Inhaltsverzeichnis
Titelbild 7/2017

Artikel in Verbindung

Unvergessliche Reisetagebücher

Aufschlagen und in Erinnerungen schwelgen: Wer auf Reisen Tagebuch schreibt, kann noch Jahre später seine Urlaubserlebnisse lebendig werden lassen. Leidenschaftliche Reisetagebuch-Schreiberinnen geben Tipps, wie ein leeres Heft zum schönsten Souvenir werden kann.

Ios, 30. September 1963: Karges griechisches Inselchen Ios! Leuchtender Himmel, tiefblaues Meer, vor uns öffnet sich eine steinige, mit Disteln übersäte, hufeisenförmige Bucht. Von unserem Schiff werden wir mit Ruderbooten an Land gebracht. Es duftet nach Thymian, herrlicher Sandstrand, bunte Steine am Ufer, Sicht bis auf den Meeresboden. Die Sonne vermittelte nach einem vergnügten ersten Bad im salzigen Meer ein unbezwingbares, freies Lebensgefühl. Ein Glückszustand, der ein wundervolles Geschenk ist!“

Wenn die 79-jährige Gudrun Lincke heute diese Zeilen liest, die sie als junge Frau auf einer Mittelmeer-Kreuzfahrt in ihr Reisetagebuch schrieb, wird dieser Moment ihres ersten Bades im Meer wieder lebendig: Plötzlich meint sie, sich wieder an diesen würzigen Kräuterduft und das kühlende Gefühl von Meerwasser auf ihrer Haut erinnern zu können.

„Es ist für mich als älterer Mensch wunderschön, meine Reisetagebücher von früher anzusehen. Zum einen hat man viel vergessen, zum anderen ist es auch wirklich interessant, wie sich die Welt in den letzten 50 Jahren verändert hat“, erzählt die ehemalige Sozialpädagogin aus Gauting bei München.

Reiseblogger teilen ihre Urlaubserlebnisse mit anderen

Reisetagebücher schreiben: Was schon dem Naturforscher Alexander von Humboldt mit den genauen Aufzeichnungen seiner Amerika-Reisen zwischen 1799 bis 1804 zu Berühmtheit verhalf, liegt auch bei der jüngeren Generation wieder im Trend. 

Reisebloggerin Katrin Lehr aus Heilbronn schwört zum Beispiel auf das Führen eines richtigen Tagebuchs, während sie die Welt bereist und die über 190.000 Besucher ihrer Homepage (www.viel-unterwegs.de) an ihren Reiseerlebnissen teilhaben lässt. „Mein Lieblingsbuch ist der Atlas, aber ich schätze auch meine eigenen Reisetagebücher sehr. Falls Anfragen zu den verschiedenen Ländern kommen, kann ich hier viel nachschlagen.“ 

Aus purer Leidenschaft schreibt die 15-jährige Anna aus München Reisetagebücher. Seit sie neun Jahre alt ist, hat sie schon an die 20 Schulhefte mit Texten, Zeichnungen, Fotos und Postkarten gefüllt: „Ich war zwar noch nicht in so vielen Ländern, aber bei Rundreisen komme ich gerne auch mit drei Reisetagebüchern nach Hause.“ Auslöser für ihr erstes Tagebuch der Gymnasiastin waren ein Fasan und ein Hase, die jeden Morgen vor dem dänischen Ferienhaus der Familie in der Wiese saßen. „Das wollte ich unbedingt festhalten. Dann gab es noch wunderschöne Blumen, die ich zeichnen oder gepresst einkleben wollte. Also bin ich zum Supermarkt gelaufen, habe mir ein Schulheft gekauft, und los ging es.“ 

Heft, Kleber, Stifte – und es kann losgehen!

