dass viel gesprochen wurde über das Miteinander der Kulturen. Diese Dialoge waren natürlich wichtig, aber immer bruchstückhaft. Uns beschäftigte, ob es möglich wäre, all diese Einzelteile zu einem Bild zusammenzufassen“, erläutert Gregor Merten. Schließlich machten sich die beiden Künstler auf die Suche nach einem Symbol, das ein gutes Miteinander der drei großen Religionen ausdrückt, die den europäischen Raum am meisten geprägt haben und die alle im Stammvater Abraham verbunden sind. Sie begannen zunächst zeichnerisch mit den Symbolen der Religionen, dem Kreuz, dem Stern und dem Halbmond, zu arbeiten. Über mehrere Monate fertigten sie Skizzen an und kombinierten die Zeichen nebeneinander, ineinander, übereinander, durcheinander. „Es war zunächst eher spielerisch. Erst allmählich wurde das Zeichen rund“, so Gregor Merten. „Wir hatten uns auf einen Ring als Grundlage geeinigt und hängten die Zeichen nur halb sichtbar zur Mitte hin in diesen Kreis, weit auseinander, aber verbunden.“ Die Künstler sind überzeugt, dass viele nicht glauben, was dann geschah. Erst nach ein, zwei Tagen sagte Carmen Dietrich mit Blick auf die Zeichnung plötzlich: „Also, wenn du aus einer bestimmten Perspektive schaust, dann sieht das aus wie ein Engel!“ 

Boten Gottes spielen in allen drei Religionen eine wichtige Rolle

„Wir fanden das ziemlich schrecklich“, berichtet Gregor Merten. Den Künstlern stand nämlich vor allem der inflationäre Gebrauch dieses Zeichens vor Augen. „Der ganze esoterische Quatsch, der mit Engeln verbunden ist, ist überhaupt nicht unser Denken.“ Beim Nachlesen wurde ihnen jedoch schnell klar, dass in allen drei abrahamitischen Religionen die Engel als Boten Gottes eine wichtige Rolle spielen. Das versöhnte sie mit dieser Aussage ihres Werkes. „Wir haben gedacht, so ungewollt das entstanden ist, so gut kann man am Ende damit arbeiten.“ Und sie entwickelten aus dem gezeichneten Symbol Kunstaktionen, an denen jeder teilnehmen kann, der damit öffentlich bekennen will: „Ich bin für ein respektvolles Miteinander aller Religionen.“ Dafür schmiedeten die Kunstbildhauer das Symbol aus Stahl: Ein im Durchmesser eineinhalb Meter breiter Ring, der aufgestellt und gerollt werden kann. Mit diesem Ring reisen die Künstler an die Orte, die den „Engel der Kulturen“ zu sich holen. 

Öffentlich bekennen: „Ich bin für ein respektvolles Miteinander“

Die Öffentlichkeit ist dann eingeladen, in einer Prozession mit dem Ring durch die Stadt zu ziehen und vor den Türen derer haltzumachen, die sich für das Kommen des Engels eingesetzt haben. So wird in Passau am 17. Oktober der Engel unter anderem vor der evangelischen Matthäuskirche, vor der katholischen Votivkirche und vor dem Gebetshaus der Muslime haltmachen. Dort wird er abgelegt und mit Sand gefüllt. Wenn die Form wieder angehoben ist, bleibt die Figur des Engels zurück. Mit den schnell verwehenden Sandfiguren wird zumindest für einen Tag die Verbindung der beteiligten Religionen aufgezeigt. Am Ende der Prozession steht jedoch eine Aktion, die Passau, den Frauenbund und alle Beteiligten langfristig mit dem „Engel der Kulturen“ verbindet. Das Symbol wird mitten in der Fußgängerzone als Bodenintarsie verlegt. 

