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Depression: Wenn die Seele müde ist

Ich stand im Garten. Die Obstbäume blühten rosa und weiß im warmen Sonnenlicht. Es war eine Pracht. Überall leuchtete der Löwenzahn, und der Flieder duftete. Darüber ein samtblauer Himmel mit ein paar weißen Wölkchen, ein Tag, um glücklich zu sein. Ich weiß noch, wie ich dachte: "Das nennt man wohl einen herrlichen Frühlingstag." Aber nichts davon konnte ich spüren. Es kam einfach nicht zu mir. Müde drehte ich mich um, ging ins Haus und zog die Vorhänge hinter mir zu.

 

Jeder fünfte bis zehnte Deutsche erkrankt an Depression

 

Es ist schlimmer als Trauer: nichts mehr spüren, wie versteinert sein, wie abgestorben. Nichts dringt durch den grauen Wall der Hoffnungslosigkeit, keine freudigen Nachrichten, kein Sonnenstrahl, nicht einmal Trauriges. Zwar kann sich der Verstand noch an Gefühle erinnern, doch das Herz kann sie nicht mehr spüren. Tiefe Müdigkeit verhindert jedes Interesse, jede Regung, jede Aktivität. Selbst Tränen können nicht fließen -, wenn sie es doch tun, ist es ein Hoffnungszeichen: "Wenn ein Mensch bei mir in der Sprechstunde erscheint, ihm dabei die Tränen kommen und er weinen kann, dann ist das für mich oft ein gutes Zeichen, dass der Betroffene noch berührbar und nicht gänzlich in Depression erstarrt ist", sagt der Dachauer Depressionsexperte und Psychotherapeut David Althaus. Depressionen nehmen zu: Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation wird Depression bereits im Jahr 2020 die zweithäufigste Erkrankung weltweit sein und die häufigste in den entwickelten Ländern. Besonders gefährdet sind Menschen in Alten- und Pflegeheimen. Dort leiden bis zu 45 Prozent der BewohnerInnen unter - meist nicht behandelten - Depressionen. Doch die Zahl der Betroffenen steigt quer durch alle Altersstufen. Schon Grundschulkinder reagieren auf den zunehmenden schulischen Druck depressiv. Nach Schätzungen erkrankt jeder fünfte bis zehnte Deutsche mindestens einmal in seinem Leben an einer Depression.Viele der Betroffenen werden nicht ausreichend behandelt -, unter anderem deshalb, weil Depressionen häufig unterschätzt und ihre vielschichtigen Symptome oft auch von ÄrztInnen nicht richtig erkannt werden. Unbehandelte Depressionen bedeuten jedoch nicht nur schlimmes Leiden für die Betroffenen und ihre Angehörigen, sondern führen im schlimmsten Fall zur Selbsttötung, zum Suizid.

 

Aufklärung kann viele Selbstmorde verhindern

 

Ich war völlig überfordert. Fünf Kinder, der Haushalt, keine Hilfe oder Unterstützung. Ich zweifelte sehr an mir, ob ich allen gerecht würde. Ich vergaß dabei, wer ich eigentlich bin, und suchte stattdessen danach, wie ich sein sollte. Irgendwann hatten auch mein Mann und meine Kinder keinen Zugang mehr. Ich war längst nicht mehr ich selbst, und die verschiedenen Rollen, die ich spielte und in denen ich glaubte zu versagen, brachten mich mehr und mehr in eine Spirale aus Selbsthass. Ich verbrachte meine Tage allzu oft damit, endlos zu grübeln. Zu diesem Zeitpunkt begann meine Depression "sichtbar" zu werden. Die Wohnung sah schlimm aus. Dass ich eine Depression hatte, war mir nicht bewusst. Ich fand immer Gründe, wieso es gerade nicht so gut lief.

 

Wie wichtig gute Informationen sind, hat das Modellprojekt "Nürnberger Bündnis gegen Depression" gezeigt. Dabei startete, unterstützt vom Berliner Forschungsministerium, 2001 ein hochkarätiges Team von ÄrztInnen, MedienexpertInnen und PsychologInnen aus der ganzen Bundesrepublik und dem Raum Nürnberg eine Aufklärungskampagne. Kinospots, Fortbildungen für ÄrztInnen und Menschen in sozialen Berufen, Plakate, Öffentlichkeitsarbeit, Selbsthilfeförderung informierten über die Erkrankung und die Suizidgefahr und schufen einen eindrucksvollen Erfolg: Die Suizidrate im Großraum Nürnberg sank bereits nach zwei Jahren um 25 Prozent, ebenso die Rate der versuchten Selbsttötungen. Besonders wichtig war es den Initiatoren, die HausärztInnen ins Boot zu holen: Sie, und nicht Psychiater oder Psychologen, sind oft die ersten Ansprechpartner, und ihre Kompetenz ist entscheidend, ob eine Depression erkannt und richtig behandelt wird. Aber auch andere Berufsgruppen, die viel mit Menschen zu tun haben, wurden angesprochen: Pfarrer, AltenpflegerInnen, LehrerInnen, PolizistInnen, Medienleute. Inzwischen gibt es das Bündnis in über 30 deutschen und vielen europäischen Städten.

