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Titelbild 7/2017

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Ellen-Ammann-Preis 2017: Ausgezeichnet!

Der Ellen-Ammann-Preis wird vom Frauenbund in Bayern alle zwei Jahre vergeben. Die erste Preisträgerin erhält eine Kamee mit dem Bildnis von Frauenbundsgründerin Ellen Ammann. Foto: Bardehle

Fünf Frauen erhalten am 14. Juli den Ellen-Ammann-Preis des Frauenbundes. Alle fünf haben außergewöhnliche Projekte auf die Beine gestellt – und damit den Lebensweg anderer wesentlich erleichtert. 

Kunst überwindet jede Mauer: Kunsterzieherin Kerstin Weger setzt sich für inhaftierte Mädchen  und Frauen ein.

Ein Kellerraum – eng, muffig und mit Neonlicht beleuchtet – ist der bevorzugte Ort vieler inhaftierter Mädchen und Frauen in der Justizvollzugsanstalt Aichach. Denn hier, im Kunstraum, können sie für kurze Zeit den Gefängnisalltag vergessen. Bei lockerer Stimmung wird gemalt, gezeichnet, geklebt und geformt. „Hier werden die Mädchen und Frauen so angenommen, wie sie sind. Das gibt ihnen Würde und Wertschätzung. Sie können neue Seiten an sich entdecken und sind oft selbst erstaunt, welche Talente in ihnen schlummern. Auch die Besucher unserer Ausstellungen außerhalb der Gefängnismauern sind vom Niveau und Tiefgang der Kunstwerke begeistert“, freut sich ihre Kunsterzieherin Kerstin Weger. 

Kunst, die neue Seiten entdecken lässt

Wöchentlich bietet die 49-jährige Lehrerin im Frauengefängnis fünf Kunstgruppen, Workshops, eine Schreibwerkstatt und eine Musikgruppe an, unterstützt von Kunsttherapeutinnen und KünstlerInnen. Kunst, die hinter Mauern entsteht und in der Außenwelt gezeigt wird. Kunst, die inhaftierten Mädchen und Frauen zwischen 14 und 70 Jahren Hoffnung und Kraft gibt: Für dieses künstlerische Engagement, das Grenzen überwindet, erhält Kerstin Weger den Ellen-Ammann-Preis des KDFB. Diese Anerkennung bedeutet der verheirateten Mutter von zwei Töchtern sehr viel: „Es berührt mich, dass diese wichtige Arbeit gewürdigt wird. Indem wir die Kunstwerke der Öffentlichkeit zeigen, können wir auch helfen, Vorurteile gegenüber den inhaftierten Frauen abzubauen.“ Seit 2007 ist die gelernte Schnittdirektrice Fachlehrerin für Kunst und Hauswirtschaft in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Aichach. 2012 wurde für Kerstin Weger zu einem besonderen Jahr in der JVA: Das Frauengefängnis erhielt das Angebot, die Fenster des jährlichen Adventskalenders am Aichacher Rathaus zu gestalten. „Ein Riesenerfolg! Die Resonanz der Bevölkerung war enorm und es gab Anfragen für Spenden und Kooperationsangebote. Gleichzeitig wurde die Nachfrage nach Kunstkursen durch die inhaftierten Frauen immer größer“, erinnert sich Kerstin Weger, die daraufhin den Verein „frauenHAFT“ zur Förderung kultureller, freizeitgestaltender und therapeutischer Angebote in Haft mitbegründete. Wer sich für die Kunst aus dem Frauengefängnis interessiert, kann die aktuelle Ausstellung der JVA-Kunstgruppen im Aichacher Amtsgericht zu den Öffnungszeiten besuchen.

Fremde Kultur erklären: Die Dolmetscherin Fadumo Korn aus Somalia zeigt unbegleiteten Flüchtlingsmädchen, wie das Leben in Deutschland funktioniert. 