Ein Band nach Jerusalem knüpfen

„Wir sind davon überzeugt, dass die meisten Menschen versöhnlich und respektvoll mit anderen Religionen und Kulturen umgehen wollen. Doch es gibt nur sehr begrenzte Möglichkeiten, diese Haltung zu zeigen“, erläutern die Künstler den Ablauf der Aktion. 

Vielleicht ist das der Grund für den Erfolg ihrer Arbeit. Denn mit Passau landet der „Engel der Kulturen“ bereits zum 70. Mal. Vorher war er schon vielfach in Deutschland unterwegs – darunter in Koblenz und Saarburg auf Initiative des KDFB sowie in vielen europäischen Städten, wie Brüssel, Istanbul und Sarajevo. Und zudem knüpft die Aktion ein Band nach Jerusalem, der Stadt, zu der alle drei im Symbol vereinten Religionen in tiefer Verbindung stehen. Denn der Mittelteil der verlegten Bodenintarsie, also die Figur des Engels, wird bei der Verlegung herausgenommen und durch blauen Spezialbeton ersetzt. Die etwa drei Zentimeter hohen Engelsplatten sollen, aufgestapelt zu einer Stele, im Herzen von Jerusalem aufgestellt werden. Die Künstler sehen gute Chancen, dieses Hoffnungszeichen für den Frieden in der heiligen Stadt aufstellen zu können. Vor all diesen Aktionen müssen die Beteiligten an den Orten der Aktion miteinander ins Gespräch kommen. Die Künstler sind davon überzeugt: „Das ist noch viel wichtiger als die Aktionen selbst.“ Für die Passauer Leiterin des Projekt, Tanja Kemper, war es nicht schwer, MitstreiterInnen zu finden, denn die Angesprochenen – auch die Stadtverwaltung, die mitfinanzierte – erkannten sehr schnell, was dieser Engel für das Miteinander bedeuten könnte.

„Es kann etwas weiterwachsen, was in Passau schon Wurzeln geschlagen hat.“ Davon ist der Referent für Religions- und Weltanschauungsfragen der Diözese, Martin Göth, überzeugt. Er ist nicht nur seit Jahren im interreligiösen Austausch aktiv. Vor zwei Jahren hat er den „Runden Tisch der Religionen“ gegründet. An ihm sitzen 21 Gruppierungen unterschiedlichster religiöser Ausrichtungen. „Alle, die spirituell auf der Suche sind, lernen sich da näher kennen, besuchen sich gegenseitig, tauschen sich aus.“ Jetzt beteiligt sich der „Runde Tisch“ mit einer Ausstellung zum Thema „Weltreligionen“ am Rahmenprogramm des Kunstprojekts. 

Verbunden bei „Myriams Schwestern“

Die Leiterin der Frauenseelsorge, Hildegard Weileder-Wurm, hat ein Jahr nach dem 11. September 2001 in Hengersberg bei Deggendorf den Frauen-Frühstückskreis „Myriams Schwestern“ gegründet. Katholische und muslimische Frauen tauschen sich darin aus, unterstützen sich gegenseitig und laden zweimal im Jahr zu einem Themenabend ein. Im Pfarrheim oder der Moschee geht es dann um Fragen wie „Bibel und Koran“, „Meine Feste, deine Feste“ oder „Liebe geht durch den Magen, eine Speisereise“. Die Frauenbundsfrau Hildegard Weileder-Wurm hofft, dass durch das Kunstprojekt der interreligiöse Dialog mehr Kraft bekommt. „Vielleicht entsteht sogar eine weitere Gruppe!“ Sie ist überzeugt, dass ein besseres Miteinander vor allem durch persönliche Kontakte möglich wird. Für das Rahmenprogramm der Kunstaktion organisierte sie den Auftritt einer Tanzpädagogin, die biblische Frauengestalten des Alten Testaments darstellte. 

