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Agrotreibstoffe boomen: Sprit statt Brot?

Ohne Tortilla geht es nicht. Das dünne Maisfladenbrot gehört zu einem mexikanischen Essen einfach dazu. Nicht nur, weil es gut schmeckt, sondern weil man sich daran günstig satt essen kann. Doch vor einigen Monaten lagen plötzlich deutlich weniger Tortillas auf den Tellern vieler Mexikaner. Der Grund: Die Preise für Mais hatten sich vervielfacht. Stürmische Proteste folgten, die so genannte Tortilla-Krise. Der mittelamerikanische Staat bezieht einen Großteil seines Getreides aus den USA. Doch mittlerweile nutzen die Amerikaner die Hälfte ihrer Ernte zur Produktion von "Biosprit", statt sie nach Mexiko zu verkaufen. Die gelben Körner werden nicht mehr zu Brot, sondern landen als Agrosprit aufbereitet im Tank amerikanischer Straßenkreuzer. Mexiko ist bei weitem nicht das einzige Land, in dem Menschen hungerten und hungern, weil die Preise für Getreide und andere Grundnahrungsmittel in die Höhe schnellten. In Haiti, Ägypten, Burkina Faso und Kamerun gab es Tote bei Aufständen. Im Senegal, an der Elfenbeinküste und in zahlreichen anderen Staaten wurde wütend protestiert. Überall aus demselben Grund: Hunger.

 

Preise für Grundnahrungsmittel schnellen in die Höhe

 

Der weltweite Durchschnittspreis für Lebensmittel wird laut Internationalem Währungsfonds in diesem Jahr um die Hälfte höher liegen als vor drei Jahren. Der Getreidepreis werde sich in dem Zeitraum sogar verdoppeln, teilte das Institut der deutschen Wirtschaft mit. Diese enormen Preissteigerungen haben verschiedene Ursachen: Der wachsende Bedarf in den Schwellenländern wie China und Indien ist einer davon. Da es sich dort mehr und mehr Menschen leisten können, sich ausreichend zu ernähren, steigt die Nachfrage. Außerdem wird weltweit immer mehr Fleisch verzehrt. Das Getreide wird als Viehfutter gebraucht. Verheerend ist zudem, dass internationale Spekulanten die Nahrungsmittelbranche für ihre Gewinnmaximierung entdeckt haben. Doch der Druck auf die Getreidemärkte verstärkt sich auch durch Agrosprit. "Eine relativ neue Forschung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit besagt, dass er zu 40 Prozent für die Preissteigerungen zuständig ist", sagt Wolfgang Hees, Lateinamerika-Referent und Energie-Experte bei Caritas International. Greenpeace rechnet vor: Aus 100 Kilogramm Getreide lassen sich etwa 100 Kilogramm Brot herstellen, aber nur 25 Liter Agrotreibstoff. Demnach ernährt ein Hektar Getreideanbaufläche etwa 18 Menschen für ein Jahr oder betreibt den Motor eines Durchschnittsfahrzeugs für den gleichen Zeitraum.Der "Bio-Treibstoff" boomt, weiß Wolfgang Hees: "Das kann man in ganz vielen Ländern beobachten, am wenigsten noch in Europa. Die großen Ausdehnungen kann man in Brasilien, Kolumbien, Guatemala, Indonesien, aber auch in weiten Teilen Afrikas sehen. Dort schaffen agroindustrielle Unternehmen große Plantagen als Anbauflächen."

 

Schöner Schein statt neuer Weg

 

