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Titelbild 8+9/2017

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Wie Väter ihre Töchter prägen

Eine Anleitung zur Spurensuche

Der Vater. Er ist der erste Mann im Leben einer Frau – und manche sagen: der wichtigste. Er prägt im Guten wie im Bösen – selbst dann, wenn er abwesend oder kaum verfügbar ist. Und dennoch wissen viele Frauen nur wenig über ihre Väter. Eine Anleitung zur Spurensuche. 

Vaterbilder, zusammengefügt aus einzelnen Momenten der Erinnerung. Manche von ihnen machen fröhlich, sind wohlig wie ein Bad im warmen Wasser, wie Spagettieis mit Erdbeersauce und Applaus auf der Bühne. Manche machen wütend und ohnmächtig, wie nur ein Kind ohnmächtig sein kann, und manche machen auf wehmütige Weise glücklich und dankbar. Manche sind wie Messerstiche, die man nur verdrängen kann, wenn sie auftauchen, sonst tun sie zu weh. So verschieden wie Männer sind, so verschieden wie Frauen sind, so verschieden ist das Band zwischen Vätern und Töchtern. Und am Ende läuft alles auf die einfache, schwierige, alles entscheidende Frage hinaus: Hat er mich geliebt?

Nervenkitzel: Tobespiele mit Papa

Hui! Quietschend vor Vergnügen und Aufregung lässt sich das kleine Mädchen vom Papa in die Luft werfen, hoch über seinen Kopf, so hoch, dass die Mutter daneben mit leisem Zischen die Luft durch die Zähne zieht und wegschauen muss: ganz schön gefährlich, dieses wilde Spiel! Aber der Papa lacht, und die Kleine lacht mit funkelnden Augen mit, kostet begeistert den Nervenkitzel aus, spornt den Papa komplizenhaft an, verbündet sich mit ihm gegen die ängstliche Mama. Die Tochter ist absolut und unerschütterlich sicher: Nie würde er sie fallen lassen, niemals! Er ist ihr Papa, sie ist sein Kind. Nichts kann ihr passieren.

Ein Tobespiel, das Väter vermutlich zu allen Zeiten mit ihren Kindern gespielt haben. Lustig, wild und so alltäglich wie symbolhaft, denn es steckt alles darin, was ein Vater seiner Tochter geben kann: Zuwendung und Mut. Schutz und Ablösung. Robustheit und Kontrolle. Spaß, Zutrauen und Zuverlässigkeit. Die besten Grundlagen für ein gutes Leben. 

 

Ein ruhiger Fels in der Brandung.
Immer kümmernd, früher bei uns und jetzt bei den Enkelkindern. Jederzeit zur Stelle, wenn er gebraucht wird. Braucht unsere Tochter ihn als Taxi – ein Anruf beim Opa genügt. Gibt es ein knatschendes Kleinkind – Opa fährt stundenlang mit dem Kinderwagen durch die Gegend. Erwähne ich nebenbei, dass ich gerne mal wieder ein bestimmtes Lebensmittel aus der Kindheit hätte, er kümmert sich darum. Es sind diese vielen Kleinigkeiten, dieses Gefühl: Was immer man braucht, er macht es möglich.

Seine Erwartungen konnten meine Geschwister und ich alle erfüllen, aber die sind auch nicht sehr hoch. Er ist einfach sehr leicht stolz auf seine Kinder, ohne dass wir viel erreichen mussten.

Er ist ein recht schweigsamer Mensch, der seine Zuneigung nie mit vielen Worten gezeigt hat. Das fällt mir heute auch schwer. Durch Taten und Gesten war das immer klar, aber ein „Ich habe dich lieb“ sagt er nicht direkt. Eher streicht er beiläufig übers Haar, krault einem den Rücken, hat eine Handvoll Lieblingsbonbons in der Hemdtasche, die er den Kindern mitbringt, wenn er uns besucht.