 

Bin ich depressiv? Depression hat viele Gesichter

 

Wenn die Depression wiederkommt, falle ich in ein tiefes Loch. Das letzte Mal habe ich Angst bekommen, ich habe gemerkt, wie das Loch aufging und ich hineinstürzte - innerhalb von wenigen Minuten. Ich konnte keinen mehr ertragen, keine Nähe, keine Geräusche - nichts.

 

"Die Grenze zwischen Depression als Krankheit und einer 'normalen' Störung der Befindlichkeit zu definieren ist schwer und kaum mit letzter Präzision möglich", schreibt der Dachauer Psychotherapeut David Althaus in seinem Buch "Depressiv?". Fachleute sprechen nach der Einteilung der Weltgesundheitsorganisation WHO dann von einer Depression, wenn zwei Hauptsymptome und mindestens zwei Nebensymptome länger als zwei Wochen vorhanden sind. Hauptsymptome sind danach: gedrückte Stimmung, Interesselosigkeit und Antriebsschwäche. Nebensymptome sind Konzentrationsprobleme, mangelndes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle, gehemmtes oder unruhiges Verhalten, Gedanken an Selbsttötung, Schlafstörungen, Appetitminderung. Es kann also sein, dass jemand depressiv erkrankt ist, ohne an Niedergedrücktheit zu leiden.

 

"Reiß dich halt zusammen! Mach was Schönes!", sagten mir Freunde, aber ich konnte einfach nicht. Was mir früher Spaß gemacht hatte, die tollsten Sachen, bewirkten nichts. Alles in mir war wie tot.

 

Depressionen haben viele Erscheinungsbilder. Manche Menschen versinken völlig in ihrer Hoffnungslosigkeit und erleben jede Handlung als anstrengend. Bei anderen wechseln die Stimmungslagen sprunghaft zwischen depressiven und so genannten manischen Phasen, in denen euphorische Hochstimmung die Betroffenen überfliegende Pläne schmieden lässt. Beide Pole weichen deutlich vom "Normalniveau" ab. Bei so genannten maskierten Depressionen leiden Erkrankte - häufig sind es Kinder - vorwiegend unter körperlichen Symptomen, wie Kopf- oder Rückenschmerzen, und erst wenn die Ärztin genau hinschaut, kann sie die psychischen Schwierigkeiten, etwa Hoffnungslosigkeit und Freudlosigkeit, erkennen.

 

Konkrete Ereignisse wie Todesfälle können Depressionen auslösen

 

Wie Depressionen entstehen, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Psychologen und Psychiater haben unterschiedliche Erklärungsmodelle. Auslöser ist oft ein konkretes Ereignis: bei Kindern zum Beispiel die Scheidung der Eltern oder viele Umzüge, die den Verlust des Freundeskreises nach sich ziehen. Bei Erwachsenen können es Ängste um den Arbeitsplatz sein, ein Todesfall oder der Verlust des Partners. Manchmal kommen Depressionen scheinbar aus heiterem Himmel, ohne dass in der Vorgeschichte besondere Belastungen erkennbar wären.An der Entstehung von Depressionen können auch neurobiologische Vorgänge beteiligt sein, Störungen in der Funktion des Gehirns, das mit seinen Verschaltungen, Botenstoffen, Stresshormonen und hochkomplexen Aktivitäten längst noch nicht wissenschaftlich durchschaut ist. Deshalb ist es bei schweren Depressionen sinnvoll und notwendig, mit antidepressiven Medikamenten auf den Stoffwechsel im Gehirn einzuwirken.

 

Ich habe Antidepressiva bekommen und direkt im Anschluss eine Psychotherapie. Am schlimmsten war die Scham, in der Psychiatrie gelandet zu sein. Aber das hielt nur ein paar Tage an, dann war ich stolz drauf, endlich etwas zu tun gegen meine Depressionen. Diese Lähmung will ich nie wieder haben, ich habe dadurch viel Zeit verschenkt.

