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Titelbild 8+9/2017

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Die Nähe Gottes erspüren

Frauenliturgien sind frei in der Form. Oft wird meditativer Tanz integriert. Foto: Bardehle

In Frauenliturgien fließen Glauben und Lebenserfahrungen zusammen

Frauen feiern ihren Glauben – seit gut dreißig Jahren in selbst gestalteten, ökumenisch offenen Liturgien. Diese Tradition hat im Frauenbund starke Wurzeln geschlagen.

Ein dicker, hellroter Wollfaden liegt auf dem Schreibtisch. Er stammt aus einer Frauenliturgie. Jede Teilnehmerin war eingeladen einen Faden mit nach Hause zu nehmen. Auch ein halbes Jahr nach dem Gottesdienst in der Passauer Giselakirche bringt er einen intensiven Moment daraus zurück. Eine  der Frauen, die den Gottesdienst vorbereitet hatte, sagte damals: „Für mich ist der rote Faden die Erfahrung der Befreiung. Sie zieht sich in der Bibel vom Anfang bis zu Jesus. Der Jesusname heißt ja übersetzt ,Gott ist es, der befreit, der hilft, der rettet.‘ Sind das auch ihre eigenen Erfahrungen?“ Mit dieser Frage lud sie die gut zwanzig Gottesdienstteilnehmerinnen zum Meditieren ein.

Auch die Frauen der Heiligen Drei Könige eilen zum Neugeborenen

Das Nachdenken über den roten Faden im eigenen Leben war Teil einer Frauenliturgie, die Mitte Januar 2017 auf Einladung des Referats Frauen der Diözese Passau, unterstützt vom Frauenbund, stattfand. Im Zentrum eine Geschichte um „Die drei Königinnen“, in der erzählt wird, dass auch die Frauen der Heiligen Drei Könige zum neugeborenen Kind eilen und ihm etwas mitbringen. 

In dieser literarischen Ausformung der biblischen Geschichte verweisen die Ga­ben der drei Königinnen auf die zukünftige Bedeutung des Kindes in der Krippe. Eine bringt ihm ein Tuch, „denn das Kind wird unsere Schmerzen tragen“. Eine bringt ihm ein Brot, „denn es wird unseren Hunger stillen“. Und die dritte Königin bringt ihm rote Wolle, „denn er wird uns den Weg zeigen“. 

Glaube und Leben sind nicht getrennt

„In Frauenliturgien sollen Glaubens- und Lebenserfahrungen von Frauen zur Sprache kommen, und zwar so, dass Frauen dadurch mit Gott über ihr Leben in ein Gespräch kommen können“, erläutert Hildegard Weileder-Wurm. „Es soll den Feiernden klar werden, mein Leben und meine Glaubenserfahrungen haben etwas miteinander zu tun, Glauben und Leben ist nichts Getrenntes, das fließt zusammen.“

Die Referentin der Frauenseelsorge Passau ist Geistliche Begleiterin des KDFB in Passau und gestaltet mit einem ökumenischen Team seit 16 Jahren Frauenliturgien für alle interessierten Frauen. Im Jahr 2017 sind neun Gottesdienste vorgesehen, die sie im Wechsel mit ihrer Kollegin aus der Frauenseelsorge vorbereitet. 

Jenseits der männlichen Sprache

Bevor Hildegard Weileder-Wurm in dieser Form mit Frauen Gottesdienst zu feiern begann, lernte sie Frauenliturgien in einer kleinen Gruppe kennen. Ein Kreis von hauptamtlich in der Kirche angestellten Frauen hatte sich zusammengetan und  begonnen, regelmäßig solche Liturgien auszuprobieren. „Als ich zu dieser Gruppe stieß, galt für mich: Gott ist Vater, Herrscher, Allmächtiger und König.“ Die männliche Sprache war für Hildegard Weileder-Wurm normal, und erst in den Frauengottesdiensten merkte sie, dass es da noch etwas anderes geben kann. Ihr Staunen war groß. Wenn es um das Gottesbild ging, tauchten biblische Geschichten auf, von denen sie noch nie etwas gehört hatte. „Zum Beispiel die Geschichte von Hagar in der Wüste. Sie gibt Gott einen Namen. Er heißt für Hagar: Du bist ein Gott, der nach mir schaut.“ 