Es klang so gut. Moderner Umweltschutz, der Fuß kann auf dem Gas bleiben, dank grünem Treibstoff im Tank. Nicht der Lebensstil muss sich ändern, sondern lediglich der Tankinhalt. Doch der schöne Schein trügt. Die Idee hinter dem Agrotreibstoff: Energie aus Holz, Energiepflanzen oder anderen organischen Stoffen, kurz Biomasse, ist klimafreundlich. Denn das Kohlendioxid, das bei der Verbrennung frei wird, wurde zuvor von den Pflanzen gebunden. Das ist richtig. Wenn man aber den gesamten Produktionsweg betrachtet, kann "Bio-Sprit" oder "Bio-Diesel" schädlicher sein als die Verwendung von Erdölprodukten. Es gibt zwei Aspekte, die die Produktion von Agrotreibstoffen problematisch machen. Zum einen die sozialen Folgen, außerdem die ökologischen Begleiterscheinungen.Zuckerrohr rechts, Zuckerrohr links. Zuckerrohr so weit das Auge reicht. "Ich bin im brasilianischen Bundesstaat Sao Paulo stundenlang - über 600 Kilometer - nur durch Zuckerrohrplantagen gefahren", berichtet Ulrike Bickel von der katholischen Hilfsorganisation Misereor über ihren Brasilienaufenthalt vor wenigen Wochen. "Man muss sich vor Augen halten, dass es praktisch weltweit keine ungenutzten Flächen mehr gibt. Dass immer bisherige Nutzungen verdrängt werden, sei es Nahrungsmittel- oder Futtermittelproduktion, seien es wertvolle Ökosysteme wie Wälder, Savannen und Feuchtgebiete, seien es menschliche Siedlungen. Gerade in Südamerika ist zu beobachten, dass viele Kleinbauern vertrieben und ihrer Existenzgrundlage beraubt werden", sagt die Energie-Expertin. Ob Zuckerrohr in Brasilien, das zur Herstellung von Agrosprit dient, oder Palmöl in Indonesien, aus dem Agrodiesel gewonnen wird: Der Anbau erfolgt in riesigen Plantagen in Monokulturen. Das erfordert immensen Einsatz von Dünger, laugt die Böden aus, schränkt die Artenvielfalt ein und verbraucht Unmengen von Wasser. Vor der Plantage steht der Kahlschlag. Riesige Flächen von Regenwald werden abgeholzt oder noch schlimmer: brandgerodet - in Indonesien, um Platz für Plantagen zu schaffen. In Brasilien, um Platz für die Viehzüchter und Landwirte zu schaffen, die den im Süden des Landes entstehenden Zuckerrohrplantagen ausweichen müssen. Wald, der unermesslich kostbar ist als grüne Lunge der Erde. 2006 wurden laut Greenpeace 2,3 Millionen Hektar Regenwald vernichtet, vor allem für den Anbau von Futter- und Energiepflanzen. Durch die Brandrodung des Waldes und des Torfbodens, auf dem dieser steht, werden Unmengen von Kohlendioxid freigesetzt. Ein ökologisches Desaster. Intakte Regenwälder absorbieren viel mehr CO2 als mit dem Einsatz von Agrotreibstoffen eingespart werden kann. Dennoch hält die EU bisher daran fest, dass bis 2020 dem herkömmlichen Benzin zehn Prozent Biosprit beigemischt werden müssen. Sie verspricht sich davon einen Beitrag zum Klimaschutz und ein Stück Unabhängigkeit von den erdölexportierenden Ländern. "Die Rechnung, dass sich mit der Beimischungspflicht CO2 einsparen ließe, ist falsch", sagt Wolfgang Hees. "Wir verlagern unser Problem lediglich, damit wir hier unseren CO2-Ausstoß reduzieren. Es gibt keinen anderen Weg als unser Problem hier zu lösen."

 

"Biosprit ist kein Freibrief, so weiter zu machen wie bisher."

 

