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Titelbild 5/2017

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Grüne Kraftquellen

 

Wasser, Bäume, Steine – spirituelle Orte im eigenen Garten regen zur Meditation an.

 

Sanft wiegen sich die Gräser im Frühsommerwind, auf einem Blatt des Zwetschgenbaums wärmt sich eine Biene für ihren langen Arbeitstag. Über Nacht hat sich eine Blüte am Rosenstrauch geöffnet. Claudia Nietsch-Ochs liebt den Morgen im Garten: „Alles ist frisch. Wenn ich zwischen allem, was blüht und grünt, umherstreife, geht es mir gut. Das Staunen ist oft der Schlüssel für einen geistlichen Zugang zu diesem kleinen Ausschnitt der Schöpfung“, erklärt die katholische Theologin aus Merching bei Augsburg. Zum Staunen müsse man eine Neigung haben, ist die Sechzigjährige überzeugt, aber man könne es lernen: „Jeder hat einen anderen Zugang zum Staunen. Das Achtsamsein wie auch die Dankbarkeit gehören dazu. Mich persönlich begleitet das Staunen durch das Gartenjahr.“

Die Jahreszeiten bewusst wahrnehmen

Claudia Nietsch-Ochs war früher als Geistliche Beirätin des KDFB-Bundesverbandes aktiv und arbeitet heute als Referentin des Exerzitienhauses der Diözese Augsburg. Ihr ist es wichtig, die Jahreszeiten bewusst wahrzunehmen: „Selbst wenn im Herbst der Abschied und das Welken prägend in der Natur sind, tröstet es auch, das Wachsen und Vergehen im Garten wahrzunehmen. Wenn die reifen Früchte zu Boden fallen, schließt sich ein Gartenjahr und zeigt mir: Das ist der Kreislauf der Schöpfung, der sich vollzieht. Dieses Reifen wünschen wir uns im Leben und Glauben auch für uns selbst.“ In ihrem Buch „Wenn ich in meinem Garten bin. Gottesspuren im Grünen“ gibt die Frauenbundfrau meditative Impulse. Sie regt an, im Freien zur Ruhe zu kommen und den eigenen inneren Garten zu erkunden. Damit das gelingen kann, müsse man sich Pausen gönnen oder einmal einen ganzen Tag reservieren: „An einem Tag im Garten bin ich eher meine eigene Herrin als in der Berufs- und Familienarbeit. Da kann ich deutlicher meinen eigenen Rhythmus erkennen und leben – und zur Ruhe kommen. Der Garten ist für mich ein guter Ort, um geistlich aufzutanken. Das geschieht beim Stillwerden und Schauen, aber genauso auch bei der Gartenarbeit, bei der ich mich als Mitschöpferin und Hüterin des Grünen erfahren darf“, erklärt sie.

Im Garten zur Ruhe kommen

Um eine echte Pause in der alltäglichen Betriebsamkeit einzulegen, brauche es Zeit und Übung, meint Nietsch-Ochs. „Aber auch Anfängerinnen gelingt es, zur inneren Ruhe zu finden, wenn sie sich im Freien an den spirituellen Ort ihrer Wahl setzen oder legen und im Atmen, Denken und Fühlen wahrnehmen, wie sie jetzt gerade da sind. Mit jedem Ein- und Ausatmen kann es gelingen, stiller und hörender zu werden. Umgeben vom Grünen und Blühen kann ich mich vom Schöpfer einladen lassen, innezuhalten.“

Frauen, die keinen Garten zur Verfügung haben, rät die Theologin, auf kleinem Raum „Grün zu schaffen“: „Holen Sie sich etwas auf den Balkon oder ins Zimmer, das schöne Erinnerungen weckt – oder suchen Sie sich im Park oder im Wald einen Lieblingsplatz oder ,Ihren‘ Baum.“ Sie selbst hat sich eine Bank blau angemalt und auf dem Balkon zwischen Granatapfelbüschen aufgestellt. „Es tut mit gut, hier zu sitzen und eine mediterrane Atmosphäre zu genießen“, erzählt sie.           

Karin Schott

 

Meditation zum Samenkorn

Samenkorn Freude,

heute will ich dich ausstreuen

in die Erde der Traurigkeit,

in das Beet der Eintönigkeit.

 

Samenkorn Hoffnung,

heute will ich dich säen

in die Furche der Verzweiflung,

in die schmalen Pflasterritzen des Aufgebens.

 

Samenkorn Frieden,

heute will ich dich ausstreuen

zwischen den Mauern der Feindschaft,

zwischen das Gestrüpp der Unversöhnlichkeit.

 

Samenkorn Gerechtigkeit,

heute will ich dich säen

in den verdichteten Boden des Profits

in den steinigen Boden der Habgier.

 

Samenkorn des Vertrauens,

heute will ich dich ausstreuen

in die schmalen Beete des Misstrauens,

an die Wegränder aufeinander zu.

 

Schöpfer Gott, Liebhaberin des Lebens,

bereite du den Boden,

lass keimen die Saaten,

lass wachsen

Freude,

Hoffnung,

Frieden,

Gerechtigkeit,

Vertrauen

unter uns.

 

Claudia Nietsch-Ochs

Aus: Claudia Nietsch-Ochs: Wenn ich in meinem Garten bin. Gottesspuren im Grünen (Topos TB, Band 717) © Matthias Grünewald Verlag der Schwabenverlag AG, Ostfildern 2010, 8.95 Euro.


Eingestellt: 1.06.17

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