Da meine Mutter an vielen Wochenenden gearbeitet hat, war er sehr präsent als Vater. Ich habe sehr viele schöne Erinnerungen an diese Wochenenden mit ihm – Ausflüge, seine „Kochkunst“, Zeichentrickserien und Tierfilme schauen, kleingeschnittenes Brot aufs Brett. Das war Geborgenheit. „Hast Hunger, mei Madla?“, hat er gesagt und mir ein Brot gemacht, in Stücke geschnitten, und oft haben wir das dann gemeinsam auf der Couch gegessen, obwohl Mama das nicht gerne sah. Das war einfach wohlig. Das Brett ist mittlerweile uralt, aber er macht mir und allen Enkeln auch heute noch unser Brot auf dieses Brett. Und es ist immer noch schön.

In der Pubertät haben wir viel diskutiert und sind ordentlich aneinandergeraten. Aber da war nie langer Ärger – nach dem Streit war gleich alles wieder gut. Er ist generell ein Mensch, der andere Ansichten problemlos stehen lassen kann. 

Mein Papa eben…                                    Melanie, 44 Jahre


Töchter wissen oft wenig über ihre Väter

Doch präsente Väter waren selten, erst recht in früheren Generationen. Das einst unhinterfragte Oberhaupt der Familie war zwar ausgestattet mit Macht und Entscheidungshoheit, war zwar Ernährer und Richter (und oft genug der, der abends Strafen verteilte), aber der Mensch, der er war, blieb hinter der Geschlechterrolle verborgen – oft bis zur Unkenntlichkeit. Was er hoffte und fürchtete, dachte, erlebte und träumte, blieb verschwommen und nebulös: Ein Mann zeigt(e) seine Gefühle nicht, und schon gar nicht zeigt(e) er seine Schwächen. Kein Wunder also, wenn der Lahnsteiner Psychotherapeut Matthias Jung sagt: „Töchter wissen oft, nicht anders als Söhne, wenig über ihre Väter.“

Wenn er mit mir sprach, hatte er immer einen moralisierenden Unterton,
ich erinnere mich an kein offenes Gespräch mit ihm. Er wusste, was richtig und falsch ist – und das meiste, was ich tat, und wie ich war, war falsch. Ich war zu laut, zu groß, zu burschikos, zu aufsässig, zu unordentlich, widersprach zu viel, war zu wenig bereit, seine Autorität anzuerkennen. Ich wusste nie, wann ich dagegen verstoßen hatte – erst, wenn ich eine Ohrfeige bekam. „Du weißt schon, wofür, und wenn nicht, denkst du mal nach.“ Das war alles. Als Kind habe ich ihn dafür gehasst und stark gegen ihn opponiert, zum Beispiel bin ich lange wie ein Bub herumgelaufen und habe mich auch so benommen. Er fand das unmöglich. 

Er starb, bevor ich erwachsen war. Ob er mich geliebt hat, weiß ich nicht, ich glaube aber nicht. Ich denke, er war aufgrund seiner Biografie, seiner Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg und der Kriegsgefangenschaft viel zu sehr mit sich beschäftigt, um sich auf ein Kind einlassen zu können. Ich habe gestört. Andrea, 54 Jahre

Familienforscher halten die Mehrheit der Väter für "uninvolviert"

Auch heute noch gilt die große Mehrheit der Väter – allem Gerede über neue Männer und neue Rollen zum Trotz – als distanziert, als kaum verfügbar und „uninvolviert“, wie Familienforscher es nennen, wenn Väter sich bei ihren Kindern rarmachen, sich aus Hausaufgabenbetreuung und Freizeitgestaltung raushalten, sich vor der Pflege von Babys und kränkelnden Kindern drücken und insgesamt wenig Sinn und Einfühlungsvermögen für die Bedürfnisse ihrer Söhne und Töchter entwickeln. „Viele Väter machen sich keine Gedanken darüber, dass sie so wenig mit ihrer Familie, ihrer Tochter zusammen sind; für die Töchter bedeutet das aber oft einen großen Schmerz, wenn sie ihr Leben weitgehend mit ihrer Mutter alleingelassen – von gelegentlichem ,Einfliegen‘ des Vaters abgesehen – gestalten müssen. Da kann dann schon die Frage auftauchen: ,Wo wohnt eigentlich Papa?‘“, sagt die Mainzer Entwicklungspsychologie-Professorin Inge Seiffge-Krenke.