„Wie rennt Ihr denn rum! Ihr habt euch nicht verhüllt und tragt sogar Jeans! Ihr seid schlechte Mädchen!“ So versuchte vor Kurzem ein selbsternannter muslimischer Religionswächter auf dem Münchner Stachus einige Mitglieder der Nala-Mädchengruppe zurechtzuweisen. Doch er hatte nicht damit gerechnet, wie viel die Mädchen, die als unbegleitete Flüchtlinge in Deutschland leben, in den Gruppenstunden bereits über ihre Rechte gelernt hatten. Er verschwand sehr schnell, als sie ihm sehr laut und deutlich erklärten: „Wenn du uns noch einmal so ansprichst, holen wir die Polizei.“ Die Somalierin Fadumo Korn freut sich über solche Erfolge. Sie zeigen ihr, dass ihr Einsatz als Kulturmittlerin Früchte trägt. In der Münchner Mädchengruppe des von ihr gegründeten Vereins „Nala – Bildung statt Beschneidung“ (www.fa-dumo-korn.de) kommen zwei- bis dreimal im Monat minderjährige, unbegleitete Flüchtlingsmädchen aus Afrika, Asien und Arabien zusammen. 

Viele Fragen zur neuen Kultur

„Die Gruppe ist aus der Not geboren“, erläutert Korn, die die meisten Mädchen bei ihrer Arbeit als Dolmetscherin kennenlernte. Schnell wurde ihr klar, dass die Kinder zwar gut untergebracht sind, aber mit vielen Fragen alleine dastehen in der ihnen völlig fremden Kultur. Die 53-Jährige kam selbst mit 15 Jahren nach Deutschland und weiß, dass ganz viel erklärt werden muss. Das fängt damit an, wie und wo man günstig einkauft, wie man nach dem Weg fragt oder wie man sich schminkt. Und es reicht bis zu Themen wie Demokratie, Mädchen- und Frauenrechte oder der Rückoperation einer Genitalverstümmelung. „Fast in jeder Stunde sprechen wir auch über die genitale Verstümmelung“, so Korn. Die Mädchen aus Afrika sind alle beschnitten, und sie leiden an den Folgen. Was Beschneidung bedeutet, hat sie selbst erfahren und engagiert sich seit Jahrzehnten in Vereinen und mit Büchern für die Abschaffung des blutigen Brauches. KDFB Engagiert berichtete 2001 über ihr Schicksal. So wichtig manche Themen sind, mit den Gruppenstunden will Fadumo Korn die Mädchen auch von ihren Sorgen losreißen. Besonders gut gelang das einmal, als eine Schauspielerin den Mädchen zeigte, wie man jodelt, was sie unter viel Gelächter gleich ausprobierten.                     

Mittendrin statt außen vor: Die gelernte Bankkauffrau Gabriele Wachter schafft Arbeitsplätze für Jugendliche mit Behinderung. 

Bestellungen aufnehmen, in der Küche mithelfen, bedienen und – wer es sich zutraut – auch kassieren: Mittendrin statt außen vor sind die Jungendlichen und jungen Erwachsenen, die in einem der drei Cafés des Vereins „MitArbeiten Landshut“ (www.mitarbeiten-landshut.de) eine Stelle gefunden haben. Ein Team von Ehrenamtlichen und fest angestellten AnleiterInnen unterstützt sie dabei, selbstbewusst am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben und für ihren eigenen Lebensunterhalt zu sorgen. „Wer in eines unserer Cafés in der Landshuter Innenstadt kommt, ahnt meist nicht, dass er in einem integrativen Betrieb gelandet ist, sondern schneit zufällig herein. Wenn er es dann in der Speisekarte liest, sind Berührungsängste häufig schon kein Thema mehr, weil man schon nett miteinander gesprochen hat und einen sehr professionellen Eindruck von unserer Arbeit hat“, ist die Erfahrung von Gabriele Wachter. 