Muslimische Frauen bringen sich ein 

Seit über einem Jahr engagiert sich die konvertierte Muslima Andrea Aoulkadi bei „Myriams Schwestern“. Ihr Mann leitet die muslimische Gemeinde in Passau. So waren die Kontakte leicht zu knüpfen. Sie hofft, dass das Symbol, das bei der Kunstaktion im Zentrum steht, als Zeichen für den gemeinsamen Ursprung der Religionen vielen ins Bewusstsein tritt. Wichtig ist ihr, dass dadurch der Islam als Weltreligion einmal positiv in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden kann. Die Islamische Gemeinschaft Passau lädt im Rahmenprogramm des Kunstprojekts zum Tag der offenen Moschee ein.  

Die evangelischen Frauen im Dekanat Passau begeisterten sich schnell für die Teilnahme am Kunstprojekt. Claudia Bub freut sich besonders darüber, dass es vor allem Frauen sind, die dieses Projekt nach Passau geholt haben. „Es waren Frauen, die in dieser kleinen Stadt auf das Anliegen hingewiesen haben“, betont sie. Und sie ist überzeugt, dass der „Engel der Kulturen“ weiterwirken wird: „Ein bisschen wie Pfingsten.“ Am Vorabend des Projekttages organisieren die evangelischen Frauen einen Abend mit dem Künstlerpaar. 

Eine Lücke bleibt: Passau hat keine jüdische Gemeinde mehr 

Natürlich hätten sich alle Kooperationspartner der Kunstaktion gewünscht, dass an ihrer Seite VertreterInnen des Judentums stehen würden. Doch gibt es seit 1950 in Passau keine jüdische Gemeinde mehr. Die letzte, die sich nach der NS-Zeit kurzfristig aus Überlebenden der Konzentrationslager gebildet hatte, löste sich nach der Gründung des Staates Israel auf. Deshalb kam ins Rahmenprogramm eine Fahrt zur Synagoge nach Straubing und eine Stadtführung auf den Spuren jüdischen Lebens. Beim Rundgang durch Passau erzählten der promovierte Politikwissenschaftler Stefan Rammer und  Stadtheimatpfleger Richard Schaffner von den Schicksalen derer, die systematisch vertrieben, bestohlen und ermordet wurden. Und davon, wer durch die sogenannte Arisierung seinen Gewinn machte. Viele Namen von noch heute als respektabel  geltende Passauer tauchten dabei auf. Die Führung war völlig überbucht und musste noch einmal angeboten werden.

„Für mich war die starke Nachfrage ein mutmachendes Signal“, sagt KDFB-Referentin Tanja Kemper zu diesem Erfolg. „Das Kunstprojekt scheint etwas in Bewegung zu setzen.“

Anne Granda

KDFB Engagiert-Die Christliche Frau 10/14

Termine

  • 11. Oktober, Tag der offenen Moschee, 11–16 Uhr, 
  • Roßtränke 6, Passau
  • 16. Oktober, Abend mit dem Künstlerpaar, 19–21 Uhr, St. Matthäus, Dietrich-Bonhoeffer-Platz 1, Passau
  • 17. Oktober, Kunstaktion „Engel der Kulturen, Prozession durch die Stadt, Beginn 14 Uhr, fünf Stationen, Start: St. Matthäus, Dietrich-Bonhoeffer-Platz 1, Passau
  • 10. November, Ausstellungseröffnung „Weltreligionen“, 
  • 19 Uhr, Luragosaal, Domplatz, bis 14. November.
  • Die Aktionen werden durch den Verkauf von Anstecknadeln zu zehn Euro finanziert. Auf 50-Cent-Stücken leuchtet das handgeprägte Symbol und macht jede TrägerIn zur Botschafterin für das friedliche Miteinander der Religionen. Bezug in Passau beim Diözesanverband Tel. 0851/36361, www.frauenbund-passau.de oder unter www.engel-der-kulturen.de. 

Die Kunstaktion und das Rahmenprogramm wurden mitfinanziert von der Frauenbundsstiftung und der Stadt Passau. 


Eingestellt: 2.10.14