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Titelbild 8+9/2017

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Irgendwie Heldinnen

Schwester Michaela mit Pflegekind Abraham. Foto: Renovabis/Rolf Bauerndick

Zwei Klosterschwestern bauen in Albanien eine Anlaufstelle für viele Nöte auf

Albanien ist eines der ärmsten Länder Europas. Bei einer Reise mit dem Osteuropahilfswerk Renovabis traf KDFB-Vizepräsidentin Sabine Slawik dort zwei Schwestern, die sich gegen die Not stemmen. Tief beeindruckt von Sr. Christina und Sr. Michaela sagt Sabine Slawik: „Für mich sind sie irgendwie Heldinnen.“

Schwester Christina schreibt Rundbriefe an die Menschen, die ihre Arbeit in einem Vorort von Shkodrë im Norden Albaniens unterstützen. Wer darin zu lesen beginnt, dem stockt immer wieder der Atem. Die Schicksale, die sie schildert, scheinen zu schwer zu sein, als dass Menschen sie ertragen könnten.

Da ist der Kleinbauer Agrim, der für seine kranke Frau Medikamente in der Krankenstation der Schwestern holt – mit einem nicht zugelassenen Motorrad. Auf der Rückfahrt kollidiert er mit einem anderen Motorradfahrer, der bei dem Aufprall stirbt. Verletzt liegt Agrim im Krankenhaus, Polizisten vor seiner Tür. Neben der staatlichen Strafverfolgung droht ihm die Blutrache. Dieses mündlich überlieferte Gewohnheitsrecht wird trotz offiziellem Verbot weiter praktiziert. 

Da sind die Jugendlichen und jungen StudentInnen, die mit den Schwestern in den Gruppenstunden über ihre Situation sprechen. Sie erzählen ihnen, dass gute Noten oder die Zulassung zu einem Stipendium nur zu erkaufen sind. Hübsche Studentinnen bekommen von den Professoren die Adresse eines Hotels, wenn sie nicht für die Prüfung zahlen können. 
Eine Passantin findet ein junges Mädchen an der Straße liegend, das flüstert: „Zu den Schwestern“. Sie hat versucht, sich mit Tabletten umzubringen, weil sie von ihrer Familie an einen älteren Mann in Mazedonien verkauft werden soll. 

Ein Patient mit schweren Verbrennungen kommt aus der Brand-Klinik in Tirana zurück. Seine Wunde ist in schlechterem Zustand als zuvor. Das Verbandsmaterial und die Salben, die er von den Schwestern mitbekommen hatte, wurden ihm in der Klinik vom Personal unter einem Vorwand abgenommen. Es erbrachte im Weiterverkauf an reichere Patienten einen Nebenverdienst. 

Die schwer behinderte Sara hat keine Spezialnahrung mehr für ihre Ernährungssonde im Darm. Vor drei Jahren war sie mit ihrer Familie nach Deutschland ausgereist, jetzt wurden die Schwerkranke und ihre Mutter nach Albanien abgeschoben. Deutsche Polizisten holten sie um fünf Uhr morgens aus der Klinik, die jüngere Schwester und den Vater aus der Unterkunft. Für drei Wochen hatten sie Nahrung dabei, die es in Albanien nicht gibt. Die Schwestern müssen alle Hebel in Bewegung setzen, um zunächst für einige Monate Saras Ernährung sicherzustellen. 

Immer wieder stehen die Schwestern vor schier unlösbaren Aufgaben.
„Man kann von keinem Schwerpunkt der Arbeit sprechen“, sagt Monika Kleck von Renovabis. Sie war bis vor Kurzem zuständig für die Albanien-Projekte des Hilfswerks und die Zusammenarbeit mit den zwei Nonnen. Beide sind Mitglieder des Schweizer Klosters „Spirituelle Weggemeinschaft“, Sr. Christina, 60, aus Donauwörth und Sr. Michaela, 53, aus Kehrsiten in der Schweiz, und sie bauen seit 2002 im Vorort von Shkodrë eine Anlaufstelle für viele Nöte auf. „Sie kümmern sich genauso darum, dass im Viertel die Abwasserkanäle freigehalten werden, wie um Kinder und Jugendliche, für die sie ein Zentrum gebaut haben. Die Schwestern unterhalten eine Ambulanz, die aus einem Zimmer mit Liege besteht, und leisten medizinische Ersthilfe. Und wenn ein Fall von Blutrache droht, versuchen sie die Familien zu einem Weg der Aussöhnung zu bewegen.“ Auch den Sinti und Roma stehen sie bei. Wenn deren Barackensiedlung wieder einmal überschwemmt wird, geben sie den ganz am Rande der Gesellschaft lebenden Menschen im Jugendzentrum eine Notunterkunft. 

Und weil es sich so ergab, leben zwei stark behinderte Jungen mit den Schwestern. Abraham, der nach der Geburt eigentlich keine Überlebenschance hatte, ist gerade zehn geworden. Antonio, dessen Großmutter die Pflege immer schlechter schaffte und das Kind schließlich ganz bei den Schwestern ließ, ist jetzt sechs. 

In den Briefen, die Sr. Christina schreibt, scheint immer wieder durch, woher sie Kraft und Mut schöpft: aus einem Leben mit und aus der Bibel. 

Autorin: Anne Granda
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 8+9/2017


Eingestellt: 1.08.17

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