Die Väter – unterschätzte Schattenfiguren am Rande des Familienlebens? Selbst von den Sozialwissenschaften wurden sie jahrzehntelang übersehen, blieben unbeachtet, waren „die vergessene Klientel der Familienforschung und Politik“, wie es der Pädagogik-Professor Wassilios Fthenakis formulierte. Alles in Wissenschaft und Therapie konzentrierte sich auf die Beziehung zwischen Mutter und Kind. Wenn Väter in den Blick gerieten, dann als Defizitgestalten, als Leerstellen im Familiengeflecht, als abwesend und fern, verstorben oder im Krieg gefallen. Schlimmstenfalls als Täter, die Kinder gefährdeten, verprügelten, missbrauchten. 

 

Mir schnürt es die Kehle zu, wenn ich an meinen Vater denke.
Er hat mich nie geschlagen, beziehungsweise an die einzige Ohrfeige kann ich mich noch gut erinnern. Er hat sehr viel gefordert, mich oft überfordert („Du sollst dich nicht bemühen, du sollst die Aufgabe gut erfüllen").

Er hatte mich nicht gewollt, er wollte eine Abtreibung. Ob er mich später irgendwie geliebt hat, weiß ich nicht. Er hat manchmal mit mir geblödelt. Zärtlichkeit oder über den Kopf streichen und Ähnliches kannte ich nicht, allenfalls sorgten mal „Raufereien“ für körperlichen Kontakt. Ob er jemals stolz auf mich war, zeigte er jedenfalls nicht. Autoritär war er absolut, auch meine Mutter und möglichst sogar ihre Schwester sollten sich genauso wie wir Töchter seinen Vorstellungen unterwerfen – er forderte von uns allen Perfektion, und drunter galt nichts. In seiner Absolutheit hat er nicht nur uns Töchtern und auch unserer Mutter viel psychischen Schaden angetan.

Er war medikamentenabhängig. Mehrere Male hat er uns mit Messern nachts bedroht, sodass wir ins Treppenhaus flüchteten, bis er sich beruhigt hatte. Aber er war perfekt, ohne Fehl und Tadel, dass ihm solche Ausrutscher passierten, lag immer an den anderen, die ihn provozierten. Das sah auch meine Mutter so, und sie ist heute noch dankbar für ihre Ehe mit diesem wunderbaren Mann.

Über seinen Tod war ich nicht traurig und bin es bis heute nicht. Er hat meinem ersten Mann, der mich auch massiv gedemütigt hat, bis zu brutalen Fußtritten, Schlägen und Vergewaltigung, den Boden durchaus bereitet. Ich habe bei meinem Vater gelernt, dass ich Dinge mit mir machen lassen muss, die ich nicht wollte. Nein, nichts Sexuelles, aber: Beim Blödeln hielt er mir oft genug Mund und Nase gleichzeitig zu, sodass ich keine Luft mehr bekam. Logische Folge: Panik, Abwehr. Aber mir wurde erklärt, der Vati weiß als Arzt genau, wie und wie lange er das machen kann, ohne dass mir etwas passiert, und ich soll einfach nur Vertrauen haben und das aushalten!

Himmel, das ist doch Wahnsinn.

Ich habe ausgehalten, so vieles andere auch. Ich habe nie gewagt, mich zu wehren. Ich habe im Elternhaus gelernt, dass die Frau sich unterzuordnen hat (und wir haben auch in der Grundschule noch – damals völlig korrekt – gelernt, dass der Vater das Familienoberhaupt ist). In meiner Nähe gab es keine Frau, die unabhängig war und mir ein Vorbild hätte sein können.                       Cornelia, 64 Jahre

"Normale" Väter sind Stiefkinder der Forschung

Erst gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts nahm die Familienforschung Durchschnittsväter in den Blick, „normale“ Männer, die mit ihren Familien lebten und manches gut und anderes nicht so gut machten. Und fand in Beobachtungsstudien heraus, das es Besonderheiten gibt: ganz eigene väterliche Umgangsformen, männliche Akzentuierungen, spezielle Beiträge zur Entwicklung der Töchter und Söhne. Auch wenn die Forschungslage immer noch eher dünn ist, weiß man heute: 

  • Väter trainieren Aktivitäten, die Bewegung und effiziente Kontrolle über den Körper erlauben.
  • Väter strukturieren und sind in den Familien besonders zuständig für die Durchsetzung von Regeln und Disziplin. 
  • Väter lehren und erklären viel mehr als Mütter. 
  • Sie bemühen sich, Autonomie und Selbstständigkeit an ihre Kinder weiterzugeben.