Miteinander die Predigt halten

Ebenso wie die Sprache berührte die damalige Gemeindereferentin, dass die Gottesdienste den ganzen Menschen einbeziehen. „Es gab Gebete, bei denen der ganze Körper bewegt wurde, und wir tanzten auch regelmäßig. Niemand hielt eine Predigt. Wenn wir aber nach der Methode des Bibelteilens die Texte erforschten, hielten wir miteinander die Predigt.“ Aus dem Staunen wurde Begeisterung und die Entscheidung, sich für mehr Frauenbewusstsein in ihrer Kirche einzusetzen.

Hildegard Weileder-Wurm lag damit im Trend, denn Frauen brachten immer öfter in selbst gestalteten Liturgien ihre Anliegen vor Gott. „Die eigentliche Frauenliturgiebewegung begann in den Siebzigerjahren in den USA, breitete sich schnell aus und kam Anfang der Achtzigerjahre nach Europa“, so die evangelische Theologin Hanna Strack. Die Entwicklung, dass Frauen jede Gelegenheit wahrnahmen und in Hochschulgemeinden, bei Frauentagungen, in kirchlichen Bildungshäusern, in Klöstern, auf Kirchen- und Katholikentagen und in Verbänden Frauenliturgien erproben, setzte sich rasant fort. Die katholische Liturgiewissenschaftlerin Teresa Berger spricht bereits um die Jahrtausendwende davon, dass diese liturgische Aufbruchbewegung der Frauen ein weltweites und kirchenübergreifendes Phänomen sei. 

Jede und jeder hat den Auftrag, den Glauben zu verkünden

Dennoch muss auch heute noch die Selbstverständlichkeit wachsen, dass Frauen als Liturginnen eine Rolle in der Gemeinde übernehmen. Als 2014 der KDFB München und Freising einen Liturgiekurs für Frauen anbot, stellte er ihn unter das Motto „Ich trau mir das zu!“. Die für das Projekt verantwortliche Pastoralreferentin Uschi Wieser erklärt: „Der Kurs heißt so, weil es etwas anderes ist, ob ich für Kinder einen Gottesdienst leite oder für die Frauen aus meinem Zweigverein. Ich finde, da gehört eine große Portion Zutrauen dazu! Auch 50 Jahre nach dem Konzil kann das Bewusstsein noch wachsen, dass jeder Getaufte, egal ob Mann oder Frau, den Auftrag hat, seinen Glauben zu verkünden.“ 

Es braucht Mut, sich zum eigenen Glauben öffentlich zu bekennen

Die sieben Frauen aus der Vorbereitungsgruppe rund um Hildegard Weileder-Wurm kennen die Herausforderung, in der Öffentlichkeit über den eigenen Glauben zu sprechen. Viele von ihnen haben einen festen Part, der ihren Vorlieben und Begabungen entspricht. Die Musikerinnen bringen die Ideen für die zum Thema passenden Lieder ein, eine der Frauen liebt es, die Mitte des Raumes zu gestalten. Und für die Anleitung der meditativen Tänze ist ebenfalls eine Spezialistin im Team. Eine weitere kümmert sich um Mitgaben wie den roten Wollfaden. In den Andachten gibt es immer sogenannte Glaubenszeugnisse zu einzelnen Abschnitten von Bibelstellen oder Texten. Das ist für manche nicht ganz so einfach. Doch Hildegard Weileder-Wurm sagt: „Was mich so freut ist, dass ich sehe, wie sich die Frauen entwickeln. Es braucht Mut, über sein Leben und über seinen Glauben zu sprechen.“ Diesen Mut fasste sich im Januar auch Brigitte Ascher-Sporer. Sie ist eine der Musikerinnen in der Gruppe und seit einem Jahr im Vorbereitungsteam. „Ich habe viel darum gerungen, was ich zum Symbol Brot sagen soll. Ich wollte etwas formulieren, was im Moment wirklich zu meinem Leben passt.“ Im Gottesdienst sprach sie dann die Worte: „Jesus gibt uns alles im Brot. Das Symbol ist dieses Geben. Zugleich ist im Geben auch der Aufruf, wie man in der Welt und im Leben handeln kann.“ 