Seitdem freut sich die Neuntklässlerin bei jedem Urlaub aufs Reisetagebuchschreiben – doch das will gut vorbereitet sein: Ein passendes leeres Heft, Stifte, Aufkleber, spezielle Klebebänder, Tesa, Klebestift und schöne Papiere werden schon vor dem Urlaub besorgt und reisen in einem kleinen Rucksack mit. Und inzwischen hat Anna aufgerüstet: „Wenn wir nicht gerade fliegen, nehme ich meinen kleinen Selfie-Drucker mit. Hier kann ich Fotos von meinem Smartphone ausdrucken und direkt einkleben. Seitdem gefallen mir meine Tagebücher viel besser, weil sie nun persönlicher sind.“ 

Bloggerin Katrin Lehr rät Reisenden auf ihrer Homepage dringend dazu, Tagebücher zu schreiben: „Der Mensch vergisst schnell. Auf meiner ersten Rucksackreise an die Ostküste von Amerika und Kanada 1998 hatte ich noch kein Reisetagebuch. Schade. Ich weiß nicht mehr genau, wo die vielen Fotos aufgenommen wurden, wie die Menschen auf den Fotos heißen, welche Orte mich besonders berührt haben.“ Ein Urlaubstagebuch sei dagegen eine persönliche „Reiseversicherung“ gegen den Verlust der Erinnerungen.

Regelmäßig schreiben ist wichtig

Für die gelernte Mediengestalterin gibt es kein besseres Andenken als ein zerfleddertes Reisetagebuch. Katrin Lehrs Bücher sind von der Feuchtigkeit des Regenwaldes aufgequollen oder im Monsunregen auf der thailändischen Insel Ko Tao völlig durchnässt worden, aber all das macht sie so besonders.

Ihren Homepage-BesucherInnen gibt die Heilbronner Weltenbummlerin jede Menge Tipps für die Gestaltung von Reisetagebüchern, – unter anderem, Eintrittskarten, Quittungen oder Flaschenetiketten zum Einkleben zu sammeln. Und: „Wenn du gerne malst und zeichnest: Tue es. Mach dein Tagebuch bunt.“ 

Einen Tipp halten die drei genannten Verfasserinnen von Reisetagebüchern für den wichtigsten: regelmäßig schreiben, am besten täglich. Denn wer fünf Tage nicht schreibt, wird das kaum noch nachholen. „Dazu würde nicht einmal bei mir die Leidenschaft ausreichen. Ein Tag ist gut nachzuholen. Wenn ich aber zwei Tage nicht schreibe, fängt es an, mich zu stressen“, erklärt Schülerin Anna, die im Urlaub jeden Nachmittag oder abends das am Tag Erlebte niederschreibt, auch um alles „noch einmal Revue passieren zu lassen“. 

Katrin Lehr nutzt neben den Abenden auch längere Transfers zum Schreiben und bemüht sich um eine leserliche Schrift. Jeder Eintrag beginnt bei ihr mit Datum, Ortsangabe und dem durchnummerierten Reisetag. Auch bei Anna fehlen diese Angaben nicht, sie malt auch noch das Wetter mit Buntstiften hinzu.

Ein schönes Projekt für Großeltern mit Enkeln auf Tour 

Die ehemalige Werklehrerin Gudrun Lincke empfiehlt das Ritual des Tagebuchschreibens neben Eltern auch Großeltern, die mit ihren Enkeln auf Reisen gehen: „Da hat man jeden Tag ein kleines gemeinsames Projekt zur Frage: Was kommt heute ins Tagebuch? So kann es gerade für kleinere Kinder bei einem Strandurlaub aufregend sein, besonders kleine Muscheln oder flache Steinchen zu suchen, Gräser oder Blumen zu pressen, die dann ein paar Tage später eingeklebt werden können. Wenn die Kleinen noch nicht schreiben können, sind sie auch sehr stolz, ihre Erlebnisse zu malen.“ 

Wer zwar schreiben kann, aber nicht weiß, mit welchen Inhalten er sein Reisetagebuch füllen soll, dem spricht Katrin Lehr auf ihrer Homepage Mut zu: „Probiere es einfach aus! Schreibe über den ersten Eindruck und deine Gefühle. Ist dir etwas Lustiges passiert? Welches Fettnäpfchen solltest du beim nächsten Mal meiden? Welche Plätze, Unterkünfte und Restaurants haben dir besonders gefallen und welche nicht? Welches Essen hat dir besonders gut geschmeckt? Welche Gerüche, Farben, Geräusche und Geschmäcker verbindest du mit dem Ort?“

Eine alte Atlasseite oder ein Spruch in der Landessprache können den Umschlag zieren

Für ein ansprechendes Reisetagebuch ist ein schöner Umschlag wichtig. „Die Titelseite des Notizbuchs oder Schulheftes kann mit einer kleinen Landkarte, einer alten Atlas-Seite, einem Foto, einer Postkarte beklebt werden. Oder man kann ein Heft mit weißem Papier einbinden und selbst bemalen mit einer Sehenswürdigkeit oder einer landestypischen Landschaft. Wer nicht zeichnen will, kann den Titel auch mit einem Spruch in der Sprache des Urlaubslandes verzieren“, rät die Hobbykünstlerin Gudrun Lincke.