 

Wichtig: Negative Gefühle annehmen und ausleben

 

Für die Weilheimer Hausärztin und Psychotherapeutin Rautgunde Lammerer ist Depression auch eine Wut- und Aggressionsstörung. "Aggressionen und Wut, die aus welchen Gründen auch immer, nicht gelebt werden dürfen, bunkert man im Inneren wie Kohle im Keller", sagt sie. Erlernt werde dieses Verhalten in der Kindheit, wenn Wut, Aggression, Neid, Scham nicht ausgedrückt werden durften, weil die Eltern es bestraften, weil sie damit nicht umgehen konnten, weil sie ein tobendes, aggressives oder auch trauriges Kind nicht aushielten. "Die Wut ist aber etwas völlig Normales. Sie ist die Antwort der Natur, wenn ein Mensch sich bedroht und hilflos fühlt", sagt Lammerer. Um das zu verstehen, muss man sich vor Augen halten: Wer bedroht wird, ob Mensch oder Tier, hat zwei Möglichkeiten, um sich zu retten: Kampf oder Flucht. Um die Überlebenskräfte zu mobilisieren, braucht es aber eine Menge Energie - Energie, die in der Wut steckt. "Die Frage ist, wie wir mit dieser Energie umgehen. Wenn ein Kind wütend ist: Wie kann es sich abreagieren?" Als Therapeutin arbeitet Lammerer deshalb mit ihren PatientInnen daran, den verdrängten Gefühlen nachzuspüren und sie auf sinnvolle, unschädliche Weise Gestalt annehmen zu lassen. "Der Weg aus der Depression führt durch das Erkennen und Ausagieren der negativen Gefühle." Das gilt für verdrängte Wut oder Scham genauso wie für nicht geweinte Tränen. "Gefühle, die gebunkert wurden, sind auch nach Jahren noch da, manchmal nach zwanzig, dreißig Jahren. Es hilft, wenn sie gesehen und gewürdigt werden können."

 

Text und Dokumentation: Susanne Zehetbauer

 

Schlagen und Treten hilft

Interview mit Rautgunde Lammerer, Hausärztin und Psychotherapeutin im oberbayerischen Weilheim. Sie rät Depressionskranken, sich der eigenen Wut zu stellen.

KDFB Engagiert: Was ist Wut?

Lammerer: Wut entsteht aus Hilflosigkeit und ist wie jedes andere Gefühl einfach da, aus dem Körper und aus der Situation heraus. Auch Trauer bei einem Todesfall besteht zu einem Teil aus Wut: Wut darüber, dass man allein gelassen wurde. Jeder weiß, dass der Verstorbene nichts dafür kann - und trotzdem entsteht aus der Ohnmacht auch Wut.

KDFB Engagiert: Wie wirkt die Wut?

Lammerer: Wut kann man spüren - sie sitzt zum Beispiel im Bauch, im Kopf oder im Hals, sie ist körperlich vorhanden. Der erste Schritt ist es, in sich hineinzuhorchen und zu fragen: Wo spüre ich meine Wut? Das ist sehr wichtig: die Wut körperlich wahrzunehmen. Wer wütend ist, möchte schlagen, treten, schreien, das ist der körperliche Reflex. Wenn Wut nicht gelebt werden kann, dann macht das auf Dauer krank. Muskelverspannungen und Kopfschmerzen können die Folge sein, auch Rheuma oder Magen-Darm-Erkrankungen können durch verdrängte Gefühle mitbedingt werden. Da schreit die Seele vor Schmerzen.

KDFB Engagiert: Wie kann man mit Wut umgehen?

Lammerer: Wut entsteht im Körper, und deshalb ist es wichtig, körperlich darauf zu reagieren: Je nachdem, wo die Wut sitzt, kann man sie in Bewegung umsetzen. Man kann natürlich nicht in jeder Situation losbrüllen, aber man kann zum Beispiel im Chor singen oder man kann sich, wenn es geht, tatsächlich mit Schreien Luft machen. Schlagen kann bedeuten, zu malen, zu schreiben, ein Instrument zu spielen, alle Aktionen, die man mit den Händen macht. Es kann auch mal bedeuten, mit einem ausrangierten Tennisschläger auf die Matratze einzudreschen. Der Reflex zu treten kann zum Beispiel in Ausdauersportarten Gestalt annehmen: Radfahren, Schwimmen, auch jegliche Art von Kampfsport. Meine fünf Enkelkinder bekommen deshalb jetzt ein Trampolin - auch das ist Treten. Ich sage immer: Wutarbeit darf auch Spaß machen.

 

Interview: Susanne Zehetbauer

KDFB Engagiert-Die Christliche Frau, Ausgabe 6/2007


Eingestellt: 12.09.07