"Ich will das gut machen"

Gedanken über den eigenen Glauben zu entwickeln, sie auszusprechen, sie mit anderen zu teilen, das üben die Mitglieder des Vorbereitungsteams, wenn sie zwei Wochen vor dem Gottesdienst zusammenkommen. Jede erzählt, womit sie sich gerade beschäftigt, was sie erlebt hat und was ihr nachgeht. Daraus entstehen dann die Themen. „Wenn ich im Gottesdienst musiziere oder ein Glaubenszeugnis ablege, dann will ich das auch gut machen. Das lenkt mich ab vom eigenen inneren Erleben. Aber dieser Dienst an den anderen wird mehr als aufgewogen durch die Glaubensgespräche, die wir in der Vorbereitungsrunde führen“, so Brigitte Ascher-Sporer. Die Liturgien entstehen aus intensivem geistlichen Austausch. „In den vergangenen 16 Jahren haben wir keinen Gottesdienst gefeiert, der gleich heißt oder die gleichen Inhalte und Lebensbezüge aufweist, wie schon vorausgegangene Gottesdienste“, freut sich Hildegard Weileder-Wurm. Und wenn sie einen der sieben Ordner mit den Unterlagen für die Liturgien öffnet, dann hat sie eine bunte Themenliste vor sich: „Ich lasse dich nicht fallen“, „Das Leben teilen“, „Birgitta von Schweden“, „Frau, du bist gesegnet“, „Wendezeiten“, „Freue dich mit mir!“, „Mary Ward“, „Freude und Dankbarkeit“, „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten“, „Geistbegabt leben“, „Den Alltag durchbrechen“, „Angerührt werden“, „In Freundschaft leben“.

Ein liebevoll gebackenes Brot genießen

Vor den Treffen überlegt sich Hildegard Weileder-Wurm oft Themen, die gut zum Ablauf des liturgischen Jahres passen würden. Wenn sie dann aber aus der Gruppe als Reaktion bekommt: „Da spüre ich keine Kraft“, weiß sie, dass es vielleicht ein schönes Thema wäre, aber keine der Anwesenden dafür brennt. „Die Vorbereitungszeit ist vor allem dafür da, gemeinsam hinzuspüren, was dran ist, und Ideen zu sammeln“, erläutert sie. Die eine wünscht sich vielleicht einen besonderen Tanz, die andere, dass die Fürbitten mal wieder frei gestaltet werden, wieder eine andere will ein Symbol bei den Fürbitten in die Mitte legen. Im Trubel der Adventszeit sehnen sich alle oft nur nach Stille. 

„Trotz großer Freiheit in der Gestaltung sollte die Andacht einen bewusst gesetzten Anfang haben, ein Bibelteilen enthalten und dann etwas, wo ich selber vorkomme mit meinen Erfahrungen. Immer ist bei uns das Vaterunser dabei, dann ein schönes Segenselement und eine Mitgabe“, so Hildegard Weileder-Wurm. 

Im Januar waren es die drei Gaben der Königinnen, die jede Teilnehmerin erhielt. Der rote Faden, ein Stück heller Baumwollstoff und die Erinnerung an das Teilen und Genießen eines liebevoll gebackenen Brotes.

Autorin: Anne Granda
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 8+9/2017


Eingestellt: 1.08.17

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