Und sie betonen das Geschlecht ihrer Kinder: Väter gehen mit ihren Mädchen nachweisbar sanfter, vorsichtiger, zärtlicher und emotionaler, also beschützender um als mit ihren Söhnen. Vielleicht ist das einer der wichtigsten Akzente, den Väter in der Entwicklung ihrer Töchter setzen: Mädchen entwickeln ihre Weiblichkeit im Zusammenleben mit ihrem Vater. Das bewundernde Leuchten in seinen Augen, seine Komplimente, seine Rücksicht, seine Zärtlichkeit, aber auch die Qualität seiner Beziehung zur Mutter lassen in ihr ein Bild davon reifen, wie es ist, eine Frau zu sein. 

 

Prototyp der Männlichkeit

Viele Töchter beschreiben, so die Entwicklungspsychologin Inge Seiffge-Krenke, auffallend oft die Körperlichkeit ihres Vaters – seinen besonderen Geruch, wie sich seine Haut anfühlte, wie attraktiv er war, wie stark. „Diese positive Körperlichkeit, die Töchter an ihren Vätern wahrnehmen, ist wichtig für ihr eigenes positives und kraftvolles Körperselbstbild“, so die Professorin. 

Töchter beobachten am Vater auch, wie sich ein Mann verhält. Der erste Mann in ihrem Leben wird dadurch für sie ein Prototyp der Männlichkeit, das Urbild, an dem sie lernen: So sind sie, die Männer. Dass in diesem Lernprozess aber auch die Gründe zu suchen sind, warum Frauen sich in ihrem Körper unwohl fühlen, sich unattraktiv finden oder glauben, nur über ihre körperlichen Merkmale bestehen zu können, liegt auf der Hand. Wenn die Augen des Vaters nicht leuchten, wenn er sein Mädchen ablehnt, abwertet, respektlos behandelt, lächerlich macht oder gar missbraucht, sät er oft lebenslangen Selbsthass. 

Ich war seine Prinzessin,
hübsch und blond und blauäugig. Er flirtete mit mir, kaufte mir Kleider, er fand mich großartig und stellte mich überall mit den Worten vor: „Und das ist meine schöne Tochter.“ Damals habe ich das genossen, aber ich glaube, er sah nichts anders in mir als das Äußere. Immerhin: Da habe ich viel Selbstbewusstsein, obwohl ich inzwischen ziemlich übergewichtig bin. Ich fühle mich immer schön und kenne die Selbstzweifel nicht, die viele meiner Freundinnen haben, die viel besser aussehen als ich. Ich glaube, das hat er mir mitgegeben, und dafür bin ich dankbar. Es gibt aber auch eine Schattenseite: Für ihn war nämlich alles andere unwichtig – eine Frau muss schön und dekorativ sein, dann ist alles gut. In keiner anderen Hinsicht interessiert er sich für mich. Ich bin nicht besonders konfliktstark, aber neulich habe ich das angesprochen. Es kam zum Streit. Als ich wieder fuhr, sagte er, und er meinte das wohl versöhnlich: „Auch wenn du sonst nichts hättest: Du hast zwei hübsche Töchter.“ Als ob das alles wäre. Es ärgert mich, dass er uns so aufs Äußere reduziert und das noch nicht mal merkt. 
Ute, 49 Jahre


Babymädchen machen dem Vater schöne Augen 
Die Beziehung zum Vater beginnt sehr früh: Schon in den ersten Lebenswochen, so weiß man heute aus der Säuglingsforschung, bezieht das Baby den Vater ein, richtet neugierig den Blick auf ihn, gurrt ihn an, um ihn in Pflege und Spiel einzubinden. Babymädchen sind dabei aufmerksamer und kontaktfreudiger als kleine Jungen. Aus der engen Zweierbeziehung von Mutter und Kind entwickelt sich das emotionale Dreieck der klassischen Familie. 