Den eigenen Platz finden 

Als für ihre Tochter Christina die Schulzeit zu Ende ging, zerbrach sie sich den Kopf, wie es weitergehen könnte. Die junge Frau, die wegen ihrer Lernbehinderung ein Förderzentrum besucht hatte, wäre in einer beschützenden Werkstätte nicht am richtigen Platz gewesen. Und auf dem ersten Arbeitsmarkt gab es einfach keine Stelle für sie. Also beschloss Gabriele Wachter gemeinsam mit zwei anderen Müttern selbst Arbeitsplätze zu schaffen. „Ich hatte als langjährige Vorsitzende im Elternbeirat des Förderzentrums schnell gemerkt, wie die Mütter unter der Ausgrenzung ihrer Kinder litten. Ich habe versucht, durch gemeinsame Aktionen wie Basare und Gruppentreffen Berührungsängste abzubauen und zu zeigen, wie handwerklich fit die Kinder sind“, sagt Gabriele Wachter, die für die Arbeit im Verein ihre berufliche Tätigkeit aufgab. Die neun jungen Erwachsenen und die beiden langzeitarbeitslosen Frauen , die in den Cafés Arbeit gefunden haben, sind so selbstständig wie möglich tätig, bekommen aber die Unterstützung, die sie brauchen. „Besonders stolz sind wir darauf, dass wir schon drei Mädchen in den ersten Arbeitsmarkt vermitteln konnten“, sagt Gabriele Wachter. Fast täglich ist sie in den Cafés zur Stelle und hilft mit, wo es gerade nötig ist. „Ich bin mir sicher, dass das meine Lebensaufgabe ist, diesen jungen Menschen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.“ Claudia Klement-Rückel

Das Leben in die Hand nehmen

Vor zehn Jahren gründete die damals siebzigjährige Kunsttherapeutin Barbara Osterwald die Barbos-Stiftung. Seitdem haben 200 Kinder Unterstützung bekommen.

Er sieht unscheinbar aus, kann für Kinder in diesem Moment aber die Welt bedeuten: Ein Holzkasten, mit noch unberührter, kühler Tonerde gefüllt. Bereit, geformt zu werden nach den Bedürfnissen des Kindes, das davor sitzt. Arbeit am Tonfeld ist eine Richtung in der Kunsttherapie, die Barbara Osterwald in ihrer Berufstätigkeit als Therapeutin schätzen gelernt hat. „Durch die Berührung wird das Kind und seine Vitalität unmittelbar angesprochen. Es erlebt, dass es etwas kann. Die Methode stärkt immer die Kompetenzen.“ Die Münchnerin, die lange Sprachen an einem Gymnasium unterrichtete, machte sich nach einer weiteren Ausbildung als Kunsttherapeutin selbstständig. Eine eigene Praxis hat die 79-Jährige immer noch. 

Das Lebenswerk weiterführen 

Die rührige Frau war siebzig, als sie beschloss, dass sie mit dem Geld, das sie sich im Laufe ihres Lebens aus ihrer Berufstätigkeit angespart hatte, eine Stiftung gründen wollte. „Ich sehe das als Möglichkeit, meine Lebenslinie und meine Werte weiterzuführen.“ Die Barbos-Stiftung geht direkt an Schulen und Kindergärten im Großraum München, von denen sie um Hilfe gebeten wird. Kinder, die in ihrem sozialen Verhalten auffällig werden und deren Eltern sich diese Art von Förderung nicht leisten können, bekommen die Möglichkeit zu 30 Stunden Kunsttherapie am Tonfeld. „Wir reißen die Kinder nicht aus ihrer Umgebung, sondern gehen direkt zu ihnen in die Einrichtungen. Mädchen profitierten besonders von der Möglichkeit, nach den eigenen Bedürfnissen zu gestalten. Sie haben durch ihre Erziehung oft viel weniger die Erlaubnis, ihre Vitalität und Aggressivität zu zeigen. Um ihr Leben zu gestalten, müssen sie aber die Möglichkeit haben, selbst einzugreifen“, ist ihre Erfahrung. Seit 2015 hat die Barbos-Stiftung ihr Engagement ausgeweitet. Sie ermöglicht jetzt zusätzlich den Kindern in einer Münchner Flüchtlingsunterkunft, das, was, sie erlebt haben, durch Malen, Basteln, Formen und Gestalten auszudrücken. Zwei wertvolle Stunden, die allen Kindern der Einrichtung einmal in der Woche zugute kommen. Die Kunsttherapie hat ihr Zuhause in einem Bauwagen auf dem Gelände gefunden. Durch das Engagement einer einzelnen Frau werden so die Lebenswege von vielen Kindern positiv beeinflusst.