Nicht nur für den Titel, sondern auch für den Innenteil ist es für Anna zu einem Ritual geworden, im Urlaub nach passenden Postkarten für ihr Reisetagebuch zu suchen: „Früher habe ich oft Postkarten bei Sehenswürdigkeiten gekauft und dann nicht gewusst, wie man sie ehrt. Das hat sich bei mir nun geändert. Oftmals reichen mir die Postkarten aber nicht aus.“ So sucht die Schülerin in jedem neuen Ferienort erst einmal die Touristeninformation auf, deckt sich mit Prospekten ein und schneidet die passenden Bilder oder Textabschnitte aus. „So spare ich es mir, die Erklärungen zu Sehenswürdigkeiten selbst zu formulieren, bin mit den Texten und Bildern schneller fertig und freue mich dann aufs Zeichnen und Einkleben“, erzählt Anna, die sehr viel Wert auf die Gestaltung ihrer Tagebuchseiten legt, auf das Verhältnis von Fotos, Texten und sonstigem „Einklebbaren“. Ärgerlich sei es, wenn der freie Platz für Fotos vergessen wird, die erst später hinzugefügt werden können. Dann rät sie, einfach zwei Fotos zusammenzukleben und mit Tesa als weitere Seite beim passenden Tag zu fixieren.  

Reisetagebücher helfen, das Erlebte zu reflektieren

Für Reisende, die lieber in ein vorgegebenes Layout schreiben, gibt es im Buchhandel inzwischen auf verschiedene Länder zugeschnittene Reisetagebücher. Mit Zitaten, Adressregistern für neue Freunde oder kleinen Tagesaufgaben („Steh früh auf und bewundere den Sonnenaufgang“) geben sie einen Rahmen vor, der aber auch noch genug Platz zum Selbstgestalten lässt. Auch elektronische Reisetagebücher sind für Computer und Smartphone  erhältlich. Nachteil: Der Reisende braucht Strom, beispielweise muss das Gerät immer wieder aufgeladen werden. Vorteil: Die Lesbarkeit der Handschrift ist egal. Wer sein elektronisches Tagebuch jedoch nicht ausdruckt, wird auch nie ein so besonderes, selbstgestaltetes Buch voller Erinnerungen in den Händen halten können.  

Für Gudrun Lincke sind Reisetagebücher auf Papier die schönsten Mitbringsel einer Reise. Die Gestalttherapeutin sieht auch noch einen weiteren Vorteil darin, jeden Tag im Urlaub einen Eintrag zu formulieren: „Dann kann man innerlich zur Ruhe kommen und hat auch auf turbulenten Reisen mal Zeit, den Blick nach innen zu wenden und alles zu reflektieren. Besonders bei Gruppenurlauben mit hohem Reisetempo ist das oftmals eine Wohltat.“ 

Als sie selbst am 13. Oktober 1963 von Bord des Kreuzfahrtschiffes MS Philippos in Venedig ging, verzeichnete sie als 25-Jährige fast wehmütig das Ende der gemeinsamen Reise und kann sich noch heute an ihrem Eintrag erfreuen: „Letzter gemeinsamer Nachmittag. Wir bummeln durch die herbstlich ruhigen Gassen. Das Licht ruht in schwacher, zartwarmer Farbe auf den Gemäuern. Standkonzerte auf dem Markusplatz, herumschlendernde Menschen, spielende Kinder – wo ist hier der Alltag? Wahrscheinlich habe ich für den Alltag das rechte Auge verloren. Wie voller schöner Dinge kann so ein kurzer Zeitraum sein?“    

Autorin: Karin Schott
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 7/2017 


Eingestellt: 3.07.17

Kommentare