Während die Zweierbeziehung in sich geschlossen und ausbalanciert ist wie zwei Schalen einer Waage, kommt durch den Vater ein drittes Element hinzu, eine neue, spannende Qualität: Er bringt die komplexe äußere Welt mit, dynamisch und aufregend. Neue Bindungen werden geknüpft, neue Rollen und Positionen entstehen: Jeder im familiären Dreieck kann nun zum Beobachter werden, zum Verbündeten, vielleicht zum neutralen Schiedsrichter, zum Sündenbock, zum Retter, zum Zünglein an der Waage. Aus einer Beziehung, der zwischen Mutter und Kind, werden drei: Die Beziehung zum Vater kommt hinzu, aber auch die Verbundenheit der Eltern als Paar.

Dieses emotionale Dreieck wird für das Kind das Urbild zwischenmenschlicher Beziehungen. Was es dabei erfährt – über sich, über die anderen – wendet es an, manchmal sein Leben lang. Es erlebt, dass es Zweierbeziehungen gibt, die nicht gegen einen Dritten gerichtet sind. Es lernt zu akzeptieren, dass die Eltern eine eigene Liebesbeziehung haben, die ihm nichts nimmt – jedenfalls dann, wenn die Eltern ihr Kind nicht als Konkurrent und Störenfried sehen. Es erfährt, dass es Hilfe und Unterstützung nicht nur von der Mama erhält, sondern dass der Papa das auch kann. Später erweitert sich die Triade – um Geschwister, Großeltern und andere nahe Menschen. 

 

Er war nicht existent.
Bis auf ein einziges Treffen, an das ich mich erinnern kann, und bis auf einige schwülstige Briefe. Ich weiß nicht viel von ihm. Meine Mutter erzählte wenig, anderes weiß ich von meiner Halbschwester. Manches reime ich mir auch nur zusammen. Er war für mich eine nicht greifbare Gestalt. Meine einzige Erinnerung ist mein zehnter Geburtstag, da war er mal für ein Stündchen vorbeigekommen. Das war das letzte Mal, dass ich ihn persönlich traf. 

Er war fast 30 Jahre älter als meine Mutter, noch im Ersten Weltkrieg geboren. Als Künstler war er sehr erfolgreich, hatte eine bewegte Biografie. Er war ein Frauenmann, ein Mann, der Frauen liebte, wie meine Mutter es umschrieb. Ein Frauenheld? Das klingt so abwertend. War wohl sehr charmant, mehrmals verheiratet, sechs Kinder von vier Frauen. Zumindest die, von denen ich weiß. Viele Affären. Auch meine Mutter war eine Affäre, das wusste sie und wollte von ihm damals auch nicht mehr. Ich bin eine Verhütungspanne, und sie hat mich allein aufgezogen.

Er war sehr unzuverlässig, was Absprachen betraf. Das hat sie gekränkt, aber vor allem in Bezug auf mich, nehme ich an. Ständig kamen sehr kurzfristige Absagen der Besuche, ich weinte und tobte da wohl viel, woran ich mich nicht im Geringsten bewusst erinnern kann. Er schrieb sehr viel, die Telegrammsammlung, die er hinterließ, ist enorm. Vieles war sehr schwülstig und überzogen – „meine allerbezauberndste Prinzessin“, „mein liebstes Mädelein“ – das ist noch unteres Level. 

Zur Zeit hinterfrage ich mich und meine derzeitige Entwicklung und meine Handlungsweisen viel. Vielleicht ist einiges davon auf ihn zurückzuführen? Vielleicht mache ich es mir aber auch zu einfach, ihm jetzt den Schwarzen Peter zuzuschieben? Ich weiß es nicht. 

Ich brauche immer mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung. Ich weiß rational, dass ich sehr gut bin und viel Anerkennung erhalte. Aber dass ich sie besonders von meinem (oder einem?) Mann brauche, der sie mir in der Art, wie ich sie brauche, nicht geben kann, ist eine ganz, ganz große Baustelle meiner Ehe, und ich weiß immer noch nicht, ob sie das überlebt. Ist das die Aufmerksamkeit und Anerkennung, die ich als Kind nicht bekam? Die Zurückweisung, wenn ich mich auf Treffen freute? Alles pure Spekulation! 