Das sieht auch Stephanie Ertl vom Verbraucherservice Bayern (VSB) so. "Biosprit ist kein Freibrief, so weiter zu machen wie bisher. Wir müssen unseren Verbrauch drastisch einschränken. Allein durch den Fahrstil kann man bis zu 30 Prozent einsparen. Außerdem sollte man bereits beim Autokauf darauf achten, wieviel Sprit das Modell benötigt. In Zukunft wird es effektiver sein, mit Biogas oder mit Strom aus regenerativer Quelle betriebene Autos zu fahren", erklärt die Umwelt-Beraterin. Der VSB spricht sich dafür aus, Biomasse dort einzusetzen, wo sie am meisten Sinn macht. "Das ist nicht der Straßenverkehr. Es ist dreimal so effizient, Biomasse für Wärme- und Stromerzeugung einzusetzen", so Stephanie Ertl.Doch nicht nur die Natur wird ausgebeutet, um an Treibstoff zu kommen. Auch die Lohnarbeiter auf den Plantagen zahlen einen hohen Preis. Sie schuften im Akkord für Hungerlöhne. Nicht wenige von ihnen arbeiten in sklavenähnlichen Verhältnissen, berichtet Misereor- Referentin Ulrike Bickel über Brasilien. "3.000 Sklaven hat das Arbeitsministerium dort allein 2007 im Zuckerrohranbau befreit." Von Biosprit spricht Caritas International-Referent Wolfgang Hees schon lange nicht mehr: "Bio klingt nach schonendem sozial und ökologisch verträglichem Anbau. Das Gegenteil ist der Fall. Wegen der Nähe zum großen Agrobusiness und der damit verbundenen negativen Folgen für Mensch und Umwelt sprechen wir von Agrotreibstoffen." Von Nachhaltigkeitskritierien beim Import verspricht er sich wenig. "Es wird den Ländern ein Leichtes sein, diese für einen begrenzten Teil des Kraftstoffs zu erfüllen. Der größere, nicht nachhaltig produzierte Teil wird in den Eigenbedarf fließen oder an Länder, die diese Bedingungen nicht stellen."

 

Getreide im Tank - ein ethisches Problem

 

Abgesehen von allen sozialen und ökologischen Problemen beim Anbau, bleibt eine zentrale ethische Frage: Darf man das? Darf man Getreide verbrennen, während weltweit über 800 Millionen Menschen hungern, Tendenz steigend, weil die Preise nach oben klettern? Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, antwortet darauf mit einem klaren Nein. Rückendeckung bekommt er von Jean Ziegler, dem langjährigen UN-Sonderbeauftragten für das Recht auf Nahrung, der von einem "Verbrechen an der Menschheit" spricht. "Die Nahrungsmittelproduktion muss uneingeschränkt Vorrang haben", sagt Ulrike Bickel vom Hilfswerk Misereor. Die Hoffnung ruht mittlerweile auf den Agrotreibstoffen der zweiten Generation, die aus Zellulose gewonnen werden sollen. Bis man Verfahren entwickelt hat, die mehr Schonung von Mensch und Umwelt ermöglichen, sollte man die Nutzung von Agrotreibstoffen aussetzen, sagt Jean Ziegler. Seine Forderung: ein fünfjähriges Moratorium.Christa Reiterer aus Wurmannsquick in der Diözese Passau ist Bäuerin und stellvertretende Vorsitzende der Bayerischen Landfrauenvereinigung. In ihrer Region bauen viele Bauern Energiepflanzen an, vor allem Raps. "Deshalb ist es auch in Niederbayern für die Milchbauern schwierig geworden, Pachtflächen zu erschwinglichen Preisen zu bekommen", sagt sie. Laut der Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe deckt Biomasse in Form von Wärme, Strom oder Kraftstoffen etwa 4,3 Prozent des Primärenergiebedarfs in Deutschland und gilt damit als momentan wichtigste erneuerbare Energiequelle. Für das Jahr 2030 gibt es Schätzungen, laut denen Bioenergie dann mit bis zu 17 Prozent einen erheblichen Teil des gesamten Energiebedarfs Deutschlands sichern kann. Doch bereits 2007 wurden auf über zwei Millionen Hektar (17 Prozent der Ackerfläche) Rohstoffpflanzen für die energetische Nutzung angebaut. Ohne Import wird es nicht gehen."Wenn wir unser Öl anderweitig verkaufen und dann billiges Palmöl aus Indonesien importieren, dann kann irgendetwas nicht stimmen", sagt KDFB-Frau Christa Reiterer. Die Landwirte müssten genau abwägen, sowohl was die ökologische als auch die wirtschaftliche Seite der Agrotreibstoffe betrifft. "Ich finde, der Anbau von Energiepflanzen kann beides sein: Chance und Versuchung zugleich."

 

Claudia Klement-Rückel

KDFB Engagiert-Die Christliche Frau, Ausgabe 7/08


Eingestellt: 10.09.08