Ein Haus für geschlagene Frauen: Das Passauer Frauenhaus war marode und viel zu klein. Hildegard Stolper, Jahrgang 1944, hat für ein neues Haus unermüdlich Spenden gesammelt. Im August wird umgezogen.

„Die meisten Frauen, die zu uns kommen, wurden geschlagen. Sie sind traumatisiert, ebenso wie ihre Kinder“, schildert Hildegard Stolper die Situation der Betroffenen, für die sie sich seit 17 Jahren einsetzt. Seit zwölf Jahren ist sie Vorsitzende des Vereins, der mit dem Passauer Frauenhaus eine Zuflucht für Frauen bietet. Hildegard Stolpers langjähriges Engagement hat einen tiefen Grund. In ihrem nahen Umfeld hat sie erlebt, wie gründlich eine Ehe scheitern kann. Damals gab sie sich das Versprechen: „Wenn ich es beruflich und zeitlich schaffen kann, dann helfe ich anderen Frauen.“ Im Jahr 2000 war es so weit. Seitdem engagiert sich Hildegard Stolper im Frauenhaus, das bisher ein altes gemietetes Reihenhaus mit Platz für fünf Frauen, ihre Kinder sowie zwei Notplätze bot. Allerdings gab es nur eine Nasszelle, was jeden Morgen zu Chaos führte. „Da habe ich mich entschlossen, ein neues Frauenhaus zu bauen“, sagt Hildegard Stolper. Schnell fand sie heraus, dass sie von staatlicher Seite kein Geld bekommen würde. „Das Schwierigste war aber, den Bauplatz zu finden“, erläutert sie. 

Helfen trotz vieler Widerstände 

Nach dreijähriger vergeblicher Suche stieß sie auf ein brachliegendes Stück Land. Das Grundstück hatte die Diözese Passau mit der Auflage geerbt, es für einen sozialen Zweck einzusetzen. Sie konnte die zuständigen Stellen von ihrem Vorhaben überzeugen, und der Verein erhielt den Grund auf Basis des Erbbaurechts. Zusätzlich erließ der neue Passauer Bischof Oster den Erbbauzins und spendete 250 000 Euro in den Topf für die Kosten des Neubaus. Letztlich gefüllt haben diesen Topf Hildegard Stolper und ihre ehrenamtlichen MitarbeiterInnen mit einer unendlich langen Reihe von Spendenaktionen. Darunter Bilderversteigerungen, Flohmärkte, Tortenverkäufe, Benefizkonzerte, das Betreiben eines Karussells auf dem Christkindlmarkt, ein Auftritt in der Benefizgala „Sternstunden“ und zahllose Vorträge. „Ich halte Vorträge beim Frauenbund und vielen anderen Vereinen in ganz Niederbayern“, erläutert sie. „Manchmal bin ich viermal in der Woche unterwegs, doch so bekommen wir Spenden und es wird bekannt, wozu ein Frauenhaus dient.“ Das neue Passauer Frauenhaus hat zehn Plätze, zwei Notplätze und genügend Waschräume.                                                                

Autorinnen: Karin Schott, Claudia Klement-Rückel, Anne Granda
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 7/2017


Eingestellt: 3.07.17

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