Ich habe mir einen Mann gesucht, der die Ehe als Symbiose ansieht. Ich suchte einen Fels in der Brandung, eine Sicherheit, jemanden, zu dem ich gehöre. Aber genau das wurde mir dann irgendwann zu eng, und ich versuchte auszubrechen. Versuche es immer noch. Ich kann mich nicht anketten lassen, so fühlt es sich an. Ich brauche meine Freiheit und Unabhängigkeit, ich muss mir immer beweisen, dass ich niemanden brauche. Dass ich alles allein kann. Aber ich werde nervös, wenn mein Mann (wenn ich auf Dienstreise bin) sich nicht meldet. Ich habe sofort das Gefühl, vergessen worden zu sein und kurz davorzustehen, von ihm verlassen zu werden. Objektiv ist das absolut irrational und entbehrt jeder Grundlage.

Mein Vater war – wie gesagt – ein notorischer Fremdgänger. Ich gehe auch fremd, seit über fünf Jahren und inzwischen mit einem festen (anderweitig verheirateten) Liebhaber. Warum? Das frage ich mich öfter. Ich möchte mit diesem Mann keine Beziehung. Aber er ist ein guter Freund, woraus sich mehr entwickelt hat, und ich habe noch nicht einmal ein schlechtes Gewissen. Aber ich sehe die Parallelen. Ob sie tatsächlich Parallelen sind? Keine Ahnung. Denn sowas ist ja eigentlich nicht vererbbar. 

Ich bin schon länger am Überlegen, ob ich nicht eine Therapie mache.             

                                                                                Anja, 42 Jahre

 

So viel Freude, so viel Liebe, so viel Schmerz

Väter. Auslöser für so viel Freude, so viel Liebe, so viel Schmerz. „Vaterschaft ist, so scheint es, eine Passion für den Vater wie für die Tochter. Es ist eine Geschichte der versäumten Möglichkeiten, der Kränkungen und Traumatisierungen, aber auch der verschwenderischen Liebe, der schönen Prägungen, der unzerstörbaren, lebenslangen Bindung und Ergriffenheit“, schreibt der Lahnsteiner Psychotherapeut Mathias Jung. 

Väter können, wie Mütter, so vieles richtig machen und so vieles falsch. Sie können ihre Töchter schlagen, missbrauchen, missachten, entwerten. Sie können sie verlassen, sich nicht zu ihnen bekennen, sie im Stich lassen, sie tyrannisieren, sie ignorieren. Sie können sich verschließen, entziehen, verstecken hinter falsch verstandener Männlichkeit und Scham. Eines können sie nicht – verhindern, dass sie ihre Töchter (und Söhne) prägen. So oder so.

Wie viel von meinem Vater in mir steckt, habe ich leider neulich gemerkt – das war meine schlimmste Erfahrung in den letzten Wochen.

Ich erzähle das jetzt einfach: Ich war letzte Woche bei meiner Mutter. Sie hört schlecht und hat mein Klingeln nicht gehört. Ich hatte keinen Schlüssel. Es hat über 30 Minuten gedauert, bis sie endlich die Tür öffnete. In diesen 30 Minuten bin ich fast durchgedreht. Ich sah sie tot daliegen, hilflos. Denn ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass sie den Krach, den ich dort veranstaltet habe, nicht gehört haben könnte. Sogar die Nachbarin kam raus, um zu sehen, was abgeht. 

Aber meine Mutter hatte geschlafen. Und sie hat gedacht, ich käme später. Ich dagegen wurde immer ärgerlicher und auch gleichzeitig besorgter, weil ich davon ausgegangen bin, dass sie doch weiß, dass ich komme. Plötzlich öffnet sie mir quietschfidel die Tür. Und dann kam mein Satz, der haargenau der Satz, die Drohung meines Vaters war: „Mach das nie wieder mit mir!“

Ich hatte den Satz kaum ausgesprochen, da hatte er mich und meine Mutter getriggert. Sie war von einer Sekunde auf die andere ein altes, weinendes, hilfloses Menschlein, hat sich unaufhörlich entschuldigt und immer wieder gesagt: Das ist doch nicht meine Schuld, ich bin doch nur eingeschlafen.

Es war schrecklich. Für sie und für mich. Denn ich will so was nicht sagen.                    Katharina, 64 Jahre

 

Ist Versöhnung möglich?

Ist es möglich, sich mit einem Vater zu versöhnen, der so viel Kummer ausgelöst hat? Ist es denkbar, die Verletzungen hinter sich zu lassen, damit sie nicht mehr schmerzen? „Wo Töchter unversöhnt mit ihrem Vater bleiben, schaden sie sich selbst“, schreibt der Psychotherapeut Mathias Jung. Auch die Schweizer Theologin und Psycho-Onkologin Monika Renz, die seit vielen Jahren mit Sterbenden arbeitet, sagt auf die Frage, warum man verzeihen soll: „Es gibt darauf nur eine Antwort: sich selbst zuliebe, der eigenen Integrität oder dem eigenen inneren Im-Fluss-bleiben.“ Sie weiß: Verzeihen befreit. „Verzeihung erfordert Herzensweite und Selbstachtung, zieht solchen Persönlichkeitszuwachs aber auch nach sich. Verzeihen zu können macht auf andere Weise würdig, reich, selig.“

Für unversöhnte Töchter bedeutet das: Spurensuche. „Auf den Vater, wenn er noch lebt, zuzugehen, ihn über sein Leben, seine Entwicklung, seine Erfolge und Enttäuschungen zu befragen…“, schreibt Mathias Jung. Den erinnerten Momentaufnahmen aus der Kindheit weitere hinzuzufügen, um ein vollständigeres Bild des Menschen zu erhalten, der der Vater ist oder war. Das ist auch möglich, wenn er bereits tot ist, denn meistens gibt es Verwandte, Geschwister, Freunde, die ihn kannten. 

 

Manchmal schenkt das Leben selbst eine zweite Chance:
Zwar ist meine Kindheit auch eine Geschichte der Gewalt und Vernachlässigung. Mein Vater war ein Egozentriker und ein sehr schwieriger, auch psychisch kranker Mensch, emotional als Vater nicht präsent. Was ich in der Kindheit schmerzlich vermisst habe, führte in der Jugend zu harten Konflikten und zum Kontaktabbruch meinerseits. Er hat den Kontakt nicht aktiv gesucht, mir ging es damit besser. Lange Zeit haben wir uns nur über Dritte ausgetauscht. Innerlich habe ich ihm vorgeworfen, dass er mich nicht wahrgenommen hat. So wie es seine Aufgabe gewesen wäre, und ich hatte viel Wut in mir. Ich war sehr verletzt.

Als er krank und gebrechlich wurde und der Tod näherrückte, habe ich nach langem intensiven Ringen den Kontakt wiederaufgenommen und mich gekümmert, und ich bin heute sehr dankbar, dass ich das zulassen konnte, auch wenn es mich enorm viel Kraft gekostet hat.

In den wenigen Monaten haben wir uns auf einer ganz neuen Ebene kennengelernt, ich habe viele Lücken schließen können, um besser zu verstehen, warum er der Mensch war, der er war. Der ist er natürlich auch durch seine eigene Kindheits- und Jugenderfahrung geworden. Er konnte mir vermitteln, dass er dankbar ist, dass es mich gibt. Wir sind uns emotional sehr nahgekommen, ich habe ihn zum Tod begleitet, und wir konnten uns in Frieden verabschieden.

Im Rückblick sind das die Erinnerungen, die vieles Schlechte überlagert haben und die für mich jetzt mein innerliches Vaterbild prägen. Von daher bin ich froh, dass ich die zweite Chance wahrnehmen konnte. Ich denke, dass ich auch dann erst der erwachsene Mensch war, um diesen komplexen Charakter und seinen schwierigen Werdegang zu verstehen und zu akzeptieren. Und er war in der Lage zu erzählen und das Schweigen zwischen uns zu durchbrechen. 

Diese Monate haben mich mehr geprägt als die vielen Jahre davor, sie haben etwas rundgemacht, von dem ich gedacht hätte, es handelt sich um eine Lücke, die nicht gefüllt werden muss und die nicht mehr wehtut.

Von daher bin ich froh, einen Vater gehabt zu haben. Das ist ein Satz, der für mich ganz viele Jahre meines Lebens undenkbar gewesen wäre.                                     Ada, 53 Jahre

 

Text und Protokolle: Susanne Zehetbauer
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 8+9/2017


Eingestellt: 1.08.17

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